Twin Peaks 2x22

Twin Peaks 2x22

Die zweite und Anfang der 90er vorerst letzte Staffel von Twin Peaks konnte das Versprechen der ĂŒberragenden ersten Season aus verschiedenen GrĂŒnden nicht einlösen. Was schief lief und was trotzdem funktioniert in unserem Staffelreview.

Ist die zweite Staffel von „Twin Peaks“ kalter Kaffee? / (c) ABC
Ist die zweite Staffel von „Twin Peaks“ kalter Kaffee? / (c) ABC
© st die zweite Staffel von „Twin Peaks“ kalter Kaffee? / (c) ABC

Die erste Staffel von Twin Peaks war ein ĂŒberraschend auf der BildflĂ€che erscheinendes, wichtiges Fernsehereignis, das Anfang der 90er-Jahre neu definierte, was im TV möglich war, indem mit David Lynch ein Hauch Arthouse in das Medium getrĂ€ufelt wurde. Nach dem bahnbrechenden Pilotfilm und den sieben Episoden der ersten Season war der popkulturelle Hype um die Serie auf einem Höhepunkt und die Cliffhanger-Flut der Finalepisode The Last Evening (1x08) hatte viele Fragen offen gelassen. Wer erschoss Agent Cooper (Kyle MacLachlan)? Welche Charaktere haben ĂŒberlebt? Und vor allem nach wie vor: Wer tötete Laura Palmer (Sheryl Lee)? Eine Frage, die Lynch und sein Co-Autor Mark Frost am liebsten nie aufgeklĂ€rt hĂ€tten. „That mystery was sacred“, lamentierte Lynch viel spĂ€ter. Doch das Network ABC konnte es nicht lassen, sich einzumischen, was „Twin Peaks“ nach der viel lĂ€ngeren zweiten Staffel zum James Dean unter den Serien machte, wie Hawk-Darsteller Michael Horse es ausdrĂŒckte. Ein kurzes Leben auf der Überholspur.

Giants and Lonely Souls

Dabei fing zu Beginn der zweiten Staffel alles so vielversprechend an. Lynch nahm fĂŒr die spielfilmslange Episode May the Giant Be with You (2x01) wieder auf dem Regiestuhl platz und legte einen Staffelstart hin, der die losen FĂ€den wiederaufnahm und gleichzeitig seinem eigenwilligen Stil treu blieb. So wird der angeschossene Cooper in einer sich geradezu aberwitzig hinziehenden Szene von einem senilen Hotelkellner (Hank Worden) besucht, der die Situation nicht zu durchdringen scheint, ehe ihm ein aus dem Nichts erscheinender Riese (Carel Struycken) Hinweise zur Mordermittlung hinterlĂ€sst. Eine der unheimlichsten Szenen der gesamten Serie ereignet sich am Ende der Episode, wenn in einem von Komapatientin Ronette (Phoebe Augustine) erlebten Flashback der Mord an Laura im Wagon gezeigt wird. Wie der langhaarige BOB (Frank Silva) die junge Frau maltrĂ€tiert ist jedoch nicht das Horror-Highlight dieser Szene. Vielmehr ist es Laura selbst, die wie vom Teufel besessen als vampirisches Monster erscheint.

Besuch vom Riesen (Carel Struycken)
Besuch vom Riesen (Carel Struycken) - © ABC

BOB bekommt in den folgenden Episoden noch genĂŒgend Gelegenheit, sich als eine der unheimlichsten Serienerscheinungen zu etablieren. Zum Beispiel wenn er Maddy heimsucht, die weiterhin mit Donna (Lara Flynn Boyle) und James (James Marshall) auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Von Major Briggs (Don Davis), der beim MilitĂ€r auch fĂŒr streng geheime UFO-Forschung zustĂ€ndig ist, erhĂ€lt Cooper schließlich eine Nachricht aus dem All, die den gruseligen Mann mit den allgegenwĂ€rtigen Eulen in Verbindung bringt. Eines der berĂŒhmtesten Zitate der Serie: „The owls are not what they seem.

