Twin Peaks 3x15

Twin Peaks 3x15

In einer der bisher emotionalsten Twin Peaks-Episoden finden die unglücklich verliebten, Big Ed und Norma, endlich ihr gemeinsames Glück, während wir von der guten Seele von Twin Peaks Abschied nehmen müssen.

Big Ed (Everett McGill) und Norma (Peggy Lipton) / (c) Showtime
Big Ed (Everett McGill) und Norma (Peggy Lipton) / (c) Showtime
© ig Ed (Everett McGill) und Norma (Peggy Lipton) / (c) Showtime

Wer zum Chor jener gehört, die behaupten, Albtraum-Maestro David Lynch beherrsche nur surreale Seltsamkeiten, aber keine wahren Emotionen, hat die Rechnung ohne die Twin Peaks-Episode The Return - Part 15 gemacht, in der es verschiedene Emotionen an gleich mehreren Baustellen hagelt.

I've been loving you too long

Nadine (Wendy Robie) hat sich dazu entschlossen, sich aus der Scheiße zu schaufeln und konfrontiert mit einer von Dr. Jacobys goldenen Aus-der-Scheiße-schaufel-Schaufeln bewaffnet ihren Mann Big Ed (Everett McGill). Um seines Glückes willen, will sie ihn nach all den Jahren endlich gehen lassen, was der sich kaum zweimal sagen lässt und ins RR Diner stürmt. Kurz sieht es so aus, als sei er zu spät, als Norma (Peggy Lipton) sich Walter (Grant Goodeve) zuwendet, doch zum Glück geht es nur um das Geschäft. Norma hat vor, ihr Franchise aufzugeben und will nur am RR festhalten. Zu „I've Been Loving You Too Long“ von Otis Redding bittet Big Ed seine Norma endlich, sie zu heiraten.

Obwohl das ewig unglücklich verliebte Paar mit seinem vermeintlichen und unverhofften Happy End hier im Zentrum steht, ist es vor allem Nadine, die zu Beginn der Szene die Show stiehlt. Nicht zuletzt, weil Wendy Robie mit am ehesten in der Lage ist, ihr Schauspiel von damals eins zu eins zu rekonstruieren und hier einen großen Nadine-Moment abliefert. Außerdem gibt es wohl niemanden im Publikum, der es dem großen Softie Ed nicht gönnt.

Who is Judy?

Über einen verlassenen Highway findet Mr. C (Kyle MacLachlan) zum immer wieder wichtigen Convenience Store, der überraschenderweise als mehr oder weniger realer Ort zu finden ist. Den Raum darüber kennen wir aus „Twin Peaks: Fire Walk With Me“: Dreckige Blumentapete, überall dunkle Holzfäller und selbst der sogenannte Jumping Man (Carlton Lee Russell) mit seinem roten Anzug und dem weiß gemalten Gesicht zeigt sich kurz. Evil Cooper sucht allerdings einen anderen: Phillip Jeffries (David Bowie), welcher nur noch in Form einer Maschine oder eines Kessels erscheint, der an das Gerät aus dem Raum des Fireman (Carel Struycken) erinnert und unentwegt Rauch von sich gibt.

Showtime
Showtime - © Showtime

Wie vergangene Woche korrekt vermutet, wird der Name Judy noch verdammt wichtig, auch wenn es sich hier wieder um eine extrem obskure Referenz handelt. Jeffries weigerte sich damals, über sie zu reden und Cooper soll sie bereits getroffen haben. Die Zahlen, die er als Hinweis von Jeffries erhält, sehen nach den ersten Nummern der Twin-Peaks-Koordinaten aus den vorigen Episoden aus, was darauf hindeutet, dass Judy sich in Twin Peaks befindet und tatsächlich Naido (Nae) sein könnte. Doch wer ist sie? Laura Palmer (Sheryl Lee)? Ein Code für Garland Briggs (Don S. Davis) als weitere „Oz“-Referenz?

Es ist wahrlich seltsam mit anzusehen, wie die damals nur in einem Satz erwähnte Judy-Angelegenheit, die jahrelang von Fans zerpflückt wurde, auf einmal zu einem wichtigen, aber immer greifbareren Plotpunkt in der Fortsetzung wird. Es ist zugleich aufregend und ein bisschen schade, dieses Mysterium, das bisher für sich stand, ausgeführt zu bekommen, aber dadurch gleichzeitig zu verlieren. Schade ist auch, dass der Jeffries-Kessel überhaupt nicht nach David Bowie klingt...

I did it

Man könnte meinen, in den Wäldern um Twin Peaks und Dear Meadow geschehe genug abgefahrenes Zeug, als dass man noch Drogen zur Untermalung des Ganzen benötigt. Steve (Caleb Landry Jones) und seine Gersten (Alicia Witt) sehen das offenbar anders und reden im Rausch unter einem Baum eine ganze Menge Stuss. Während Steve auch noch mit einer Knarre herumfuchtelt, kommt Reporter Cyril Pons (Serien-Co-Schöpfer Mark Frost in seiner altbekannten Gastrolle) vorbei, der die beiden im Anschluss an ihren Vermieter Carl Rodd (Harry Dean Stanton) meldet, doch Steve könnte sich bereits erschossen haben.

