Vikings 2x06

Der Seher (John Kavanagh) spielt in der neuen Vikings-Episode Unforgiven eine zentrale Rolle - als Überbringer guter und schlechter Nachrichten. Nach der Rückkehr von Jarl Borg (Thorbjorn Harr) nach Kattegat erscheint er ihm eines Nachts und liefert ihm eine Prophezeiung, die wenige Szenen später Wirklichkeit werden soll. Er berichtet dem allzu gutgläubigen und machthungrigen Schweden von seinem drohenden Schicksal, dem sogenannten „Blutadler“.
I told you: I always look for revenge
Diese auch „Blutaar“ genannte Praxis der Wikinger war eine Form der Hinrichtung, bei der dem lebenden Opfer der Rücken aufgeschnitten wurde. Danach wurden die Rippen von der Wirbelsäule getrennt und zur Seite geklappt. Ragnar (Travis Fimmel) selbst macht dem bemitleidenswerten Borg vor, wie er nach Vollendung dieses Rituals aussehen werde: wie ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Diese Vorführung setzt den grausamen Schlusspunkt unter eine Episode, die vor allem von taktischem Geplänkel und Hinterzimmermauscheleien geprägt ist.
Dabei wird deutlich, dass wir Zuschauer selten wissen, welche Pläne Ragnar wirklich verfolgt. Seine Mimik ist stets schwer zu lesen, es gibt nur wenige Hinweise darauf, ob er diversen Akteuren vertraut. Seine Allianzen sind selten von langer Dauer, seine Partner können sich nie sicher sein, ob sie nicht doch bald in seine Ungnade fallen. Diese Unberechenbarkeit ist Ragnars größte Stärke - natürlich neben seiner Kampfkunst, die seine Machtbasis ein ums andere Mal auf beeindruckende Weise zementiert.
Jarl Borg ist also das jüngste Opfer von Ragnars unbarmherzigem Machtkalkül. Das nächste könnte indes König Horik (Donal Logue) sein. Dessen Vorschlag, mit Jarl Borg Frieden zu schließen, um sich seiner Schiffe bedienen zu können, lässt Ragnar auf Ratschlag seiner standesbewussten Ehefrau Aslaug (Alyssa Sutherland) nur vordergründig zu. Beide wittern sie, dass Horik bald eigene Machtansprüche erheben - und für Ragnar damit zum gefährlichen Gegenspieler avancieren könnte. Ihr Spürsinn täuscht sie nicht, Horik weiß jedoch eventuell selbst noch nicht so genau, welche Ambitionen er entwickeln wird.

Dafür wird indes die machtbewusste Siggy (Jessalyn Gilsig) sorgen, die zu Beginn den Rat des Sehers aufsucht. Dabei bekommt diese Figur endlich eine tiefere Charakterisierung, die über den reinen Machthunger hinausgeht. Siggy leidet immer noch darunter, dass Ragnar ihren Ehemann, den Stammesführer Earl Haraldson, entmachtet und sie damit zur gewöhnlichen Dorfbewohnerin degradiert hat.
Can you keep a secret?
Vom Seher möchte sie nun wissen, ob sie jemals wieder in eine prominentere Position aufsteigen wird: „Will the Gods ever smile on me again?“ Er antwortet mit gewohnter Unschärfe: „The Gods have always smiled on brave women like the Valkyries, those furies who men fear and desire.“ Anders als Lagertha (Katheryn Winnick) kann sich Siggy jedoch nicht auf ihre eigene physische Kraft verlassen, sondern muss ihren Fähigkeiten als Ratgeberin vertrauen. Weil sie nicht mehr daran glaubt, dass Rollo (Clive Standen) jemals wieder aus dem Schatten seines übermächtigen Bruders wird treten können, wendet sie sich nun König Horik zu.
Für diese neue Allianz ist sie gar gewillt, mit Horiks Sohn zu schlafen, um ihm die Sexualpraktiken einer erfahrenen Frau zuteil werden zu lassen. Später, als Horik enttäuscht über Ragnars vermeintlich enge Beziehung zu Jarl Borg reagiert, klärt sie ihn auf: „I told you: Ragnar is different. Whatever you think he will do, he will always do the opposite.“ Horik kann mit diesem Hinweis jedoch nichts anfangen, ihm fehlen Voraussicht und Weisheit, um Ragnars Aktionen zu interpretieren. Als er Ragnar von seinem Schlafzimmerfenster dabei beobachtet, wie der im Mondlicht einen riesigen Vogel zähmt, kann er auch daraus nicht die richtigen Schlüsse ziehen.
Völlig überrumpelt ist er von Ragnars Racheaktion an Jarl Borg, die brutaler kaum ausfallen könnte. Im Auftrag Ragnars sperren Rollo und Floki (Gustaf Skarsgard) Borgs Krieger in einem Schuppen ein und zünden diesen an. Dann widmen sie sich Borg selbst, der sie mit gezücktem Schwert bereits erwartet. Gegen ihre Übermacht ist er jedoch chancenlos. Schwer gezeichnet wird er zu Ragnars Füßen geworfen und erhält die niederschmetternde Nachricht des bevorstehenden „Blutadlers“.

