Utopia 1x03

Bevor hier die Handlung der neuen Episode von Utopia besprochen wird, sollte ein nicht allzu oft gesehenes technisches Stilmittel Anmerkung finden. Nach dem üblichen cold open (Episode startet ohne Vorspann) folgt der kurze Vorspann und danach erst die Zusammenfassung der letzten Episode. Dadurch gelingt es, das zuvor Gesehene elegant in die neue Handlung einzubauen. Das übliche Previously on wird weder eingeblendet noch ausgesprochen.
Some of us don't get to have childhoods
In der dritten Episode ist der erwähnte Kaltstart besonders gelungen. Zum ersten Mal wird danach auch die Vorspannsequenz (bestehend aus dem Schriftzug „UTOPIA“) nicht mit dem üblichen musikalischen Thema unterlegt. Der Grund dafür ist in der Sequenz davor zu finden. Darin bekommt der debil erscheinende Auftragsmörder Arby (Neil Maskell) von seinem Auftraggeber beim Pharmaunternehmen Corvadt den Befehl, ein Schulmassaker anzurichten und dieses dem flüchtigen Grant (Oliver Woollford) anzuhängen. Nachdem er den Schulleiter (Dan Tetsell) niedergeschossen hat, widmet er sich den restlichen Anwesenden, darunter Frauen und Kinder.
Beim letzten Kind scheint er jedoch Zweifel zu haben. Zum ersten Mal in drei Episoden regt sich etwas in seinem Gesicht. Im Zuschauer keimt leichte Hoffnung, der brutale Killer könnte doch ein menschliches Antlitz besitzen. Im Übergang zur Vorspanneinblendung wird diese jedoch sogleich zerschmettert. Es ertönt der unbarmherzige letzte Schuss. Danach sieht der Zuschauer einen von Selbstzweifeln scheinbar zerfressenen Arby in seinem schäbigen Zimmer sitzen. Später wird er zum ersten Mal bei seinen gnadenlosen Auftraggebern nach seiner eigenen Geschichte fragen. Ihre Antwort wird ihm sicherlich keine ruhigeren Nächte bescheren.
Durch diese erste gelungene Inszenierung schafft Utopia etwas, das diese Dramaserie von einer bisher gelungenen in eine hervorragende verwandeln könnte. Viele andere Autoren und Produzenten würden sich damit zufriedengeben, eine großartig abstruse Mörderfigur geschaffen zu haben und sich auf diesen Lorbeeren ausruhen. Nicht so Dennis Kelly und sein Team von Utopia. Sie füllen die leere Hülle namens Arby mit Leben, geben ihm (im Rahmen des Möglichen) ein menschliches Gesicht und statten ihn mit peinigenden Selbstzweifeln und der Suche nach der eigenen Identität aus. Dass er kurz nach seiner Kontemplationsphase wieder zu seinem beinahe unerträglich brutalen Tagewerk übergeht, macht seine Figur nur umso spannender.
Death is part of it. Get used to it.
Ähnlich konfigurieren die Autoren den Charakter von Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy). Diese wandelt sich langsam von der heroischen Retterin zu einer Art dunklem Racheengel. Der Grant angehängte Mord an den Schülern lässt sie ebenso kalt wie die Tatsache, dass der kleine Rotzlöffel erst elf Lenze zählt. Sie hat sich einzig und allein der Rache für ihren Vater und der Suche nach dem mysteriösen Mr. Rabbit verschrieben. Um endlich an das Manuskript des zweiten Teils von The Utopia Experiment zu gelangen, schreckt sie auch nicht davor zurück, Grant mit hartem Alkohol abzufüllen und nimmt somit den Tod zweier Unschuldiger in Kauf.
Über ihren Vater Philip Carville aka Mark Dane sowie über Mr. Rabbit erfährt der Zuschauer im Laufe der Episode neue Hintergründe. Die MI5-Agentin Milner (Geraldine James) klärt den Rest der flüchtigen Gruppe (Becky (Alexandra Roach), Ian (Nathan Stewart-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)) über deren Vorgeschichte auf. Carville sei ein Rassist gewesen, der für das Überleben des menschlichen Genoms eine Art menschliche Auslese propagiert habe.
