True Detective 2x08

True Detective 2x08

Weil der in den bisherigen Episoden der zweiten Staffel von True Detective aufgespannte Plot hoffnungslos verworren war, verbringt die Finalepisode Omega Station die meiste Zeit damit, die Geschichte zu entwirren. Gespickt ist das mit nur wenigen Höhepunkten.

Ray (Colin Farrell) und Ani (Rachel McAdams) kurz vor dem großen Finale / (c) HBO
Ray (Colin Farrell) und Ani (Rachel McAdams) kurz vor dem großen Finale / (c) HBO

Wie ungemein kompliziert die Geschichte der zweiten Staffel von True Detective war, hat Willa Paskin von Slate in diesem langen, bisweilen erschöpfenden Artikel aufgearbeitet. Wer sich also für all die Details rund um blaue Diamanten, Hippiekommunen und Infrastrukturprojekte interessiert, der lese dort nach. Aber Vorsicht: Die Zusammenfassung - man könnte sie auch eine „objektive Review“ nennen - hat die Länge einer Hausarbeit im ersten Amerikanistik-Seminar.

Everything's ending

Die Textgröße alleine symbolisiert all das, was in dieser Staffel schiefgelaufen ist. Weil der Plot so unnötig aufgeblasen wurde, ist es folgerichtig, dass die Finalepisode anderthalb Stunden braucht, um sämtliche lose Enden zusammenzuführen. Besonders interessant ist leider auch das nicht. Zum einen bekommen dabei viel zu viele Figuren zentrale Rollen, die wir bisher nur in einzelnen Szenen (und dann nur für ein paar Sekunden, maximal Minuten) zu sehen bekamen. Zum anderen passieren Dinge zu oft deshalb, weil das Drehbuch es so vorsieht, und nicht, weil die Vorgänge charakterbasiert gewesen wären. Gewürzt ist das Ganze mit dem Pizzolatto'schen Dialog, der in dieser Staffel nie wirklich überzeugen konnte.

Es gibt manche Höhepunkte in Omega Station. Diese werden aber immer wieder von ausschweifenden, bierernsten Dialogen und nicht enden wollenden exposition dumps begleitet, sodass die Episode nie richtig Fahrt aufnehmen kann. Immer wieder fragt man sich als Zuschauer, ob man diese eine Figur nun schon einmal gesehen hat. Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn man aus der Geschichte herausgerissen wird. Und trotzdem können manche Szenen einen emotionalen Eindruck hinterlassen.

Die zweite Eröffnungsszene zwischen Frank (Vince Vaughn) und Jordan (Kelly Reilly) gehört nicht dazu. Die beiden diskutieren darüber, ob Jordan nun ohne Frank die Flucht nach Venezuela antreten soll oder auf ihn warten darf. Frank versucht es erst auf die weiche, dann auf die harte Tour, wobei im Drehbuch sogar kurz ein Anflug von Humor aufblitzt, nachdem Jordan ihren Ehering weggeworfen hat: „That was a big diamond.“ Danach geht das Gespräch aber noch viel zu lang weiter, bevor sich Frank durchsetzen kann. Die schwülstigen Dialogzeilen der beiden um weiße Kleider und rote Rosen helfen der Szene ebensowenig.

Austin Chessani (Ritchie Coster) ist in seinem eigenen Pool %26bdquo;ertrunken%26ldquo;. © HBO
Austin Chessani (Ritchie Coster) ist in seinem eigenen Pool %26bdquo;ertrunken%26ldquo;. © HBO

Bevor Jordan endlich mit Franks letztem loyalen Partner Nails (Chris Kerson) aufbricht, bekommen wir eine weitere Szene, die erklärt, woher Nails seinen Spitznamen hat. Die Frage ist nur, wieso wir diese Szene brauchen. Nails war nie ein voll ausgeformter Charakter und spielte keine große Rolle. Es wäre ein Leichtes gewesen, seine Loyalität einfach so hinzunehmen. Stattdessen verschwendet Pizzolatto kostbare Spielzeit mit der Erläuterung der uninteressanten Vorgeschichte dieser unwichtigen Figur.

I was already gone

Ähnlich unscheinbare Figuren entwickeln sich im Handlungsbogen von Ani (Rachel McAdams) und Ray (Colin Farrell) zu zentralen Charakteren. Nachdem sich die beiden in einer dank des exzellenten Schauspiels ihrer Darsteller sehr starken Szene ihre dunkelsten Geheimnisse erzählt haben, erfahren sie vom Tod ihres Kollegen Paul. Ray rekonstruiert dessen letzten Ermittlungsergebnisse und schließt daraus, dass die seit dem Diamantenraub von 1992 verwaisten Kinder etwas mit dem Mord an Caspere zu tun haben müssen.

