Utopia 2x02

Nach dem herrlichen Retro-Rückblick in der Einstiegsepisode zur zweiten Staffel der britischen Serienperle Utopia, bringt uns die zweite Folge wieder zurück in die Gegenwart. Die Handlung setzt wenige Monate nach dem Cliffhanger des ersten Staffelfinales ein. Besonders im Kontrast zum bräunlichen Sepia-Filter der vorigen 70er-Jahre-Episode, wirkt schon das erste Bild der Folge wie eine visuelle Keule: die Glaspyramide des Networks vor einem von Wolken durchzogenen, hellblauen Himmel mit einem grell-violetten Blumenfeld im Vordergrund. Auch der Rest der Episode lässt optisch kaum zu wünschen übrig. Zurück sind die scharfen Winkel und Symmetrien in wundervoll inszenierten Einstellungen, die selbst das ordinärste Straßenbild zum Kunstwerk werden lassen. Oder die codierten Farbmotive, wie das allgegenwärtige leuchtende Gelb, das stets eine bedrohliche Komponente identifiziert, zu dem sich nun verstärkt ein ebenso leuchtendes Grün gesellt.
Where is Jessica Hyde?
Wir beginnen mit Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy), die seit dem Finale der letzten Staffel vom Network in der gläsernen Pyramide gefangen gehalten wird. Ein neuer Verhörspezialist wird ihr zugeteilt, nachdem seinem Vorgänger der Besuch in ihrer Zelle nicht besonders gut bekommen war. Jessica wirkt gebrochen und bittet um eine Bibel. Im Verlauf der Episode wird versucht, mit psychologischen Tricks in den Kopf der Gefangenen einzudringen, die den Janus-Virus in sich trägt. Das Network weiß nämlich nicht, was für eine Art Modifikation ihr Vater einst vorgenommen hat. Jede Befürchtung, die Frau, die wir als hartgesottene Überlebenskünstlerin aus der ersten Staffel kennen, könnte tatsächlich am Ende sein, wird zum Glück im Finale der Episode über den Haufen geworfen: Jessica hatte einen Plan, und mithilfe der trickreich erlangten Kugelschreiberfeder kann es nicht mehr lange dauern, ehe sie sich aus ihrer Zelle herausmacgyvert hat.
Hello, matey.
Jessicas Bruder Arby (Neil Maskell) hat sich in der Zwischenzeit in ein äußerst bürgerliches Leben zurückgezogen, was zu einer intensiven und nicht zuletzt witzigen Szene führt, als er plötzlich unverhofften Besuch von Lee (Paul Ready) erhält. Dieser macht ihm klar, dass das Network noch nicht fertig mit ihm sei - während Arbys Freundin und deren kleine Tochter anwesend sind. Einen neuen Handlanger findet Milner hingegen in Wilson (Adeel Akhtar), der sich in den Dienst der Sache stellen möchte, jedoch an seinen Kapazitäten zweifelt. Geraldine James in der Rolle der resoluten Milner zu sehen funktioniert nach der Flashback-Folge überraschend gut, näherte sich das Spiel von Rose Leslie doch erstaunlich effektiv an das von James an. „Do you think I wanted to be Mr. Rabbit“, ist ein Satz, über dessen Aufrichtigkeit wir noch lange nachdenken werden. Aber auch am Ende zeigt Milner eine ungewohnt softe Seite, wenn sie Jessica in die Augen sieht und sich fragt, was sie ihr angetan hat - eine Minute nachdem sie den Verhörspezialisten opferte, der nun an einem aus Bibelseiten gefertigtem Strick von dem Käfig hängt.
Während Milner und das Network eine riesige Medienkampagnen in Gang setzen, um der Öffentlichkeit die flächendeckende Verbreitung der Impfung (in welcher der Janus-Virus steckt) gegen die Russische Grippe schmackhaft zu machen, geht Ian (Nathan Stewart-Jarrett) vor Langweile beinahe ein. Er kann das profane Alltagsleben nicht mehr ertragen, nachdem er noch vor wenigen Monaten Teil der spannenden Verschwörungs-Action gewesen ist. Er versteckt Grant (Oliver Woollford), der seit der letzten Staffel ein ganzes Stück gewachsen ist, bei sich zu Hause, da dieser für tot gehalten werden muss, was zu einer humorigen Odd-Couple-WG-Situation führt.
What the fuck are you doing here?
Beide vermissen die untergetauchte Becky (Alexandra Roach), mit der sie schließlich wiedervereint werden, nachdem diese sich wieder von Donaldson bezüglich des lebensverlängernden Thoraxin hat unter Druck setzen lassen. Er benutzt Becky, um an seinen Wissenschaftskonkurrenten Tony heranzukommen, der einen verwirrten, alten Mann (Ian McDiarmid - Imperator Pelpatine aus den „Star Wars“-Prequels) bei sich im Keller hält, der pausenlos Formeln notiert und über dessen Identität wir nun spekulieren können. Becky, Grant und Ian treffen mit den anderen in einem verlassenen Gebäude aufeinander, wo sie von einem Killerkommando überrascht werden, das hinter Donaldson her ist. Unverhofft ist Auftragskiller Arby, der sich seit seiner Transformation Pietre nennt, zur Stelle und kümmert sich eigenhändig um die Angreifer, um sich danach der Gruppe anzuschließen, die wieder einmal auf der Flucht ist.
Fazit
Die erste Folge diente in Form eines stylischen Rückblicks als Erinnerungsauffrischung an die verwobene Hintergrundgeschichte. Die zweite stellt nun die Schachfiguren für die zweite Partie wieder auf das Brett. Da muss es beinahe traurig stimmen, dass schon wieder nur noch vier Episoden der zweiten Staffel von Utopia übrig sind. Neben ein paar starken Charaktermomenten mit Oberschurkin (oder für manche Antiheldin) Milner etabliert diese Folge Jessica Hyde als unbedingtes Bad-Ass und zeigt uns eine ganz neue Seite von Arby/Pietre, dessen Aufgabe seines normalen Lebens einem nur das Herz brechen kann. Nun ist auch endlich klar, dass „Utopia“ wieder komplett auf Kurs ist: Audiovisuell sowie erzählerisch ein Fest für anspruchsvolle Serienjunkies. Langsam sollten auch Mr. Fincher Zweifel kommen, ob er sich mit der Aufgabe, ein US-Remake dieser brillanten Vorlage herzustellen, einen so großen Gefallen tut.
Verfasser: Mario Giglio am Donnerstag, 17. Juli 2014(Utopia 2x02)
Schauspieler in der Episode Utopia 2x02
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