Utopia 1x06

Utopia 1x06

Die herausragende Dramaserie Utopia feiert mit der Finalepisode ihren krönenden Abschluss. Stilistisch und dramaturgisch übertrifft der grandiose Staffelabschluss die vorhergehenden Folgen noch einmal. Das überraschende Ende lässt außerdem auf eine Fortsetzung hoffen.

Setzt man die Puzzleteile richtig zusammen, bekommt man die Zusammensetzung des begehrten Janus-Moleküls in „Utopia“. / (c) Channel 4
Setzt man die Puzzleteile richtig zusammen, bekommt man die Zusammensetzung des begehrten Janus-Moleküls in „Utopia“. / (c) Channel 4

Selten genug kommt es bei der heutigen medial-kulturellen Dauerbeschallung und der Flut an neuen Film- und Serienveröffentlichungen vor, dass man über eine wahre Perle stolpert. Nach Sichtung der abschließenden Episode der ersten Staffel von Utopia gehört die britische Serienneuheit uneingeschränkt in diese Kategorie. Eine solch gelungene Kombination aus Technik, Ausstattung und Dramaturgie kann nur sehr selten bestaunt werden. Danach fällt es einem leicht, zu glauben, dass wir uns momentan in einer goldenen Ära des Fernsehens befinden.

Holy bloody sweaty bollocks

Das Staffelfinale ist vollgepackt von überraschenden Wendungen, spannenden Sequenzen und menschlichen Dramen. Begleitet wird all dies von einer brillanten technischen Umsetzung, die in den Kategorien Sounddesign, Produktionsdesign und Kamera beinahe filmische Maßstäbe erreicht. Die Musik flimmert und treibt, untermalt die Handlung mit einer gewissen Dringlichkeit und wirkt dabei nie pathosbeladen oder aufgesetzt. Die Kamera bleibt stets nah dran an den Protagonisten, sie fängt jegliche Emotionen ein und dokumentiert die Zerrissenheit, den Zusammenhang und die wechselnden Dynamiken innerhalb verschiedener Akteursgruppen.

Gebannt schaut sich die Gruppe im Staffelfinale von %26bdquo;Utopia%26ldquo; des Rätsels vermeintliche Lösung an. © Channel 4
Gebannt schaut sich die Gruppe im Staffelfinale von %26bdquo;Utopia%26ldquo; des Rätsels vermeintliche Lösung an. © Channel 4

Die durchweg großartigen Schauspieler tragen ihren Teil zum Gelingen des Finales bei. Jeder Charakter hat innere und äußere Kämpfe auszufechten, verfolgt eine eigene geheime Agenda. Für die Modellierung der Charaktere orientiert sich das Drehbuch nicht an den größtmöglichen Schauwerten, sondern an der Dienlichkeit für die zu erzählende Geschichte. Und diese wird im Finale so fesselnd, packend, humorvoll und auch noch schlüssig erzählt, dass dem Zuschauer gar nichts anderes übrigbleibt, als sich davon einsaugen zu lassen. Von der grandiosen Auflösung der Geschichte ganz zu schweigen.

In der abschließenden Episode von Utopia ist die Gruppe um Becky (Alexandra Roach), Ian (Nathan Stewart-Jarrett), Wilson (Adeel Akhteer) und Alice (Emilia Jones) weiterhin auf der Suche nach dem mysteriösen Mr. Rabbit. Gleichzeitig versuchen sie, die Pläne des Networks zu vereiteln. Unterstützung bekommen sie wieder von Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy) und von Michael Dugdale (Paul Higgins). Nachdem letzterer herausgefunden hat, dass seine angeblich schwangere Liebhaberin Anya (Anna Madeley) eine Mitarbeiterin des Networks ist, wechselt er sogleich die Seiten.

It's UK security. It practically takes your shoes off and makes you a cup of tea.

Die Motivationen innerhalb der Gruppe für eine Beendigung der düsteren Machenschaften von Corvadt und Konsorten könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Jessica sinnt auf Rache für das, was ihr als Kind von ihrem eigenen Vater Philip Carville und dessen Mitverschwörer, dem späteren Mr. Rabbit, angetan wurde. Becky und Ian wollen erst einmal Grant (Oliver Woollford) aus den Klauen des Networks befreien, um danach die Sterilisierung nahezu der gesamten englischen Bevölkerung zu verhindern. Wilson wiederum kann dem Plan von Corvadt einige positive Aspekte abgewinnen und arbeitet in all seiner Paranoia gegen die eigene Gruppe. Er wird dafür später - möglicherweise - mit seinem Leben bezahlen.

