Vikings 1x09

Alles ist im Fluss, alles bewegt sich, nichts steht jemals still. Kurzum: All Change. Jedoch sind es keine kriegerischen Umwälzungen, keine gewaltreichen Umstürze, die im Staffelfinale der Historienserie Vikings thematisiert werden. Zwar werden diese angedeutet beziehungsweise vorweggenommen. Es sind aber vielmehr die inneren Brüche und neuen Lebenswege der Charaktere, die im Titel der Episode impliziert werden.
Gewaltfrei und trotzdem spannend
Technisch ist das Staffelfinale als eine einzige große Parallelmontage konzipiert. Hiermit gelingt Regisseur Ken Girotti eine visuelle Umsetzung der tiefen Gräben, die sich langsam, aber sicher durch Familie Lothbrok ziehen. Oberhaupt Ragnar (Travis Fimmel) steht dabei im Mittelpunkt sämtlicher Konflikte, die jedoch in der Abschlussepisode überraschend unblutig ausgetragen werden.

Sollte der Gewaltverzicht eine bewusste Entscheidung von Autor Michael Hirst gewesen sein, ginge er damit - ähnlich zur letzten Episode Sacrifice - mal wieder einen ungewöhnlichen Weg. Im Lichte der Tatsache, dass zum Produktionszeitpunkt noch nicht feststand, ob die Serie überhaupt eine zweite Staffel erhält, erscheint die dramaturgische Entscheidung umso wagemutiger.
Wer eine große abschließende Schlacht oder eine halbwegs abgeschlossene Handlung erwartet hat, wird mit tiefen Zerwürfnissen zwischen einzelnen Charakteren und dem Porträt erster rudimentär diplomatischer Verhandlungsrunden überrascht. Autoren und Produzenten gebührt dafür großer Respekt, vor allem im Angesicht der Tatsache, dass der Handlungsfortlauf zum Ende der ersten Staffel nicht spannender hätte inszeniert werden können.
Ragnar und Konsorten befinden sich also auf diplomatischer Mission in Schweden. Dort sollen sie im Auftrag von Ragnars neuem Verbündeten König Horik (Donal Logue) den aufmüpfigen Earl Borg (Thorbjorn Harr) in die Schranken weisen. Hauptsächlicher Streitpunkt ist ein großes, ressourcenreiches Gebiet, das Borg gewaltsam an sich gerissen hat. Beide betrachten es als rechtsmäßig ihres. Ragnar soll also vermitteln. Dabei gibt es jedoch ein geringfügiges Problem: Horik hat Ragnar keinerlei Verhandlungsspielraum, geschweige denn Entscheidungsbefugnis zugeteilt.
Neue Allianzen mit alten Bekannten
So sitzt er am Tisch seines Gastgebers und darf sich als Überbringer schlechter Nachrichten die Tiraden des machtberauschten Borg anhören. Ähnlich geht es später Floki (Gustaf Skarsgard), der nach einem Botengang zu Horik nach Dänemark mit vergleichbar schlechten Nachrichten zurückkehrt. Die neue Verhandlungsrunde scheitert also ebenso schnell wie die letzte, was außer Floki keinen der Beteiligten sonderlich zu stören scheint. Sein Fazit, kurz und knapp: „Good. War.“
Schon zuvor hatte Earl Borg damit begonnen, neue Allianzen für den bevorstehenden Krieg zu schmieden. Während Ragnar und die übrigen Gäste auf eine Sightseeingtour zur angeblichen Weltesche aufbrechen, fordert Borg dessen kleinen Bruder (Clive Standen) als Faustpfand zum Bleiben auf. Er scheint Rollos Unzufriedenheit und Ressentiments gegenüber Ragnar zu spüren. Also sieht er in ihm leichte Beute, um einen schlagkräftigen Verbündeten im Kampf gegen Horik zu gewinnen. Allzu lange zögert Rollo denn auch nicht, bevor er einwilligt: „I will fight with you against my brother.“

