UnREAL 2x08

UnREAL 2x08

Die UnREAL-Episode Fugitive leidet unter den Plotverwicklungen ihrer VorgĂ€ngerin. Statt sich nun jedoch der Aufarbeitung jĂŒngster Turbulenzen zu widmen, lĂ€sst das Autorenteam gleich die nĂ€chste dramaturgische Bombe platzen. Es kommt mit der eigenen Handlung kaum noch zurecht.

Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman) und Madison (Genevieve Buechner) befinden sich in einem ehrgeizigen Wettstreit. / (c) Lifetime
Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman) und Madison (Genevieve Buechner) befinden sich in einem ehrgeizigen Wettstreit. / (c) Lifetime

Das, was ich in meiner Review zur letzten UnREAL-Episode befĂŒrchtet hatte, ist nun eingetreten. Die Tatsache, dass zwei schwarze Serienfiguren von einem weißen Polizisten niedergeschossen wurden, spielt ĂŒberhaupt keine Rolle mehr. Der Handlungsbogen sollte also nicht etwa einer genaueren Betrachtung des in den USA grassierenden Problems weißer Polizeigewalt dienen, sondern lediglich ein weiterer Eintrag in einer Reihe aufsehenerregender, aber folgenloser Plottwists sein.

Who are you?

Dies ist das große Problem der zweiten Staffel von „UnREAL“, welches sich mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher herauskristallisiert. Bei vielen anderen ErzĂ€hlstrĂ€ngen lĂ€sst sich das verschmerzen. Bei einem Handlungsbogen jedoch, der sich so nah an der RealitĂ€t bewegt und deshalb unbedingt sorgfĂ€ltig ausgearbeitet werden sollte, kommt es blankem Hohn gleich, ihn schon zu vergessen, bevor er ĂŒberhaupt richtig angefangen hat. Es ist wahrlich Ă€rgerlich, wie offensichtlich das Autorenteam einen realen, furchteinflĂ¶ĂŸenden Missstand ausnutzt.

Das geht sogar so weit, dass der am schlimmsten von dem Schusswechsel Betroffene, Romeo (Gentry White), keinen einzigen Auftritt in Fugitive bekommt. Sein Cousin und Arbeitgeber Darius (B.J. Britt), der auch in den Vorfall verwickelt war, taucht zwar auf, verliert aber kaum ein Wort darĂŒber. Es gibt keinen einzigen Moment der Reflexion, stattdessen nur weitere Wendungen, die lĂ€ngst nicht mehr die emotionale Wirkung entfalten, die sie zu Beginn der Staffel noch hinterließen.

Bedauerlich ist daran nicht nur die vollstĂ€ndige Ausklammerung der schwarzen Sichtweise, sondern auch die einfache Tatsache, dass aus dieser Geschichte so viel hĂ€tte gemacht werden können. Manch andere Serie hĂ€tte eine halbe, vielleicht sogar eine ganze Staffel davon gezehrt. Ähnlich verhĂ€lt es sich mit der RĂŒckkehr von Ruby (Denee Benton), die den Avancen des Bachelors glĂŒcklicherweise widersteht und ihm sehr deutlich ihre Meinung mitteilt, deren Handlungsbogen aber sofort wieder von einem anderen abgelöst wird, als Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman) ins CafĂ© stĂŒrmt, um Darius zurĂŒck ans Set zu holen.

Coleman (Michael Rady) spielt ein falsches Spiel mit Rachel (Shiri Appleby). © Lifetime
Coleman (Michael Rady) spielt ein falsches Spiel mit Rachel (Shiri Appleby). © Lifetime

Dadurch wird die Szene mit Ruby sofort wieder irrelevant. Es hĂ€tte keinen Unterschied gemacht, wĂ€re sie in der Episode gar nicht erst aufgetaucht. Darius ist eigentlich bereit, „Everlasting“ fĂŒr sie aufzugeben, weil er erkannt hat, wie schĂ€dlich die „Maschine“ zu all jenen ist, die in ihr Inneres geraten. Dann muss Jay jedoch nur ein paar mahnende Worte bezĂŒglich seiner beendeten Football-Karriere an ihn richten und schon lĂ€sst sich Darius wieder zurĂŒckschleifen an ebenjenen Ort, der ihm bislang nur UnglĂŒck gebracht hat. WĂŒrde irgendein klar denkender Mensch wirklich so entscheiden?

Too broken

Eine Ă€hnliche Problematik betrifft in vielerlei Hinsicht den Handlungsbogen um Rachel (Shiri Appleby). WĂ€re sie eine halbwegs realistisch angelegte Figur, hĂ€tte sie sich lĂ€ngst aus der Umklammerung von Quinn (Constance Zimmer) gelöst. Das darf natĂŒrlich nicht passieren, weshalb die Serie immer neue AusflĂŒchte liefert, um Rachel ans Set der Realityshow zu ketten. In Fugitive ist das die Erkenntnis, dass sie als 12-jĂ€hrige von einem Patienten ihrer Mutter im eigenen Haus vergewaltigt wurde.

