Twin Peaks 3x01

© ückkehr nach „Twin Peaks“ / (c) Showtime
Das Revival der 90er-Jahre-Mysteryserie Twin Peaks wurde letzte Nacht auf die Zuschauer von Showtime losgelassen und wenn Senderpräsident David Nevins mit einem Recht hatte, dann, dass es sich bei der spät nachgereichten dritten Staffel des Serienklassikers um reines David-Lynch-Heroin handelt. Wie unzugänglich das Ganze erscheinen muss, wenn man die Details der Urserie in den letzten Jahrzehnten nicht religiös internalisiert hat, ist kaum vorstellbar, aber nicht nur Fans der Serie, sondern auch Liebhaber der Lynch-Filmografie werden den altbekannten, albtraumhaften Groove des Filmemachers wiedererkennen.
Kurz zum Kontext: David Lynch, der ursprünglich aus der Malerei kommt und in den 70er Jahren mit Film zu experimentieren begann, war für verstörende und ins Surreale abtauchende Werke wie seinen Debütfilm „Eraserhead“ und „Blue Velvet“ bekannt, ehe er gemeinsam mit TV-Autor Mark Frost das ungreifbar faszinierende „Twin Peaks“ ins Fernsehen brachte, welches Murder-Mystery, Seifenoper und Arthouse vereinte.
Nachdem der Sender ABC den Machern ab der zweiten Staffel starke Auflagen aufgezwungen hatte, wandte sich Lynch von der Serie ab und widmete sich wieder den Spielfilmen. Seine letzten beiden Kinobeiträge waren das komplett auf Digital Video gedrehte Vier-Stunden-Epos „Inland Empire“ und „Mulholland Drive“, welches 2001 aus einem nicht weiterverfolgten Serienpilot entstanden war und noch am ehesten mit dem neuen „Twin Peaks“ verglichen werden kann.

Genau das ist es, was Zuschauer, die sich an die teils gemütliche und warme Atmosphäre der damaligen Serie erinnern, enttäuschen könnte. Immerhin merkte Lynch im Vorfeld an, dass der nach der Serie gedrehte Prequelfilm „Twin Peaks: Fire Walk with Me“ eine wichtige Rolle spielen wird und auch das spärliche Promomaterial zur neuen Serie fühlte sich eher nach dem dunkleren Prequel oder eben den Lynch-Filmen an.
Auf heimelige Kirschkuchensessions im RR Diner muss also zunächst verzichtet werden und tatsächlich schadet es nicht, „Fire Walk With Me“ im Vorfeld als Hausaufgabe zu sehen, um einigermaßen bei der verschwurbelten Mythologie mitzukommen. Optional kann man sich aber auch einfach auf die Anhäufung von Seltsamkeiten einlassen und sich wie in einem Traum treiben lassen.
Good Coop, Bad Coop
„Twin Peaks“ endete damals mit der schockierenden Auflösung, dass Agent Cooper (Kyle MacLachlan) nach seiner Odyssee durch die Black Lodge aka der rote Traumraum, vom bösen Geist BOB besessen ist, der für den Mord an Laura Palmer (Sheryl Lee) verantwortlich war. Die Seele des guten Coopers residiert nach wie vor im Warteraum, wo er sich zu Beginn von The Return - Part 1 mit dem Riesen (Carel Struycken) unterhält - eine der guten Gestalten aus der Zwischendimension.
Unterdessen treibt der böse Cooper in der realen Welt sein Unwesen und ist zu einer Art Gangsterboss avanciert, wobei MacLachlan, der nicht für subtiles Schauspiel bekannt ist, sich jeden Moment als Schatten-Cooper auf der Zunge zergehen lässt. Seine langen Haare signalisieren die symbiotische Beziehung mit BOB, während sein gefährliches Auftreten Erinnerungen an Dennis Hoppers Filmschurken aus „Blue Velvet“ wachruft und sein Schlangenlederhemd der berühmten Jacke von Nicolas Cage aus „Wild at Heart“ ähnelt. Die Referenzen stapeln sich regelrecht.

