Vicious 1x01

In der ersten von sechs Episoden, die die erste Staffel von Vicious umfasst, erhalten die Mitbewohner Freddie Thornhill (Ian McKellen) und Stuart Bixby (Derek Jacobi) eine schlechte Nachricht: Ihr alter Freund Clive ist tot. Und ja, er musste leiden („Apparently they had to cut a foot off. So I assume there was some discomfort.“). Freddie möchte den jüngst Verblichenen lieber so in Erinnerung behalten, wie er ihn beim letzten Mal gesehen hat: „Being fed apple sauce by a Jamaican woman.“
Jugend zu Gast
Im Zuge der Pilotepisode bekommen die beiden schwulen Greise, von deren 48-jähriger Beziehung Stuart seiner Mutter noch immer nicht berichtet hat („I am waiting for the right time“), unerwarteten Besuch von einem attraktiven jungen Mann. Ash (Iwan Rheon; Game of Thrones, Misfits) ist gerade in eine nahegelegene Wohnung eingezogen und zieht sofort das Interesse der beiden Senioren auf sich. Neben den Protagonisten und dem Jüngling wird das Setting - welches bedauerlicherweise in einer hohen Frequenz von Lawinen aus Studiolachern überrollt wird - noch von weiteren in die Jahre gekommenen Gestalten bevölkert.
Violet zu Gast
Frances de la Tour verkörpert als Violet Crosby eine alte Dame mit einer Vorliebe für großzügig aufgetragenen Lippenstift und Ash, den sie mit unangebrachten Aufmerksamkeiten traktiert. Obwohl der Charakter Violet - ebenso wie Freddie und Stuart - durchaus liebenswürdig geraten ist, entbehren ihre Witze auf Dauer echten Charme und beschränken sich oft auf ein Gefecht aus platten Einzeilern. So wird Violet von Ängsten heimgesucht, während Ash gerade im Badezimmer weilt: „What if he comes out and rapes me?“ Freddie entgegnet darauf: „Let's cross that bridge when we come to it, shall we?“ Seine Antwort ist zwar schön intoniert und herrlich trocken geraten, kann den sperrigen Blödsinn dadurch aber leider nicht wettmachen.
Übertrieben komisch
Die Ausgangssituation von zwei in die Jahre gekommenen Homosexuellen, die mit ihren Bekannten gemeinsam die verpassten Gelegenheiten der Vergangenheit beweinen, klingt zwar etwas langatmig, birgt dabei aber durchaus Potential in sich. Insbesondere, wenn man bedenkt, welches beachtliche Schauspielensemble sich für Vicious zusammengefunden hat. Leider spielen die beiden Protagonisten derartig überzogen, dass man durch den Sitcomflair fast erschlagen zu werden glaubt. Der Drehbuchautor Gary Janetti (Will & Grace, Family Guy) bemüht sich in gewissen Pointen zwar um einen Bezug zur Gegenwart („Who do you think you are? The Earl of Grantham?“), doch der räumlich stark begrenzte Rahmen des Multi-Kamera-Formates scheint den Darstellern nicht genug Raum für Genialitäten zu lassen, weswegen der Humor von Vicious selten über - teils nicht mehr zeitgemäße - Albernheiten hinauskommt.

Altbacken
Der altbackene Flair der Serie speist sich auch aus dem schummrigen Licht, in das die Wohnung der beiden Senioren getaucht ist. Ashs Gegenwart bringt eine willkommene Aufhellung des angestaubten Szenarios mit sich. Bedauerlicherweise wird aber zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt, warum sich der Jungspund ausgerechnet in die Gesellschaft von zwei streitsüchtigen Greisen begeben sollte, die zu allem Überfluss auf penetrante Weise herausfinden wollen, ob auch er eine Vorliebe für Männer an den Tag legen könnte.
Echter Charme
Als Studie des gemeinsamen Alterns kann Vicious zwar kaum herhalten, doch spiegelt sich in dem Verhalten der Mitbewohner streckenweise eine erquickliche Lebensnähe wider. So wird schön verdeutlicht, wie respektvolle Kommunikation im Laufe der Jahre durch ein ausgeklügeltes System aus Beleidigungen und Schmähungen ersetzt werden kann. Während diese Entwicklung den Beteiligten vollkommen zu entgehen scheint, ist das kommunikative Minenfeld für fremde Neuzugänge zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Gerade die teils diabolischen Seitenhiebe, aus denen im Laufe der Jahre eine wahre Kür geworden ist, sind reizvoll geraten. Doch 48 gemeinsame Jahre haben auch Vorteile: Obwohl sich Freddie zu einer ausgeprägten Boshaftigkeit in Bezug auf Stuart bekennt („I never know when I am going too far. But I am always so glad when I do.“), vertragen sich die beiden am Ende doch immer wieder. Schade nur, dass einen die Versöhnung fast ebenso wenig berührt, wie ein Großteil der Punchlines...
Fazit
Sowohl die Sirs Ian McKellen und Derek Jacobi als auch ihre Co-Stars - zu denen auch Marcia Warren als fabelhaft vernebelte Bekannte der Protagonisten zählt - haben in ihren Karrieren schon Großes geleistet. Leider werden sie in Vicious viel zu oft jeglicher Leichtigkeit beraubt und zum stumpfen abexerzieren von mehr oder weniger witzigen Gags verdonnert. Zwar bringen die wortgewaltigen Auseinandersetzungen immer wieder auch Gelegenheiten zum Schmunzeln hervor, doch die Affektiertheit der Darsteller macht den Genuss dieser Passagen nicht immer einfach.
Das Format der Sitcom lässt Vicious dank der penetrant-euphorischen Soundkulisse und der staubigen Bühneneinrichtung besonders unzeitgemäß erscheinen, ohne dass dies einen Vorteil bringt. Vielleicht können die Zuschauer, die in ähnlichen Jahrgängen wie die Hauptdarsteller geboren wurden, aus der neuen alten Serie dank ausgeprägterer Gemeinsamkeiten und einer Vorliebe für gedämpftes Licht einen größeren Mehrwert ziehen. Fans von britischem Humor in einem originellen Umfeld werden die Sitcom jedoch wahrscheinlich mit Skepsis betrachten. Auch die Anhänger der Protagonisten Jacobi und McKellen sind mit früheren Werken ihrer Helden wahrscheinlich besser beraten...
Verfasser: Thordes Herbst am Mittwoch, 29. Mai 2013(Vicious 1x01)
Schauspieler in der Episode Vicious 1x01
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