UnREAL 2x06

Nachdem in der letzten Episode von UnREAL, für deren Review Kollegin Loryn freundlicherweise eingesprungen ist, allerhand Fragwürdiges passiert ist, kehrt Casualty in kohärentere Fahrwasser zurück, was bei dieser Serie nicht gleichbedeutend ist mit einer Verringerung des enormen Erzähltempos. Wenig überraschend steht dabei einmal mehr Rachel (Shiri Appleby) im Mittelpunkt, die am Ende von Infiltration von Jeremy (Josh Kelly) verprügelt wurde.
Don't think
Die Frage, wie nun damit umzugehen ist, zieht sich durch die gesamte neue Episode und bringt sämtliche menschliche Abgründe hervor, die dem Format seinen morbiden Charme verleihen. Nach dem Überfall hat es Rachel nicht mehr geschafft, den Tatort zu verlassen und sich stattdessen entschieden, im Abendkleid an Ort und Stelle zu nächtigen. In diesem Zustand findet sie am nächsten Morgen Chet (Craig Bierko), der Jeremy in der Nacht zuvor bereits von weiteren Schandtaten abgehalten und entlassen hatte.
So lobenswert dieses Eingreifen auch war, so abscheulich ist nun aber sein Vorhaben, Rachel von einer Anzeige bei der Polizei abzubringen. Er sorgt sich darum, dass Jeremy in diesem Falle sämtliche schreckliche Geheimnisse, die sich über die Jahre hinter den Kulissen von „Everlasting“ angesammelt haben, ausplaudern könnte. Dies würde wohl sowohl zum Ende der Sendung als auch der nicht gerade beneidenswerten Karriere Chets führen. Seine hochtrabenden Hoffnungen, die er sich im lächerlichen Paläo-Camp antrainiert hat, wären mit einem Mal dahin.
Dass hier Egoismus über Altruismus siegt, ist schon keine Überraschung mehr, deswegen aber nicht weniger schwer zu verdauen. Wenngleich sie sich von Chet hat überzeugen lassen, macht Rachel Aufnahmen von den blauen Flecken, die ihr von Jeremy zugefügt wurden. Leider überleben diese keine einzige Episode. Um sich hernach vom Erlebten abzulenken, stürzt sie sich in die Arbeit, was von mehreren Kollegen mit sorgenvoller Miene begleitet wird. Rachels toller neuer Plan lautet, Darius (B.J. Britt) zu einem Heimatbesuch bei Beth Ann (Lindsay Musil) in Alabama zu bewegen, wovon sie sich viel Zündstoff und eine entsprechend hohe Einschaltquote erhofft.

Erwartungsgemäß weigert sich der mit guten Argumenten ausgestattete Darius. Daraufhin erleidet Rachel einen für alle Umstehenden sichtbaren Nervenzusammenbruch, der in seiner Intensität nicht ganz an den berühmten von vor der ersten Staffel heranreicht, dafür aber zielführend ist. Berechtigte Sorgen macht sich danach Coleman (Michael Rady), wenngleich er vom Zusammenbruch gar nichts mitbekommen hat. Hierfür reicht es aus, Rachel in ihrem ungewohnt fahrigen Modus mitzuerleben.
Who banged the racist?
Da hat sie aber noch längst nicht Peak Rachel erreicht, worauf wir aber nicht lange warten müssen. Inzwischen hat Quinn (Constance Zimmer) mitbekommen, was in der vorhergehenden Nacht passiert ist. Ihre Charakterzeichnung als reine Bösewichtin wird nachfolgend korrigiert, indem ihre menschliche Seite hervorgekehrt wird. Sie bläst einen Kurztrip mit ihrer neuen Flamme John Booth (Ioan Gruffudd) ab, um sich den großen Problemen an der Heimatfront zu widmen, die ja alle bei ihrem ehemaligen Protegé zusammenlaufen.
Es tut gut, die beiden mal wieder ansatzweise auf der selben Seite zu sehen, obwohl es natürlich furchtbar ist, unter welchen Umständen diese Wiedervereinigung zustande kommt. Jedenfalls macht sie Jeremy deutlicher und handgreiflicher als bisher alle anderen klar, wohin er sich zu verdünnisieren hat - und vor allem, was ihm passiert, sollte er diesem Ratschlag nicht folgen. Danach versucht sie, Coleman per Ferndiagnose davor zu warnen, Rachel unbeaufsichtigt zu lassen. Die Betroffene will von all dem jedoch nichts wissen. Sie hat Großes vor.
In ihrem Falle bedeutet das natürlich, Fernsehen zu produzieren, das sie und eine große Zuschauerzahl für gelungen erachten. Weil sie entsetzt feststellen muss, dass Beth Anns Familie nicht aus rassistischen Hinterwäldlern besteht, sondern aus sehr netten und umgänglichen Südstaatlern, hilft sie der Konfliktenstehung selbst auf die Sprünge. Zupass kommt ihr dabei das Geständnis der Kandidatin, schwanger zu sein. Daraus kann Rachel schon einiges machen, aber sie wäre nicht sie, würde sie dem drohenden Chaos keine lebensgefährliche Krönung verpassen.

