Utopia 1x05

Die Menschheit schaufelt sich ihr eigenes Grab. In spĂ€testens 20 Jahren werden Bevölkerungsexplosion, brachliegende landwirtschaftliche NutzflĂ€chen und zur Neige gehende Rohstoffe dafĂŒr gesorgt haben, dass sich die gesamte Menschheit in einem immerwĂ€hrenden Krieg miteinander befindet. An dessen Ende wiederum sind nur Chaos und Zerstörung zu erwarten. Die einzigen, die dieses Szenario erkannt haben, sind die Mitglieder des Network und ihre EmissĂ€re des Pharmakonzerns Corvadt.
The purpose of Janus is to sterilize the entire human race
So jedenfalls beschreibt Corvadt-Chef Letts (Stephen Rea) seinen Geiselnehmern Ian (Nathan Stewart-Jarrett), Wilson (Adeel Akhteer) und Becky (Alexandra Roach) ihre Zukunftsaussichten, sollte der mysteriöse Plan von Mastermind Phillip Carville nicht umgesetzt werden können. Im nĂ€chsten Atemzug erlĂ€utert er dieses Vorhaben. Die ĂŒber den tĂ€glichen Nahrungsgebrauch und ĂŒber ein Impfmittel gegen russische Grippe aufgenommene Protein-AminosĂ€ure-Kombination greife nicht bestimmte Rassen (wie von der Gruppe vermutet), sondern die gesamte Menschheit an. Bis zu 95% der menschlichen Rasse wĂŒrden dadurch sterilisiert. Nur so könne das Problem der Ăbervölkerung der Erde gelöst werden.
Was aus biologischer Hinsicht recht groĂer Humbug ist (beispielsweise mĂŒssten die modifizierten Proteine direkt ins Blut gespritzt werden, um nicht verdaut zu werden), hat dramaturgisch durchaus Sinn. Gleichzeitig schaffen es die Autoren, die Handlung in einen breiten gesellschaftlich-politischen Kontext einzubetten und ein drĂ€ngendes globales Problem anzusprechen. In Utopia spalten sich nach der neuen Erkenntnislage sogleich zwei Lager auf: believers und non-believers.
Becky und Ian gehören (noch) zu letzteren. Sie hat jedoch ein Problem: Um an ihre Medikamente fĂŒr die von ihrem Vater vererbte Nervenkrankheit Diehl's heranzukommen, muss sie sich auf einen Deal mit dem zwielichtigen Wissenschaftler Donaldson (Simon McBurney) einlassen. Obwohl er die wahren PlĂ€ne des dunklen Netzwerks kennt, ist er hinter dem Manuskript her, um es diesem zu verkaufen und sich einen schönen Lebensabend zu machen. Er kennt nĂ€mlich die verzwickte Lage, in die sich die gesamte Menschheit manövriert hat.
Einerseits sei es unmöglich, die derzeitige Rate an Bevölkerungswachstum aufrechtzuerhalten, ohne einen neuen Weltkrieg auszulösen. Andererseits: Sollte das Projekt des Network erfolgreich verlaufen und die Erdbevölkerung innerhalb von 100 Jahren auf 500 Millionen (von heute knapp 7 Milliarden) verringert haben, löse sich der Generationenvertrag auf. Da die meisten Menschen keinen Nachwuchs hĂ€tten, gĂ€be es fĂŒr sie auch keine Motivation, nachhaltig zu agieren. Menschen altern, Menschen sterben und lassen nichts zurĂŒck. Seine Quintessenz: Es könne zukĂŒnftig ausschlieĂlich das Ziel geben, genĂŒgend Geld fĂŒr den Rest des eigenen Lebens beiseitezuschaffen.
I think a child needs love
Die erboste Becky hat dem kaum etwas entgegenzusetzen, lĂ€sst sich jedoch vorerst nicht erpressen. Anders sieht es da schon bei Michael Dugdale (Paul Higgins) aus. Dessen Frau Jen (Ruth Gemmell) sieht in der Offenlegung der AffĂ€re ihres Mannes eine Chance, ihren Kinderwunsch zu erfĂŒllen und obendrein noch mit einem angenehmen jĂ€hrlichen Schweigegeld versorgt zu werden. Sie drĂ€ngt Michael also dazu, das Network weiterhin zu erpressen und der Prostituierten Anya (Anna Madeley) im Tausch fĂŒr ihre Freiheit das Baby abzunehmen.