Was genau Teil seiner Agenda ist, für die er in den ersten beiden Episoden über mehrere Leichen geht, ist nicht ganz klar, aber wie sollte es auch anders sein? Deutlich wird, dass der böse Cooper sich mit dem damaligen Lodge-Besucher Major Briggs (mittlerweile verstorben: Don Davis) traf, mit Philip Jeffreys (David Bowies Rolle im Prequelfilm) in Verbindung stand und eine weitere Partei erneut mit BOB vereint werden will (vielleicht der einarmige Mann alias MIKE?).
Unterdessen ist der gute Cooper bemüht, die Black Lodge zu verlassen und trifft dabei unter anderem auf die neue Gestalt des kleinen Man from Another Place (Michael J. Anderson stand mit seinen Tanzkünsten nicht für den Dreh zur Verfügung): Er wurde zu einem der Sycamore Trees, die üblicherweise den Eingang zur Lodge in der Waldlichtung Glastonbury Grove umgeben.
Die seltenen Szenen im roten Raum zählen zu den Highlights der Classic-Serie und werden hier etwas inflationär verwendet. Nicht zuletzt, um Serienfiguren von damals noch einmal auftreten zu lassen. So sind nicht nur der Einarmige (Al Strobel) und der einst von BOB besessene Leland Palmer (Ray Wise) mit von der Partie, auch Laura (Sheryl Lee) tritt in einem Spiegelbild der ersten Roten-Raum-Szene mit Teilen desselben Dialogs auf, ehe sie brutal fortgerissen wird und einen ihrer ins Mark gehenden Schreie hinterlässt.
Dies ist aus mehreren Gründen problematisch. Zum einen hatte Laura im Epilog des Prequelfilms endlich ihre Erlösung und somit das Ende ihres Handlungsbogens erreicht und zum anderen: Warum sollten die Geister und Lodge-Bewohner gealtert sein? Zugegebenermaßen fällt es schwer, die Auftritte trotz des schamlosen Fanservice nicht doch irgendwie abzufeiern.

Coopers (COOPOBs?) finstere Machenschaften werden mit einem mysteriösen Mordfall in Buckhorn, South Dakota in Verbindung gebracht, wo ein skurriles Leichenpuzzle mit dem Kopf einer gewissen Ruth Davenport aufgefunden wird. Als Hauptverdächtiger kommt dank zahlreicher Fingerabdrücke sofort der Schuldirektor Bill Hastings (Matthew Lillard) infrage, der sich nur erinnert, im Traum zu seiner heimlichen Geliebten gegangen zu sein. Im Gefängnis erscheint schließlich eine von vielen unheimlichen Albtraumgestalten, die vermutlich einige an den mysteriösen Obdachlosen hinter dem Diner aus „Mulholland Drive“ erinnern wird. Weitere Markenzeichen des Filmemachers, wie flackernde Lampen, dürfen natürlich ebenso wenig fehlen wie die Erwähnung von Kaffee.
Mystery Box
Das spannendste neue Setting stellt ein Raum in New York City dar, in dem ein junger Mann namens Sam (Ben Rosenfield) von einem unbekannten Milliardär beauftragt wurde, eine eigenartige Maschine, die an eine Glasbox angeschlossen ist, zu beobachten, während seine Freundin Tracy (Madeline Zima) verdächtig darauf erpicht ist, ihn auf der Arbeit zu besuchen. Als sie endlich Einlass erhält und mit ihrem Freund intim wird, taucht eine verzerrte Horrorgestalt in der Box auf und zerfleischt das Paar brutal. Später werden wir Zeugen, wie der gute Cooper wenige Momente zuvor von der Black Lodge in die Box gereist ist. Was zur Hölle beziehungsweise schwarzen Hütte hier los ist, wird wohl in den übrigen 16 Stunden aufgeklärt werden. Oder auch nicht.

