Twin Peaks 3x14

© usgerechnet Andy (Harry Goaz) in der Lodge? / (c) Showtime
Ereignisreich, erleuchtend und mit einer Menge zu entpacken, ging es heute in The Return - Part 14 von Twin Peaks vor sich, also gehen wir besser gleich ans Eingemachte:
Who is the dreamer?
Albert (Miguel Ferrer) klärt Tammy (Chrysta Bell) und uns über die Anfänge der Blue-Rose-Untersuchungen auf und berichtet vom Fall einer Verdächtigen namens Lois Duffy, die Gordon (David Lynch) und Phillip Jeffries (David Bowie) einst samt ihrer mörderischen Doppelgängerin stellten. Ehe sich die böse Erscheinung, die Tammy als Tulpa identifiziert, in Luft auflöst, spricht sie die Worte: „I'm like the blue rose.“ Eine Tulpa ist ein durch Gedanken heraufbeschworenes Wesen aus dem buddhistischen Mystizismus, von dem David Lynch vielleicht als Anhänger der transzendentalen Meditation etwas Ahnung hat.
Enthüllung Nummer zwei: Diane (Laura Dern) ist die Schwester von Dougies Frau Janey-E (Naomi Watts), wodurch wir ein weiteres verzerrtes Spiegelbild erhalten: Die fluchende Diane und die wohlgemute Vorzeige-Vorstadtmutter und -ehefrau. Lynch liebt diese Gegensätze. Denken wir nur an die Bizarro-Version von Twin Peaks namens Dear Meadow aus dem Film „Twin Peaks: Fire Walk With Me“. Die Polizisten sind hier alles andere als freundliche FBI-Unterstützer, anstelle des RR Diners gibt es einen heruntergekommenen Laden ohne Specials und statt des Great Northern Hotels steht hier der Fat Trout Trailer Park.
Der dritte Hammer kommt als Gordons farbloser Monica Bellucci-Traum daher, in welchem er die italienische Schauspielerin in Paris traf, wo auch Cooper anwesend ist. Ihre Frage: „We are like the dreamer who dreams and then lives inside the dream. But who is the dreamer?“ erinnert ihn an den Moment (ebenfalls aus „FWWM“), als Jeffries nach Jahren des Verschwindens im FBI-Hauptquartier auftauchte und die Identität von Cooper in Frage stellt. Durch Flashbacks erhalten wir endlich ein Cameo der so oft erwähnten Bowie-Figur, obwohl es etwas überrascht, dass nicht auch sein viel verwandteres Zitat aus der Szene verwendet wurde: „We live INSIDE a dream.“

Wer ist also der Träumer? Auf der Meta-Ebene sind es David Lynch oder der Zuschauer, die das gesamte Universum von Twin Peaks geschaffen haben, beziehungsweise als Traum aus Lichtillusionen erleben. Es ist auch bei Weitem nicht das erste Mal, dass er die Beziehung zwischen Traum und Film thematisiert. Seine beiden letzten Filme „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“ (interessanterweise mit Watts und Dern in den jeweiligen Hauptrollen von Hollywood-Schauspielerinnen) befassen sich mit genau dieser Dichotomie beziehungsweise Analogie.
Worauf einige Fans schon seit dem Start der Revival-Staffel warten, ist eine Erwähnung der mysteriösen Judy, über die Jeffries sich damals weigerte zu sprechen. Laut erster Fassung des Original-Drehbuchs sollte sie ursprünglich die Schwester von Josie Packard (Joan Chen) sein, im fertigen Prequel-Film flüstert nach dem Mord an Laura Palmer (Sheryl Lee) ein Kapuzineraffe fast kontextlos ihren Namen. Fällt der Groschen, auf wen ich hinaus will? Später mehr dazu.
The Fireman
Nachdem das Twin Peaks Sheriff's Department das FBI über den Hinweis auf zwei Coopers (Kyle MacLachlan) in Laura Palmers Tagebuch informiert, machen sich Hawk (Michael Horse), Andy (Harry Goaz), Bobby (Dana Ashbrook) und Sheriff Truman (Robert Forster) auf zum im Wald gelegenen Ort Jack Rabbit's Palace, den Bobby durch Ausflüge mit seinem Vater Major Briggs (Don S. Davis) kennt. Zur prophezeiten Zeit um 2:53 Uhr öffnet sich ein weiterer Vortex, der ausgerechnet Andy in die White Lodge (oder was wir bisher dafür halten) zieht und ihn auf den Riesen treffen lässt, der sich endlich förmlich als Feuerwehrmann vorstellt.
