Twin Peaks 3x08

© ay the Giant be with you... / (c) Showtime
Schon die ersten Stunden des Twin Peaks-Revivals setzten auf einem recht hohen Seltsamkeitslevel ein und während die Serie sich in den letzten paar Episoden etwas bodenständiger einpendelte, war noch immer die allgegenwärtige Skurrilität zu spüren, die zu erwarten ist, wenn man David Lynch komplett das Steuer überlässt. The Return - Part 8 fühlt sich allerdings nicht nur so an, als wolle der Regisseur die Grenzen des im TV zumutbaren sprengen, die Episode wirkt, als sollte sie das Fernsehen mit einem monströsem Mindfuck von Innen heraus pulverisieren. Das gelingt auch beinahe, auch wenn sich die Geister an dieser Stelle so heftig wie selten zuvor scheiden werden.
Fans der Serie, die wenig mit Lynchs übriger Filmografie anfangen können (oder vielleicht gerade noch mit gesetzteren Einträgen wie „Blue Velvet“) werden von der gnadenlosen Bilder- und Geräuschflut womöglich überfordert sein. Wer hingegen seine surrealeren Werke wie „Eraserhead“ zu schätzen weiß, wird nach dieser Episode das Bedürfnis verspüren, sich während des Abspanns für stehende Ovationen vom Sofa zu erheben. Ganz gleich, zu welcher Gruppe man sich zählt, es kann in jedem Fall darüber gestaunt werden, dass dieses Material mit dem Prädikat besonders gaga es überhaupt ins Fernsehen geschafft hat.
Something I want
Die erste Überraschung steht während der in Farbe gehaltenen, aber äußerst dunklen Einstiegsszene an, in welcher Mr. Cooper (Kyle MacLachlan) und Ray (George Griffith) sich auf der Flucht befinden. Ray hat gewisse Informationen, die Cooper benötigt und will sich diese etwas kosten lassen, weshalb es schnell danach aussieht, als würden wir uns bald von Ray verabschieden. Schließlich ist mit dem bösen Cooper nicht gut Kirschkuchen essen. Doch als er seinem Gefährten den Garaus machen will, stellt sich heraus, dass Ray doch mehr auf dem Kasten hat, mit Phillip (Jeffries?) in Kontakt steht und mehr über die übernatürlichen Lodge-Angelegenheiten weiß als bisher angenommen.
Cooper wird erschossen, was eine ganze Horde der rußschwarzen Vagabunden beziehungsweise Holzfäller auf den Plan ruft, die sich schon vorher ein paar Mal haben blicken lassen. Sie extrahieren eine Kugel mit dem Gesicht von BOB (Frank Silva) aus seinem Körper und verarzten ihn mit einem bizarren Ringelreihetanz. Eine Szene, die durch einen Roadhouse-Auftritt der Band Nine Inch Nails unterbrochen wird, die bereits am Soundtrack des Lynch-Films „Lost Highway“ beteiligten waren. In Bezug auf den weiteren Verlauf der Episode sind vor allem die Lyrics ihres Songs „She's Gone Away“ interessant. Da heißt es:
A little mouth opened up inside
Yeah I was watching on the day she died
We keep licking while the skin turns black
Cut along the length, but you can't get the feeling back.
White Sands
Mit Coopers BOBloser Wiederauferstehung betreten wir die größtenteils schwarz-weiße Odyssee durch den Rest der Episode, die mit einem Ausflug zum Trinity-Atomtest im Jahr 1945 beginnt, wo die erste Atomexplosion zum Portal einer gewaltigen Bilderflut wird: Feuer, Feuer und nochmals Feuer in allen möglichen Formen und Farben - eines der häufigsten Lynch-Motive. Mit den Flammen schreiten wir schließlich zum Convenience Store, über welchem laut MIKE (Al Strobel) einst er und BOB lebten, wie Cooper damals in seinem Traum erfuhr. Im Film „Fire Walk with Me“ besuchten wir diesen Raum ein Mal, als Phillip Jeffreys (David Bowie) davon berichtete, wie die Lodge-Bewohner ein Meeting abhielten, um das Schicksal von Laura Palmer (Sheryl Lee) zu verhandeln.