An der Esche, die von den Anrainern als Weltenbaum Yggdrasil verklärt wird, macht Ragnar eine Begegnung, die tiefgreifende Folgen für seinen innerfamiliären Frieden haben dürfte, vom Bruderverrat mal ganz abgesehen. In der mysteriösen Aslaug (Alyssa Sutherland) scheint er sofort diejenige zu erkennen, die ihm einen weiteren Sohn schenken kann. Beide lassen sich denn auch kaum Zeit für diverse Kennenlernrituale, sondern kommen recht zügig zum Punkt.
Anschließend behauptet Aslaug, Ragnar habe sie geschwängert, was angesichts der Kürze der Zeit kaum festzustellen sein dürfte. Da sie jedoch von Ragnars Prophezeiung durch den Seher orakelt, glaubt dieser die frohe Botschaft bereitwillig. Hinfällig also sein Schwur an Sohn Björn (Nathan O'Toole), seiner Ehefrau Lagertha (Katheryn Winnick) treu zu bleiben. Der junge Mann staut einiges an Ärger in sich an, was er zu gegebenem Zeitpunkt gegenüber Arne (Tadhg Murphy) gerne verbalisiert: „If Lagertha were here, she'd cut his balls off.“
Die hat unterdessen mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Nicht nur verrät ihr eine innere Stimme von Ragnars Irrungen. Auch der Seher bestätigt, dass die Furcht um ihren Ehemann berechtigt ist, spezifiziert seine Vorhersage jedoch nicht weiter. Recht treffend formuliert sie gegenüber Siggy (Jessalyn Gilsig): „I think he is in danger from himself.“
Allzu viel Bedenkzeit bleibt jedoch auch ihr nicht. Sie muss ihren Heimatort Kattegat im Kampf gegen die ausgebrochene Pest anführen, da diese zahlreiche Opfer fordert. Dazu gehören auch Ragnars Tochter Gyda (Ruby O'Leary) und Siggys Tochter Thyri (Elinor Crawley). Wie beiläufig der ganze Horror dieser furchterregenden Ereignisse dargestellt wird, verdeutlicht umso mehr: Solche plötzlichen Todesfälle gehörten bei den Wikingern zur schnöden Lebensrealität.
Fazit
Es kann kaum Zufall gewesen sein, dass die erste Staffel von Vikings genau neun Episoden umfasst. Die 9 ist eine sagenumwobene und bedeutsame Zahl in der nordischen Mythologie. Schon in der vorletzten Episode wurde dies thematisiert, als herausgearbeitet wurde, dass die Wikinger alle neun Jahre nach Uppsala pilgern.
Auch gibt es in der Wikingermythologie neun Welten, die vom Weltenbaum Yggdrasil zusammengehalten werden. Zu diesen Welten gehören unter anderem Asgard, die Welt der Götter und Midgard, die Welt der Menschen, sowie Hel, die neunte Welt, wohin diejenigen Wikinger kommen, die nicht heroisch in der Schlacht gestorben sind.
Die 9 ist auch Bestandteil eines von Ragnar rezitierten Gedichts, das er im Angesicht des angeblichen Weltenbaums von sich gibt und das zu schön ist, um es hier nicht noch einmal wiederzugeben: „I know that I hung on a windy tree / nine long nights / wounded with a spear, dedicated to Odin / myself to myself / on that tree of which no man knows / from where its roots run.“ Neun Tage und Nächte hat sich Odin als Opfergabe an sich selbst - den Göttervater - an Yggdrasil aufgehängt.
Das Staffelfinale von Vikings ist also abermals vollgepackt mit mythologischen Anspielungen (hier fanden keine Erwähnung: der Fenriswolf und die Schildkämpferin Brünnhilde) und symbolistisch aufgeladenen Szenen: Raben, Obst, der Lebensbaum. Dazwischen werden einige sinnsuchende Wikinger platziert und gleichzeitig ein schonungsloses Porträt damaliger sanitärer Zustände geschaffen.
Unterlegt ist das Ganze von einem teils drückenden, teils treibenden Sounddesign, eingefangen in düsterer, nebelbehangener Optik. Vikings ist ein solch ausgefeiltes Unterhaltungs- und Bildungsprodukt, dass es schwerfällt, zu glauben, dass hier gerade die erste Staffel zu Ende gegangen ist. Ambivalente Figuren, spannender Plot, großartige technische Umsetzung: ein absolutes TV-Highlight 2013.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 29. April 2013(Vikings 1x09)
Schauspieler in der Episode Vikings 1x09
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