Dugdale lĂ€sst sich das alles gefallen und geht noch einen Schritt weiter. Er willigt ein, bei der Beschaffung des Utopia-Manuskripts behilflich zu sein. Eine goldene Möglichkeit ergibt sich fĂŒr ihn, als plötzlich Ian mit Grant (Oliver Woollford) und Alice (Emilia Jones) vor seiner TĂŒr steht. Von der gemeinsam mit ihrem Sohn in den Freitod gehenden MI5-Agentin Milner (Geraldine James) hatte Ian die Anweisung bekommen, bei Dugdale um Hilfe zu bitten. Der nutzt jedoch die erste Gelegenheit, um die Polizei zu alarmieren und auf Ian und die Kinder zu hetzen. Entkommen können schlieĂlich nur Ian und Alice.
Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy) und Arby (Neil Maskell) tanzen derweil ihren ganz eigenen Tango. Die Autoren von Utopia treiben die Dekonstruktion Arbys weiter. Fortan wird er eher als komplexbeladenes Riesenbaby denn als gefĂŒhlloser Psychopath portrĂ€tiert, das sich doch eigentlich sein ganzes Leben lang nur nach elterlicher Zuneigung gesehnt hat. Jessica entwickelt jedoch keinerlei MitgefĂŒhl oder gar Mitleid mit ihrem ehemaligen HĂ€scher.
Selbst die Nachricht, sie beide seien Geschwister, rĂŒckt Arby fĂŒr sie in kein neues Licht. Kompromisslos verfolgt sie ihr Ziel, das Manuskript an sich zu reiĂen. Entgegen der Warnungen Arbys, nicht den gleichen Fehler wie er zu begehen und die Wahrheit aus Utopia herauszulesen, nimmt sie es an sich und studiert es im Schein ihrer Taschenlampe.
So werden in der neuen Episode von Utopia die ErzĂ€hlstrĂ€nge um die Gruppe, Dugdale, Donaldson und dem ruchlosen Netzwerk zusammengefĂŒhrt. Ăberraschend bilden sich neue Allianzen, wĂ€hrend die Voraussetzung dafĂŒr geschaffen wird, alte aufzubrechen. Brave Staatsdiener werden zu aktiven Mördern (passive waren sie zuvor schon) und ein Charakter, dessen Namen (âThe Assistantâ: James Fox) bisher recht irrefĂŒhrend genutzt wurde, kristallisiert sich als Mastermind der ganzen schrecklich-schönen Utopie heraus.
Fazit
Wenngleich sich die Drehbuchautoren von Utopia mit der ErklĂ€rung des wahren Vorhabens des Networks etwas weit aus dem Fenster gelehnt haben, so werden innerhalb der Geschichte alle dramaturgischen Elemente recht schlĂŒssig weitererzĂ€hlt. Die (bislang nur ideologische) Aufspaltung der Gruppe birgt enormes Konfliktpotential, genau wie die verĂ€nderte Dynamik an der Spitze von Corvadt/dem Network.
Optisch ist dem Produktionsteam mit der fĂŒnften Episode das bisherige GlanzstĂŒck der ersten Staffel gelungen. Die in beinahe jeder Einstellung absolut herausragende Bildkomposition und das Zusammenspiel zwischen satten Farben, dem Wetter und der Auswahl der Drehorte bilden ein einmaliges visuelles Ensemble. Ein solch kruder Mix aus BedrĂŒckung und Fröhlichkeit stellt sich beim Zuschauer nur in absoluten AusnahmefĂ€llen ein. Utopia ist ein solcher Ausnahmefall und kann deshalb schonungslos als absoluter Dramahöhepunkt des (zugegebenermaĂen noch jungen) Jahres 2013 bezeichnet werden.
Was kommt jetzt also noch? Die Suche nach Mr. Rabbit ist weiterhin ohne Ergebnis geblieben, der wahre Inhalt des Utopia-Manuskripts steht in den Sternen sowie die Zukunft der Protagonisten Jessica, Arby, Grant und des Rests der Gruppe. Sicher scheint derzeit nur eines: Die Wartezeit bis zur nÀchsten Episode kann gar nicht schnell genug umgehen.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 14. Februar 2013(Utopia 1x05)
Schauspieler in der Episode Utopia 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?