Twin Peaks 3x03

Twin Peaks 3x03

Der nächste Satz Twin Peaks-Doppelepisoden ist wieder kurz davor uns den Verstand zu rauben, bringt neben esoterischen Elementen aber auch viele altbekannte Gesichter und eine deftige Portion Klamauk mit.

David Lynch in seiner eigenen Serie / (c) Showtime
David Lynch in seiner eigenen Serie / (c) Showtime
© avid Lynch in seiner eigenen Serie / (c) Showtime

Nachdem die zweistündige Premiere uns bis auf eine vage Vermutung, worauf wir uns mit dem Twin Peaks-Revival eingelassen haben, nur wenige Anhaltspunkte gab, in welche Richtung David Lynch und Mark Frost in ihrer neuen Showtime-Serie wollen, gehen die Episoden The Return - Part 3 und The Return - Part 4 ans Eingemachte der Serienmythologie und berufen sich umso mehr auf obskure Referenzen, vor allem in Bezug auf den Prequel-Film. Darüber hinaus hören wir diese Woche vermehrt von alten Bekannten, während Cooper planlos seine wortkarge Odyssee fortsetzt und die Serie sich ihrer komischen Seiten erinnert.

Blue Rose

Ehe es erneut zu Szenen im roten Raum kommt, landet Dale Cooper (Kyle MacLachlan) nach seinem Abstecher in der New Yorker Glasbox in einer neuen, unwirklichen Szenerie, die wir den violetten Glitch-Raum nennen könnten. Hier begegnet er einer sich abgehackt bewegenden Frau mit zugewachsenen Augen, die Cooper aus dem Raum hinaus ins Weltall begleitet und dort nach dem Umlegen eines Hebels ins Nichts hineinfällt. Danach erscheint ein riesiger Kopf, der die Worte „Blue Rose“ von sich gibt, ehe Cooper zurück im Raum von einer im Black-Lodge-Stil sprechenden Frau dazu angehalten wird, sich zu beeilen, ehe die an die Tür klopfende Mutter hereinkommt. Cooper verabschiedet sich schließlich durch eine Art Sicherungskasten, was Evil Cooper dazu bringt, Maiscreme zu erbrechen. Der gute Cooper nimmt daraufhin den Platz eines Mannes namens Dougie Jones ein, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist und im Gegenzug in der Black Lodge verschwindet, wo er sich in eine goldene Kugel verwandelt.

Diese abgefahrenen Aspekte der Serie können zum einen ausschließlich als Quelle beziehungsweise Ausrede für herrlich surreale Bilder verstanden werden, die man einfach auf sich wirken lässt. Andererseits scheinen Lynch und Frost dieses Mal verstärkt an den einzelnen Elementen der verschwurbelten Mythologie als plot devices mit bestimmten Mechanismen interessiert zu sein, die man als „Twin Peaks“-Nerd im Sinne einer übernatürlichen Dramaserie mit Fantasy-Elementen auseinandernehmen und analysieren könnte. Und wo, wenn nicht an dieser Stelle? Let's rock!

Showtime
Showtime - © Showtime

Nicht wenige Fans der Originalserie wird die Frau mit den verschlossenen Augen an das Gedicht des Einarmigen (Al Strobel) erinnern: „Through the darkness of future past, the magician longs to see. One chants out between two worlds: Fire walk with me!“ Ein Magier (oder eine Magierin), die sich danach sehnt zu sehen? Des Weiteren finden sich in den Räumlichkeiten zwei Elektro-Kästen mit den Zahlen 15 und 3, deren Font der 6 auf einem Strommast im Prequel-Film „Twin Peaks: Fire Walk With Me“ ähnelt und indirekt die Vermutung, Lodge-Bewohner könnten sich via Elektrizität fortbewegen, bestätigt.

Cooper nahm damals das Verschwinden des FBI-Agenten Chester Desmond (Chris Isaak) unter die Lupe, der den Mord an Teresa Banks (Laura Palmers Vorgängerin) als Teil eines sogenannten Blue-Rose-Falls untersuchte. Ein von FBI-Chief Gordon Cole (David Lynch ) eingeführter Code für Fälle, die mit jenen unerklärlichen Phänomenen zu tun haben. Sozusagen die X-Akten des FBI in „Twin Peaks“. Später realisieren Gordon und Forensik-Spezialist Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) in einer blau getränkten Szene, mit was sie es angesichts der Rückker von (Evil) Cooper zu tun haben. Oder wie Gordon treffend sagt: „It doesn't get any bluer.