Der von ihnen gejagte Mr. Rabbit hat eine ähnlich abschreckende Lebensgeschichte vorzuweisen. Er sei Teil einer kriminellen chinesischen Untergrundorganisation gewesen, habe jedoch ständig versucht, die CIA, die Sowjets und das lokale organisierte Verbrechen gegeneinander auszuspielen. Daraufhin sei er brutal gefoltert worden. Seine Bauchdecke zierten fortan die chinesischen Zeichen für „Rabbit“. Er habe sich aus seiner Folterhaft befreien können und habe daraufhin eine blutige Mordspur mit 265 Toten hinterlassen. Danach habe niemand mehr seine Identität gekannt. Er stehe im Zentrum der Verschwörung. Sollten sie es schaffen, ihn zu finden, hätte ihr Albtraum ein Ende.
Michael Dugdale (Paul Higgins) lebt übrigens auch noch. Er verfolgt die Spur des Wissenschaftlers, dessen Name er vom ermordeten Journalisten William Kaye (Lloyd Hutchinson) erhalten hatte. Dieser gibt ihm den Auftrag, von den Grippetoten auf den Shetlandinseln eine Gewebeprobe zu besorgen, was ihm auch gelingt. Zu Hause angekommen, erwartet ihn jedoch sein direkter Vorgesetzter, der Gesundheitsminister (Alistair Petrie). Der bedroht ihn und seine Frau Jen (in Abwesenheit: Ruth Gemmell) sogleich mit dem Tod, sollte er die Probe nicht herausrücken.
Zum Ende der Episode kommt es dann zur ersten direkten Konfrontation zwischen Arby und Jessica. Die Inszenierung ist an dramaturgischer Dichte kaum zu übertreffen. Wieder blitzt Arbys menschliches Antlitz auf, als er sie fragt, was für ein Mensch ihr Vater Philip Carville (mit dem er eine traumatische Kindheitserinnerung verbindet) war. Als sie ihm keine Antwort geben kann, stellt er seine obligatorische Frage: „Where is Jessica Hyde?“ Die Verwirrung beim Zuschauer könnte in diesem Moment kaum größer sein. Herrlich.
Fazit
In der dritten Episode der ersten Staffel von Utopia beschenken die Autoren ihre Zuschauer mit zusätzlichen Erzählebenen und weiterer Aufklärung dieser stark verschachtelten Dramaserie. Regisseur Marc Munden setzt die Skriptvorlagen denn auch perfekt in stimmige Bilder und spannende Sequenzen um. Die weiterhin eingesetzten poppigen Farben wollen so gar nicht zu der immer düsterer werdenden Geschichte passen. Dieses etwas infantile Element, gepaart mit einem weiterhin unbekannten Oberbösewicht namens Mr. Rabbit, sorgt beim Zuschauer ein ums andere Mal für beklemmende Spannung.
Trotzdem kommen die humoristischen Elemente nicht zu kurz. Der kleine Grant darf ungestört seine schimpfwortdurchseuchten Tiraden abfeuern, während Becky eher für die unfreiwillige Komik zuständig ist. Die Charakterisierung Arbys als von Selbstzweifeln zerfressener psychopathischer Massenmörder birgt zudem einige groteske Momente.
In der aktuellen Episode liegt der Fokus eher auf der charakterlichen Fortentwicklung der Figuren. Trotzdem wird auch die Geschichte vorangetrieben und der body count läuft unaufhörlich weiter. Wann und ob überhaupt der Zuschauer den mysteriösen Mr. Rabbit zu Gesicht bekommen wird, ist zu diesem Zeitpunkt wenig vorhersehbar. Bisher kommt die Geschichte jedenfalls auch bestens mit ihm als Sagenfigur aus. Utopia schafft momentan brillante Fernsehunterhaltung.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 30. Januar 2013(Utopia 1x03)
Schauspieler in der Episode Utopia 1x03
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