Die graue Figur, die in der Glasbox in New York erschien und in den Credits als „Experiment“ (Erica Eynon) bezeichnet wird, entlässt in einer äußerst bizarren Sequenz einen Schwall Eier aus ihrem Mund, unter denen sich auch die BOB-Kugel befindet. Ist diese Gestalt gleichzeitig die „Mutter“ aus dem violetten Raum?
Der Riese aka ??????? (Carel Struycken) und eine weitere Lodge-Bewohnerin, die der Abspann als Senorita Dido (Joy Nash) identifiziert, werden auf diesen Prozess aufmerksam und schreiten in einer unsagbar schönen Szene ein. Während der gemächliche Gigant die eben Gesehene als Replay in seinem Kino (womöglich in der White Lodge) ansieht, entlässt auch er eine Substanz, aus welcher eine goldene Kugel entspringt, die das Antlitz Lauras trägt und durch die Leinwand auf die Erde entsandt wird.
Got a light?
Elf Jahre nach dem Atomtest, im Jahr 1956, schlüpft in der Wüste von New Mexico eine Froschfliege aus einem Ei, während einer der dunklen Holzfäller (Robert Broski) eine Radiostation überfällt, um seine eigene, unheimliche Übertragung über den Äther zu schicken, die vermutlich nicht von ungefähr an MIKEs „Fire Walk with Me“-Gedicht aus der Originalserie erinnert:
This is the water and this is the well
Drink full and ascend
The horse is the white of the eyes
And dark within.
Die Radioübertragung lässt seine Zuhörer einschlummern. Unter ihnen ein Mädchen (Tikaeni Faircrest), das gerade seinen vermutlich ersten Kuss erhalten hat und im Schlaf seinen Mund öffnet, um dem Fliegenfrosch Einlass zu gewähren.

Ein weißes Pferd war stets das Symbol für die Narkose, unter die Lauras Mutter Sarah Palmer (Grace Zabriskie) gesetzt wurde, wenn Leland/BOB sich an der Tochter verging und als er Cousine Maddy ermordete. Handelt es sich bei dem Mädchen um Sarah und ist der Junge (Xolo Mariduena) ein junger Leland (Ray Wise)? Kämpfen die Lodge-Bewohner beider Seiten noch immer (oder damals schon) um Lauras Seele? Oder wurde sie als Gegengewicht zum bösen BOB erschaffen und besaß deshalb schon zu Lebzeiten übernatürliche Fähigkeiten einer Heiligen, die sich teilweise auf ihre Kleidung übertragen haben?
Möglich ist auch, dass Lodge-Laura eine ganz eigene Schöpfung ist (denken wir an Dougie und die Goldkugel) und die Aussage des kleinen Mannes in Coopers Traum („She's my cousin, but doesn't she look almost exactly like Laura Palmer?“) wörtlich zu verstehen ist. Als Abkömmling des einarmigen MIKE wäre der Zwerg/Arm wirklich ihr Cousin, sofern MIKE und der Riese Brüder sind und Laura die Kreation beziehungsweise der Avatar des anderen darstellt.
Fazit
Das „Lynch-Heroin“, das Senderchef Nevins uns im Vorfeld versprochen hat, ist in The Return - Part 8 um einiges stärker dosiert als bisher, was das Rezensieren des vorliegenden Mindfuck-Materials nicht unbedingt leichter macht. Was hier auf der Handlungsebene vor sich geht und beschrieben werden kann, ist zu diesem Zeitpunkt (selbst als Hardcorefan) nur schwer zu dechiffrieren. Ganz entschieden geht es hier aber hauptsächlich um die audiovisuelle Ebene, auf welcher David Lynch sich eine Stunde lang ungezügelt austobt.
Natürlich sind dies genau jene Eskapaden, für welche der Filmemacher bei vielen verschrien ist. Volle fünf Minuten stilisiertes Atomfeuerwerk mitten in der Episode, die lähmende Gemächlichkeit, mit welcher sich der Riese durch sein Domizil bewegt, die unerlässliche Repetition der poetisch-bedrohlichen Radioübertragung - all das ist starker Tobak, mit dem verständlicherweise nicht jeder etwas anfangen kann und mit welchem wir endgültig jenseits irgendeiner Art von leicht verdaulichem Serienmainstream schwimmen.
Lynch-Junkies hingegen, die vor allem die abstruseren Momente seiner Filmograpfie zu schätzen wissen, haben auf genau diesen Fix gewartet und werden mit einer sämtliche Regeln links liegen lassenden Episode belohnt, die glatt an Besuche bei der Hamsterbackenfrau aus der Heizung oder im Club Silencio herankommt.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 26. Juni 2017(Twin Peaks 3x08)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?