UnREAL 2x09

UnREAL 2x09

In der UnREAL-Episode Espionage findet ein über lange Strecken der zweiten Staffel auseinandergerissenes Team wieder zueinander. Was dabei herauskommt, ist kaum auszuhalten. Das Niveau an verabscheuungswürdigen Taten kennt in dieser Serie keine Grenzen.

Quinn (Constance Zimmer, l.) und Rachel (Shiri Appleby) verbünden sich wieder miteinander. / (c) Lifetime
Quinn (Constance Zimmer, l.) und Rachel (Shiri Appleby) verbünden sich wieder miteinander. / (c) Lifetime

Meine Hoffnung war nach den letzten beiden UnREAL-Episoden nicht besonders groß, dass die Serie zum Ende ihrer enttäuschenden zweiten Staffel einen kreativen Umschwung schaffen würde. Die Episode Espionage bestätigt nun, dass es dazu definitiv nicht kommen wird. Sie macht genau mit dem weiter, was dem Format in jüngster Zeit die meiste Kritik eingebracht hat - Dinge passieren nur noch, weil das Autorenteam es so möchte, und nicht, weil sie aus irgendeiner nachvollziehbaren Figurenmotivation heraus entstehen.

Who's clueless now?

Dieses Dilemma zieht sich durch sämtliche Handlungsbögen. Am Ende der letzten Episode gestand Rachel (Shiri Appleby) gegenüber Coleman (Michael Rady), als Kind vergewaltigt worden zu sein. Und nun? Verliert keiner der beiden auch nur ein Wort darüber. Spielte sich Coleman kurz nach der Offenbarung noch als ihr Retter auf, kann er nun kaum seine Freude darüber im Zaum halten, was ihm Rachel unter Drogeneinfluss noch alles auf Band gesprochen hat. Daraufhin realisiert sie, dass er das genaue Gegenteil von der Person ist, die er ihr vorspielt.

Diese Erkenntnis verfestigt sich, als Madison (Genevieve Buechner) ihr gegenüber ausplaudert, dass sie Coleman und Yael (Monica Barbaro) beim Knutschen beobachtet hat. Diese neue dramaturgische Wendung kommt mit allerlei Fragezeichen daher. Warum ist Yael plötzlich an Coleman interessiert beziehungsweise warum hegt sie eine solche Faszination für die Männer in Rachels Leben? Hierzu haben wir nie einen Hinweis bekommen. Bis zu dem Punkt, als sie Coleman über ihre wahre Tätigkeit als Reporterin aufgeklärt hatte, konnten wir noch annehmen, dass sie diese Annäherungen zu investigativen Zwecken nutzte.

Seit ihre Zielpersonen aber über ihre wahre Identiät Bescheid wissen, gibt es keine Notwendigkeit, sie zu verführen, und trotzdem schmeißt sich Yael dem nächsten Rachel-Liebhaber um den Hals. Diese Entwicklung ist nichts weiter als ein Plotelement, um die nächste vermeintlich schockierende Szene vorzubereiten. Darin führt Rachel einen Racheplan aus, der so juvenil und abstoßend ist, dass man glauben könnte, eine 14-jährige Psychopathin habe ihn sich ausgedacht. Sie sorgt dafür, dass sich Yael vor laufenden Kameras in die Hose macht. Es ist eine brutale Erniedrigung.

Das Team der Abscheulichkeit hat wieder zusammengefunden. © Lifetime
Das Team der Abscheulichkeit hat wieder zusammengefunden. © Lifetime

Die einzige, die sich wirklich darüber freuen kann, ist Quinn (Constance Zimmer). Selbst angesichts ihrer bisherigen Charakterzeichnung sind das jedoch einige Portionen zu viel Schadenfreude, die sie da über ihre schockierten Mitarbeiter ergießt. Damit wird die Entwicklung ihrer Figur von einer waschechten Antiheldin in der ersten Staffel zu einer reinen Bösewichtin in dieser nahezu komplettiert. Das ist wohl auch dem Autorenteam aufgefallen, versucht es doch am Schluss der Episode, Quinn einen humanen Anstrich zu geben.

Like watching Bambi stumble through the woods

Das funktioniert aber auch nicht richtig, weil diese große Auseinandersetzung mit ihrem Freund John (Ioan Gruffudd) viel zu schlampig vorbereitet wurde. Nachdem das Paar erst in der letzten Episode beschlossen hatte, Kinder bekommen zu wollen, wurde nun bereits in Rekordzeit ein In-vitro-Fertilisationsverfahren angestoßen, das aber nicht die gewünschten Ergebnisse zeigt. Darüber ist Quinn, die sich bis vor wenigen Wochen - wenn nicht sogar Tagen - überhaupt nicht vorstellen konnte, Kinder zu bekommen, so verzweifelt, dass sie sich nicht nur von ihrem Lover trennt, sondern auch anfängt, in der Regie zu wüten.