In deren Wohnhaus finden sie schließlich Beweismaterial sowohl für den Mord als auch für den Anschlag auf Ray am Ende der zweiten Episode. Außerdem ist dort Laura (Courtney Halverson) angekettet, damit sie ihren Bruder Lenny (Luke Edwards) nicht am geplanten Mord an Polizeichef Holloway (Afemo Omilami) hindern kann. Lenny befindet sich auf Rachetour gegen all jene, die den Tod seines Vaters und das damit verbundene verpfuschte Leben von ihm und seiner Schwester zu verantworten haben. Diese beiden Figuren haben wir übrigens zum letzten Mal in der dritten Episode gesehen, beide jeweils nur in einer Szene.

Angesichts dieser marginalen Präsenz ist es dann schon wieder verwunderlich, dass ihre Geschichten zumindest einen kleinen emotionalen Fußabdruck hinterlassen. Während Ani die völlig aufgelöste Laura in einen Bus nach Seattle setzt, versucht Ray, den wild entschlossenen Lenny vom Mord an Holloway abzuhalten. Er schafft es nicht - im Gegenteil: Es kommt zu einem Shootout, bei dem sowohl Lenny als auch Holloway sterben. Dessen Bewacher Burris (James Frain) - der Mörder von Paul - entkommt mit einem Streifschuss, Ray mit ein paar Glassplittern im Gesicht. Meine Frage hier wäre: Wie hat es Ray geschafft, beim Betreten des Busbahnhofs Burris' wachsemem Auge zu entgehen? Regisseur John Crowley lässt es jedenfalls so aussehen, als beträten Velcoro und Holloway die Örtlichkeit über den selben Eingang.

Ray (Colin Farrell) stirbt im Wald. © HBO
Ray (Colin Farrell) stirbt im Wald. © HBO

Aus dem Gespräch zwischen Holloway und Velcoro erfahren wir überdies, dass Laura Casperes Tochter war, was Lenny schließlich doch zum Angriff motiviert. Uns Zuschauer muss diese Information aber fast zwangsläufig kalt lassen, weil wir diese Figuren nicht kennnen. Danach trifft sich die Außenseiterbande im versteckten Hinterzimmer von Rays Lieblingsbar, von wo die Kellnerin (Yara Martinez) normalerweise ihre Schleusertätigkeiten organisiert. Auch sie stattet Pizzolatto mit einer überflüssigen Hintergrundgeschichte aus, als Ray und Frank erzählen dürfen, welche Rolle sie in ihrem Leben spielen.

It's a black hole

Kurze Zeit später trennen sich die Wege unserer Helden. Ani bricht bei Dr. Pitlor (Rick Springfield) ein, um weiteres belastendes Material über die Verschwörertruppe zu sammeln. Sie findet dort aber nur einen leeren Aktenschrank - und die Leiche des Schönheitschirurgen. Wie beim toten Bürgermeister Chessani (Ritchie Coster) soll dieser Mord wie Selbstmord aussehen. Wer genau dahintersteckt, erfahren wir aber nicht. Wir müssen uns mit der Vermutung begnügen, dass es der machthungrige Tony Chessani (Vinicius Machado) war.

Wie sich herausstellt, ist er der mächtigste Player in diesem weitverzweigten Verschwörungsnetz. Außer einer längeren Szene in der dritten Episode haben wir auch ihn nicht gesehen. Sämtliche Schlüsselfiguren in den meisten Mordfällen sind für uns Zuschauer völlig unbeschriebene Blätter. Was dieser Episode (und der gesamten Staffel) aber an Charakterarbeit abgeht, kann sie zumindest stellenweise durch gelungene Actionszenen wieder wettmachen. Der Überfall von Ray und Frank auf die Geldübergabe zwischen Osip (Timothy V. Murphy) und McCandless (Jon Lindstrom) geht zwar fragwürdig einfach vonstatten, ist aber sehr überzeugend inszeniert.

Danach darf Frank zum ersten Mal in der gesamten Staffel lächeln, womit er wohl den serieninternen Wettbewerb um die traurigste Figur gegen die Barsängerin (Lera Lynn) verloren hat. Spätestens da dürfte jedem Zuschauer klar gewesen sein, dass er die folgenden Ereignisse nicht überleben wird. Den Tod hat er seinem Leichtsinn und der väterlichen Liebe zu seinem posthum als leiblich zertifizierten Sohn Chad (Trevor Larcom) zu verdanken. Statt mit Ani direkt die Flucht anzutreten, läuft er in die Falle seines Häschers Burris.

