Twin Peaks 3x13

© rmdrücken gegen den amtierenden Boss. / (c) Showtime
Wer letzte Woche von Audreys (Sherilyn Fenn) erstem Auftritt im Showtime-Revival von Twin Peaks enttäuscht gewesen ist, kann sich in The Return - Part 13 darauf gefasst machen, ihre Szene in einem ganz neuen Kontext zu sehen. Darüber hinaus ging es dieses Mal wieder sehr viel um Kirschkuchen und ein alter Bekannter mit Dauerliebeskummer lässt sich endlich im RR Diner blicken.
Damn bad coffee
Kyle MacLachlan ist im Gegensatz zur letzten Episode wieder sehr beschäftigt mit seiner Doppelrolle als Cooper/Dougie und Mr. C. Zusammen mit den Mitchum-Brüdern (Jim Belushi und Robert Knepper) zieht er per Conga-Line mit den Rosa-Chiffon-Girls bei sich in der Versicherungsagentur ein und lässt sich feiern. Auch Janey-E (Naomi Watts) ist wieder ganz aus dem Häuschen, als es als Bonus einen neuen Wagen und ein funkelndes Gartenspielset für Sonny Jim (Pierce Gagnon) gibt, das extrem „lynchig“ mit Scheinwerferlicht und Klimpermusik in Szene gesetzt wird.
Mr. Todd (Patrick Fischler) hatte Anthony (Tom Sizemore) damit beauftragt, Dougie bei den Casinobetreibern anzuschwärzen, um ihn aus dem Weg zu räumen. Nachdem das gründlich in die Hose ging, soll der korrupte Versicherungsmann den Job innerhalb eines Tages höchstpersönlich erledigen. Bei ebenso korrupten Cops besorgt er sich dafür ein Gift, das er Dougie in den Kaffee kippt, bringt es aber letztlich nicht übers Herz, ihn zu töten und gesteht reumütig gegenüber seinem Chef Bushnell (Don Murray). Dabei wird sehr viel geweint.
Wer ist hier der Boss?
Der böse Cooper folgt Ray (George Griffith) bis nach Montana, wo eine Gruppe Gangster mit dem größten Überwachungskamerabildschirm der Welt auf ihn wartet. Vom kräftigen Boss Renzo (Derek Mears) wird er zum Armdrücken herausgefordert, was allen Neuankömmlingen angeboten wird, um sich als neuer Boss zu beweisen oder gegebenenfalls umgebracht zu werden. Evil Coop hat aber kein Interesse daran, diesen Haufen anzuführen. Er will nur Ray, der ihn in The Return - Part 8 erschossen hat und noch immer die von ihm benötigten Infos hat.
Das Armdrücken gewinnt er mit Leichtigkeit, da er wie die dunklen Holzfäller, die einem Menschen ohne weitere Mühe den Kopf zerdrücken können, über übermenschliche Kräfte verfügt. Vielleicht soll seine dunkle Handhaut auf ebendiese Verbindung hinweisen. Wir können schließlich erahnen, dass er mit den schwarzen Kreaturen unter einer Decke steckt, seit sie ihn nach dem Angriff von Ray wieder zusammengeflickt haben...