Vor einigen Episoden war noch vom schwarzen Feuer die Rede, welches mit dem bösen Mais in Verbindung steht und seit Beginn der Serie im Hintergrund der Serie lodert. Das Feuer, welches die Zauberformel „Fire Walk With Me“ hervorbeschwört und über das die Log Lady (Catherine E. Coulson) einst zu Laura sagte: „When this kind of fire starts, it is very hard to put out. The tender boughs of innocence burn first, and the wind rises, and then all goodness is in jeopardy.“ Der Riese etabliert sich somit erneut als Gegengewicht zu den Machenschaften der Black Lodge mit ihren verrußten Holzfällern („Got a light?“), wie wir es schon in in The Return - Part 8 gesehen haben, als er der Schöpfung des bösen Geistes BOB (Frank Silva) mit der durch Lauras Konterfei repräsentierten Güte entgegenwirkte.
Durch einen Spiegel erhält Andy eine Vision, die ihn darüber in Kenntnis setzt, dass die nackt im Wald aufgefundene Frau ohne Augen (Nae) wichtig ist und beschützt werden muss. Cooper war ihr in The Return - Part 3 im violetten Raum begegnet, ehe sie in den Weltraum fiel und verschwand. Könnte es sich bei ihr um die oben erwähnte Judy handeln, über die nicht gesprochen werden soll? Dass sie in einer Szene, die an das Knast-Gebell aus dem Serienpiloten erinnert, Affengeräusche macht, deutet zumindest auf eine Verbindung zum Namen hin. Obendrein wird sie von einer asiatischen Schauspielerin gespielt (auch wenn die Verbindung zu Josie nicht Kanon, sondern lediglich ein Stück Fan-Trivia ist).

Der Name Judy ist ohnehin stets mit der Traum- beziehungsweise Filmwelt verbunden, denn Dorothy aus „The Wizard of Oz“ (die von einer schwarz-weißen „Realität“ in ein buntes Traumland transportiert wird) wurde von Judy Garland gespielt. Garland hingegen ist der Vorname von Major Briggs, der mehrfach in die andere Welt entführt wurde. Zumindest eine durch ein Geflecht an Referenzen offenbarte Traumlogik ist hier im Spiel, auch wenn sie nicht ganz greifbar ist.
Im Gefängnis, wo die von den Credits als Naido bezeichnete, augenlose Figur zur Sicherheit hingebracht wird, sind auch der kürzlich aufgeflogene Deputy Chad (John Pirruccello) und eine Zombie-ähnliche Figur vorzufinden, die den Boden vollblutet und Rätsel aufgibt. Die beste Schätzung nach Ende der Episode: Es handelt sich um den verschwundenen Billy, nach dem seit der siebten Folge gesucht wird und von welchem Audrey (Sherilyn Fenn) als ihrem Liebhaber sprach.
In der letzten Szene dieser Folge sprechen zwei Frauen - Sophie (David Lynchs Frau Emily Stolfe) und Megan (Shane Lynch, nicht verwandt) über Tina, die Mutter von Megan, die Billy als letztes sah, nachdem er über eine hohe Mauer sprang und sich danach den Kopf verletzte. Die undurchsichtige Geschichte (War der Onkel dabei? Was hat es mit Paulas Pulli auf sich?), die erstmals zwischen Audrey und ihrem Mann aufkam, ist ein absichtlich überladener Handlungsstrang, der mittlerweile fast mysteriöser ist als alle Lodge-Angelegenheiten.
Green is its color
James (James Marshall) bekommt in dieser Episode auch endlich Text. Als er eines Nachts mit seinem jüngeren Kollegen aus England zusammensitzt (als Security-Mitarbeiter des Great Northern Hotels trägt auch dieser Exfreund von Laura nun Uniform), fragt er East Ender Freddy (Jake Wardle) über seinen grünen Gummihandschuh aus und bekommt (weil es sein Geburtstag ist), seine Origin-Story erzählt: Nach einem Besuch beim Fireman wurde er dazu angehalten, einen bestimmten Gummihandschuh zu erstehen und nach Twin Peaks zu kommen. Seitdem ist er mit ihm verwachsen und hat Superkräfte in der Hand.