Dies und die Tatsache, dass ihre Mutter sie im Nachgang des Verbrechens fĂŒr ebenjenes verantwortlich machte, um ihre Praxis zu schĂŒtzen, sind solch monströse Offenbarungen, dass es mehrere Episoden brĂ€uchte, um sie zu verarbeiten. Hier ist es jedoch nur ein weiteres soapiges Plotelement unter vielen, die genau wegen ihres hĂ€ufigen Einsatzes lĂ€ngst die Wirkung verloren haben. Wie funktional das Autorenteam diese schockierende EnthĂŒllung einstuft, lĂ€sst sich ganz einfach daran ablesen, dass sie nicht mal das Ende der Episode darstellt.

Da hat sich UnREAL lĂ€ngst schon wieder in Richtung nĂ€chstem Twist verabschiedet, der weit weniger emotionale ErschĂŒtterung zu bieten hat. Nun geht es wieder um die Verwicklungen der Realityshow, die vom ĂŒberraschend zurĂŒckgekehrten Darius durcheinandergewirbelt werden. Statt Tiffany (Kim Matula) soll nach seinem Willen Jameson (Karissa Tynes) rausfliegen, weil... ja, warum eigentlich? Ist die BegrĂŒndung dazu wirklich wichtig? Zumal sie von einem Mann kommt, der im einen Moment noch liebesgestĂ€ndig ist, um im nĂ€chsten schon wieder dem schnöden Mammon hinterherzuhecheln?

Chantal (Meagan Tandy; l.) und Tiffany (Tim Matula) sind immer noch im Rennen. © Lifetime
Chantal (Meagan Tandy; l.) und Tiffany (Tim Matula) sind immer noch im Rennen. © Lifetime

Irgendwie kann man ja verstehen, dass Darius nach dem Ende seiner Football-Karriere nach neuen Einkommensmöglichkeiten sucht. Aber wie soll er die denn durch „Everlasting“ finden? Will er nicht lieber zurĂŒck an die Uni gehen, um seinen Abschluss nachzuholen, statt dem vagen Versprechen auf C-Promi-Einnahmen an der Seite von Tiffany zu vertrauen? Der Umstand, dass Darius' Abschied vom Football mit zwei HalbsĂ€tzen - er hat die RĂŒcken-OP ĂŒber sich ergehen lassen, welche nicht gut verlaufen ist und ihn in die InvaliditĂ€t gezwungen hat - erklĂ€rt wird, spricht BĂ€nde hinsichtlich der Sorgfalt, die das Autorenteam seinen Handlungsbögen beimisst.

My way or no way

Die EnthĂŒllung hinsichtlich Yael (Monica Barbaro) am Ende der letzten Episode illustriert ein weiteres Problem, das die Serie in der zweiten Staffel plagt. Die Teilnehmerinnen sind lĂ€ngst nicht so gut ausgearbeitet wie zuvor. Außer Yael haben sie keine wirklich charakteristischen Merkmale, sodass es schwerfĂ€llt, eine Verbindung zu ihnen herzustellen. Sicher, Chantal (Meagan Tandy) hat ihren Verlobten verloren, Jameson ist Polizistin und Tiffany hat einen Vaterkomplex - aber nur durch die Zuschreibung solcher Eigenschaften ist noch lange keine nachvollziehbare Charakterzeichnung erreicht.

In konzentrierter Form taucht dieses Problem bei Coleman (Michael Rady) auf. Er wechselt so oft sein Gesicht, dass man kaum hinterherkommt, zu verstehen, in welchem Modus er nun gerade unterwegs ist. Am Beginn und Ende der Episode steckt er mit Yael den Kopf zusammen, wĂ€hrend er zwischendurch den Umstehenden - und auch mir - glaubhaft suggeriert, in Rachel verliebt zu sein und sie aus dem hellhole „Everlasting“ befreien zu wollen. Seine Figur mutet an, als hĂ€tten sich die Autoren zu Beginn der Staffel vorgenommen, ihre Liebe zu ĂŒberraschenden Wendungen in Charakterform zu gießen.

Das kann funktionieren, wenn wir eine klare Vorstellung davon vermittelt bekommen, welche Absichten eine solche Figur wirklich verfolgt. Weil das bei Coleman aber versĂ€umt wurde, ist er nicht mehr als ein unberechenbarer Joker, den UnREAL immer dann zieht, wenn ein weiterer Twist benötigt wird. Ähnlich verhĂ€lt es sich mit Quinn und Chet (Craig Bierko), von deren Liebesgeschichten wir wohl emotional berĂŒhrt werden sollen, was jedoch angesichts des Umstandes, dass sie beide absolut verabscheuungswĂŒrdige und niedertrĂ€chtige Menschen sind, krachend scheitert.

Ich bin Ă€ußerst skeptisch, dass es die Serie innerhalb der nĂ€chsten zwei Episoden schaffen wird, sich eine neue Ausrichtung zu verpassen. Zu wĂŒnschen wĂ€re es ihr allemal, denn in diesem Zustand macht sie nicht halb soviel Spaß wie zuvor.

Trailer zu Episode 2x09: 'Espionage'

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 26. Juli 2016

UnREAL 2x08 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 8
(UnREAL 2x08)
Deutscher Titel der Episode
FlĂŒchtling
Titel der Episode im Original
Fugitive
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 25. Juli 2016 (Lifetime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. Juli 2016
Autoren
Alex Metcalf, Stacy Rukeyser
Regisseur
Nzingha Stewart

Schauspieler in der Episode UnREAL 2x08

Darsteller
Rolle
Jeffrey Bowyer-Chapman
Jay
Josh Kelly
Michael Rady
Meagan Tandy

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