Trotzdem ist er zuvor Jessica bei ihren Recherchen zur Identität von Mr. Rabbit behilflich. Der ist derweil damit beschäftigt, Grant unter Erpressung dazu zu zwingen, eine Zahlenreihe zu komplettieren, die das vermeintlich letzte Puzzlestück auf der Suche nach dem Janus-Protein zu sein scheint. Dieses Protein ist gewissermaßen das Epizentrum aller Motivationen, Sehnsüchte, Begehrlichkeiten. In ihm versteckt sich der Schlüssel zum Überleben der Menschheit. Um nichts weniger geht es in Utopia, von diversen Protagonisten ausgesprochen lässt es den Zuschauer jedoch ein ums andere Mal erschaudern.

An Explosionen mangelt es nicht in der aktuellen Episode von %26bdquo;Utopia%26ldquo;. © Channel 4
An Explosionen mangelt es nicht in der aktuellen Episode von %26bdquo;Utopia%26ldquo;. © Channel 4

Grant gelingt jedenfalls die eigenständige Flucht aus den Fängen des Networks und auch Jessica und Wilson haben offenbar viel zu wenig Mühe, zum vermeintlichen Mr. Rabbit vorzudringen. Die Erklärung hierfür wird am Ende der Episode in einer epischen Szene auf dem Dach der Geheimdienstzentrale geliefert. Die MI5-Agentin Milner ist der wahre Mr. Rabbit, sie hat sämtliche Szenarien nur deshalb inszeniert, um endlich an Jessica Hyde heranzukommen, der Tochter Philip Carvilles. Der geniale Wissenschaftler habe den Schlüssel zur Entzifferung des Janus-Proteins nicht in The Utopia Experiment verborgen, sondern in Jessica: „Daddy loved you so much, he hid the most important thing the world has ever known in you.

Die Inszenierung der letzten Viertelstunde erinnert an epische Filmwendungen wie in „The Usual Suspects“ oder „The Sixth Sense“. Außerdem bereitet sie die Grundlage für die Fortsetzung der Serie in einer neuen Staffel. Auch der stille Abschied Beckys von Ian und Grant verspricht Stoff für weitere Geschichten rund um die willkürlich zusammengewürfelte Gruppe. Die zärtliche Verabschiedung zwischen dem tränenüberfluteten Grant und seiner Alice gehört außerdem zum Rührendsten, was in den letzten Jahren ausgestrahlt wurde.

Fazit

Den Autoren und Produzenten von Utopia ist mit der ersten Staffel ein Meisterwerk gelungen, das spielend leicht Eingang in den weltweiten Serienkanon finden wird. Der durch Serien wie The Sopranos oder Mad Men geprägte Begriff des literarischen Fernsehens findet seine Fortsetzung in dieser außergewöhnlichen britischen Erzählung.

Nicht nur strotzen die Dialoge vor dunklem Witz und schicksalsergebenem Humor, auch ist die Geschichte äußerst schlüssig konzipiert. Jeder einzelne Charakter strahlt eine ganz eigene Faszination aus, da fast jeder eigene Ziele verfolgt. Am Ende realisieren die meisten jedoch, dass sie innerhalb der Gruppe erfolgreicher sind denn als Einzelkämpfer. Hier wird nebenher noch eine positive Nachricht ausgesendet gegen alle neoliberal denkenden, angeblich so freiheitsliebenden Individualfanatiker, die das Bild unserer heutigen modernen Gesellschaften so nachhaltig prägen. Ihnen sei entgegengeworfen: Wenn jeder absolut frei und uneingeschränkt ist in seinem Handeln, ist es im Endeffekt niemand.

Utopia schafft es, den Zuschauer über gesamtgesellschaftliche und politische Zusammenhänge nachdenken zu lassen. Nebenher unterhält die Serie köstlich und ist ein wahrer Augenschmaus. Die grellen Farben, die kurzzeitig aus der Serie verschwunden waren, kehren im Finale mit geballter Wucht zurück. Weiterhin muss die Bildkomposition höchst lobenswerte Erwähnung finden. Manche Einstellungen sehen danach aus, als hätte sich ein Fotograf tage- oder wochenlang den Kopf über deren Inszenierung zerbrochen.

Große Faszination geht bei Utopia also vom Nebeneinander epischer Handlungsstränge, einer dazu passenden Kameraarbeit, humorvollen Dialogzeilen und politisch-gesellschaftlich relevanter Inhalte aus. Die Bewertung der Finalepisode kann deshalb getrost auf die komplette erste Staffel bezogen werden.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 21. Februar 2013
Episode
Staffel 1, Episode 6
(Utopia 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Folge 6
Titel der Episode im Original
Episode 6
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Dienstag, 19. Februar 2013 (Channel 4)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 23. April 2014
Regisseure
Alex Garcia Lopez, Marc Munden, Wayne Yip

Schauspieler in der Episode Utopia 1x06

Darsteller
Rolle
Geraldine James
Alexandra Roach
Fiona O'Shaughnessy
Adeel Akhtar
Paul Higgins
Oliver Woollford

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