UnREAL 2x07

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es in meinen Reviews zu UnREAL jemals zu einem Vergleich mit Game of Thrones oder The Walking Dead kommen würde, aber die Episode Ambush veranlasst mich nun dazu. Wie die beiden Serien hat sie ein Problem, das „UnREAL" bereits in der ersten Staffel vorführte, danach aber schnell wieder vergessen machen konnte: Ein Schockmoment ist nur dann gut, wenn er entsprechend ausgiebig vor- und nachbereitet wird, funktioniert aber nicht, wenn zu oft eingesetzt.
Not your story to tell
In der zweiten Staffel wurde bereits so viel Plot aufgefressen, dass man glauben könnte, das Autorenteam würde - ähnlich wie die Produzenten von „Everlasting" - nach aufsehenerregenden Ereignissen bezahlt. Eigentlich sollen sie aber eine kohärente, nachvollziehbare Geschichte erzählen, wie ihnen das bisher auch größtenteils gelungen ist. Nun haben sie sich jedoch übernommen. Der gesamte Black Lives Matter-Handlungsbogen aus dieser Episode könnte nicht nur zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen, sondern ist auch schlampig ausgearbeitet.
Es scheint ihn nur zu geben, um einen Anlass für Rachel (Shiri Appleby) zu finden, weiter in den Wahnsinn abzudriften. Das wird den furchtbaren Ereignissen rund um den Tod von Philando Castile, der während einer Polizeikontrolle in seinem Wagen erschossen wurde, nicht gerecht. Man hätte eine solche Geschichte durchaus erzählen können, aber dafür hätte man sich viel mehr Zeit nehmen müssen, als es Autorin Ariana Jackson und Regisseurin Sarah Shapiro getan haben.
Shapiro, nach dem Abschied von Marti Noxon alleinige Showrunnerin des Formats, hat wohl geahnt, dass ihr dieser Vorwurf gemacht werden würde und äußerte sich auf diversen Kanälen, zum Beispiel auf Twitter, dazu. In einem Tweet entschuldigt sie sich beinahe für das schlechte Timing, versieht das aber mit dem ziemlich blauäugigen Hinweis, dass das Autorenteam vor sechs Monaten, als das Drehbuch verfasst worden war, gehofft habe, solche Ereignisse gehörten zum Zeitpunkt der Ausstrahlung der Vergangenheit an.

Damit offenbart sie, dass sie nicht wirklich versteht, um welch tiefgreifendes Problem es sich beim institutionalisierten Rassismus in den USA handelt. Dieses lässt sich nicht innerhalb eines halben Jahres lösen, sondern bedarf jahre-, womöglich jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit. Nimmt man die politischen Tendenzen der vergangenen Jahre als Maßstab, ist in dieser Hinsicht eine deutliche Verschlechterung zu verzeichnen. Wenig überraschend schlägt sich Shapiros Blauäugigkeit im Verhalten ihres Ebenbildes Rachel nieder.
Get a life
Sie muss sich zunächst mit dem am Ende der letzten Episode zurückgekehrten Adam (Freddie Stroma) herumschlagen, dessen plötzliches Auftauchen selbst für eine ganze Episodengeschichte hätte ausreichen können. Sie will von ihm erst nichts wissen, lässt sich dann doch auf ihn ein, um ihn schließlich auflaufen zu lassen und dann fortzuschicken. Behilfich dabei soll ihr Coleman (Michael Rady) sein, den sie offenbar als ihren festen Freund betrachtet, weil er sie auf die Hochzeit seiner Cousine eingeladen hat.
Coleman lässt sich in dieser Episode jedoch als der karrieregeile Wurm entlarven, für den ihn Quinn (Constance Zimmer) stets gehalten hat. Sie bringt den neuen Network-Besitzer, praktischerweise ihr love interest, dazu, einen Keil zwischen ihn und Rachel zu treiben. Als Rachel davon erfährt, versucht sich Coleman herauszureden, bekommt aber keine richtige Gelegenheit dazu, weil Rachel schon damit beschäftigt ist, ihn für ihre Zwecke zu missbrauchen. So nutzt jeder irgendwie jeden aus, ohne dass es am Ende einen Gewinner gibt.
Bis Mitte der zweiten Staffel von UnREAL waren meist wir Zuschauer die Gewinner solcher Konstellationen. Seit einigen Episoden hat das dramaturgische Chaos jedoch Überhand genommen. Und so kommt es dank mehrerer narrativer Verrenkungen dazu, dass der gerade erst zurückgekehrte Romeo (Gentry White) bei einer Polizeikontrolle angeschossen wird. Dabei ist er doch eigentlich als Berater und Freund von Darius (B.J. Britt) zurückgekommen.

Seine erste Amtshandlung hätte also müssen, Darius von der spontanen nächtlichen Spritzfahrt abzuhalten. Stattdessen wird Rachel und Coleman eine weitere Gelegenheit geboten, vermeintlich revolutionäres, in Wahrheit aber nur oberflächliches Fernsehen - wie Adam es treffend ausdrückt - zu machen. Vor allem Rachels Charakterzeichnung steht dabei auf sehr wackligen Füßen. Weil sie mit ihrer Produktion laut eigener Aussage gesellschaftliche und kulturelle Barrieren einreißen will, müssen wir davon ausgehen, dass sie über institutionalisierten Rassismus Bescheid weiß.
A vortex of evil and dysfunction
Sollte sie aber auch nur den Hauch einer Ahnung haben, wie gefährlich es für schwarze Männer in den USA ist, in einem gestohlenen Wagen angehalten zu werden, hätte sie niemals die Entscheidung treffen dürfen, daraus Fernsehen zu machen. Hier geht die Serie noch viel weiter als beim Selbstmord von Mary (Ashley Scott), dem schlechtesten Teil der ersten Staffel. Damals war es nicht Rachel, die deren Psychopharmaka austauschte. Nun ist sie es jedoch, die Darius und Romeo kaltblütig, mindestens aber unendlich naiv in große Gefahr schickt.
Unterstützt wird sie dabei von Coleman, der auch hier zeigt, wie weit er gehen würde, um karrieretechnisch voranzukommen. Das alles wäre annehmbar, würde sich die Serie nach dem Zwischenfall nicht vollständig von den eigentlichen Opfern verabschieden. Es spricht Bände über die Motivation des Autorenteams, dass es hernach nur noch um Rachels fragilen Geisteszustand und die Auswirkungen der Schießerei auf das zerstrittene Produktionsteam geht. Die Sicht der beiden Opfer wird vollständig ausgeblendet.
So sehr Shapiro auch beteuert, dass sie sich für die Anliegen der Black Lives Matter-Bewegung engagiert, so offensichtlich wird in Ambush, dass sie diese nur als weiteres aufsehenerregendes Plotelement eingesetzt hat. Das mag nicht aus bösem Willen geschehen sein, offenbart aber einen ungenügenden Willen zur Auseinandersetzung mit dem hochsensiblen und unendlich wichtigen Thema. Weniger Hang zur Aufregung und mehr Kontemplation über die eigenen Handlungsbögen würden dem Kreativteam von UnREAL derzeit gut zu Gesicht stehen.
Trailer zu Episode 2x08: 'Fugitive'
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 19. Juli 2016UnREAL 2x07 Trailer
(UnREAL 2x07)
Schauspieler in der Episode UnREAL 2x07
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