
Amazons neuester Serienstreich Goliath durchlief im Gegensatz zu den meisten Serienproduktionen der Amazon Studios nicht den altbekannten Pilot-Prozess, bei dem die Nutzer über die potentielle Bestellung mitentscheiden können. Nein, das Anwaltsdrama von Genreexperte David E. Kelley (siehe L.A. Law, The Practice, Ally McBeal oder Boston Legal) und seinem Ko-Serienschöpfer Jonathan Shapiro (ebenfalls „Boston Legal“ und „Practice“ sowie The Firm und Life) wurde direkt bestellt und kann in der Gänze seiner achtteiligen ersten Staffel seit dem heutigen Freitag begutachtet werden.
Dabei zeigt sich bereits in der sehenswerten Pilotepisode From Mice and Men, dass nicht nur Fans des Genres oder von Kelley selbst in „Goliath“ auf ihre Kosten kommen könnten. Denn auch wenn hier vieles so aussieht und sich anfühlt, als hätte man es schon etliche Male zuvor gesehen (die Underdog-Geschichte um einen heruntergekommenen Anwalt, der es seinem ehemaligen Geschäftspartner noch einmal zeigen will), „Goliath“ versprüht seinen eigenen Reiz und schafft es, mich am Ende der ersten Folge am Haken zu haben. Ein Grund dafür ist die unaufgeregte, stilsichere Inszenierung mitsamt feiner musikalischer Untermalung. Ein anderer ist der Star der Serie selbst, Billy Bob Thornton, an dessen Seite sich so einige namhafte Darsteller und Darstellerinnen tummeln.
Redeem yourself
Thornton ist schlichtweg perfekt für die Rolle von Billy McBride, eine gescheiterte Existenz und ehemaliger Staranwalt, der einen tiefen Fall hinter sich hat. Seiner Berufung geht er nur noch halbherzig nach, dazu wohnt er nahezu in einer kleinen Bar, wo er sich täglich raue Mengen an Alkohol einverleibt. Seine Ehe ist ebenfalls in die Brüche gegangen - die Ex-Frau arbeitet noch für die Anwaltsfirma, die er einst mit gegründet hatte - und die Beziehung zu seiner Tochter ist auch nicht perfekt. Man sieht schon sehr früh: Billy McBride ist ein klassischer Stereotyp, ein Charakter, der nicht wirklich wahnsinnig originell gezeichnet ist und eine bekannte Trope im Fernsehgeschäft darstellt.
Big shot
Dank Thorntons authentischer Darbietung entwickelt man aber trotz einiger Klischees ein Interesse für den sehr direkten und - wenn er will - unnachgiebigen und mutigen Rechtsvertreter. Ein undurchsichtiger Fall, bei dem ein Angesteller eines dubiosen Rüstungsunternehmens sich das Leben genommen haben soll (wir sehen zu Beginn eine heftige Explosion eines Bootes), weckt in McBride alte Instinkte und vermittelt uns einen ersten Eindruck, wie er tickt und arbeitet. Trotz diverser Rückschläge, die im Laufe der Staffel mit ziemlicher Sicherheit noch aufgedröselt werden, hat er sein Gespür nicht verloren und wagt sich an die schwierige Mammutaufgabe, dem Klienten seiner alten Arbeitsstätte auf die Pelle zu rücken.
Irgendwie findet man sich schneller als erwartet auf der Seite McBrides wieder, der schon bald selbst zur Zielscheibe wird, was einige gespenstische Momentaufnahmen (sein mit Fischinnereien besudeltes Auto; ein brutaler Übergriff durch einen Polizisten, der möglicherweise geschmiert wurde) nach sich zieht. Kelley und Shapiro bauen geschickt ein Mysterium um den von McBride aufgegriffenen Fall auf und deuten bereits sehr früh an, dass hier einiges im Argen liegt und ihr Protagonist gerade einmal an der Oberfläche des Ganzen kratzt. Um die Skepsis und unseren Verdacht zu nähren, greift der erfahrene Fernsehregisseur Lawrence Trilling (Alias, Pushing Daisies) darüber hinaus auf ein paar einfache, aber effektive visuelle Kniffe zurück.

