Vikings 1x04

Nachdem Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) und seine Mannen es in der Episode Dispossessed geschafft haben, den ersten Widerstand einheimischer Soldaten am Strand niederzuschlagen, machen sie sich mithilfe eines Überlebenden auf den Weg zum nächsten Dorf. Ragnars heißblütiger Bruder Rollo (Clive Standen) will keine Sekunde zögern, um das Dorf anzugreifen, auszurauben und zu plündern. Der prädestinierte Anführer jedoch hält ihn zurück und verweist auf den nächsten Tag. Vom Mönch Athelstan (George Blagden), der zu Hause seine Kinder Björn (Nathan O'Toole) und Gyda (Ruby O'Leary) hütet, hat er sich rudimentäre Grundlagen der christlichen Kultur beibringen lassen.
The lack of fear in the face of death
Dazu gehört offenbar, dass sich die gesamte Dorfbevölkerung sonntagmorgens in der Kirche einfindet und am Eingang ihre Waffen ablegt. Also wartet Ragnar am nächsten Morgen auf das Läuten der Kirchenglocken und gibt dann erst den Befehl zum Angriff. Entsprechend widerstandslos gestaltet sich der Überfall auf die weitgehend wehrlose Kirchengemeinschaft. Trotzdem kommt es zum ersten Todesopfer, als der Priester versucht, Floki (Gustaf Skarsgard) daran zu hindern, das Altarkreuz zu entwenden. Letztgenannter darf sich in dieser Episode mal wieder als durchgeknallter Querkopf profilieren, in mehreren Szenen bringt Schauspieler Skarsgard ganz wunderbar sein irres Augenleuchten zur Geltung.

Das nächste Opfer ist in den eigenen Reihen zu beklagen und wird im weiteren Verlauf der Episode noch zu großen Verwerfungen führen. Der watchdog von Earl Haraldson (Gabriel Byrne), Knut (Eric Higgins), wird von Ragnars Ehefrau Lagertha (Katheryn Winnick) dabei erwischt, wie er versucht, eine Frau zu vergewaltigen. Aus der Auseinandersetzung entspinnt sich ein wilder Kampf, an dessen Ende Knut seine üblen Absichten auf Lagertha überträgt. Diese weiß sich jedoch zu helfen und bringt ihn mit einem gezielten Stich ins Herz um.
Die Nachricht erreicht Ragnar in einem Moment des Hochmuts, also lässt er sich nicht weiter davon irritieren. Schließlich ist sein Plan voll aufgegangen und er wird erneut mit reicher Beute und als Held in seine Heimat zurückkehren. Am Strand wartet dann jedoch die nächste Herausforderung, der sich die Wikinger mit jauchzendem Kriegsgebrüll entgegenstürzen. Der zahlenmäßigen Überlegenheit ihrer Gegner, den Soldaten des Königs, begegnen sie mit einer gewieften Verteidigungstaktik (ein Schilderwall), unbarmherziger Furchtlosigkeit und purer physischer Präsenz. So schaffen sie es, die vermeintlich übermächtige Kleinstarmee zu schlagen und nur die berittenen Anführer entkommen zu lassen.
Die berichten ihrem erstaunlich wenig erfreuten König über „Männer, so groß wie Riesen“ und selten gesehener Furchtlosigkeit. Die einzig verwertbare Information hatten sie schon vor Beginn der Schlacht aus den Bewachern des Wikingerschiffs herauspressen können: den Namen „Ragnar“. Die Wikinger indes betrauern kurz ihre Opfer, prophezeien deren Seelen ein besseres Leben in Walhall und entledigen sich kurzerhand ihres Informanten. Danach geht es auf die vermeintlich triumphale Rückkehr zu den Daheimgebliebenen und Geschichtshungrigen.
Where are you lord? And why don't you answer me?
Schon kurz nach der Ankunft schlägt der Tod Knuts sogleich hohe Wellen. Vorerst beglückwünscht Haraldson Ragnar zu seinem erfolgreichen Raubzug. Schnell jedoch schlägt die Stimmung um. Als Ragnar sich selbst beschuldigt, Knut wegen der versuchten Vergewaltigung seiner Ehefrau ermordet zu haben, lässt ihn der Earl sofort abführen. Wie sich beim späteren Thing - einer Art Gerichtsverhandlung unter den freien Männern der Gemeinschaft - herausstellt, war Knut Haraldsons Halbbruder.

Deshalb formuliert er seine Anschuldigungen gegenüber Ragnar besonders drastisch. Als Lagertha ihrem Ehemann zur Hilfe eilen will, wird ihrer - wahren - Geschichte schlicht kein Glauben geschenkt. Außerdem glaubt der Earl, einen besonderen Trumpf gegen Ragnar in der Hinterhand zu haben. Zuvor hatte er im Zwiegespräch mit Rollo versucht, diesen für seine sinistren Machenschaften einzuspannen. Während der Verhandlung lässt ihn Rollo jedoch auflaufen und rettet Ragnar das Leben. Bei einer Verurteilung hätte dem nämlich der sichere Tod gedroht, galt damals bei Mord doch das Gesetz der Blutrache.
Nach überstandenem Prozess feiern sich die erfolgreichen Heimkehrer also erst einmal selbst. In ausgelassener Atmosphäre lassen sie sogar ihre jüngsten Mitglieder am Genuss ihres Alkohols teilhaben. Dann plötzlich kippt die Stimmung, denn einige finstere Charaktere überfallen das Gelage. Den Kriegern gelingt es zwar, den Angriff abzuwehren, jedoch müssen sie ein weiteres Opfer beklagen. Doch sie wissen genau, wer die Attacke initiiert hat und so laden sie die Leichen der Angreifer vor der Türschwelle von des Earls rechter Hand Svein (David Pearse) ab. Der Konflikt erreicht die nächste Eskalationsstufe: Wikingerzeit, blutige Zeit.
Die Hauptprotagonisten des Konflikts, Ragnar und Haraldson, bereiten sich auf ihre eigene Weise auf die kommenden Auseinandersetzungen vor. Der Earl sucht Rat bei einem fürchterlich entstellten Seher, Ragnar zieht sich zum Meditieren und Nachdenken auf einen einsamen Felsen zurück.
Fazit
Die Episode Trial schafft es, schreiend laute mit innig-ruhigen Momenten zu kombinieren. Diese Abwechslung trägt zu einem großartigen Sehvergnügen bei. Die Schlachtszenen sind hervorragend choreografiert und liefern mit den blutverspritzten Kriegern - allen voran Ragnar - einen fast schon ikonografischen Bildersturm. Dass die Wikinger während der Schlacht eine Art Kriegsgedicht aufsagen, sorgt für zusätzliche dramaturgische Dichte.
Das Gegenteil dieser bildgewaltigen Inszenierung stellen später Ragnar, Haraldson und vor allem Athelstan dar. Das Zwiegespräch mit seinem Gott, in dem er zum ersten Mal Ärger darüber empfindet, die Wege des vermeintlichen Gottes nicht verstehen zu können, sorgt für eine weitere glaubwürdige Charakterisierung des Mönchs. Gleichzeitig wird dabei gerade die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt einen Gott gibt (und wenn ja, welchen).
Eine wohltuende, weil nicht zu oft zu bestaunende Wendung wurde damit geschaffen, dass Rollo seinen Bruder vor Gericht eben nicht verrät. So schafft es Autor Michael Hirst, ein weiteres großes Thema in die Serie einzubauen, ohne ihre Dramaturgie komplett davon überschatten zu lassen. Ob Ragnar seinem Bruder fortan wirklich vertrauen kann, ist damit immer noch nicht hinreichend geklärt. Schließlich sind sie bei beinahe jeder kriegstaktischen Überlegung unterschiedlicher Meinung.
In dieser Episode bestechen einmal mehr auch die technischen Details. Eine stimmige Ausleuchtung der Schlacht- und Gerichtsszenen, tolle Kampfeffekte und vor allem der hervorragende Score tragen dazu bei, dass Vikings ein absolutes Fernseherlebnis bleibt, das sich nicht scheut, die großen Fragen zu stellen.
Auch der in vorherigen Reviews angesprochene Rechercheeifer wird einmal mehr geweckt. Dieses Mal tauchte der Rezensent tiefer in die Zeitrechnung der damaligen Zeit ein und informierte sich über die altskandinavischen, gregorianischen und julianischen Kalender. Außerdem vertiefte er sein - zugegebenermaßen nicht vorhandenes - Wissen über Verteidigungs- und Angriffspositionen der Wikinger. Um dem Schwärmen endlich ein Ende zu setzen: Vikings bleibt eine uneingeschränkte Empfehlung.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 25. März 2013(Vikings 1x04)
Schauspieler in der Episode Vikings 1x04
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