Vikings 1x03

Die Episode Dispossessed der Historienserie Vikings füllt eine kleine Lücke, welche die vorherigen beiden Episoden hinterlassen hatten. Mehreren Charakteren wird Raum zur Entfaltung zugestanden. Zu diesem Zweck drosseln die Autoren das Erzähltempo merklich, nur um die Episode mit einer physisch erfahrbaren, spannungsgeladenen Szene enden zu lassen. Gleichzeitig gelingt es, die Neugierde des Publikums für eigene Recherchen in die Geschichte der Wikinger zu steigern. Sollte sich der eine oder andere Zuschauer dazu bemüßigen, wird er oder sie mit der befriedigenden Erkenntnis belohnt, dass die Geschichte der Serie recht präzise auf historisch verbrieften Tatsachen beruht.
In this life and the next
Als Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) und seine Mannen von ihrem Segeltörn zurückkehren, werden sie im Hafen erst einmal überschwänglich begrüßt und frenetisch bejubelt. Die Daheimgebliebenen bewundern den reichhaltigen Gold- und Silberschatz, die versklavten Mönche und - ganz allgemein - den Wagemut der Abenteurer. Schnell jedoch landen sie auf dem harten Boden der Realität. Unmittelbar nach ihrer Ankunft werden sie vom mutmaßlichen Verräter Knut (Eric Higgins) zu ihrem Stammesfürst Earl Haraldson (Gabriel Byrne) beordert.

Der spielt entgegen dem populären Willen seine Allmacht aus, um unter den Seefahrern Ernüchterung und Dissens zu streuen. Sämtliche erplünderten Schätze beansprucht er für sich, jeder Angehörige von Ragnars Crew darf sich lediglich einen Gegenstand - sei dies nun ein Sklave, Gold oder Silber - heraussuchen und behalten. Den Rest greift er für sich ab. Die Begründung: Ragnar und Anhang hätten gegen seinen direkten Befehl gehandelt. Zu allem Überfluss beansprucht Haraldson fortan auch das von Ragnar und Bootsbauer Floki (Gustaf Skarsgard) eigenfinanzierte Segelschiff. Kurz nach dieser tyrannischen Maßnahme scheint dessen Plan aufzugehen. Zwischen den Brüdern Rollo (Clive Standen) kommt es zur ersten handgreiflichen Auseinandersetzung.
Auch beim einfachen Landvolk dürfte sich Haraldson mit seiner nächsten Aktion weiter unbeliebt machen. Nach einer Sage glauben die Nordgermanen nämlich daran, dass man seine materiellen Schätze erst im Jenseits, nach dem Eintritt in Walhall, beanspruchen könne. Zu diesem Zwecke müssten sie zuvor begraben und von einem Toten bewacht werden. Da dem Stammesfürst in diesem Moment anscheinend keine andere Leiche zur Verfügung steht, lässt er von seinem Adjutanten Svein (David Pearse) kurzerhand einen Jungen erdrosseln und zu den Schätzen werfen. Eine mögliche Erklärung für die Grausamkeit und Unbarmherzigkeit liefern die Autoren sogleich in einer kurzen Charakterisierung seiner Ehefrau Siggy (Jessalyn Gilsig), welche die treibende Kraft hinter seinen vulgären Eskapaden zu sein scheint.
Während Haraldson, seine Ehefrau und Helfershelfer also als machtgeile Herrscher und Bücklinge porträtiert werden, erfahren andere Protagonisten ebenfalls eine tiefergehende Charakterisierung. Ragnar wird weiter als wissensdurstiger Abenteurer beschrieben, der stets strategisch denkt und seine Reisen keinesfalls nur aus materiellen Gründen antritt. Er hegt demgegenüber ein genuines Interesse an der Entdeckung neuer Welten.
A warband lives and dies together
Dies wird vor allem in seiner Behandlung des entführten Mönchs Athelstan (George Blagden) deutlich. Schnell bemerkt er dessen Nutzen, der weit über die Haltung als Haussklave hinausgeht. Er will vom Wissen des ehemaligen Klosterbruders profitieren, dessen Sprache erlernen und die Geschichte seiner Heimat erkunden. Dazu sind er und seine Ehefrau Lagertha (Katheryn Winnick) in einer etwas befremdlich anmutenden Szene gar bereit, das Bett mit ihm zu teilen.
In einem ruhigen Moment, bei der Morgenwäsche, bricht es dann über Athelstan herein. Die Erfahrungen der letzten Tage und seines neuen Lebens überwältigen ihn. Als Reaktion darauf nimmt er die Rasur seiner Tonsur mit ungewohnter Härte gegenüber sich selbst vor. Schließlich glaubt er immer noch daran, dass der prophezeite Weltuntergang eingetreten sei. Auch die Diskussion mit Ragnar, eine Art früher Glaubenskonflikt, überzeugt ihn nicht davon, dass seine Tage noch nicht wirklich gezählt sind.

