Twin Peaks 3x06

© aura Dern als neue/alte Bekannte / (c) Showtime
Sind 18 Stunden doch zu viel Material, um einen jede Woche bei Laune zu halten? In der jüngsten Episode von Twin Peaks machen sich erstmals Längen bemerkbar, die nicht unbedingt auf künstlerische Intention zurückgeführt werden können. Dafür bekommen wir unverhoffte und überraschende Charakterauftritte und die vermeintlich größte Aufdeckung bezüglich der „missing pieces“, nach denen das Twin Peaks Sheriff's Department suchte.
King of Vegas
In The Return - Part 6 geht erneut eine Menge Zeit für den Schabernack des ahnungslosen Dougie/Cooper (Kyle MacLachlan) drauf, der von andersweltlichen Mächten geführt einen weiteren Erfolg zu verbuchen hat. Dieses Mal während seiner Arbeit in der Versicherungsagentur, in der er gewisse Ungereimtheiten aufdeckt, indem er Leitern und Treppen auf Dokumente zeichnet. Seine Frau Janey-E (Naomi Watts) kümmert sich unterdessen kompetent um Ganoven, die Dougies Wettschulden eintreiben sollen und verwendet dafür das Geld aus dem Casinogewinn.
Mittlerweile wirkt das gesamte Eheleben von Familie Jones wie eine Parodie auf US-Sitcoms, in denen der idiotische Ehemann mit einer schlauen, attraktiven und resoluten Frau weit über seiner Klasse zusammen ist. Dass der Mann in diesem Fall auch noch Dougie, wie ein gewisser König eines New Yorker Stadtteils heißt, ist die Kirsche auf diesem köstlichen Gedankeneisbecher. Und auch wenn sich der Gag um den trotteligen Cooper in seinem bunten Sakko längst erschöpft hat, macht Naomi Watts doch einiges wieder gut als „one tough dame“, wie einer der Gangster sie nennt.
Diane
Die aktuelle Folge bestätigt auch ein Gerücht, das seit dem Castingprozess durch das Netz geisterte. Wir machen tatsächlich die Bekanntschaft der mysteriösen Diane, zu der Agent Cooper damals unentwegt in sein Diktiergerät sprach und deren Antlitz so geheimnisumwoben wie das von Mrs. Columbo war. Albert (Miguel Ferrer) sucht sie in einer Bar auf, vermutlich, weil sie die erwähnte Person ist, die einen Blick auf den von BOB besessenen Cooper werfen soll. Dabei stellen wir fest, dass es, wie gemunkelt, Laura Dern ist, der die Rolle zukam.
Treffenderweise spielte sie bereits Kyle MacLachlans Verbündete im filmischen Proto-„Twin Peaks“ „Blue Velvet“ und führte den Cast der späteren David-Lynch-Filme „Wild at Heart“ und „Inland Empire“ als Hauptdarstellerin an, so dass es durchaus stimmig ist, sie als Coopers Vertraute zu besetzen, wenn sie sozusagen MacLachlans weibliches Pendant auf der Liste von Lynchs Go-to-Stars ist. Nur eine Bitte: Wenn Diane schon entmystifiziert werden muss, haben sich Frost und Lynch hoffentlich etwas verdammt Spannendes und Interessantes für ihren Charakter ausgedacht!

Der zweite unverhofft auftauchende Charakter, dessen Erscheinen schon im Teasertrailer stutzig gemacht hatte, ist Carl Rodd (Harry Dean Stanton) aus dem Fat Trout Trailer Park, der lediglich zwei Szenen im Prequelfilm „Fire Walk with Me“ hatte, in dem er als Verwalter der Wohnwagenanlage von Laura Palmers (Sheryl Lee) ermordeter Vorgängerin Teresa Banks (Pamela Gidley) vorgestellt wurde.
Fans haben schon immer vermutet, dass mehr hinter seinem Charakter steckt, denn eine kryptische Andeutung, die er damals machte („I have already gone places.“) legte nahe, dass auch er irgendwie mit den Machenschaften der Black Lodge in Berührung gekommen ist. Auch in dieser Episode taucht der ominöse Strommast mit der Nummer sechs aus dem Trailer Park auf, der an jene Stromkästen erinnert, durch die Cooper vor seiner Dougie-Transformation reiste. Darüber hinaus scheint nicht unweit von Carl und dem Mast eine gewisse Linda zu wohnen, nach der wir seit dem Hinweis des Riesen (Carel Struycken) Ausschau halten.
Was Carls Funktion in der Story sein wird, ist, wie so vieles, noch unklar. Bisher wurde er lediglich Zeuge eines Autounfalls mit Fahrerflucht, bei dem ein kleiner Junge in den Armen seiner Mutter starb, ehe Carl seine Seele (?) entfleuchen sah. Den großartigen Harry Dean Stanton noch einmal dabeizuhaben, der schon so viele Lynch-Filme in kleineren Rollen bereichert hat, schadet auf keinen Fall. Wie kein anderer gelingt es ihm, den Zuschauer mit wenigen Gesichtszügen zu rühren, was er hier ein weiteres Mal zur Schau stellt. Etwas, das er zum Beispiel schon in „Wild at Heart“ vollbracht hatte, dessen traurigste Szene die Ermordung seiner Filmfigur Johnnie Farragut ist, welcher kurz vor seinem Tod feststellen muss, dass seine Geliebte die Killer geschickt hat.
Magic Trick
Verantwortlich für die grässliche Fahrerflucht ist der rabiate Charmebolzen, der letzte Woche seinen ersten Auftritt im Roadhouse hingelegt hat und bisher nur in den Credits als Richard Horne (Eamon Farren) identifiziert wird. Nicht gerade überraschenderweise ist auch er in krumme Geschäfte mit einem gefährlichen Mann namens Red (Balthazar Getty) verwickelt, der einen unmöglich wirkenden Zaubertrick mit einer Münze vollführt. Ein regelrechtes Pulverfass, denn der cholerische Richard hasst es, von oben herab behandelt zu werden und scheint Ärger nur so anzuziehen.
Sollte Audrey (Sherilyn Fenn) wirklich seine Mutter sein, dürfte die Dynamik zwischen den beiden zu interessanten Szenen führen. Interessant ist vor allem aber auch der Münzentrick, denn das einzige andere Mal, als wir einen „Zaubertrick“ gesehen haben, ließ ein kleiner Junge Maiscreme verschwinden, was sich später als äußerst bedeutungsschwanger entpuppen sollte. Stichwort: Garmonbozia.

