True Detective 1x02

Der Titel der neuen Episode von True Detective darf durchaus wörtlich genommen werden. In Seeing Things werden wir Zuschauer auf eine Reise in die Gedankenwelt der beiden Protagonisten geschickt, vor allem das Seelenleben (und auch -sterben) von Rust Cohle (Matthew McConaughey) wird beinahe unerträglich genau ausgeleuchtet. Sowohl im Handlungsstrang des Jahres 2012 als auch in jenem des Jahres 1995 darf Cohle ungefiltert seine misanthropen Gedankengänge ausformulieren.
I work four nights a week. Inbetween I drink.
Hierbei stellt sich die Frage, wieso der Gebrochene überhaupt so bereitwillig Auskunft erteilt. Schon am Ende der Auftaktepisode hatte er die Vermutung geäußert, dass die befragenden Ermittler Gilbough (Michael Potts) und Papania (Tory Kittles) ihn zu den Verdächtigen des neuen Ritualmords zählten (die gleiche Vermutung wird in dieser Episode von Martin Hart (Woody Harrelson) ausgesprochen). Seine unterkühlte, arrogante Fasson wird dabei durch seine Auskunftsfreude und sein beinahe lustvolles Abdriften in philosophisch-religiöse Exkurse konterkariert.
Cohle entführt seine Befrager und den Zuschauer dabei tief in die eigene Vergangenheit. Hart liefert gleichzeitig Informationen, die sein ehemaliger Partner - bewusst oder unbewusst - auslässt. Außerdem präsentiert er eigene Interpretationen: „I think a part of Rust's problem was there were things he needed that he couldn't admit to.“ Cohle spricht beispielsweise nicht von seinem Vater, laut Hart sei dieser in Vietnam gewesen und habe danach die Familie verlassen. Cohle evoziert Camus („Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht.“), wenn er auf Harts Frage danach, ob seine Mutter noch lebe, schlicht antwortet: „Maybe.“
Die volle Menschenhassbreitseite liefert Cohle jedoch erst, als er über den Tod seiner Tochter spricht. Diese sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen, der Arzt habe ihm hinterher bescheinigt, dass sie keinerlei Schmerzen gehabt habe: „Isn't that a wonderful way to go out? Painlessly, as a happy child.“ Beinahe könnte man glauben, Cohle wäre dankbar gewesen für diese traurige Wendung des Schicksals: „She spared me the sin of being a father.“ Seine anschließende Leidensgeschichte spricht jedoch eine andere Sprache: Scheidung, Versetzung in die Rauschgiftabteilung, vier Jahre Einsatz als verdeckter Ermittler, Drogensucht, Mord, Totschlag, psychiatrische Heilanstalt. Schon, als Cohle also in Louisiana beim Morddezernat ankam, war er ein gebrochener Mann.

Visuell verdeutlicht dies Regisseur Fukunaga in fantastischen Bildern, die Cohles drogen- und psychoseinduzierte Visionen auf die Leinwand bannen. Mehrmals verfärbt sich der Himmel in bedrohliches Rot, nachts verschwimmen die Lichter der Großstadt und verdichten sich zu langen leuchtenden Schlieren, die den Ermittler in luzide Traumzustände versetzen. Am Ende der Episode glaubt Cohle, ein Schwarm aufgescheuchter Vögel bilde das gewundene Zeichen nach, das er und Hart auf dem Rücken von Dora Langs Leiche gefunden hatten.
I can do terrible things to people. With impunity.
Trotz dieser geistigen Ausflüge attestiert Hart ihm in der Nachschau einmalige Aufnahmefähigkeit - selbst wenn dies bisweilen zur Folge hat, dass Cohle rohe Gewalt anwendet: „Rust had about as sharp an eye as I've ever seen.“ Auch Hart selbst bekommt diese Auffassungsgabe in Seeing Things zu spüren. Nachdem er eine Nacht mit seiner Freundin Lisa Tragnetti (Alexandra Daddario) verbracht hat, macht Cohle sofort am nächsten Morgen spitze Anmerkungen zur Untreue seines Kollegen: „You got some self-loathing to do this morning, that's fine.“
Hart rechtfertigt seine nichtehelichen Ausflüge sowohl gegenüber Cohle als auch gegenüber den Befragenden: „In the end it's good for the family.“ Das ist natürlich grandioser Quatsch und so verbringt die Episode denn auch Zeit damit, das kriselnde Eheleben der Harts zu skizzieren. Dabei wird auch ein Kritikpunkt - zumindest teilweise - entkräftet, der nach der ersten Episode aufgekommen war: Harts Ehefrau Maggie (Michelle Monaghan) wird durchaus als starke Frau gezeichnet, mit gesundem Selbstbewusstsein und einer genauen Vorstellung vom Leben. Noch wissen wir indes nicht, ob sie über die außerehelichen Gepflogenheiten ihres Ehemanns Bescheid weiß.
Auch an anderer Stelle werden die weiblichen Charaktere nicht als reine Schablonenfiguren präsentiert. Einer minderjährigen Prostituierten auf the ranch wird zugesprochen, über ihren eigenen Körper entscheiden zu dürfen. Die Besitzerin des Bordells wirft Hart (und damit stellvertretend der Herrenwelt) vor, jegliche weibliche sexuelle Exploration unterdrücken zu wollen: „Why is it you add business to the mix and boys can't stand the thought? I'll tell you: it's because suddenly, you don't own it the way you thought you did.“ Hier wird eine Grundthematik des Feminismus angesprochen - die Bestimmung über den eigenen Körper. Problematisch bleibt natürlich, dass es sich hierbei um Prostituierte handelt, die diese Gedanken aussprechen - zumal um minderjährige.

