Top of the Lake 1x05

Manchmal ärgert man sich als Rezensent, dass man bereits die volle Punktzahl vergeben hat für eine Episode. So geschehen bei der vierten Episode von Top of the Lake, die durchgehend zu begeistern wusste. Für die fünfte müsste nun ein weiterer Stern in der SERIENJUNKIES.DE®-Wertung eingeführt werden. Zumindest die zweite Hälfte dieser Episode gehört zum Besten, was dieser Rezensent in der Serienwelt jemals ansehen durfte. Vielleicht liegt es ja daran, dass ebenjener ein unverhohlen großer Fan von Coming-of-Age-Geschichten ist und deswegen fast in Tränen ausbrach, als Tui Mitcham (Jacqueline Joe) tatsächlich von den Toten auferstanden war und mit ihren Freunden Geburtstag feierte.
Why is Tui afraid of coming home?
Eine herzzerreißende Szene folgt in der neuen Episode der nächsten. Aus der Tatsache, dass Tui noch lebt, wurde kein großer Schockmoment gemacht. Ihr Schicksal wurde vielmehr in die laufende Geschichte eingewoben, keine Selbstverständlichkeit, ist sie doch die - bisher abwesende - Hauptfigur von Top of the Lake. Alles beginnt mit einer beinahe unerträglichen Verhörszene zwischen Jamie (Luke Buchanan) und Oberpolizist Al Parker (David Wenham). Jamie wurde zum wiederholten Male beim Klauen erwischt, jedes Mal sind es Lebensmittel, die er - wie zu Recht vermutet wird - zu Tui in ihr Versteck bringt. Parker hält es nun nicht mehr aus, Robin Griffin (Elisabeth Moss) bei ihrem „Soft-Skills“-Ansatz zuzuschauen und versucht es mit tough love.

Der vaterlose Jamie brauche laut Parker eine starke Hand, die ihn führe und ihm Orientierung gebe. Das Einzige, was er damit jedoch erreicht, ist eine weitere Eskalation der Situation. Jamie brüllt, schlägt sich selbst, versucht, sich zu verletzen. Bis endlich Robin einschreitet. Sie bringt ihn zurück zu seiner Mutter Simone (Mirrah Foulkes). Die schafft es, den offensichtlich verzweifelten Jungen einigermaßen zu beruhigen. Am nächsten Morgen macht er sich jedoch erneut auf, die merklich ausgehungerte Tui mit Lebensmitteln aus dem mütterlichen Küchenschrank zu versorgen. Die beiden haben eine zärtliche Beziehung zueinander, in der ihre Freundschaft im Vordergrund steht.
Denn am Ende, als die große Tragödie auf einer Trauerfeier mit einer Coverversion von Björks „Joga“ besungen wird, kommt heraus, warum Jamie gar nicht der Vater von Tuis Kind gewesen sein konnte. Er war nämlich schwul. Dies hebt die zuvor porträtierte Beziehung der beiden auf ein neues Level. Er möchte seiner besten Freundin helfen, so weit wie möglich von ihrem gewalttätigen und kriminellen Zuhause fernzubleiben. Notfalls mit Waffengewalt - und dem eigenen Tod. Weil Matt Mitcham (Peter Mullan), der selbstgeißelnde, mit Mutterkomplexen beladene lokale Drogenbaron, eine groß angelegte Suchaktion nach seiner Tochter startet, kommen die beiden schnell in Bedrängnis.
In ihrem Waldversteck sind sie umzingelt. Tui erwehrt sich jedoch ihren Häschern mit einigen gezielten Schüssen aus einer Flinte. Dann tauschen die beiden Klamotten, Jamie wird von Mitchams Schergen verfolgt, so lange, bis er in unwegbarem Gelände das Gleichgewicht verliert und eine Klippe hinunterstürzt. Er ist sofort tot, die heraneilenden Johnno (Thomas M. Wright) und Robin können nichts mehr für ihn tun. Tui entkommt, ist fortan jedoch völlig auf sich allein gestellt. Robin glaubt unterdessen, Tui werde zurückkehren, sobald ihr Vater Matt das Städtchen nicht mehr in seinem Würgegriff halte.
If you go after Matt, you won't be able to live here
Explizit wird zwar nicht ausgesprochen, dass Matt seine Tochter vergewaltigt haben könnte. In der vergangenen vierten Episode deutete dessen Sohn Luke (Kip Chapman) jedoch eine solche Möglichkeit an, wofür er von seinem Vater allerdings sofort eine herbe Abfuhr erhalten hatte. Trotzdem ist sich Robin sicher, dass Matts Existenz direkt mit Tuis Schicksal zusammenhängt. Der einzige Weg zu einer sicheren Rückkehr der Kleinen ist also, Matt hinter Gittern zu bringen. Dafür will sie nachweisen, dass er ein geheimes Drogenlabor unterhält, was ihr natürlich nur durch intensive Recherche und Befragen der mit Mitcham Assoziierten gelingen kann.