Nachdem es ihr gelungen ist, Beth Ann zu einem Geständnis vor laufenden Kameras, ihrer Familie und Darius zu überreden, rekrutiert sie auch noch deren Exfreund - und den wahrscheinlichen Kindesvater - Brock (Zach McGowan mit einem wunderbaren Gastauftritt), der es sich nicht nehmen lässt, seiner Ehemaligen vor einem Millionenpublikum einen zum Scheitern verurteilten Heiratsantrag zu machen. Das ganze Schlamassel endet in wahrer Südstaatentradition, mit gezücktem Gewehr und einer Menge Tränen.
This show, it consumes you
Rachel könnte darüber kaum glücklicher sein, Coleman jedoch erkennt die gravierende Gefahr für ihre mentale Stabilität. Als sie wieder zu Hause sind, nimmt er ihr das Versprechen ab, sich rausholen zu lassen, sobald die aktuelle Staffel abgedreht sei. Weil bereits eine dritte Staffel von UnREAL und sicherlich eine x-te Staffel von „Everlasting“ bestellt sind, können wir jedoch davon ausgehen, dass das nie geschehen wird. Aber der gute Junge Coleman, der einzige, der sich dafür eingesetzt hat, doch noch zur Polizei zu gehen, soll in all seiner Blauäugigkeit im Glauben gelassen werden, Rachel retten zu können.
Inwiefern Quinn ein echtes Interesse am Schutz ihres Zöglings hat, muss am Ende wieder bezweifelt werden. Was genau sie damit bezweckt, Adam (Freddie Stroma), den Bachelor aus der ersten Staffel, zurückzuholen, lässt sich bislang nur erahnen. Dies müsste jedoch etwas mit Rachel zu tun haben, schließlich unterhielten die beiden eine brisante Affäre. Zu Beginn dieser zweiten Staffel meldete er sich überdies bei seiner ehemaligen Bettgespielin, was die aber nicht beantwortete. Die nächste Episode wird uns darüber sicherlich Aufklärung verschaffen.
Sollte es Coleman wider Erwarten schaffen, Rachel aus dem Moloch „Everlasting“ zu befreien, würde indes schon ihr Ersatz bereitstehen. Während der Abwesenheit der meisten Producer begeben sich Madison (Genevieve Buechner) und Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman) in einen Wettbewerb um die effektivste Konfliktverursachung, woraus Madison mit der tatkräftigen Hilfe Chets als Siegerin hervorgeht. Kandidatin Tiffany (Kim Matula) profitiert davon, trifft bei ihrem versprochenen Date aber auf den äußerst widerwilligen Alabama-Rückkehrer Darius: „It never ends.“
Es ist ein kurzer Moment des comic relief, der eine äußerst düstere UnREAL-Episode nur minimal aufhellt. Ein bisschen mehr davon könnten wir angesichts der omnipräsenten Niederträchtigkeit durchaus gebrauchen.
Trailer zu Episode 2x07: 'Ambush'
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 12. Juli 2016UnREAL 2x06 Trailer
(UnREAL 2x06)
Schauspieler in der Episode UnREAL 2x06
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