UnREAL 2x10

UnREAL 2x10

Auf den letzten Metern der bisweilen desaströsen zweiten Staffel von UnREAL versuchen die Macher noch einmal ein wenig die Kurve zu kriegen. Trotz ein paar guter Momente, die zeigen, was das Format eigentlich im Stande ist zu leisten, macht sich letztlich doch erneut wieder viel Frust breit.

Shiri Appleby und Constance Zimmer in „Friendly Fire“ / (c) Lifetime
Shiri Appleby und Constance Zimmer in „Friendly Fire“ / (c) Lifetime

Es gibt einen Moment in Friendly Fire, der Finalepisode der zweiten Staffel von UnREAL, in dem unsere „Zirkusdirektorin“ Quinn (Constance Zimmer) perfekt zusammenfasst, was das eigentliche Problem dieser Staffel gewesen ist. Nahezu elektrisiert vor Anspannung und Vorfreude auf das bevorstehende Chaos erklärt sie der jungen Produzentin Maddison (Genevieve Buechner), was nach vielen Jahren „Everlasting“ von der Masse verlangt wird: Pure Eskalation. Die Zuschauer wollen, dass man immer wieder einen draufpackt, dass die von ihnen konstruierte Geschichte von wahrer Liebe und gebrochenen Herzen unnötig verkompliziert wird. Zwei Bräute für einen Bräutigam? Für Quinn der Hauptgewinn.

Zehn Wochen haben wir uns nun anschauen dürfen, wie Showrunnerin Sarah Gertrude Shapiro und ihr Autorenteam die zweite Staffel einer der Serienüberraschungen des letzten Jahres mit allerlei „Handlung“ (bewusst in Anführungszeichen gesetzt) und Ereignissen vollgestopft haben. Wie man schamlos aktuelle, die Gesellschaft aufwühlende Themen verwurstete, gefühlt in Bruchteilen von Sekunden wieder abschloss und zur ekelhaften Fratze des Reality-Fernsehens zurückkehrte. Nur, dass dieses in den neuen Folgen unrealistischer und beliebiger als überhaupt denkbar dargestellt wurde. Die Nuancen der letzten Staffel? Passé. Reißerisch muss es sein, ganz ähnlich wie das in der Serie produzierte Showformat. Wo fängt Everlasting an, wo hört UnREAL auf? Haben Shapiro und Co. mehr als zwei Monate einen obskuren Meta-Witz mit uns getrieben? Aber warum bleibt die Pointe aus?

Shit show

Mit diesem Ballast, der sich vor dem Staffelfinale angehäuft hat, steht „Friendly Fire“ vor einer schier unmöglichen Herausforderung: Noch einmal das Ruder herumreißen, zeigen, dass es anders und besser geht. Und tatsächlich zeigt der Abschluss dieser insgesamt sehr enttäuschenden zweiten Runde von „UnREAL“, dass der Zauber noch nicht komplett verflogen ist. Zumindest phasenweise. Für den Großteil der Folge erwischt man sich nämlich erneut mehrfach dabei, wie man ungläubig die Hände vors Gesicht schlägt und sich fragt, warum jenes und wiederum nicht dieses passiert. Beispiel gefällig?

Man schaue sich nur die ersten Minuten an, in denen der Konflikt zwischen Coleman (Michael Rady), der die „Everlasting“-Macher auffliegen lassen will, und Rachel (Shiri Appleby) sowie Quinn thematisiert wird. Es hätte kaum verwundert, wenn das Thema noch vor der Einblendung des Serientitels ad acta gelegt worden wäre, so viel Zeit hat sich die Serie in ihrer zweiten Staffel für all ihre verschiedenen Handlungsstränge genommen. Letztlich kehren wir nach Colemans Rausschmiss und der Drohung von Rachel und Quinn, ihn selbst auffliegen zu lassen (seine preisgekrönte Dokumentation war auch nur inszeniert) noch einmal zu dieser Geschichte zurück.

© Lifetime
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Und siehe da, man merkt den Reibereien der beiden Seiten, die an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten sind, Potential an. Hier liegt eine Erzählung vergraben, die man gerne über mehrere Episode bergen und aufbauen könnte. Coleman gegen Quinn und Rachel, die beiden Powerfrauen wieder vereint gegen all jene, die ihnen und ihrem Baby „Everlasting“ etwas Böses wollen. Aber nicht in der zweiten Staffel von „UnREAL“, wo das Niederschießen eines Schwarzen durch einen Polizisten als einfacher Schockmoment genutzt wird. Und nicht, in Zeiten wie diesen, einen der zentralen Handlungsstränge darstellt. Da muss man schon fast zynisch auflachen, als Romeo (Gentry White) plötzlich wieder an der Seite von Darius (B.J. Britt) ist, als wäre nichts passiert.