Eine weitere Münze deckt schließlich auf, was die Log Lady (Catherine E. Coulson) mit der Verbindung zu Hawks (Michael Horse) indianischer Herkunft meinte, die ihn auf die Spur des fehlenden Stücks aus dem Palmer-Fall führen würde. Eine Szene, die den alten, intuitiv ermittelnden Cooper stolz gemacht hätte, denn als eine Münze mit Indianerporträt in eine Toilettenkabine rollt und dann auch noch die Tür eine Ureinwohnerverbindung aufweist, macht Hawk sich sofort daran, sie zu untersuchen. Was er darin findet, wird sich allem Anschein nach als bisher bedeutungsvollste Verbindung zur Urserie entpuppen: die verlorenen Seiten aus Laura Palmers geheimem Tagebuch!
Während der damaligen Ermittlungen im Fall der ermordeten Laura zählte ihr Tagebuch zu den wichtigsten Beweismitteln. Es stellte sich aber heraus, dass sie ein geheimes zweites Tagebuch besaß, in welchem sie auch über den Missbrauch von BOB schrieb. Wie ist das heute noch relevant? Nun, im Prequel-Film erscheint Laura eines Nachts Coopers spätere Freundin Annie (Heather Graham), die in den letzten Episoden der Serie in die Black Lodge entführt wurde, in die Cooper ihr folgte. Ihre Nachricht an Laura lautete: „My name is Annie, and I've been with Laura and Dale. The good Dale is in the Lodge, and he can't leave. Write it in your diary.“
Könnten dies die Seiten ihres Tagebuches sein, in denen ebendiese zeitverschobene Nachricht steht? Und könnte dies die Ermittler auf die Tatsache stoßen, dass der langhaarige Mr. C. nicht der ist, für den er sich ausgibt?
Abgesehen von diesem potentiellen Kracher gibt es ein kleines Update von der drogensüchtigen Mutter, (Hailey Gates) die uns abermals an ihre Lieblingsnummer 119 erinnert. Außerdem erhält der unter Druck gesetzte Mann Duncan (Patrick Fischler) eine kryptische rote Nachricht auf seinem Computer, ein kleinwüchsiger Killer mit dem großartigen Namen Ike „The Spike“ Stadtler (Christophe Zajac-Denek) ermordet die Frau mit der Argentinien-Verbindung aus der letzten Episode (und ist auch auf Dougie angesetzt) und RR-Diner-Kichererbse Heidi (Andrea Hays) hat auf einmal mehr Text als in 30 Folgen der Originalserie.
Fazit
Mit The Return - Part 6 erreichen wir einen Punkt, an welchem die Story wie letzte Woche mehr oder weniger auf der Stelle tritt. Als Entschädigung werden aber kaum atemberaubende Lynch-Tableaus und -Momente gereicht, wie es noch in „Part 5“ der Fall war. Höchstens das Meeting zwischen Red und Richard sticht heraus, während Diane und die vermeintlichen Tagebuchseiten nur kurz vor die Kamera gezerrt werden. Hardcorefans werden wie immer einen Kick aus den obskuren Referenzen ziehen, aber es wird langsam Zeit, mit all diesen Elementen etwas anzufangen und sie nicht nur zu erwähnen oder kurz zu zeigen. Um die Serie selbst zu zitieren: „Let's rock!“
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 12. Juni 2017(Twin Peaks 3x06)
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