True Detective 1x01

True Detective 1x01

Der Pilotepisode der von großem medialen Interesse begleiteten HBO-Dramaserie True Detective gelingt es nahezu perfekt, Tonalität, Milieu und Figuren zu etablieren. Feine Ironie konterkariert dabei die etwas zu dick aufgetragenen philosophischen Exkurse.

Wo ein Leben endet und ein neuer Fall beginnt: Im Ackerland Louisianas ermitteln die „True Detectives“. / (c) HBO
Wo ein Leben endet und ein neuer Fall beginnt: Im Ackerland Louisianas ermitteln die „True Detectives“. / (c) HBO

Ohne cold open werden wir direkt und ohne Vorwarnung in eine Welt geworfen, die den meisten Zuschauern fremd sein dürfte. Der wunderbar choreographierte Vorspann von True Detective versetzt uns sogleich in die angemessene Stimmung. Wir wissen: Es wird mysteriös, es wird düster, es wird gefährlich. Auch der Titel der Auftaktepisode gibt einen Hinweis darauf, womit der Zuschauer in der folgenden Stunde konfrontiert werden wird: The Long Bright Dark.

They called him the Taxman

Die darin enthaltene Paradoxie wirft ihre Schatten auf die eigentliche Erzählung voraus. Zwei ungleiche Partner erzählen die Geschichte eines ungeklärten Mordfalls. Beide arbeiten nicht mehr zusammen, sie arbeiten nicht mal mehr für die Polizei. Der eine, Martin Hart (Woody Harrelson), hat rechtzeitig den Absprung geschafft und sich ein respektables neues Leben aufgebaut. Der andere, Rust Cohle (Matthew McConaughey), hat sich von jeglicher sozialer Konformität verabschiedet und fristet ein Leben als halb verwahrloster Aussteiger, der ungeduldig wird, wenn er am Mittag noch nicht in seinen täglichen Rausch abgedriftet ist.

Getrennt voneinander werden die beiden ehemaligen Detectives der Louisiana State Police von zwei Mordermittlern darum gebeten, ihre Ermittlungsarbeit rund um den Ritualmord an der Prostituierten Dora Lang im Jahre 1995 zu rekonstruieren. Der ungelöste Fall rückt 17 Jahre später noch einmal in den Fokus der Polizeibehörde, weil nun eine ähnlich drapierte Leiche aufgetaucht ist. Die Serie wechselt fortan zwischen den beiden Zeitebenen, Hart und Cohle werden nicht nur zu ihrer Arbeit und den Ermittlungsfortschritten befragt, sondern auch zu ihrem gegenseitigen Verhältnis. Die Befragung der beiden Expolizisten hat indes auch ganz praktische Gründe: Ein Hurrikan hat Teile des Polizeiarchivs zerstört, wo unter anderem die Akten zum Lang-Mord gelagert waren.

Martin Hart ist der auskunftsfreudigere der beiden. Er charakterisiert seinen ehemaligen Kollegen anhand seiner Arbeitsweise, seines Intellekts und seiner Nonkonformität. Sich hingegen beschreibt er mit wenigen Worten: „I was just a regular-type dude with a big-ass dick.“ Nachdem Hart und Cohle zum Fundort der Leiche gerufen wurden, dauert es nicht lange, bis Cohle erste Mutmaßungen darüber anstellt, dass der Täter ein Serienmörder sein müsse: „This is going to happen again. (...) This is his vision. (...) This kind of thing doesn't happen in a vacuum. I guarantee this wasn't his first. Too specific.

Mordermittler Martin Hart (Woody Harrelson) bekommt einen schwierigen; aber begabten Partner zur Seite gestellt. © HBO
Mordermittler Martin Hart (Woody Harrelson) bekommt einen schwierigen; aber begabten Partner zur Seite gestellt. © HBO

Die unter einem Baum gefundene Leiche der Dora Lang ist aufgestellt, als würde sie gerade auf Knien beten. Der Kopf ist mit einer merkwürdigen Hirschkrone verziert, an den Ästen des Baums hängen weitere selbstgebastelte „Vogelfallen“ - so werden sie zumindest später vom örtlichen Prediger (Clarke Peters) bezeichnet. Rund um den Leichnam sind weitere dieser mysteriösen Zweigkonstruktionen aufgestellt - eigentlich ist es jedoch gar nicht allzu wichtig, welche Bedeutung diese rituell angeordneten Artefakte haben.

There is a war happening behind things

True Detective will vielmehr ein Gefühl für Atmosphäre schaffen. Die Auftaktepisode will von der Beziehung der beiden Ermittler erzählen und in die Mystik dieses amerikanischen Südstaats einführen. Cohle findet dafür die richtigen Worte: „This place is like somebody's memory of a town and the memory's fading.“ Auch für die Bewohner dieses Niemandslands hat er die passende Charakterisierung übrig: „People out here, they don't even know the outside world exists. (...) It's all one ghetto, man. Giant gutter in outer space.