Trotz des Konflikts zwischen den beiden Alphatieren bittet Ragnar bei ihrem nächsten Treffen Earl Haraldson darum, erneut nach Westen, nach England, aufbrechen zu dürfen. Nach kurzer Überzeugungsarbeit - die in Aussicht gestellten großen Reichtümer der nahezu unbeschützten Klöster appellieren erfolgreich an die Gier von Haraldson - wird dem erneut zugestimmt. Jedoch bekommt er mit Knut einen Wachhund zur Seite gestellt, der im Auftrag des Earl herausfinden soll, welche neue Navigationsmethode Ragnar entdeckt hat. An Bord des Schiffs wird der ungebetene Passagier dann auch von Rollo unsanft begrüßt.
Knut ist jedoch nicht der einzige Segelkamerad, der sich etwas überraschend auf große Überfahrt macht. Ungefragt bittet Ragnar auch seine Ehefrau mit auf das Segelschiff. Die Aufsicht über Haus, Hof und Kinder bietet er seinem eigentlichen Leibeigenen Athelstan an, den er aber im gleichen Atemzug aus dieser Rolle befördert. Er weiß: Ein zufriedener Mönch ist um einiges wertvoller als ein versklavter.
Die fröhliche Reisegruppe kommt also in England an der Küste von Northumbrien an. Zum Ende erlebt die Episode ihren spannendsten Moment. Am Strand werden Ragnar und seine Männer nämlich vom örtlichen Sheriff und seinen Soldaten in Empfang genommen. Hinter dem scheinbar großzügigen Angebot des Sheriffs vermuten Ragnars Krieger sogleich einen Hinterhalt. Die Situation ist schon fast bereinigt, da begeht der hitzköpfige Floki eine folgenschwere Unüberlegtheit. Es kommt zum Kampf, den die Wikinger schnell für sich entscheiden. Zurück bleiben blutdurchtränkter Sand und rotgefärbtes Wasser - und ein großartig inszeniertes Bild für die Verabschiedung des Zuschauers.
Fazit
Geschichtsbewusste Zuschauer dürften ihre besondere Freude an der neuen Episode von Vikings haben. Wie sich nach kurzer Recherche herausstellt, ist der erste Angriff der Wikinger auf das Kloster Lindisfarne in Northumbrien historisch so verbrieft. Im Zwiegespräch lernt Ragnar danach noch mehr Details zu den damaligen Herrschaftsverhältnissen in England.
Die Insel war zu dieser Zeit in vier Kleinkönigreiche aufgeteilt. Später, bis zur endgültigen Eroberung durch dänische Wikinger im Jahre 867, splitterten sich diese Herrschaftsbereiche weiter in sieben Königreiche auf - die sogenannte Heptarchie.
Auch die weniger an historischen Details interessierten Zuschauer kommen bei der dritten Episode der ersten Staffel wieder auf ihre Kosten. Dominiert wird die neue Folge zunächst von vertiefter Charakterzeichnung und einem intellektuellen Ausflug in die Welt der Religion. Am Ende produzieren Autoren, Regisseur und Darsteller dann aber einen spannungsgeladenen Moment, der das etwas ruhigere Erzähltempo sofort in Vergessenheit geraten lässt.
Die Produktion kann weiterhin mit authentischer Ausstattung und Maske überzeugen. In Kombination mit der intensiven Darstellung der Schauspieler schaffen beide eine beinahe physisch erfahrbare Bildschirmpräsenz und machen die alltäglichen Qualen des damaligen Lebens spürbar. Einzige Ausnahme davon sind die wenig gelungenen animierten Szenen des Schiffs - beispielsweise aus der Vogelperspektive. Hier fehlte eindeutig die finanzielle Unterfütterung für eine realistischere Umsetzung. Da dies jedoch das alleinige offensichtliche Manko von Vikings darstellt, können sich die Macher weiterhin zu einem gelungenen Serienauftakt gratulieren.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. März 2013(Vikings 1x03)
Schauspieler in der Episode Vikings 1x03
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