Rubber Fist (können wir ihn so nennen?) reiht sich ganz großartig in die Riege unvergesslicher Twin-Peaks-Bewohner ein und wird durch seine Kräfte sicher noch relevant. Chekovs Faust halt. Möglicherweise auch nicht unwichtig: Die Farbe Grün spielte bisher ein Mal eine Rolle im Bezug auf die Lodge-Bewohner. Der kleine Man From Another Place (Michael J. Anderson) merkte einst an, dass der Resopaltisch über dem Einkaufsladen, an dem er sein Meeting mit BOB abhielt, diese Farbe hatte, von der laut MIKE (Al Strobel) eine Stille ausgehe.
Im Anschluss an die comichafte Unterhaltung begibt sich James in den Keller des Great Northens, um den Brennofen zu kontrollieren und macht anscheinend den Ursprung des mysteriösen Geräusches ausfindig. Es mischt sich mit dem elektrischen Summen (und vielleicht sogar Indianer-Geschrei?), was wir in dieser Kombination etwa vom Strommast Nummer 6, der im Fat Trout Trailer Park steht, kennen. Der Mast wurde übrigens nur wenige Szenen vorher, im Rahmen von Andys Lodge-Vision gezeigt. Ist etwa noch ein Lodge-Bewohner per Elektro-Express gereist? Verbirgt sich vielleicht sogar Laura hinter der Tür? Oder ist es doch Josie, die noch im Hotel spukt?
Elk's Point #9 Bar
Sarah Palmer (Grace Zabriskie) verbringt ihre Zeit zum Glück nicht nur damit, zu Hause zu sitzen und Bloody Marys zu trinken. Manchmal geht sie auch in eine Bar dafür. Hier macht sie die unangenehme Bekanntschaft eines ungehobelten Truckers (John Paulsen), der sich auf unhöfliche Wortspiele spezialisiert hat, wie sein „Truck You“-T-Shirt unmissverständlich klar macht. Noch unmissverständlicher wird beim Eskalieren der Situation klar, dass man sich nicht mit Sarah anlegen sollte, die im Inneren etwas dämonisch Grinsendes hortet und dem Mann mit einem gezielten Biss den Garaus macht.

Sarahs Kräfte wurden bisher nur in Form von Visionen dargestellt. Ist sie nun auch wie ihr Mann Leland (Ray Wise) damals von einem Black-Lodge-Geist besessen, oder haben wir es mit etwas anderem zu tun? Wenn wir weiter davon ausgehen, dass sie das junge Mädchen war, in das die Froschfliege geklettert war, könnte es auch darauf zurückzuführen sein. Und ist Euch aufgefallen, dass die Hand in ihrem Inneren einen geschwärzten Ringfinger zeigt? Jener Finger, auf welchem der Eulenring zu tragen ist, der einem den Arm taub werden lässt. Und erinnert das gruselige Grinsen nicht irgendwie an Lauras Homecoming-Foto?
Fazit
The Return - Part 14 lässt den für Dougie gehaltenen Cooper vollkommen aus, um sich fast gänzlich der Serienmythologie zu widmen. Dabei ist vor allem interessant zu hinterfragen, was es mit der Verbindung zwischen den Schwestern Diane und Janey-E auf sich hat, warum die im Hintergrund laufende Billy-Storyline so wichtig zu sein scheint, welche Funktion die augenlose Naido erfüllt, was sich im Keller des Great Northern Hotels abspielt und was verdammt nochmal mit Sarah Palmer los ist, die in dieser Episode ein beinahe BOB-mäßiges Horrorlevel erreicht. Dabei wurden wir nach längerer Zeit wieder mit wunderschöner Lodge-Szenerie belohnt, während der bizarre Monica-Belucci-Traum inklusive Flashbacks ein Lynch-Highlight für sich darstellt.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 14. August 2017(Twin Peaks 3x14)
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