WĂ€hrend Cooper, Sheriff Truman (Michael Ontkean) und die MĂ€nner der Geheimorganisation The Bookhouse Boys zunĂ€chst mit der Rettung Audreys (Sherilyn Fenn) aus dem Bordell One Eyed Jacks beschĂ€ftigt sind, wird das Donna-James-Maddy-Trio durch einen Hinweis der Log Lady (Catherine E. Coulson) bald auf den zurĂŒckgezogen lebenden Harold Smith (Lenny von Dohlen) aufmerksam, den Laura wĂ€hrend ihrer Zeit beim Meals-on-Wheels-Programm kennenlernte. Ihm vertraute sie noch dunklere Geheimnisse als ihrem Therapeuten Dr. Jacoby (Russ Tamblyn) und sogar ihr geheimes Tagebuch an, das vor allem auch Benjamin Horne (Richard Beymer) als ihren Liebhaber impliziert und zum HauptverdĂ€chtigen macht.

It is happening again...

Die erzwungene Auflösung erfolgt bereits in der Episode Lonely Souls (2x07), als Maddy im Begriff ist, Twin Peaks zu verlassen und in einer ungewohnt brutalen Szene von Leland Palmer (Ray Wise) ermordet und wie ihre Zwillings-Cousine in Plastik gewickelt wird. Wie sich herausstellt, ist Lauras Vater seit seiner Kindheit von dem Geisterwesen BOB besessen und tötete nicht nur die Prostituierte Teresa Banks, sondern auch seine Tochter, nachdem diese sich weigerte, zum nĂ€chsten GefĂ€ĂŸ fĂŒr BOB zu werden. Schauspieler Ray Wise, der seit dem Pilotfilm ohne ZurĂŒckhaltung den durchgedreht trauernden Vater darbot, durfte die gesamte zweite Staffel lang einen Gang zulegen, nachdem Lelands Haare ĂŒber Nacht grau wurden. Selten war er nicht tanzend oder singend vorzufinden und stiehlt nach der schockierenden Auflösung erst Recht die Show.

Der Killer wird enthĂŒllt.
Der Killer wird enthĂŒllt. - © ABC

Leider können wir diese Darbietung nur zwei Episoden lang genießen, denn dank der Hinweise des einarmigen Mannes (Al Strobel) und nicht zuletzt der UnterstĂŒtzung des Riesen, erinnert sich Cooper in der Folge Arbitrary Law (2x09), wĂ€hrend eines im Roadhouse inszenierten Showdowns, an seinen Traum aus der ersten Staffel und daran, was Laura ihm in sein Ohr flĂŒsterte: „My father killed me.“ Leland wird kurzerhand Dingfest gemacht, ehe BOB seinen Körper tödlich verletzt und ihn mit der Realisation, was er getan hat, in Coopers Armen sterben lĂ€sst. Eine wahrlich unter die Haut gehende Szene, der trotz aller BegleitumstĂ€nde einen der aufrichtig emotionalen Momente der Serie darstellt.

Das zentrale Mysterium der Serie wurde somit aufgeklĂ€rt und Cooper kann Twin Peaks theoretisch verlassen. Es gibt nur einen Haken: Es sind noch 13 Episoden ĂŒbrig...

Das dunkle Tal

Auch wenn die erste HĂ€lfte der zweiten „Twin Peaks“-Staffel (bis zur Auflösung des Palmer-Falls) noch absolut packend ist, schleichen sich Ă€rgerlicherweise schon frĂŒh Handlungsbögen ein, welche die qualitativ minderwertige zweite HĂ€lfte der Season ausmachen. Speziell der alberne Schwangerschafts-Subplot um Lucy (Kimmy Robertson), Deputy Andy (Harry Goaz) und Herrenausstatter Dick Tremayne (Ian Buchanan), die nach ihrem Suizidversuch entwickelten SuperkrĂ€fte und Amnesie von Nadine (Wendy Robie) und ganz besonders Catherine Martell (Piper Laurie), die sich nach ihrem vermeintlichen Tod im brennenden SĂ€gewerk mit falschem Akzent und Yellowface-Verkleidung als japanischer GeschĂ€ftsmann ausgibt, möchte man am liebsten verdrĂ€ngen.

