Vikings 1x05
Die fünfte Episode der ersten Staffel der Historienserie Vikings ist vollgepackt mit spannender Thematik und Handlung. Dramaturgie, Arrangement und Kamera sorgen erneut für eine ungewöhnlich hohe Spannungsdichte. Das Erzähltempo bleibt gewohnt hoch, dennoch finden die Autoren mehrere Augenblicke, in denen sie ihren Zuschauern grobe Einzelheiten der nordischen Mythologie näherbringen. Eine gelungenere Kombination aus Unterhaltungs- und Bildungsfernsehen konnte bisher kaum bestaunt werden.
Sometimes your god sounds a lot like ours
Raid beginnt mit dem Porträt des vermeintlich normalen Alltags der Wikingerfamilie Lothbrok. Oberhaupt Ragnar (Travis Fimmel) lässt seinen Sklaven Athelstan (George Blagden) den Großteil des Fischfangs verarbeiten, während er scheinbar gelangweilt auf einem Stück getrockneten Fleisch herumkaut. Der stets wissbegierige ehemalige Mönch stellt jedoch plötzlich unangenehme Fragen nach seinem Status. Er will kein Sklave mehr sein: „I would like to be a free man.“ Als er nach Ragnars nichtssagender Antwort nach dessen Plänen fragt und danach, was die Götter mit ihm vorhätten, nimmt dieser zum ersten Mal eine ablehnende Haltung ein.

So wird es auch später geschehen, wenn Athelstan in Flokis (Gustaf Skarsgard) Haus versucht, sich die nordische Götterwelt erklären zu lassen. Mit fiebrigem Elan erklären ihm sämtliche Anwesenden die Grundstruktur dieser Sagen, inklusive der Schöpfungsgeschichte und ihres Gegenparts, des Weltuntergangs („Ragnarök“). Sie glauben an die Entstehung der Welt aus dem Körper des Urwesens Ymir: Sein Fleisch wurde zur Erde, sein Blut zum Meer, seine Knochen zu Bergen und seine Haare zu Bäumen. Als das Gespräch zur Geschichte des Weltuntergangs abdriftet, wendet sich der zuvor noch willig partizipierende Ragnar genervt ab.
Er scheint einen unterschiedlichen Zugang zu Glauben und Religion zu haben als der neugierige und stets aufgeschlossene Athelstan. Seine Herangehensweise ist weit opportunistischer als die des Mönchs. Er will nur an diejenigen Sagen glauben, die seinen Vorhaben nützlich erscheinen. Der Klosterbruder hingegen saugt Neues ohne jeglichen Missionierungswillen auf. Eher schämt er sich noch für die Entstehungsgeschichte seines eigenen Glaubens und traut sich nicht, den stolzen Wikingern diese näherzubringen.
Zu diesem Zeitpunkt ist der größere Teil der neuen Episode schon abgelaufen. Die Diskussionsrunde hat sich in Flokis Haus nur zusammengefunden, weil Earl Haraldson (Gabriel Byrne) zu Beginn die schläfrigen Alltagsprozeduren rabiat durchbrochen hat. Eine marodierende Truppe seiner Untergebenen wurde angeordnet, Jagd auf Ragnar, seine Familie und seine Unterstützer zu machen und nichts als verbrannte Erde zu hinterlassen. Den zweiten Teil des diabolischen Plans erfüllen sie, beim ersten versagen sie kläglich. Nicht nur schafft es Ragnar, seine komplette Familie inklusive Athelstan in Sicherheit zu bringen, auch er selbst überlebt schwer verletzt.
I accept my fate
Haraldson hat also beschlossen, auf die Erniedrigungen der jüngsten Vergangenheit durch Ragnar mit allergrößter Härte zu reagieren. Hier schaffen die Autoren wieder einmal eine eindringliche Studie der damaligen Herrschaftsverhältnisse. Sind zuvor schon die Themen Religion und Menschenrechte angeschnitten worden, so wird jetzt die Machtfülle eines einzelnen Tyrannen beleuchtet. Kurze Zeit später gerät sogar noch die Genderthematik in den Mittelpunkt der Handlung.