Die Charakterzeichnung erreicht hier ein solch beliebiges Niveau, dass es mich nicht wundern würde, brächten sich Quinn und Rachel im Finale der zweiten Staffel in einem letzten Fanal gegenseitig um. Das wird natürlich nicht passieren, aber in einer Serie, die sich gänzlich von der eigenen Realität entkoppelt zu haben scheint, ist schließlich alles möglich. Traurigerweise entspricht „UnREAL“ in diesem Zustand genau dem, was man auf dem ausstrahlenden Sender Lifetime üblicherweise sehen kann - und was die Serie eigentlich hätte durchbrechen können.

Auch in Daily Soaps und Fernsehfilmen sind Charaktere und ihre Motivationen so formbar wie Play-Doh. Weitere Beispiele gefällig? Darius (B.J. Britt) denkt plötzlich an die Hautfarben-Komponente und will Chantal (Meagan Tandy) nicht mehr rausschmeißen. Warum fällt ihm das auf einmal ein? Wahrscheinlich, weil die Kreativen neue Konfliktideen brauchten. Also dürfen sich Madison und Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman) um das Schicksal Chantals bekriegen, wobei mir wiederum nicht klar ist, warum ein im Vergleich erfahrenerer Produzent wie Jay seinen Plan an seine Rivalin verrät.

Warum? © Lifetime
Warum? © Lifetime

Eine weitere kaum nachvollziehbare Wendung: Am Ende der letzten Episode sind Darius und Tiffany (Kim Matula) noch zusammen ins Bett gestiegen, nun will er plötzlich nichts mehr von ihr wissen. Dafür bekommen wir ebenfalls keinerlei Erläuterung (was übrigens auch auf Darius' Entscheidung zutrifft, Yael aus der Show zu werfen). Also hat Tiffany ganz offensichtlich nichts Besseres zu tun, als sich Chet (Craig Bierko) zuzuwenden. Warum? Keinen blassen Schimmer. Wahrscheinlich, weil Chet schon lange keine Frau mehr bestiegen hat, die er im echten Leben niemals abbekommen würde.

A lot of friends and a pile of cash

Es ist mir wahrlich ein Rätsel, wieso es die Autoren unter Führung von Sarah Shapiro so wahnsinnig eilig haben, von einem Handlungsbogen zum nächsten zu springen. Geradezu zynisch mutet es dabei an, wenn Darius irgendetwas über Hautfarbe schwafelt, UnREAL selbst es aber seit zwei Episoden nicht schafft, auch nur ein Wort zum angeschossenen Romeo (Gentry White) zu verlieren. Hätte man sich wenigstens ein weniger aktuelles und Sorgfalt gebietendes Thema wie den Alltagsrassismus in den USA ausgesucht, wäre das ja noch halbwegs zu verschmerzen gewesen.

So ist es jedoch unverzeihlich, offenbart es doch, dass man die Aufmerksamkeit gerne annimmt und im Voraus damit kokettiert, gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen, dann aber nicht bereit ist, mit der entsprechenden Weitsicht vorzugehen. Man könnte glauben, das Produktionsteam glaube an das Mantra „There is no bad press“ - Hauptsache Schlagzeilen, egal, welcher Natur. Schon erstaunlich, wie schnell eine Serie, die sich in ihrer ersten Staffel von der Dynamik ihrer zentralen Figurenkonstellation nährte, qualitativ abrauschen kann, sobald sie diesen eingeschlagenen Pfad zugunsten vermeintlicher Schockmomente verlässt.

Ein Gutes haben all diese dramaturgischen Verrenkungen - Team Rachel/Quinn findet wieder zusammen. Diese Beziehung ist die einzig glaubhafte. Leider ist es mir jedoch ziemlich egal, wie sie sich Coleman entledigen werden, konnten die Versprechen, die mit der Einführung seiner Figur gemacht wurden, doch nie gehalten werden. Er ist schlicht und einfach ein karrieregeiler, rücksichtsloser Widerling, der sich, ähnlich wie Quinn, über Dinge freut, die geistig gesunde Menschen sprachlos und entsetzt zurücklassen. Sollte Shapiro mit dieser zweiten Staffel bezweckt haben, ihren Zuschauern zu vermitteln, dass hinter den Kulissen des Realityfernsehens beinahe ausschließlich Soziopathen arbeiten, dann ist sie damit ziemlich erfolgreich.

Trailer zum Staffelfinale (2x10): 'Friendly Fire'

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 2. August 2016

UnREAL 2x09 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 9
(UnREAL 2x09)
Deutscher Titel der Episode
Spionage
Titel der Episode im Original
Espionage
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 1. August 2016 (Lifetime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. August 2016
Autoren
Ariana Jackson, Carol Barbee
Regisseur
Peter O'Fallon

Schauspieler in der Episode UnREAL 2x09

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