Nach dem Sprung ĂŒber den sprichwörtlichen Hai gesellen sich weitere schwer ertragbare Storylines hinzu, um sich irgendwie bis ans Staffelende zu retten. James flieht von Maddys Tod erschĂŒttert in eine Nachbarstadt, wo er in das Mordkomplott der misshandelten Femme fatale Evelyn Marsh (Annette McCarthy) verwickelt wird, Lucys MĂ€nner nehmen das Waisenkind Little Nicky unter ihre Fittiche, das womöglich seine Eltern auf dem Gewissen hat, Ben Horne verliert nach dem Zusammenbruch seines Imperiums den Verstand und hĂ€lt sich fĂŒr einen SĂŒdstaaten-General und Josie (Joan Chen) wird von ihrer Vergangenheit in Hong Kong eingeholt, nachdem herauskommt, dass ihr totgeglaubter Mann Andrew (Dan O'Herlihy) doch noch am Leben ist.

Was auf der anderen Seite als Plus verzeichnet werden kann, ist David Lynchs Auftritt vor der Kamera als Coopers schwerhöriger Kollege Gordon Cole vom FBI sowie David Duchovnys DEA Agent Dennis Bryson, der wĂ€hrend eines Undercover-Einsatzes seine Liebe fĂŒr Frauenkleidung entdeckte und nun zuweilen als Denise Bryson in Erscheinung tritt.

A Mind Like a Diamond

Die Spannung halten soll aber vor allem ein neuer Kriminalfall, der Cooper und das Twin Peaks Sheriff's Department auf Trab hĂ€lt und mit dem FBI-Agenten persönlich zu tun hat. Sein ehemaliger Partner und Mentor Windom Earle (Kenneth Welsh) ist ihm in den pazifischen Nordwesten gefolgt und hinterlĂ€sst eine Leichenspur in Twin Peaks. ZunĂ€chst sieht es so aus, als sei er lediglich auf Rache aus, nachdem Cooper und seine Frau Caroline sich ineinander verliebt hatten und Earle bereits seine Frau dafĂŒr umbrachte. Interessant wird die Angelegenheit wieder, als sich herausstellt, dass er in Wirklichkeit auf der Suche nach dem physischen Eingang zur sogenannten Black Lodge ist - die Schattenversion der White Lodge, durch die sĂ€mtliche Seelen auf ihrem Weg ins Jenseits mĂŒssen und welche wir besser als Coopers roten Traumraum kennen, in welchem sowohl der tanzende Zwerg (Michael J. Anderson) als auch BOB und der Riese leben.

Der neue Schurke Windom Earle (Kenneth Welsh)
Der neue Schurke Windom Earle (Kenneth Welsh) - © ABC

In jeder anderen Serie hĂ€tte Earle einen famosen Gegenspieler vom Kaliber eines Moriarty abgegeben. Leider trifft ihn das Schicksal, Teil von „Twin Peaks“ zu sein, wĂ€hrend der Serie spĂŒrbar die Luft ausgeht. Ein nicht unerheblicher Grund fĂŒr den großen Absturz bestand auch darin, dass David Lynch sich nach dem Network-Mandat von der Serie verabschiedete, um sich den Dreharbeiten eines Films „Wild at Heart“ zu widmen und auch Mark Frost wendete sich von seiner Kreation ab, deren Absetzung aufgrund schwindendem Zuschauerinteresse und nach einem ungĂŒnstigen Sendeplatzwechsel bald beschlossene Sache war. Andere Regisseure waren bemĂŒht, weiterhin abgedrehte Elemente in ihre Episoden einzubauen, um Lynchs Stil zu emulieren. Ein trauriger Versuch, der nicht selten wie eine schlechte Parodie auf die eigene Serie anmutete.

Dweller on the Threshold

Es gibt aber einen guten Grund, durch das dunkle Tal der zweiten Season zu wandern und bis zum Schluss durchzuhalten, denn fĂŒr die Finale Episode Beyond Life and Death (2x22) kehrten Lynch und Frost zurĂŒck, um ihre Serie höchstpersönlich in die ewigen FernsehjagdgrĂŒnde zu schicken. In dieser wieder extralangen Abschlussfolge folgt Cooper Windom Earle in die Black Lodge, um sein love interest Annie Blackburn (Heather Graham) zu retten. Dabei begegnet er den bekannten Lodge-Bewohnern und bösen DoppelgĂ€ngern wie einer erneut dĂ€monisch wirkenden Laura, ehe BOB sich in die Konfrontation mit Earle einmischt und dessen Seele verschlingt. Bob appĂ©tit.