Ehe die zwei gestört werden, murmelt Steve immer wieder, dass er „es“ getan habe. Ist etwa etwas mit Becky (Amanda Seyfried) geschehen? Was ist das für ein verdächtiger Schlüssel um Gerstens Hals? Und fühlte sich noch jemand an die Szene aus „FWwM“ erinnert, als Laura und Bobby (Dana Ashbrook) völlig zugedröhnt zu einem Drogendeal im Wald erscheinen, Bobby den Kontaktmann erschießt und Laura darauf besteht, er habe seinen Kumpel Mike erschossen? Die Intensität dieser Szene wird vor allem wieder durch das eindringliche Sounddesign erzielt, das in dieser Folge mehrfach effektiv zum Einsatz kommt.

One-Punch Man

Am Frauengeschmack von James (James Marshall) scheint sich in all den Jahren nichts geändert zu haben. Noch immer ist er hinter blonden Frauen mit cholerischen Freunden her. Nach Laura und Evelyn Marsh (Annette McCarthy) ist es nun Renee (Jessica Szohr), der er im Roadhouse begegnet. Ihr Freund fühlt sich provoziert und zettelt eine Schlägerei an, hat die Rechnung aber ohne Grünfaust-Freddy (Jake Wardle) gemacht, der die Männer mit einem Schlag ausknockt. Für James und seinen jungen Kollegen geht es danach ins Gefängnis, wo sie auf Naido und den vermeintlichen Zombie-Billy treffen. Ist es nur Zufall, dass Phillip Jeffries in der Nummer 8 über dem Einkaufsladen wohnt und James nun Zelle 8 bekommt?

Mord und Totschlag und Leckereien stehen hingegen bei Hutch (Tim Roth) und Chantal (Jennifer Jason Leigh) auf dem Programm. Das extrem ineinander vernarrte Killerpärchen bringt für Mr. C. den in Las Vegas ansässigen Mr. Todd (Patrick Fischler) um die Ecke, Chantal verkündet, dass nur noch einer übrig ist, ehe es Essen fassen heißt. Damit scheint Dougie gemeint zu sein, mit dem sie sich die Arbeit allerdings sparen können, wie es aussieht, denn der pustet sich augenscheinlich selbst die Lichter aus.

Ein Stück Kuchen und eine Szene aus dem Film „Sunset Boulevard“ wecken abermals Erinnerungen in dem seit seiner Entrückung aus der Lodge verwirrten FBI-Agenten. Warum „Sunset Boulevard“? Wie David Lynch des Öfteren zu Protokoll gab, ist Billy Wilders Streifen einer seiner Lieblingsfilme, weshalb er seine eigene Serienfigur, Deputy Director Gordon Cole, nach einer der Nebenfiguren daraus benannte. Ob ihm die versuchte Reise per Gabel in die Steckdose gelungen ist oder ihn geröstet hat, erfahren wir wohl erst nächste Woche.

Good night, Margaret

Die bisherigen Szenen mit der mittlerweile verstorbenen Catherine E. Coulson als Margaret Lanterman waren schon keine leichte Kost. Schließlich machte die Log Lady doch einen sehr schwachen Eindruck, was zwangsläufig den Tod der Schauspielerin, der sich kurz nach den Dreharbeiten ereignete, ins Gedächtnis ruft. Nun heißt es endgültig von beiden Abschied nehmen, als Margaret ein letztes Mal bei Hawk (Michael Horse) im Sheriff's Department anruft und lebewohl sagt.

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Showtime - © Showtime

Voller Bewusstsein dessen, was nun geschehen muss, und mit einer letzten ominösen Phrase („My log is turning gold“) verabschiedet sich die Seele der Sendung von ihrem Vertrauten, von dem sie weiß, dass er ein besseres Verständnis von Leben und Tod hat als die meisten. Und während die Angestellten des Sheriff's Departmens Tränen für Margaret vergießen und der Mond hinter den Wolken verschwindet, geht in ihrer Waldhütte ein letztes Mal das Licht aus. Einen geschmackvolleren Abschied hätte David Lynch seiner langjährigen Freundin nicht schenken können.

Leider endet die Folge damit noch nicht, was sich viel angemessener angefühlt hätte. Eine weitere Szene mit Audrey (Sherilyn Fenn) und ihrem müden Mann Charlie (Clark Middleton) legt die Vermutung nahe, dass die zwei nie im Roadhouse, wo sie nach ihrem Geliebten Billy suchen will, ankommen werden. Vor Ort performt an jenem Abend die Band The Veils, während eine junge Frau namens Ruby (Charlyne Yi) wie in Trance auf die Tanzfläche kriecht und einen ins Mark gehenden Schrei von sich gibt.

Fazit

The Return - Part 15 ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die wie so oft durch einzigartige Bilder und unglaubliches Sounddesign der Marke Lynch besticht. Man sehe nur die rauchende Jeffries-Maschine, die direkt aus dessen Debütfilm „Eraserhead“ stammen könnte oder der Unbehagen auslösende Geräuschteppich während des desorientierenden Drogentrips im Wald zum Beispiel.

Hardcore-Fans werden vor allem wegen der Erwähnung der seit über 25 Jahren heiß diskutierten Judy große Ohren machen und ihren Kaffee angesichts des viel zu realen Abschieds von der Log Lady mit bitteren Tränen anreichern.

Verfasser: Mario Giglio am Montag, 21. August 2017
Episode
Staffel 3, Episode 15
(Twin Peaks 3x15)
Deutscher Titel der Episode
Teil 15
Titel der Episode im Original
The Return - Part 15
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 20. August 2017 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 21. August 2017

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