So eingehend in der neuen Episode die Figuren seziert werden, so schleppend gehen die Ermittlungen voran. Von ihrem Vorgesetzten Quesada (Kevin Dunn) bekommt das Ermittlergespann immer mehr Druck, der Drang der Öffentlichkeit und der Entscheidungsträger nach der Präsentation eines Verdächtigen ist immens. Also sollen Hart und Cohle Kollegen zur Seite gestellt bekommen und eine Taskforce für okkulte Ritualmorde einrichten. Cohle wehrt sich lautstark dagegen und erntet einen Rüffel von Quesada. Dem diplomatischer vorgehenden Hart gelingt es, mehr Zeit zugestanden zu bekommen.
How many ways are there for me to say: shut the fuck up!?!
Diverse Spuren führen sie am Ende in eine abgebrannte Kirche. An der Wand entdecken sie eine Malerei, die als eindeutige Referenz an die Aufbahrung der ermordeten Dora Lang zu verstehen ist. Zuvor hatten sie ihr Tagebuch gefunden, in dem kryptische, beinahe lyrische Botschaften um einen „Yellow King“ und „Carcosa“ notiert sind. Außerdem hatte Cohle die These seines Partners verworfen, wonach der Mörder seine Tat während eines Drogenrauschs begangen haben könnte: „That's just drug insanity. That's not this. This has scope.“ Cohle bestärkt noch einmal seine Vermutung, dass der Täter eine Vision gehabt habe - und demnach bald wieder zuschlagen könnte.
Trotz der eigenen Drogenvergangenheit und gelegentlich ausschweifender Beweihräucherung des eigenen Intellekts offenbart Cohle ungeahnte Fähigkeiten zur Selbstreflexion: „I can be hard to live with. I don't mean to. But I can be critical.“ Er ist sich seines Talents bewusst, weiß jedoch auch, die eigene Hybris einzuschätzen: „There were other times, I thought I was the main line to the secret of the universe.“ Das macht ihn zu einem solch wertvollen Ermittler. Und das ist auch der Grund, warum Hart an ihm festhält, trotz erster aufkommender Konflikte.
Hätte man True Detective nicht gesehen, könnte man anhand dieses Texts schnell glauben, die Serie erzähle von einem arroganten Spinner, der seinen Umstehenden die eigene, esoterisch angehauchte Weltsicht aufdrängen will. Die philosophischen Ausführungen Cohles haben mit Esoterik jedoch nichts zu tun, sie sind vielmehr geerdet in der harten, trostlosen Realität seiner Lebensumstände. Unterstützt wird dieses Bild von der grandiosen technischen Umsetzung der Serie, was sowohl für das Sounddesign als auch die Optik gilt. Regisseur Fukunagas Kinematografie und Bildsprache setzen selbst für HBO neue Maßstäbe.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 20. Januar 2014(True Detective 1x02)
Schauspieler in der Episode True Detective 1x02
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