Die zeigen sich jedoch wenig kooperationsbereit. Als Robin einen Kleinbus mit drei von Mitcham beschäftigten Frauen - inklusive Simone - abfängt und sie um Informationen bittet, weisen diese sie nur harsch ab und lassen sie mitten im Nirgendwo stehen. Nun, da Simone jedoch ihren Sohn verloren hat, dürfte zumindest dieser Teilabschnitt der Anti-Robin-Front bröckeln. In all ihrer Verzweiflung wirft Simone Matt auf der Trauerfeier indirekt vor, ihren Sohn umgebracht zu haben: „You know what would make things easier? Just fucking kill me.“
Die direkte Einschüchterung Robins nimmt Matt Mitcham selbst in die Hand. Als Jäger verkleidet streift er in sicherem Abstand an ihrem Haus vorbei. Dann gibt er einen Warnschuss in Richtung des Hauses ab. Johnno weiß genau, wem dieser Schuss gegolten hat, Robin will es noch nicht wirklich wahrhaben. Sie schätzt die Verstrickungen innerhalb des Städtchens immer noch zu naiv ein. Immer noch glaubt sie, dass Al Parker auf ihrer Seite steht. Spätestens als dieser jedoch ein Treffen zwischen ihr und Mitcham auf seinem Boot forciert, tappt sie nicht länger im Dunkeln. Mitcham und der Polizeichef stecken unter einer Decke und sie wird auch gegen den eigenen Vorgesetzten ermitteln müssen, will sie Mitcham irgendwie drankriegen.
Fazit
Mit seiner fünften Episode klopft Top of the Lake mit einem Vorschlaghammer gegen die Tore des Serienolymps. Ob die Miniserie als solche überhaupt Einlass finden kann, muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Ein Urteil über die Autoren und Produzenten rund um Regisseurin Jane Campion darf jedoch uneingeschränkt positiv ausfallen.
Was in der Rezension zur vierten Episode schon geschrieben wurde, wird hier gern noch einmal wiederholt: Campion ist eine Meisterin darin, menschliche Emotionen und Interaktionen unaufgeregt zu inszenieren. Ihre Figuren strahlen große Wärme aus, sie leben ihre Überzeugungen und Wünsche mit totaler Hingabe aus. Campion filmt dies mit einer Mischung aus Faszination und Distanz. Sie gibt den Protagonisten genügend Raum zur Entfaltung. Außerdem hat man das Gefühl, als hätte sie jede einzelne Figur mit größter Sorgfalt und Zuneigung modelliert.
Campions visueller Stil hat längst den Serienkosmos verlassen. Sie orientiert sich vielmehr an großen Filmepen. Man schafft es kaum, das letzte großartige Bild zu bestaunen, da präsentiert sie einem schon das nächste. Tui als Lone Ranger: Ein Bild für die Ewigkeit!
Die Regisseurin kann sich aber auch auf die ausgezeichneten Leistungen ihrer (Jung-)Schauspieler verlassen. Buchanan und Joe spielen ihr zärtliches, nichtromantisches Pärchen auf der Flucht so überzeugend, dass man als Zuschauer gar keine Wahl hat, als mit ihnen mitzufiebern.
Wenngleich sehr viele Charaktere über einige sehr verwunderliche Merkmale verfügen, so bleiben diese immer noch im Rahmen des Realistischen. Damit kann sich das Drama auch von der einzigen Referenzserie, Twin Peaks, absetzen. Dort schoss David Lynch bisweilen mit der weirdness seiner Figuren über das Ziel hinaus. Bei Top of the Lake passiert dies nicht. Hier ist alles perfekt. Alles grandios. Alles einzigartig schön.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 8. September 2013(Top of the Lake 1x05)
Schauspieler in der Episode Top of the Lake 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?