True Love 1x02

True Love 1x02

BBC Ones kleine aber sehr, sehr feine Miniserie True Love behandelt in jeder Episode eine eigene Liebesgeschichte. Die Aktuellste beleuchtet am Beispiel des Teppichhändlers Paul subtil und packend die Konsequenzen eines lieblosen Beziehungsalltags.

Paul (2.v.r.) und die Hauptfiguren der anderen Episoden von „True Love“ / (c) BBC One
Paul (2.v.r.) und die Hauptfiguren der anderen Episoden von „True Love“ / (c) BBC One

Wer ist eigentlich Paul (Ashley Walters, Sinbad, Outcasts)? Im Falle des Namensgebers der zweiten Episode von True Love handelt es sich bei ihm um einen verheirateten Mann in den besten Jahren. Er hat ein kleines, lautes Kind, eine Ehefrau und seinen Job in einem Teppichladen.

Der Alltag hat die Liebe gefressen. Wo früher Liebesbekundungen ausgetauscht wurden, geht es nun um die Milchzähne des Nachwuchses. Anstatt körperliche Intimität zu zelebrieren, wird über die fleischliche Komponente des Abendessens gesmalltalked. Wie in der Pilotepisode Nick von BBCs Miniserie führt eine Version des melodischen Liebesliedes „What The World Needs Now“ in die Handlung ein. Bei einer derartig routinierten und zuneigungsfeindlichen Alltagsgestaltung trifft der Song mit seinem Appell an mehr Liebe im Leben den Nagel auf den Kopf. Doch was soll Paul tun, wenn sich Ehefrau Michelle (Lacey Turner, Bedlam) seinen Annäherungen entzieht?

Ashley Walters verleiht seinem Charakter Paul gekonnt ein fast greifbares Drängen nach Nähe. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich dieses Bedürfnis - wie und mit wem auch immer - in der Realität manifestiert. Wie wäre es mit der jungen Blonden, die Paul schmachtende Blicke aus der Bushaltestelle zuwirft? Der intensive Blickkontakt zwischen den beiden lässt sie etwas dümmlich wirken. In Anbetracht ihrer liebesgierigen Verfassung macht das aber einen sehr realistischen Eindruck.

Wie bereits in der vorangegangenen Episode der Anthologie-Serie True Love zeichnet sich die Kameraführung durch eine große Nähe zu den Protagonisten aus, was auch im Falle von Paul die Wirkung der Bilder unmittelbarer und intensiver werden lässt.

Obwohl, oder gerade weil die Dialoge improvisiert sind, wirken sie so realistisch. Es kommt nicht zu einem bis ins Detail vorkonstruierten Schlagabtausch. Es gibt ungelenke Formulierungen. Es gibt Pausen, während Michelle sich ihre nächsten Worte überlegt. Paul und seine Frau machen sich gegenseitig die monotone Belanglosigkeit des eigenen Alltags zum Vorwurf. Gerade weil diese Situation so unspektakulär verläuft, ist es fesselnd, sie zu beobachten („Ich gehe auch jeden Tag zur Arbeit. Und jeden Tag komme ich hierher zurück. Und du bist der kühlste Mensch, der mir je begegnet ist“).

Anstatt um die Gefühle zu kämpfen, die einmal da gewesen sein müssen, flüchtet sich Michelle in den Abwasch und Paul zieht sich resigniert an den Strand zurück.

Paul flüchtet sich mit Shelly in ein Leben wie es sein sollte © BBC One
Paul flüchtet sich mit Shelly in ein Leben wie es sein sollte © BBC One

Die Szene, in der sich das aufgestaute Intimitätsbedürfnis endlich mit der blonden Stella (die aus der Bushaltestelle, Jaime Winstone) entlädt, kann gar nicht hoch genug gelobt werden. Paul und Stella fallen nicht knutschend durch die Tür. In dem stümperhaft-beleuchteten Flur von Stellas Wohnung kann man beobachten, wie die unsichere Anspannung des Unbekannten sich in triebhafte Leidenschaft verwandelt. Die Luft scheint zu knistern, als Paul und Stella ihrer Lust nachgeben. Alles an dieser Inszenierung ist glaubhaft - von den Atemgeräuschen bis hin zum Quietschen der Bodendielen. Eine Unschärfe der Kamera im richtigen Moment verhindert tiefere Einblicke in das, was folgt - doch True Love ist nicht auf Sex angewiesen, um sich verkaufen zu können.

Fazit

Paul thematisiert die Fehlerhaftigkeit der Menschen und ihr oftmals enttäuschter Glauben an das eigene Happy End. Ein Soundtrack, der mit dem Gezeigten in perfektem Einklang ist, Charaktere, die anhand von kleinen Details (dem Zucken eines Mundwinkels, einem beschwingten Schritt, ein nur angestrengt aufrecht erhaltener Blickkontakt) so lebendig wirken, als würde man ihnen gerade in der U-Bahn begegnen.

Die Episode stellt eindrucksvoll die Routine dem Abenteuer und die Leidenschaft der Langeweile gegenüber. Sie weckt Verständnis für Paul, ohne dabei seine Frau Michelle per Holzhammer-Strategie unsympathisch machen zu müssen. True Love präsentiert uns auf ästhetisch ansprechende Weise eine Alltagssituation. Obwohl uns die Serie keine Szene macht, fiebert, rätselt und fühlt man bis zum Ende mit. Ganze Sequenzen kommen ohne ein einziges Wort aus und entwickeln trotzdem eine fulminante Spannung. Wie im Falle der Pilotepisode „41008“, geht auch hier das Improvisationskonzept der wunderbaren Miniserie auf: BBC One liefert großes Kino in kleinem Format.

Trailer zur Serie 'True Love'[videosj=TrueLove_Trailer]

Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 19. Juni 2012
Episode
Staffel 1, Episode 2
(True Love 1x02)
Titel der Episode im Original
Paul
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Montag, 18. Juni 2012 (BBC)
Autor
Jack Fisher
Regisseur
Dominic Savage

Schauspieler in der Episode True Love 1x02

Darsteller
Rolle
Ashley Walters
Jaime Winstone
Lacey Turner
Aymen Hamdouchi

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