Diese nahezu gewaltlose Episode widmet sich der komplizierten Allianzenbildung unter den verschiedenen Wikingerstämmen. Manche Erzählstränge sind dabei etwas redundant (abermals muss sich Ragnar mit Borg auseinandersetzen, Lagertha kehrt aus unverständlichen Gründen zu ihrem furchtbaren Ehemann zurück), was jedoch dadurch aufgehoben wird, dass manchen Figuren eine dringend benötigte Charakterzeichnung zugestanden wird.
The game you and I play
Rollos Entwicklung sorgt dabei für die größte Überraschung, hat er sich doch von einem gedankenlosen und machthungrigen Kraftmeier in der ersten Staffel zu einem treu sorgenden und willigen Untergebenen Ragnars entwickelt. Seinem Neffen Björn (Alexander Ludwig) ist er ein guter Onkel, der allzeit intrigierenden Siggy scheint er treu ergeben zu sein. Mit dem Wissen um historische Umstände - die hier schließlich zum Leitmotiv erhoben werden - können wir uns jedoch beruhigt zurücklehnen und uns auf zukünftige Konflikte freuen, die da noch kommen mögen.
Genau diesem historischen Anspruch der Serie ist es denn auch geschuldet, dass Lagertha wohl bald keine große Rolle mehr spielen wird, was angesichts der fantastischen Darbietungen von Katheryn Winnick ein unverzeihlicher Verlust wäre. Ich hoffe, dass Autor Michael Hirst anerkennen wird, dass die Präsenz Winnicks nicht so einfach zu ersetzen ist und er ihr weiterhin eine zentrale Rolle zuschreibt. Ihre Abschlussszene war wieder einmal grandios, vor allem, weil es den Anschein hatte, als wäre Lagertha bereit, zu sterben. Schließlich konnte sie nicht damit rechnen, dass einer der Soldaten ihr beispringen und den eigenen Anführer köpfen würde.
Lagerthas Erzählstrang sowie der um Athelstan (George Blagden) und den an der Kunst interessierten König Egbert (Linus Roache) oder der um Björn und seinen Schwarm werden in Unforgiven isoliert von der Haupthandlung vorgetragen. Momentan ist noch nicht ersichtlich, wie diese Handlungsstränge wieder zusammengeführt werden. Doch genau wie Ragnar schafft es auch die Serie selbst, ihre wahren Absichten oftmals zu verbergen und sie erst später mit einem großen Knall zu enthüllen.
Solche Selbstreferentialität wird auch in einer Unterhaltung zwischen Athelstan und Egbert offenbar. Darin schwärmt der König von den lateinischen Schriften der Römer: „Of all Roman things, these are the most precious: Tales of the Caesars, the fall and ruin of Rome and Britain, tales of Emperors and Empires. It's the stuff of dreams, Athelstan. It's the very fabric of dreams.“ Genau wie alle fiktionalen Serien und Filme. Vikings gehört auch in der zweiten Staffel zu den besseren.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 4. April 2014(Vikings 2x06)
Schauspieler in der Episode Vikings 2x06
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