Twin Peaks 3x07

© iane (Laura Dern) und Mr. C. (Kyle MacLachlan) / (c) Showtime
In The Return - Part 7 des Twin Peaks-Revivals bestätigt sich die wilde Vermutung aus der letzten Woche: die von Hawk (Michael Horse) in der Toilettentür des Sheriff's Department gefundenen Zettel sind tatsächlich die herausgerissenen Seiten aus dem geheimen Tagebuch von Laura Palmer (Sheryl Lee). Zwei pikante Informationen sind darauf vermerkt: Zum einen, dass der gute Cooper (Kyle MacLachlan) in der Lodge gefangen ist, wie Annie Blackburn (Heather Graham) es Lauras im Traum verriet und zum anderen, dass es sich bei BOB (Frank Silva) in Wirklichkeit um ihren Vater handelte. Leland (Ray Wise) muss die Seiten während er wegen des Mordes an Jaque Renault (Walter Olkewicz) verhört wurde, versteckt haben.
Family Business
Jaques war damals mit Leo Johnson (Eric DaRe) zusammen in Drogengeschäfte verwickelt gewesen und betrieb vom Roadhouse aus einen Prostitutionsring, für den auch Laura tätig war. Auch in der neuen Showtime-Serie steht Schauspieler Walter Olkewicz wieder hinter dem Tresen. Dieses Mal als Jean Michel Renault, der die zwielichtigen Familientraditionen mit all ihren illegalen Operationen fortführt, nachdem Jaque, Bernard (Clay Wilcox) und auch Gangsterboss Jean (Michael Pitt) schon in der Originalserie das Zeitliche segneten.
Zwei (beziehungsweise anderthalbt) deprimierende Cameos kommen in Form des kranken Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean ist nicht dabei), den sein Bruder Frank (Robert Forster) kurz ans Telefon holt und Dr. Hayward auf uns zu, der wie die Log Lady (Catherine E. Coulson) keinen fitten Eindruck mehr macht und dessen Schauspieler Warren Frost (Vater von Serien-Koschöpfer Mark) ebenfalls kurz nach den Dreharbeiten verstarb.
Während der Szene kommen zwiegespaltene Gefühle auf. Natürlich es ist eigentlich ganz schön, auch die älteren Schauspieler noch einmal involviert zu haben. Andererseits gibt der mit Mühe vor der Webcam seinen Text ablesende alte Mann wirklich kein Bild ab, das unbedingt noch in einer Serie auftauchen muss.