Colemans potentielle Rolle als Widersacher hat ein ebenso jähes Ende wie alle anderen großen Geschichten, die sich den Machern in Staffel zwei angeboten hatten. Dass es letztlich Jeremy (Josh Kelly) ist, der für den vorhersehbaren, tödlichen Unfall von Coleman und Investigativreporterin Yael (Monica Barbaro) verantwortlich ist, überrascht nur insofern, als dass man eine solche Tat doch auch Rachel selbst zugetraut hätte. Nachdem diese kurzzeitig für Jeremy gestorben war, kehrt der aber nun zu ihr zurück und würde alles für sie tun, weil... Ja, warum eigentlich? Weil er jetzt weiß, was Rachel als kleines Mädchen Schreckliches wiederfahren ist? Erneut reicht den Verantwortlichen der Schnelldurchlauf, um diese beiden Charaktere wieder zusammenzuführen und Jeremy (letztlich aufgrund einer Motivation, die in zwei Sätzen erörtert wird), dazu veranlasst, zwei Menschen umzubringen.

Blood on the floor

Es ist, wie auch schon in vielen Folgen zuvor, ungemein frustrierend, mit ansehen zu müssen, wie die verschiedenen Charaktere mitunter dahingedrückt werden, wo sie der Plot gerade braucht. Dementsprechend wechselhaft ist auch die Figurenzeichnung. Darius präsentiert sich erschreckend naiv, will das Ganze nur noch hinter sich bringen und zeigt ein Gewissen. Als sein bester Freund angeschossen wurde, da zog er keinen Schlussstrich. Aber einer von zwei bildhübschen Frauen vor der perversen Kulisse einer Doppel-Hochzeit eine Abfuhr verpassen? Da hört der Spaß auf.

Während man sich bei anderen Figuren zwischendurch immer wieder fragt, welchen Zweck sie eigentlich im Laufe der zweiten Staffel erfüllt haben (zum Beispiel Chet, ein Charakter, bei dem man immer das Gefühl hatte, die Autoren wüssten nicht, was sie mit ihm anstellen sollen), probiert man noch einmal etwas Kraft für den Endspurt aus dem Duo Appleby und Zimmer zu ziehen. Die beiden harmonieren auch nicht schlecht, aber so richtig möchte man die erneute Vereinigung des Powerduos nicht feiern, haben beide doch ungemein an Sympathiepunkten eingebüßt. Quinn bleibt die Bösewichtin der Staffel, wie Kollege Axel Schmitt letzte Woche treffend festgehalten hat, mit dem man einfach nicht mitfühlen kann.

© Lifetime
© Lifetime

Aber erneut wendet sich das Blatt und die nächste Überraschung steht uns ins Haus, indem zwei Welten aufeinandertreffen. Und hier beginnt „UnREAL“ nach langer Zeit mal wieder zu funktionieren, so konstruiert die Handlung auch ist. Quinn will auf Chaos und Eskalation setzen, das ist es, was die Leute sehen wollen. Rachel unterwandert sie hingegen heimlich, hat zwischendurch einen Anflug von Läuterung (auch diese Charakterwandlung muss länger aufgebaut werden, da die Figur wie hier zu sehen sonst viel zu sprunghaft erscheint) und möchte eine andere Geschichte erzählen: Die der wahren Liebe.

Darius wird mit Ruby (Denee Benton) vereint, ein Happy End entzückt sowohl die Live-Zuschauerschaft als auch die „Everlasting“-Belegschaft. Muss man sich immer selbst überbieten, muss sich eine erwachsene Frau vor einem Millionenpublikum besudeln, muss eine kranke Hochzeitsveranstaltung mit einer Gewinnerin und einer Verliererin abgehalten werden, um Quote zu erzielen?

Something real

UnREAL beantwortet diese Fragen in den letzten Minuten seines Staffelfinales Friendly Fire überraschend mit einem Nein. Es geht anders. Und während ich mich immer noch darüber ärgere, wie viele Chancen man hat liegen lassen, wie respektlos mit Figuren und Handlungssträngen umgegangen wurde, sehe ich zumindest einen kleinen Lichtschein am Ende des Horizonts. Die Schatten überwiegen auch hier, doch das Finale von „Everlasting“ ist fast schon ein wenig Balsam auf der Seele - auf der meinen, auf der vieler anderer Zuschauer sowie auf der von einigen „Everlasting“-Crewmitgliedern, von denen man manchen zurufen möchte, dass sie schnellstens das Weite suchen sollten. Lauf, Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman), lauf.

Denn ob Rachel mit ihrem „Meisterstück“ tatsächlich erfolgreich am Thron von Quinn gerüttelt hat (übrigens eine Prämisse, mit der man eine ganze Staffel hätte füllen können, sich aber gerade mal zwei Episoden damit beschäftigte), bleibt abzuwarten. Ist die herrische Showrunnerin überhaupt in der Lage, sich zu verändern? Der Anblick von wahrer Liebe scheint zumindest etwas bei der sonst so kaltblütigen Zynikerin auszulösen. Nimmt man die Qualität der zweiten Staffel von „UnREAL“ als Maßstab, hat Quinn dies aber zum Start der dritten Staffel schon wieder alles vergessen. Und das Spielchen geht von vorne los. Hoffen wir auf Besserung. Dass man sich erneut unterbietet, kann man sich kaum vorstellen. Aber im Reality-TV ist ja bekanntermaßen alles möglich.

Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 9. August 2016

UnREAL 2x10 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 10
(UnREAL 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Eigenbeschuss
Titel der Episode im Original
Friendly Fire
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 8. August 2016 (Lifetime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 12. August 2016
Autoren
Alex Metcalf, Stacy Rukeyser
Regisseur
Peter O'Fallon

Schauspieler in der Episode UnREAL 2x10

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