Ein Mitbringsel aus der Black Lodge...
Ein Mitbringsel aus der Black Lodge... - © ABC

Neben einer Reihe offener Fragen bezĂŒglich des Schicksals von Figuren wie Audrey und Pete (Jack nance), die womöglich in einer Explosion ums Leben kommen und Dr. Hayward (Warren Frost), der Ben Horne körperlich angreift, nachdem dieser sich als vermeintlich echter Vater von Donna in die Familienangelegenheiten einmischt, endet die Serie auf dem dĂŒstersten aller Cliffhanger: Cooper hat Annie erfolgreich aus der Black Lodge gerettet und wird von seinen Freunden auf sein Hotelzimmer gebracht, wo er in einen Spiegel sieht und wir feststellen mĂŒssen, dass nun er von BOB besessen ist. Eine Erinnerung an das Nitzsche-Zitat: „Wer mit Ungeheuern kĂ€mpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

When this kind of Fire starts, it is very hard to put out

David Lynch legte danach seinen teuflisch unterbewerteten Prequel-Film „Twin Peaks: Fire Walk With Me“ vor, der die letzten sieben Tagen im Leben der Laura Palmer darstellt und dank der aufgehobenen Naturgesetze im roten Raum mit der Continuity spielt. Dem todgeweihten MĂ€dchen erscheint eines Nachts die in der Black Lodge gefangenen Annie, die Laura darĂŒber informiert, dass ihr zukĂŒnftiger Mordermittler in der VorhĂ€nge-Dimension feststeckt. In dieser wohnt Cooper am Ende des Films auch dem Moment bei, in welchem Laura endlich ihren Frieden findet, was der gesamten Serie trotz der bösen FinalĂŒberraschung einen versöhnlichen Abschluss schenkte.

„I%26#039,ll see you in 25 years.“
„I%26#039,ll see you in 25 years.“ - © ABC

Kommenden Sonntag, am 21. Mai 2017 erblickt das von Showtime spendierte Revival aka Staffel drei das Licht der Serienwelt und fĂŒhrt die Serie mit 18 komplett von Mark Frost und David Lynch geschriebenen und einzig und allein von Lynch gedrehten Episoden fort. BOB stehe uns bei! Ein schöner Zufall, dass Laura uns und Agent Cooper im damaligen Serienfinale prophezeite, dass wir uns in 25 Jahren wiedersehen werden.

Fazit

Es fĂ€llt schwer, die zweite Twin Peaks-Season als etwas anderes als eine derbe EnttĂ€uschung zu verbuchen, wenn man das Potential der ersten Staffel betrachtet. Vor allem bis zur Auflösung des zentralen Mordfalls stecken zwar noch viele gute Ideen und Episoden in ihr und das fulminante Serienfinale macht einiges wieder wett, trotzdem ist man an zu vielen Stellen falsch abgebogen, was nicht zuletzt auf Missmanagement von Seiten des Senders zurĂŒckzufĂŒhren ist. Geradezu schmerzhaft ist es mitzuerleben, wie Angelo Badalamentis musikalische Themen, die in der ersten Staffel so kunstvoll zum Einsatz kamen, fĂŒr Wegwerf-Storylines recycelt werden oder wie tolle Charaktere wie Audrey und Josie in hirnrissigen Handlungsbögen verbraten werden.

Twin Peaks“ ist und bleibt jedoch als PhĂ€nomen, das die Fernsehlandschaft prĂ€gte, mehr als die Summe seiner zuweilen unausgegorenen Einzelteile und wer sich darĂŒber im Klaren ist, dass die zweite Staffel ein ebenso glorreiches wie zum Teil gescheitertes Experiment darstellt, kann sie ebenso aus TV-historischer Perspektive genießen, wie zum Beispiel Lynchs teure und faszinierend gegen die Wand gefahrene „Dune“-Adaption.

Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 20. Mai 2017
Episode
Staffel 2, Episode 22
(Twin Peaks 2x22)
Deutscher Titel der Episode
Jenseits von Leben und Tod - Teil 2
Titel der Episode im Original
Beyond Life and Death
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 10. Juni 1991 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 15. Februar 1992
Autoren
Cacey Riggan, Schuster Vance, Ward Horton, Becky Southwell, Cacey Riggan
Regisseure
David Lynch, Kenny Gravino, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Twin Peaks 2x22

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