Garmonbozia

Im Film stellt Donna (Moira Kelly) ihrer Freundin Laura die seltsame Frage, wie es sich wohl anfühlen würde, im Weltall zu fallen, worauf Laura (Sheryl Lee) eine eigenartig spezifische Antwort hat: „Faster and faster. And for a long time you wouldn't feel anything. And then you'd burst into fire. Forever.“ Sofern Cooper sich während seines Space-Walks im Inneren der Maschine befindet, stellt sich die Frage, ob Laura vor ihrem Tod und während ihrer Abstecher in die Lodge, ebenfalls mit diesem Phänomen zu tun hatte und ob das mysteriöse Gerät schon damals im Spiel war.

Was ihr und Teresa ebenfalls widerfuhr, ist die Taubheit im Arm, wie sie Dougie kurz vor seiner Entrückung erlebt. Wie die beiden Mordopfer, trägt nämlich auch er den grünen Eulenring des Einarmigen alias MIKE, der Laura damit an sich band und garantierte, dass er ein Anrecht auf all ihr Garmonbozia hatte. So wird im roten Raum die Schmerz und Leid repräsentierende Maiscreme genannt, die hier auf äußerst unappetitliche Weise gleich doppelt auftritt und für Menschen äußerst toxisch zu sein scheint.

Der Doppelgänger Dougie öffnet allerdings noch eine viel größere Kanne Würmer, wenn wir an Lodge-Lauras Aussage aus dem Auftakt denken: „I am dead yet alive.“ Könnten wir es selbst in der Realität (im Gegensatz zur Black Lodge) mit weiteren Personen zu tun bekommen, die längst verstorben sind? Wird so am Ende noch die Erscheinung von Lauras Zwillings-Cousine Maddy erklärt? Könnte sogar die gesamte Grundsäule der Serie, der Tod von Laura Palmer, revidiert werden? Nichts ist mehr sicher, so viel ist klar.

Showtime
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Frustrierend gestalten sich Coopers Szenen, nachdem er den Platz von Dougie eingenommen hat, was niemand - weder die Sexarbeiterin Jade (Nafessa Williams) noch seine Frau Janey-E (Naomi Watts) - zu bemerken vermag. Es ist aber nicht nur der Frisuren- und Kleidungswechsel. Offensichtlich haben 25 Jahre in der Black Lodge erhebliche Auswirkungen auf Geist und Psyche, weshalb der einst so scharfsinnige FBI-Agent wie ein Pflegefall durch seine Szenen schlurft und nur aufgeschnappte Wortfetzen von sich gibt. Irgendwie landet er schließlich in einem Casino, wo er mit Schwarzhüttenunterstützung an mehreren einarmige (!) Banditen den Jackpot abräumt. Das Ganze spielt sich wie eine überdrehte Verwechslungskomödie aus den 80er-Jahren ab und darf gern demnächst (mit einem Schlag auf den Kopf oder sonstigen Hilfsmitteln) beendet werden.

Abseits des extrastarken Tobaks, der mit einer Mischung aus faszinierenden wie verwirrenden Bildern und einer Anhäufung von Referenzen sowohl absolute Lynch-Fan-Wonne als auch Kopfschmerzen bereitet, geht es vor Ort in Twin Peaks etwas leichtherziger zu. Deputy Chief Hawk (Michael Horse) ist mit Lucy (Kimmy Robertson) und Andy (Harry Goaz) weiterhin auf der Suche nach dem laut Log Lady fehlenden Stück in den Akten des Palmer-Falls, wobei die Schokoladenhäschen aus der Pilotepisode ins Spiel kommen. Wie immer bringt Hawk selbst angesichts des erschreckend niedrigen Durchschnitt-IQs im Raum die Geduld eines Heiligen auf und kommentiert selbst Lucys glorreiche Feststellung, dass er ein „Indianer“ sei, gelassen lakonisch. Classic Hawk.