Dass Lynch während der Planung der Serie auf die Barrikaden ging, weil er mit nur neun Stunden nicht ausgekommen wäre, um seine Geschichte zu erzählen, leuchtet angesichts der gemächlichen Präsentation durchaus ein. Wie immer lässt er die Kamera stets einen Moment zu lang auf den Szenen verweilen. Länger als man es gewohnt ist und länger als es natürlich, angenehm oder angemessen erscheint.
Wir erinnern uns zum Beispiel an den sich langsam dahinschleppenden Hotelwärter aus der Originalserie. Der düstere Klangteppich von Komponist Angelo Badalamenti und das wummernde Sounddesign, das von Lynch selbst stammt, der sich in den letzten zehn Jahren auch an experimenteller Musik versucht hatte, tun ihr Übriges, um die gewohnte Albtraumatmosphäre zu schaffen, die sich längst das eigene Adjektiv lynchian verdient hat.
Natürlich bleiben Ausflüge zu alten Bekannten aus Twin Peaks nicht aus. Dr. Jacoby (Russ Tamblyn) bekommt eine verdächtige Ladung Spaten geliefert, die Horne-Brüder Ben (Richard Beymer) und Jerry (David Patrick Kelly) managen nach wie vor das Great Northern Hotel, Shelly (Mädchen Amick) sitzt mit Freundinnen im Road House, in dem wir erfahren, dass sie eine Tochter namens Becky hat (es wird nicht verraten, mit wem...), James ist offenbar nicht mit Donna zusammengeblieben und auch die vom Schicksal gebeutelte Sarah Palmer (Grace Zabriskie) lässt sich kurz blicken.
Im Twin Peaks Sheriff's Department halten nach wie vor die gute, wenn auch unterbelichtete Seele Lucy (Kimmy Robertson) und ihr Andy (Harry Goaz) die Stellung, deren Sohn Wally mittlerweile erwachsen ist. Sheriff Truman fällt aus Krankheitsgründen aus (Michael Ontkean spielt nicht im Revival mit), weshalb Hawk (Michael Horse) nun für Recht und Ordnung sorgt.
Mit Abstand am meisten unter die Haut geht der Auftritt der Log Lady, Margaret Lanterman, deren Schauspielerin Catherine E. Coulson kurz nach ihren Dreharbeiten verstarb und hier als geschwächte Frau mit Schläuchen in der Nase erscheint. Ihr und Frank Silva, der damals vom Requisiteur zur Horrorgestalt BOB avancierte und bereits Mitte der 90er verstarb, ist diese Doppelfolge gewidmet, wie wir am Ende erfahren, wenn nicht Julie Cruise, sondern die Band Chromatics auf der Roadhouse Bühne steht und ihren verträumten Electro-Pop-Song „Shadow“ zum Abspann beisteuert.
Fazit
Twin Peaks ist mit zwei kompromisslosen Stunden voller Überraschungen und neuen Mysterien auf die Bildschirme zurückgekehrt, die mehr an die übrige Filmografie von David Lynch als an die Urserie erinnern. Vor allem Fans von „Blue Velvet“, „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ werden auf ihre Kosten kommen und einige Querverweise und Stilmittel wiedererkennen. Serienfans müssen sich dementsprechend auf ein höheres Maß von Gewaltdarstellungen einstellen.
Das Schauspiel der gewohnt skurrilen Charaktere ist wieder durch die Bank weg unnatürlich und übertrieben - genau so, wie es sein muss, um die unwirkliche Traumatmosphäre in zum Teil zu lang anmutenden Szenen zu erzeugen. Authentisch oder gewöhnlich wirkt hier nichts und auch die teils abgehackte Struktur folgt keiner Regel des eleganten Geschichtenerzählens oder Schnitts. Vielmehr wirkt es so, als habe Lynch 18 Stunden fortlaufendes Material gedreht, das nur gezwungenermaßen von einem Ab- und Vorspann unterbrochen wird. Für Kenner ein längst überfälliger Fix, für Uneingeweihte ein vermutlich kaum nachvollziehbares Durcheinander.
Der Fanservice wird großgeschrieben und man darf sich fragen, ob es wirklich eine gute Idee ist, eine Serie über die genaueren Mechanismen der Black Lodge zu machen (wenn das überhaupt die Richtung ist, in die wir gehen). Im Gegensatz zum The X-Files-Revival von Chris Carter trieft das neue „Twin Peaks“ aber geradezu vor künstlerischer Integrität und einer Vision, die wie damals jenseits gängiger Fernsehkonventionen zu operieren scheint und nach den viel zu kurz anmutenden Debütstunden gierig auf Nachschub macht. It is happening again, indeed.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 22. Mai 2017Twin Peaks 3x01 Trailer
(Twin Peaks 3x01)
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