Vor seinem Tod gesteht Ray, dass er von Phillip Jeffries (David Bowie) beauftragt wurde, ihn umzubringen und von einem weiteren Verbündeten den Eulenring erhielt, um ihn Mr. C. aufzusetzen. Als er ihn stattdessen selbst überstreift, erschießt Evil Cooper ihn, woraufhin der Ring verschwindet und mit einer Kopie beziehungsweise der Seele von Ray in der Black Lodge landet. Ob es wirklich Jeffries war, der hier die Finger im Spiel hatte, darf stark angezweifelt werden. Abgesehen vom unwahrscheinlichen Bowie-Cameo, um den man herumarbeiten müsste, ist es wahrscheinlicher, dass sich jemand für den verschollenen FBI-Agenten aus dem Blue-Rose-Team ausgibt.
Von Ray erhält Mr. C. außerdem die Koordinaten des mittlerweile umgebrachten Bill Hastings (Matthew Lillard) und den Hinweis auf den Aufenthaltsort von Jeffries: ein Ort namens The Dutchman's, den es nicht wirklich geben soll. Ach, und wer taucht just in diesem Moment bei den Ganoven auf? Das schwarze Schaf der Horne-Familie, Richard (Eamon Farren), von dem längst vermutet wird, dass der böse Cooper sein biologischer Vater sein könnte, da wir wissen, dass er zur Zeit von Audreys Krankenhausaufenthalt vor Ort gewesen ist...
Nadine's RR Diner Franchise
In Twin Peaks gibt es unterdessen Entwicklungen im Leben der beiden tüchtigen Geschäftsfrauen, die damals in denselben Mann verliebt waren: Norma Jennings (Peggy Lipton) mit ihrem RR Diner und Nadine Hurley (Wendy Robie) mit ihrem Geschäft für geräuschlose Vorhangschienen, die endlich etwas Dialog bekommt und auf ihren Internetstar Dr. Jacoby (Russ Tamblyn) trifft. Sie musste sich in den letzten 25 Jahren aus einer Menge Scheiße schaufeln, gesteht sie Dr. Amp und einiges davon dürfte mit ihrem Mann Big Ed (Everett McGill) zu tun gehabt haben, dem es selbst nicht viel besser zu gehen scheint.
Offenbar ist Ed nach wie vor in Norma verliebt und hatte eigentlich 25 Jahre Zeit, endlich etwas in der Richtung zu unternehmen. Stattdessen trägt er immer noch seinen Ehering (ist also noch mit Nadine zusammen) und überlässt es einem anderen Mann, Norma zum Essen auszuführen. Bei dem handelt es sich um Walter (Grant Goodeve), der sich um Normas RR-Diner-Franchise kümmert. Wie wir erfahren, macht ihr eigenes Restaurant jedoch keinen Profit, da sie zu viel Aufwand mit den legendären Pies betreibt.
Am Ende sitzt Big Ed einsam in seiner Tankstelle, isst sein Dinner traurig aus einem RR-to-go-Becher und verbrennt einen kleinen Zettel, bei dem es sich wahrscheinlich um einen weiteren nicht abgegebenen Liebesbrief an Norma handelt. Ein Lichtblick an der Nadine-Front könnte die neue Verbindung mit Dr. Jacoby sein, wobei es seltsam wäre, wenn die zwei zusammenkämen. Zumindest, wenn „The Secret History of Twin Peaks“ von Mark Frost zum Kanon gehören soll, denn laut Begleitbuch hat Jacoby einst einen ganzen psychologischen Bericht über Nadine verfasst...
Zwei Dinge in dieser Folge wirken fast wie eine Reaktion auf die von vielen beklagte Langatmigkeit und Repetition. Zum einen Big Eds Bärenthekenklingel mit der Aufschrift „Bear with Me“, die den Zuschauer direkt um Geduld zu bitten scheint, und zum anderen das im Loop feststeckende TV-Programm von Sarah (Grace Zabriskie). Ihre dialogfreie Szene gehört für mich zum unheimlichsten der bisherigen Serie, weil ich nicht aufhören konnte, die Spiegel zu beobachten, in deren Reflexion ich jeden Moment etwas erwartete. Im Pilotfilm war damals aus Versehen Requisiteur Frank Silva im Spiegel aufgenommen worden, der darauf als Horrorfigur BOB gecastet worden war...
Not me.
Nach der Geduldsprobe der ersten Audrey-Szene müssen wir dieses Mal feststellen, dass es eine Erklärung dafür gibt, dass sie sich nicht wie die Audrey von damals gibt. Offenbar ist sie nach der Explosion im damaligen Finale doch etwas beschädigter aus dem Krankenhaus entlassen worden. Man könnte auch spekulieren, dass es sich bei Charlie (Clark Middleton) nicht um ihren Mann, sondern um ihren Therapeuten handelt. Schließlich war auch von einem gewissen Vertrag die Rede. Audrey macht einen verwirrten und verängstlichten Eindruck, was besonders tragisch ist, wenn wir uns erinnern, wie aufgeweckt und cool sie in der Originalserie war.

Vom deprimierenden Audrey-Update kommen wir zu einem fragwürdigen Fanservice-Geschenk, das vermutlich einige dazu gebracht hat, ihren Kaffee ungläubig Richtung Bildschirm auszuprusten: James (James Marshall) übernimmt den Auftritt im Roadhouse und gibt ausgerechnet seinen notorischen Schmalzsong zum besten, für den das Liebesdreieck, bestehend aus ihm, Donna (Lara Flynn Boyle) und Maddy (Sheryl Lee), damals ihre Untersuchungen unterbrochen hatte. Das Beunruhigende daran ist die Frage, was eigentlich aus Donna wurde (die nicht angekündigt ist) und dass der Song damals einen unheimlichen Auftritt von BOB heraufbeschworen hatte...
Falls Ihr Euch fragt, wer James da tränenüberströmt anhimmelt: Das ist Renee (Jessica Szohr), die Freundin von Shelly, die schon in der ersten Folge ihre Augen nicht von ihm lassen konnte und nun an genau der Stelle im Roadhouse sitzt, an der Donna damals zu weinen begann, als sie James gegenüber saß und Cooper vom Riesen erfuhr, dass es ein weiteres Opfer (Maddy) gegeben hat.
Fazit
Fünf Folgen vor dem Ende fühlt es sich noch immer so an, als steuern wir gemächlich auf einen großen Knall zu, der wohl spätestens ansteht, wenn sich alle drei Parteien (das FBI, die Twin-Peaks-Ermittler und Mr. C.) am Ort der Koordinaten in Twin Peaks treffen. Womöglich im Wald in Glastonbury Grove oder am noch unbekannten Ort namens Jack Rabbit's Palace. (Ganz nebenbei ist es wirklich amüsant, die ganzen versteckten Häschen im Hintergrund zu entdecken, vor allem, nachdem Hawk in einer der frühen Folgen beharrlich „It's not about the bunnies!“ ausgerufen hatte.)
Wie genau die Beziehungslage in Twin Peaks aussieht, wird bisher nur angedeutet, doch wenn die Vermutungen sich bestätigen, sind Ed und Norma wieder ganz vorne mit dabei, wenn es um die unglücklichste TV-Liebesgeschichte aller Zeiten geht. Viel dramatischer und rätselhafter gestaltete sich diese Woche auch Audreys bemitleidenswerter Auftritt. Mehr über ihr Schicksal in den letzten 25 Jahren zu erfahren, könnte so dem einen oder anderen Fan von damals noch gehörig das Herz brechen.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 7. August 2017(Twin Peaks 3x13)
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