Diese zutiefst düstere Weltsicht findet ihre Fortsetzung in Cohles quasiphilosophischer Beschreibung seiner selbst: „I consider myself a realist. But in philosophical terms I'm what's called a pessimist.“ Seine Misanthropie umschreibt er mit folgenden Worten: „I think the honorable thing for our species to do is deny our programming. Stop reproducing. Walk hand in hand into extinction.“ Für sich allein genommen sind diese philosophischen Exkurse etwas zu dick aufgetragen.

Sie funktionieren jedoch besser, wenn Hart ihnen entgegentritt und sagt: „Stop saying shit like that. It's unprofessional.“ Er spricht stellvertretend für uns Zuschauer, wenn er Cohles selbstgerechten Welthass einhegen will, indem er das gemeinsame Fahrzeug zur Ruhezone deklariert: „Let's make the car a place of silent reflection.“ Von diesen Momenten gibt es einige in der Pilotepisode, ihr feinsinniger Humor konterkariert die sich selbst allzu ernst nehmende Erklärungswut Cohles. Ohne sie müsste man Drehbuchautor und Serienschöpfer einen Hang zur Übermotivation attestieren, mit ihnen kann man ihm ein echtes Gespür für die richtige Tonalität und Kontextualität zusprechen.

Rust Cohle (Matthew McConaughey) im Jahre 2012: ein verwahrloster Alkoholiker mit weiterhin sensiblem Gespür © HBO
Rust Cohle (Matthew McConaughey) im Jahre 2012: ein verwahrloster Alkoholiker mit weiterhin sensiblem Gespür © HBO

Mit seinem arroganten Einzelgängertum dauert es auch nicht lange, bis der aus Texas stammende Cohle bei Kollegen und Vorgängern auf erbitterten Widerstand stößt. Hart interessiert sich indes kaum für die Vorgeschichte seines neuen Kollegen. Er glaubt, anhand seiner Arbeitsweise und der Einrichtung seiner fast kahlen Wohnung genug über ihn zu wissen. Es bleibt Harts Ehefrau Maggie (bezaubernd besorgt: Michelle Monaghan) überlassen, beim gemeinsamen Abendessen die Vergangenheit Cohles auszuleuchten. Ihr erzählt er bereitwillig, dass seine Tochter verstorben sei, woraufhin auch seine Ehe nicht mehr zu retten gewesen wäre.

Why don't you start asking the right fucking questions?

Danach jedoch wechselt Cohle schnell wieder das Thema. Wie die im Episodentitel aufgeführte Paradoxie wechselt der Pilot ständig zwischen Licht und Schatten - und das stellenweise im wörtlichen Sinne. Ein Großteil der Szenen spielt bei Tageslicht, was man bei dem Sujet der Serie nicht unbedingt erwarten würde. Doch True Detective will kein zweites Twin Peaks sein, es will auch kein neues The Killing werden. Das HBO-Drama erzählt eher die Geschichte eines ungleichen Ermittlerpaares und der sozioökonomischen Umgebung, in der es sich bewegt und mit der es interagiert.

Die philosophischen Ansätze Cohles lassen sich nämlich ohne Weiteres auf die Ansprüche von True Detective übertragen. Der Mensch und seine soziale, ökonomische und physikalische Umwelt bedingen sich gegenseitig. Das eine kann nicht in Abwesenheit des anderen erklärt, geschweige denn verstanden werden. Verpackt ist das alles nicht etwa in einem esoterischen gedanklichen Überbau, sondern in einer hartgesottenen, realistischen Kriminalgeschichte.

Unterstrichen wird das Ganze durch eine fantastische Kinematografie. Regisseur Cary Fukunaga findet von Beginn an die richtige Bildsprache, die es schafft, diese kontemplative und beinahe meditative Studie menschlicher Verhaltensweisen perfekt zu unterstreichen. Gleiches gilt für den Einsatz der Musik, für den die Serienmacher keinen Geringeren als Rocklegende T Bone Burnett engagiert haben. Für Drehbuch und Regie aller acht Episoden sind übrigens Nic Pizzolatto und Cary Fukunaga in Einzelunion zuständig. Ob dieses ungewöhnliche Experiment gut geht, kann natürlich erst nach Ende der ersten Staffel konstatiert werden.

Ähnliches gilt für die darstellerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller. In der Auftaktepisode wirken McConaughey und Harrelson stellenweise, als hätten sie ihre Chemie noch nicht gefunden. Dies kann jedoch auch am Drehbuch liegen, das die Balance zwischen philosophischem Exkurs und knallhartem Polizeijargon noch nicht ganz gefunden hat. Trotzdem hält der Pilot von True Detective alle Versprechungen, die in der etwas überhitzten PR-Kampagne gemacht wurden. This is must-see television!

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 13. Januar 2014

True Detective 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(True Detective 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Die lange strahlende Dunkelheit
Titel der Episode im Original
The Long Bright Dark
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 12. Januar 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 17. April 2014
Autor
Nic Pizzolatto
Regisseur
Cary Fukunaga

Schauspieler in der Episode True Detective 1x01

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