Coincidence
So sehen wir Thorntons Charakter zwar zumeist vor eher schäbigen, aber dennoch auf ihre eigene Art und Weise einladenden, warmen Kulissen. Wenn McBride in seinem Cabrio durch das sonnige Los Angeles braust, dann identifizieren wir uns schon etwas mehr mit ihm als mit der farblosen, steril wirkende Gegenseite, genauer die Anwaltsfirma Cooperman & McBride, die das Rüstungsunternehmen (schon deren wunderbarer Werbeclip schreit nach krummen Deals in dunklen Hinterhöfen) vertreten, mit dem sich McBride anlegen will. Fast schon karikaturesk schurkenhaft erscheint dabei Billys ehemaliger Kollege und Parnter Donald Cooperman (William Hurt), ein vernarbter Anzugsträger mit eigenwilligen Macken, der von seinem finsteren Büro aus die Strippen zieht und ein Mann weniger Worte ist.
Es geht tatsächlich etwas subtiler, hier ist man aber anscheinend sehr erpicht darauf, ganz klar zu charakterisieren und aufzuzeigen, wer der Gute und wer der Böse in dieser Geschichte ist. Im weiteren Verlauf der Staffel dürften sich jedoch noch Nuancen bei den Figuren zeigen. Bereits in der Pilotepisode fallen zum Beispiel Billys eigenwillige Ex-Frau Michelle (Maria Bello) sowie die zögerliche Junganwältin Lucy Kittridge (Olivia Thirlby) auf, die sich früher oder später in moralischen sowie ethischen Konflikten mit sich selbst wiederfinden könnten. Man bietet uns tatsächlich eine ganze Reihe an Figuren an, von denen wir nur einen kurzen ersten Eindruck erhalten, der jedoch durchaus trügerisch sein kann. Goliath schafft es schlichtweg bei vielen Charakteren und in zahlreichen Szenen eine versteckte Tiefe anzudeuten, die mich persönlich reizt zu erfahren, wie es nach der Auftaktepisode weitergehen wird.
In the dark
Selbst wenn wir bereits wissen, dass bei dem angeblichen Selbstmordfall nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, was wir ja auch schon daran sehen können, dass Cooperman & McBride mobil macht, sorgen die guten schauspielerischen Leistungen sowie die dichte Atmosphäre der Erzählung (vor allem am Ende nimmt die Spannung noch einmal deutlich zu) dafür, dass man dranbleibt. Es wird nun interessant zu sehen sein, ob Goliath vielleicht doch nur das stringente, leicht zu durchschauende Anwaltsdrama ist, das es uns in der Folge Of Mice and Men vorgaukelt zu sein. Dafür sind Kelley und Shapiro jedoch viel zu clever, sie legen es fast schon zu sehr darauf an, dass man als Zuschauer denkt, die Charaktere und die Handlung durchschaut zu haben.
In der Pilotepisode geben sich zwar diverse Klischees und Tropen die Hand (natürlich schläft der Hauptcharakter sofort mit seiner Auftraggeberin, natürlich kümmert er sich liebevoll um einen streunenden Hund, natürlich wird Cooperman & McBride als die fieseste, emotionale kälteste Anwaltsfirma auf Erden dargestellt), die nicht jedem schmecken werden. Auch ich konnte mich dem einen oder anderen Augenrollen nicht erwehren. Am Ende holt man mich dann aber doch noch an Bord, weil ich einfach nicht das Gefühl loswerde, dass hier noch so manche Überraschung oder starke Darbietung auf mich wartet. David E. Kelley genießt außerdem seine neuen Freiheiten beim Streaminganbieter Amazon, verbal mal etwas über die Stränge schlagen zu können, was er bei den vielen, oft recht zahmen Network-Produktionen seiner Vergangenheit eher weniger machen durfte. Auch dies trägt zu dem eigenen Charakter der Serie bei. Das Duell David gegen Goliath hat gerade erst begonnen. Und so offensichtlich der Ausgang scheint, in Goliath ist der Weg das Ziel.
Trailer zu „Goliath“: