Vikings 1x08

Die achte Episode der Historienserie Vikings steht ganz im Zeichen einer schon im Titel erwähnten religiösen Praktik: Sacrifice. Hierbei geht die Serie einen neuen Weg, was für eine erste Staffel recht ungewöhnlich ist. Zumal der ausstrahlende Sender History nicht gerade als erfahrener Produzent von fiktionalen TV-Formaten bezeichnet werden kann. Trotzdem haben sich die Macher in dieser Staffel vieles zugetraut und damit meistens auch richtig gelegen.
Neue Wege zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt
Die vorletzte Episode einer Dramaserie ist in vielen Fällen dafür vorgesehen, staffelübergreifende Handlungsbögen zu Ende zu führen oder eine letzte große Wendung einzubauen. Mit seiner vorletzten Episode geht Vikings jedoch den gänzlich anderen Weg der Entschleunigung. Der Sender versteht sich wohl wirklich als eine Institution mit Bildungsauftrag. Anders ist es kaum zu erklären, dass kurz vor Ende der Staffel noch einmal die nordische Mythologie mit all ihren brutalen religiösen Praktiken in den Mittelpunkt gestellt wird, statt die Handlung weiter voranzutreiben.

Die Wikinger unter Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) machen sich also auf die Pilgerwanderung zum Tempel von Uppsala, wo rituelle Opfergaben stattfinden und - ganz allgemein - den Göttern gehuldigt wird. Diese Veranstaltung findet alle neun Jahre statt, wenngleich sie im Glauben der Wikinger nicht einen solch prominenten Platz einnimmt, als dass es zur absoluten Pflicht eines jeden gehören würde. Ragnar selbst sieht sich jedoch entgegen seiner ursprünglichen Planung dazu gezwungen, die Reise anzutreten, da er nach spiritueller Führung sucht.
Die Tatsache, dass seine Ehefrau Lagertha (Katheryn Winnick) eine Fehlgeburt erlitten hat, macht Ragnar schwer zu schaffen. Er fühlt sich von den Göttern im Stich gelassen. Zuvor hatte ihm der Seher nämlich mitgeteilt, dass ebendiese Götter ihm einen Sohn schenken würden. Die große Dringlichkeit, mit der sich Ragnar einen weiteren Sohn wünscht, irritiert jedoch etwas. Eventuell könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass sein erster Sohn Björn (Nathan O'Toole) gar nicht von ihm stammt. Ein solcher, etwas melodramatischer Erzählstrang würde jedoch so gar nicht zum bisherigen Verlauf von Vikings passen. Hier bleibt der Zuschauer etwas ratlos zurück.
Ratlos könnte er sich auch vorkommen, wenn die grotesken Priester des Tempels von Uppsala die ankommenden Wikinger zum ersten Mal segnen. Dabei werden diese mit Blut bespritzt und dazu aufgefordert, einer Großzahl an Göttern - den sogenannten Asen, Asinnen und Vanen - sowie einigen Riesen, auch Thursen oder Jöten genannt - zu huldigen. Die anschließende Recherche dürfte dem interessierten Zuschauer einiges an Zeit rauben, welche jedoch alles andere als sinnlos eingesetzt wäre. Die Experten unter den Zuschauern dürften jedenfalls ihre helle Freude an der Aufzählung haben: „All hail.“
Why do they give with one hand and take with the other?
Die Huldigung setzt sich an einer massiven hölzernen Statue Thors fort. Die Lothbrok'schen Familienmitglieder richten dabei ihre ganz individuellen Wünsche an diverse Götter. Zwar haben die Gebete Lagerthas und Ragnars die gleiche Zielführung, jedoch nähern sich beide aus unterschiedlichen Richtungen. Lagertha wünscht sich um jeden Preis einen weiteren Sohn, sie ist gar dazu bereit, ihre Sinne dafür zu opfern. Ragnars Wunsch hingegen fällt weit spiritueller aus. Er sucht nach Antworten, will wohl wissen, ob Lagertha noch dazu in der Lage ist, ihm einen weiteren Sohn zu schenken.

Nach Antworten dürfte nach den neuesten Erlebnissen vor allem auch Mönch Athelstan (George Blagden) suchen. Sein Durchhaltevermögen wird während dieser Reise auf eine harte Probe gestellt. Gleichzeitig locken die Verführungen der etwas raubeinigen Vorstellungen der Wikinger, wie eine gute Zeit auszusehen hat. Er begibt sich also auf einen psychoaktiven Drogenrausch und lässt sich in die Welt der allzu menschlichen Fleischeslust einführen. Als seine nächtliche Begegnung zum ersten Mal eine rituelle Waschung an ihm durchführen will, hat er noch keine Ahnung, was ihm am nächsten Tag bevorstehen wird.
Da erfährt er von einem Priester, der ihn auf seine Eignung als menschliche Opfergabe testen soll, dass ihn die Wikinger aus ebendiesem Grund auf die Reise mitgenommen haben. Seine Unfähigkeit, während der Überprüfung seine wahre Glaubenshaltung zu verschleiern, bewahrt ihn jedoch vor dem sicheren Opfertod: „Looks like your God finally came through for you.“ Statt Athelstan meldet sich dann Leif (Diarmaid Murtagh) freiwillig. Bei den Wikingern wurde es als Ehre angesehen, sich auf dem Opfertisch den Göttern hinzugeben. Diese Angelegenheit wird in einer sehenswerten Bildsequenz auch so blutig wie nur möglich inszeniert. Athelstan hält es kaum aus.
Um den weiteren Handlungsverlauf nicht zu sehr zu vernachlässigen, arrangieren die Autoren ein Treffen von König Horak (Donal Logue) mit Ragnar. Die beiden versichern sich ihrer gegenseitigen Hochachtung und gehen dann zum Geschäftlichen über. Ragnar bietet Horak seine Gefolgschaft an. Im Gegenzug wünscht er sich dessen Unterstützung bei der weiteren Entdeckung des Westens. Von Athelstan hat er über die Existenz eines weiteren Gebietes - das heutige Frankreich - erfahren, welches über noch größere Reichtümer verfüge als England. Horak zeigt sich von der Idee begeistert. Endlich hat Ragnar einen Verbündeten im Geiste gefunden.
Fazit
Vikings legt in der neuen Episode eine kleine künstlerische Pause ein. Jedoch ist die Darstellung der nordischen Glaubenswelt und deren brutalen Rituale nicht weniger spannend inszeniert als die realen Schlachten und Machtspiele zuvor. Außerdem kommt es zu mehreren zwischenmenschlichen Konflikten, deren Lösung wiederum vom Glauben der Wikinger an ihre Götter abhängt.
Bei der gelungenen Inszenierung ist vor allem das Sounddesign hervorzuheben. Sämtliche spannenden Szenen sind mit einem eindringlichen, bedrückenden Score unterlegt, was zur - bei Vikings sowieso schon ständig vorhandenen - hohen atmosphärischen Dichte beiträgt. Die Sequenz, in der sich Athelstan im Drogenrausch befindet, ist etwas einfacher eingefangen als die am Ende der Episode Burial of the Dead, in der der mythische Weltuntergang Ragnarök beschrieben wird. Dennoch verfehlt sie nicht ihre Wirkung.
George Blagden liefert als Mönch Athelstan seine bisher überzeugendste darstellerische Leistung ab. Wie er nur anhand seiner Mimik seinen inneren Glaubenskampf ausficht, ist bemerkenswert. Auch Ragnar scheint schwer mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen. Beinahe verzweifelt sucht er bei den Göttern nach Antworten auf das für ihn größtmöglich anzunehmende Unglück - den Verlust seines ungeborenen Sohnes. Die Dynamik zwischen ihm und Lagertha hat sich nun grundlegend geändert. Ob die beiden eine Zukunft haben, scheint allein in Ragnars Händen und in den Händen der Götter zu liegen.
Ragnars Bruder Rollo (Clive Standen) ist ein noch größerer Dickschädel als er: „I am who I am and I won't change.“ Seine neue Partnerin Siggy (Jessalyn Gilsig) bekommt dies als erste zu spüren, schafft es jedoch, darüber hinwegzusehen und sogleich die eigenen Machtansprüche wieder in den Vordergrund zu stellen: „You need me as much as I need you.“
Momentan sieht es wirklich danach aus, als könne Drehbuchautor Michael Hirst mit Vikings machen, was er möchte: Es kommt einfach keine schwache Episode dabei heraus.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 22. April 2013(Vikings 1x08)
Schauspieler in der Episode Vikings 1x08
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