True Truman

In Episode vier lernen wir endlich auch den neuen Sheriff kennen und erfahren, dass es sich um Frank Truman handelt, den nie erwähnten Bruder von Harry S. Truman (Michael Ontkean). Ein weiterer Kreis, der sich schließt, denn Schauspieler Robert Foster war ursprünglich für die Rolle des Sheriff Truman in der Originalserie angedacht. Gemeinsam mit ihm machen wir die bizarre Bekanntschaft dessen, was die Liebe von Lucy und Andy (oder doch Dick?) hervorgebracht hat. Ein Ergebnis, welches in Gestalt von Michael Cera daherkommt, der als Wally Brando eine poetisch lispelnde Parodie auf Marlon Brando aus dem Film „The Wild One“ zum Besten gibt. Coopers WTF-Szenen in Space in allen Ehren, aber wer nach dieser Kostprobe erst einmal eine Verschnaufpause benötigt, hat meinen Segen.

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Der größte Schocker kommt allerdings in Uniform und heißt Deputy Bobby Briggs. Jawohl, Bad Boy Bobby hat es nach all seinen Drogengeschäften in den Polizeidienst verschlagen. Dabei hat sich Dana Ashbrook zum Glück sein ausdrucksstarkes Schauspiel beibehalten, das Miguel Ferrer einst mit William Shatner verglich. Das zeigt sich sogleich, als er die hervorgekramten Beweismittel mit den Fotos seiner toten Freundin Laura zu Gesicht bekommt. Ein tränenreicher Moment, der passenderweise mit dem klassischen „Laura Palmer's Theme“ von Komponist Angelo Badalamenti unterlegt wurde.

Wieder gefasst erfahren wir und die Ermittler von Deputy Briggs (klingt immer noch komisch), dass Cooper die letzte Person war, die seinen Vater, Lodge-Forscher und -Besucher Major Garland Briggs (damals Don Davis), lebend sah, ehe der spirituelle Militärmann bei einem Feuer ums Leben kam. Könnte es sich bei ihm um Teil des Leichenpuzzles aus South Dakota handeln?

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Der grausame Tod des Pärchens in New York wird unterdessen vom dynamischen FBI-Duo Gordon Cole und Albert Rosenfield untersucht, die am Ende auch mit dem hochgenommenen Schatten-Cooper wiedervereint werden, dessen Erscheinung durch die künstlich heruntergeregelte Stimme nicht weniger schaurig wird. Wie wohl die meisten Zuschauer bis zu diesem Punkt müssen sich die alteingesessenen Ermittler eingestehen, überhaupt keinen Durchblick in der Gesamtangelegenheit zu haben, auch wenn es definitiv nach blauer Rose duftet.

Fazit

Die dritte Staffel von Twin Peaks findet in der dritten und vierten Folge zur Balance aus verstörend, dramatisch und ulkig zurück, die wir aus der Originalserie gewöhnt sind und lässt viele bekannte Gesichter auf den Bildschirm zurückkehren. Zu den Highlights zählen David Lynch, der vor der Kamera als FBI Deputy Director den Eindruck vermittelt, als wüsste er genau, was er hinter der Kamera in den restlichen Episoden vor hat, der von uns gegangene Miguel Ferrer in seinem letzten und nach wie vor brillanten Auftritt als Sarkasmus-Kanone Albert Rosenfield und nicht zuletzt David Duchovny als Denise Bryson. Damals als DEA-Agent und Transvestit vorgestellt, identifiziert sie nun vollkommen als Transfrau und hat es beim FBI bis zum Chief of Staff gebracht. Ein Auftritt, der weit oben auf dem Wunschzettel stand.

Die gleichermaßen spannenden Mordfälle aus Twin Peaks, New York und South Dakota rücken langsam zusammen und lassen in Verbindung mit den Coopers einiges an Vermutungen aufkommen, obwohl eine Art Durchblick noch weit entfernt ist. Ein wenig Sorge macht nach wie vor der übermäßige Einsatz von Red-Room-Szenen und die unentwegte Erweiterung der immer weniger abstrakt aber überladen erscheinenden Mythologie. Nicht jedes Mystery-Element aus der Urserie benötigt eine Erklärung, nicht jedes Wesen eine Origin-Story. Wir sind hier schließlich bei Twin Peaks, nicht im „Alien“-Franchise.

Ab kommender Woche geht es mit verdaulicheren Happen in Einzelepisoden weiter. Vielleicht erfahren wir dann endlich, was Dr. Jacoby (Russ Tamblyn) mit seinen goldenen Schaufeln im Schilde führt.

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Verfasser: Mario Giglio am Montag, 29. Mai 2017
Episode
Staffel 3, Episode 3
(Twin Peaks 3x03)
Deutscher Titel der Episode
Teil 3
Titel der Episode im Original
The Return - Part 3
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 28. Mai 2017 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 1. Juni 2017

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