Frank (Vince Vaughn) stirbt in der Wüste. © HBO
Frank (Vince Vaughn) stirbt in der Wüste. © HBO

Bevor er das realisiert, kommt es zur bewegendsten Szene der Staffel. Ray erspäht darin seinen Sohn auf dem Schulhof und sieht, wie der offensichtlich Freunde gefunden hat. Für das Seelenheil des liebenden, wenn auch in Erziehungsfragen inkompetenten Vaters ist aber noch viel wichtiger, dass Chad dabei die eingerahmte Polizeimarke seines Großvaters bei sich trägt. Als sie sich endlich in die Augen blicken, reicht ein kurzer, wortloser Salut als gegenseitige Liebesbekundung. Farrell spielt die Emotionen dieses gebrochenen Mannes, der genau weiß, dass er seinen Sohn nun wohl zum letzten Mal gesehen hat, grandios.

Never lie down

Da ist es denn auch nicht mehr ganz so tragisch (wenn auch immer noch sehr tragisch), dass er die letzte Nachricht an Chad nicht mehr verschicken konnte. Ray stirbt im Kugelhagel seiner von Burris angeführten Verfolger in einem Wald - ganz so, wie es ihm sein Vater in der Traumsequenz am Anfang von Maybe Tomorrow prophezeit hatte. Frank ereilt indes das gleiche Schicksal, die Umstände seines Todes übertreten aber leider die Grenze zum dramaturgisch Hanebüchenen. Er wird von der Latino-Bande überfallen, die von New York Times-Rezensent Jeremy Eigner sehr treffend als „a random drug gang that seems to have been invented solely to make life terrible for Frank“ beschrieben wird.

Er hat sich seine Freiheit beinahe schon zurückerkauft, da fällt einem namenlosen Gangster plötzlich ein, dass er Franks Anzug haben will. Weil darin die millionenschweren Diamanten versteckt sind, riskiert Frank sein Leben und verliert kurze Zeit später ebenjenes. Die Szene ist so dürftig geschrieben, dass sie künftig an Filmhochschulen als Beispiel für faules Storytelling genutzt werden kann. Franks nachfolgende, schwerverletzte Wanderung durch die Wüste sieht indes hervorragend aus, ist aber mit so vielen kitschigen Halluzinationen geschmückt, dass auch sie keine echte emotionale Wirkung entfalten kann.

Überhaupt war ich überrascht, wie wenig mich die gewaltsamen Tode dieser beiden Hauptfiguren berührten. Daran konnte auch die viel zu konstruierte Liaison zwischen Ray und Ani nichts ändern. Dass die beiden miteinander im Bett gelandet sind, fiel mir leicht zu glauben. Dass Ani nun aber beinahe in Tränen ausbricht, als Ray ihr nahelegt, ohne ihn die Flucht anzutreten, ist äußerst unglaubwürdig.

Am Ende sind es die Protagonistinnen, die den Moloch Vinci überleben. In der Schlussmontage wird zwar Tony Chessani als strahlender neuer Bürgermeister vereidigt, in Venezuela arbeitet Ani aber schon an seinem Sturz. Dass sie und Jordan als Heldinnen aus der Geschichte hervorgehen, kann als deutliches Eingeständnis Pizzolattos an seine Kritiker interpretiert werden. In dieser zweiten Staffel sind nun allerlei neue Kritikpunkte hinzugekommen, die in der einfachen Erkenntnis kulminieren, dass vollkommene Autonomie für einen Drehbuchautor nicht immer etwas Gutes ist. Eine oder mehrere mahnende Stimmen hätten seinem Machwerk sicherlich gutgetan. In der ersten Staffel hatte Regisseur Cary Fukunaga diese Rolle übernommen. Hoffentlich stellt ihm HBO in der dritten (so es eine solche überhaupt geben sollte) wieder einen Regulator an die Seite.

Das letzte Wort zu dieser unrunden Staffel soll der wunderbaren Grantland-Autorin Molly Lambert gehören, die mir die Episode Black Maps and Motel Rooms mit folgender Bemerkung versüßte: „This season of True Detective is like Chinatown mated with Who Framed Roger Rabbit, Mulholland Drive, L.A. Confidential, The Big Lebowski, and Short Cuts in a giant, multi-room, MDMA-assisted Toontown sex romp.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 10. August 2015

True Detective 2x08 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 8
(True Detective 2x08)
Titel der Episode im Original
Omega Station
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 9. August 2015 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 13. September 2015
Autor
Nic Pizzolatto
Regisseur
John Crowley

Schauspieler in der Episode True Detective 2x08

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