Der Earl hat nämlich neben den Plänen zur Auslöschung seines Dauerrivalen noch andere Eisen im Feuer. Um neue Allianzen mit den Schweden eingehen und sich weitere Ländereien aneignen zu können, hat er ohne Absprache mit seiner Ehefrau Siggy (Jessalyn Gilsig) Entscheidungen getroffen. So soll seine Tochter Thyri (Elinor Crawley) mit dem widerwärtigen und viel zu alten Earl Bjarni (Trevor Cooper) verheiratet werden, was bei den beiden auf wenig Begeisterung stößt.
Sein Anliegen scheint jedoch von einem Funken empathischen Wohlwollens durchzogen zu sein. Zum ersten Mal erfährt der Zuschauer im Zwiegespräch Haraldsons mit Siggy die Geschichte vom Mord an seinen Söhnen: „If you have such knowledge, being married to a rich old man isn't so bad.“ Anscheinend will er also nur das Beste für seine Tochter. Siggy gibt irgendwann klein bei und setzt während der Hochzeit ihr schönstes Lächeln zum bösen Spiel auf.
Dort taucht überraschenderweise Rollo (Clive Standen) als ungebetener Gast auf. Er will den Stammesfürsten davon überzeugen, dass Ragnar tot ist, kann dies jedoch nicht beweisen. Trotzdem fordert er Einlass in den inner circle des Earl. Der wiederum sieht eine günstige Gelegenheit gekommen, missbraucht seine Ehefrau kurzerhand als Köder für Rollo und lässt ihn gefangen nehmen. Als der sich weigert, den Standort Ragnars aufzugeben, foltert er ihn höchstpersönlich und aufs Grausamste.
„Bad news travels fast.“ Dies galt sicherlich schon zu Wikingerzeiten und so dauert es nicht lange, bis Ragnar über den ebenfalls misshandelten Boten Torstein (Jefferson Hall) von der Folter an seinem Bruder erfährt. Sogleich beauftragt er Floki damit, Haraldson zu einem persönlichen Duell mit ihm aufzufordern. Fortan braucht er keine Antwort mehr auf die metaphysische Frage, die er sich kurz zuvor gestellt hatte: „Why did the gods keep me alive?“ Jetzt weiß er es.
Fazit
Wieder einmal gelingt es den Drehbuchautoren von Vikings, eine in sämtlichen Aspekten gelungene Episode zu erzählen. Die Produzenten schaffen es, ohne überbordendes Budget Woche für Woche eine authentische Wikingerwelt auferstehen zu lassen, der es weder an Aktion noch an Reaktion oder an Andacht fehlt.
Technisch ist die Episode Raid erneut einwandfrei umgesetzt. Maske und Arrangement bilden den stimmigen Rahmen für den anfangs actionbepackten, zwischendurch besinnlichen und letztlich dramatisch zugespitzten Handlungsfortlauf. Verfolgungsjagd und Kampfszenen sind routiniert, aber dennoch packend inszeniert.
Nach fünf Episoden der ersten Staffel kristallisiert sich jedoch langsam heraus, worin die größte Stärke von Vikings liegt. Die Serie schafft es von Episode zu Episode, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Als habe sich der Kabelsender History einen selbstauferlegten Bildungsauftrag zugeteilt, packen die Autoren jede einzelne Folge voll mit Hinweisen und Anspielungen auf die Lebensweise der Wikinger, ihren Glauben, ihre Mythen, ihre Sagen.
Auch die Ausstattung zeugt von großer Detailverliebtheit. Werkzeuge, Instrumente, Kleidung und Utensilien sind bezeichnend für den Willen der Produzenten, ein authentisches TV-Produkt abliefern zu wollen. Gleichzeitig darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass die Geschichte weiterhin spannend und mitreißend vorangetrieben wird. Vikings begeistert auf ganzer Linie.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 6. April 2013(Vikings 1x05)
Schauspieler in der Episode Vikings 1x05
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