Doc Hayward erinnert sich jedenfalls, Cooper zuletzt im Krankenhaus gesehen zu haben, nachdem er aus der Black Lodge zurückgekehrt war. Er soll sich seltsam verhalten und Audrey Horne (Sherilyn Fenn) einen Besuch abgestattet haben, die nach dem damaligen Serienfinale und der Explosion in der Bank im Koma lag. Was für schreckliche Implikationen dies im Bezug auf Audreys widerlichen Sohn Richard (Eamon Farren) mit sich bringt, muss wohl nicht extra niedergeschrieben werden. (Und ich schrieb beim letzten Mal noch, dass Rüpel wie Richard auch ohne Verbindung zu BOB existieren können...) Wollen wir hoffen, dass sich die Vermutung in diesem Fall nicht als korrekt entpuppt.
Dass Mr. C. nicht der altbekannte, liebenswerte Dale Cooper ist, bestätigt auch seine alte Bekannte Diane (Laura Dern), die sich von Gordon (David Lynch) und Albert (Miguel Ferrer) etwas bitten lassen muss. Die Diktiergerätbandempfängerin ist nämlich nicht gut auf das FBI oder Cooper zu sprechen. Beim Gespräch mit ihrem inhaftierten Ex-Boss wird schließlich offenbart, dass zwischen den beiden etwas vorgefallen ist, als sie sich das letzte Mal in Dianes Haus sahen. Die finsteren Vermutungen stapeln sich. Die Frage, ob Diane auf den Bildschirm zu holen eine gute Idee war, stellt sich jedenfalls kaum noch, denn Laura Dern stürzt sich mit Gusto in die überraschend häufig fluchende Rolle und ist wie immer komplett furchtlos und zu 100 Prozent bei der Sache. Auch der Schlagabtausch zwischen ihr und dem FBI-Trio ist fantastisch. „Fuck you, Tammie!“
Black Lodge Business
Ein kleiner Einschub zum Thema Cooper, böser Doppelgänger und BOB: Mittlerweile drängt sich die Vermutung auf, dass die Angelegenheit von vielen (inklusive mir) etwas falsch verstanden wurde und es sich im aktuellen Fall anders verhält als bei Leland und BOB in den 90ern. Leland Palmer war von Kindheitstagen an von BOB besessen, der später seine Tochter Laura als Gefäß übernehmen wollte. In der Black Lodge begegnete Cooper schließlich den bösen Doppelgängern der Palmers. Bisher wurde weitestgehend angenommen, dass Cooper seit dem Aufenthalt in der Black Lodge von BOB besessen ist und seine Seele in der Lodge feststeckt. Den zweiten (realen) Körper hat Cooper schließlich erst durch das Ersetzen von Dougie erhalten.
Vielmehr scheint es aber so zu sein, dass damals tatsächlich Coopers leiblicher, böser Doppelgänger aus der Black Lodge kam und BOB zusätzlich als Beifahrer in sich trägt, während der Originalkörper in der Lodge verblieb. Eine doppelte Portion Böses sozusagen. Der in Haft sitzende Cooper erinnert sich deshalb an das letzte Horrortreffen mit Diane, was er sowieso tun würde, wenn es sich nur um einen vom bösen Geist besessenen Cooper handeln würde.
Tragischerweise macht sich Mr. C in dieser Episode aus dem Staub und das obwohl unsere Ermittler gerade im Begriff waren, seinen Geheimnissen auf die Schliche zu kommen. Als Versicherung hatte sich der gewiefte Grusel-Cooper ein Druckmittel für Warden Murphy (James Morrison) organisiert, das mit dem Hundebein aus seien Habseligkeiten und einem gewissen verstorbenen Mr. Strawberry in Verbindung steht. So kommen der böse Cooper und sein Handlanger Ray (George Griffith) problemlos auf freien Fuß und erhalten sogar einen fahrenden Untersatz.
Wo geht es als nächstes hin? Nach Argentinien, wo die anwählbare Box stand? Nach Rio, wo er ein Haus hatte (das jetzt ulkigerweise einem Mädchen aus Ipanema gehört)? Zu Kontaktmann Phillip Jeffreys? Oder vielleicht sogar ins Great Northern Hotel nach Twin Peaks, wo Benjamin Horne (Richard Beymer) und seine mit ihm flirtende Mitarbeiterin Beverly (Ashley Judd) seit der Ankunft von Coopers altem Schlüssel für Zimmer 315 ein mysteriöses Summen vernehmen?
Vielleicht kümmert er sich aber auch erst einmal persönlich um die Beseitigung Dougie-Cooper, dessen Anwesenheit in der Realität Schwierigkeiten für ihn bedeuten könnten. Der Auftragskiller Ike „The Spike“ Stadtler (Christophe Zajac-Denek) muss sich nämlich beim Versuch, ihn um die Ecke zu bringen, geschlagen geben, nachdem Cooper sich mit Hilfe des Lodge-Bäumchens (das früher der Man From Another Place, Michael J. Anderson) an seine FBI-Ausbildung erinnert und die Situation trotz seines verwirrten Zustandes in den Griff bekommt.

Von Militärseite her wird mittlerweile die kopflose Leiche mit den Fingerabdrücken von Major Briggs (Don S. Davis) untersucht, die laut Obduktion in South Dakota einem Mann in seinen späten 40ern gehört. Das passt natürlich nicht zum alten Major und legt die Vermutung nahe, dass auch hier entweder ein Doppelgänger (sofern die spiegelverkehrten Fingerabdrücke noch nicht ausgemacht wurden) oder ein künstlicher, Dougie-esquer Manufakturkörper vorliegt. Nicht unerwähnt bleiben sollte außerdem die Erscheinung des geisterhaften Vagabunden, der an die schwarze Gestalt aus dem Gefängnis in The Return - Part 1 erinnert und sich bei der Leiche in Buckhorn blicken lässt.
Fazit
Obwohl wir in The Return - Part 7 nach wie vor mit Dougie-Cooper gestraft sind, wird größtenteils seinem herrlich horrorhaften Zwilling die Bühne überlassen, der durch die Akustik der Gegensprechanlage wieder absolut furchteinflößend wirkt und durch zwei implizierte Schreckenstaten noch bedrohlicher gezeichnet wird als bisher. Einen Daumen hoch bekommt auch Laura Dern, aus der David Lynch eine weitere eindringliche Performance herausgeholt hat. Hoffentlich bleibt sie weiterhin am Blue Rose Case involviert.
Dass die Lodge-Mythologie noch ein Stück komplizierter sein mag als bisher angenommen, macht die längst überladene Angelegenheit nicht gerade eleganter. Dabei mangelt es eigentlich nicht an neuen Mysterien, wie zum Beispiel dem Geräusch im Great Northern (ist es vielleicht die im Türknauf gefangene Log-Josie, die spukt?), das Verschwinden des paranoiden Truckers, der von Deputy Andy (Harry Goaz) verhört wurde und die letzte fehlende Seite aus Lauras Tagebuch.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 19. Juni 2017(Twin Peaks 3x07)
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