Top of the Lake 1x04

Die vierte Episode von Top of the Lake hat wirklich alles, was gutes Dramafernsehen ausmacht. Es werden dunkle Geheimnisse gelüftet, Menschen sterben und neue, mysteröse Charaktere werden eingeführt. Regisseurin Jane Campion filmt dies alles mit viel Geduld und großer Zuneigung zu ihren Figuren. Sie schnappt kleine Gesten auf und hat einen Blick für menschliche Interaktionen, wie man ihn im Serienfernsehen kaum zu sehen bekommt. Außerdem weiß sie die traumhafte neuseeländische Kulisse einzufangen und - was noch viel bemerkenswerter ist - als Protagonistin in ihre Geschichte einzubauen.
Do you really believe in all that shit?
Der See ist gleichzeitig Quelle des Lebens und Ort des Sterbens. Er dient als Transportweg, Ort der Säuberung oder Müllhalde. Er birgt mehr Geheimnisse als jeder seiner Anwohner und Nutzer. Tui Mitcham (Jacqueline Joe), das Mädchen, um dessen Verschwinden sich große Rätsel ranken, war zu Beginn der Serie in den See gestiegen. Dann war sie weg. Nun taucht sie wieder auf, zwar nur auf einem Video, doch die Suche nach ihr wird durch neue Hoffnung angefacht. Ihr Auftauchen wurde am Seeufer bezeugt und für die Ewigkeit festgehalten, ausgerechnet von den zwei Holzköpfen Shotover (James Blake) und Penguin (Byron Coll).

Sie filmen Johnno Mitcham (Thomas M. Wright) und Robin Griffin (Elisabeth Moss) beim spontanen Waldsex. Die beiden feiern ihre Versöhnung in freier Natur, nachdem es zunächst danach ausgesehen hatte, als würde ihre gemeinsame Vergangenheit und eine Beichte Johnnos eine ernsthafte Beziehung der beiden unmöglich machen. Robin wurde im zarten Alter von 15 Jahren nach einem Schulball, den sie zusammen mit Johnno, ihrem damaligen Freund, besucht hatte, von einer Gruppe älterer Männer vergewaltigt.
Beim engumschlungenen Tanz hatte das junge Pärchen seinen ersten Kuss, woraufhin Johnno lieber mit seinen Kumpels kiffte, als sich weiter um die scheue und verletzliche Robin zu kümmern. Sie beschloss, den Heimweg alleine anzutreten. Ein gefundenes Fressen für vier besoffene und sexuell frustrierte Erwachsene. Ein pikantes Detail dieses furchtbaren Ereignisses behielt Johnno bis zum heutigen Zeitpunkt für sich: Er saß auf der Ladeklappe des Geländewagens, während die Vergewaltigung vonstatten ging. Zwar versuchte er, einzuschreiten, hatte jedoch gegen die körperlich überlegenen Männer keinerlei Chance.
Robin reagiert gelassen auf dieses Eingeständnis. Sie gibt ihm keinerlei Mitschuld. Das schlechte Gewissen nagt jedoch so sehr an ihm, dass er beschließt, einen der Täter von damals, Sarge (Oscar Redding), in dessen Wohnwagen aufzusuchen und aus der Stadt zu jagen. Von dessen Nachbarn bekommt er dafür Applaus, von Robin eine unerwartete Reaktion. Sie wirft ihm vor, ihren Vergewaltigern bei der Suche nach einem schutzlosen Mädchen sogar geholfen zu haben. Johnno weiß sich daraufhin nicht anders zu helfen, als sofort seine Sachen zu packen und abzuhauen.
I'm going to love you forever. I'll never let you go
Dabei hatte Robin sich auf ihre eigene Weise schon an Sarge gerächt und eine Kneipenschlägerei angezettelt, aus der sie selbst mit einem blauen Auge hervorging. Ihrem Vorgesetzten Al Parker (David Wenham) blieb daraufhin keine andere Möglichkeit, als sie aus dem Dienst zu entlassen. Auch ihr Verlobter hatte kaum mehr Geduld mit ihr, sodass sie nun ohne Job und ohne Freund dasteht. Die Suche nach Tui lässt sie und die anderen Stadtbewohner jedoch nicht los. Auch überregional erregt der Fall öffentliches Interesse, ein Reporter kommt nach Laketop. Parker sieht sich also dazu gezwungen, Robin wieder einzustellen, um die Fragen des Journalisten adäquat beantworten zu können.

Außerdem pflegt er eine komische Beziehung zu seiner Untergebenen. Er hat sich in sie verliebt und kommuniziert dies in denkbar merkwürdigster Weise. Ohne Umschweife fragt er sie, mit Tränen in den Augen: „Will you marry me?“ Woraufhin sie die einzig mögliche Antwort gibt: „This is weird, Al.“ Grandios, wie viel Charaktertiefe seine Figur in diesen kurzen, zärtlichen Augenblicken bekommt. Jeder Zuschauer kann sich seine eigenen Theorien zusammenreimen, was in Parkers Vergangenheit wohl alles schiefgelaufen sein muss, dass er solch ein verqueres Welt- und Frauenbild hat.
Robin scheint von seinen Avancen jedenfalls unberührt zu bleiben, sie freut sich vielmehr darüber, dass sie weiter offiziell in dem Fall ermitteln darf. Als sie zu Beginn der Episode noch ohne offizielles Mandat Nachforschungen anstellte, traf sie auf einen mysteriösen Jugendlichen namens Jamie (Luke Buchanan), der sich partout weigert, außer mit einem auf die Handinnenflächen gemalten „Yes“ oder „No“ zu kommunizieren. Johnno und sie hatten ihn mehrfach dabei beobachtet, wie er mit seinem Kanu über den See paddelte, eingehüllt in einen Kapuzenpullover und mit mysteriösem Gepäck an Bord.
Aus ihm und seinen Freunden bekommen sie jedoch nichts heraus. Durch den Gerichtsmediziner Ian Fellows (Anthony Phelan) erhält Robin eine neue Spur. Er weist sie darauf hin, dass Parker die Ermittlungen in mehreren potentiellen Mordfällen verschleppe. So auch in dem Fall von April Stephens, einer 13-Jährigen, die angeblich bei einem Autounfall ums Leben kam. In ihrer Vagina seien jedoch Kokainspuren entdeckt worden. Die Suche nach Tui bekommt also weitere Facetten. Auch ihr Vater Matt (Peter Mullan) will nun Jäger anheuern, um sie suchen zu lassen. Robin will die Hoffnung nicht aufgeben, dass das kleine Mädchen am Leben ist: „Good girl, Tui.“
Fazit
Die spannende Geschichte um die Suche nach Tui Mitcham ist lange nicht die einzige, die in der vierten Episode von Top of the Lake meisterhaft erzählt wird. Eine große Rolle spielen auch die innerfamiliären Entwicklungen der Griffins, bis schließlich Robins Mutter Jude (Robyn Nevin) am Ende der Episode den Kampf gegen den Krebs verliert.
Elisabeth Moss spielt diesen Moment grandios. Sie bekommt die Nachricht von Judes Freund Turangi (Calvin Tuteao), ihre Mutter hat ihr jedoch auch eine persönliche Abschiedsbotschaft auf den Anrufbeantworter gesprochen. Robin bricht zusammen, erleidet einen Weinkrampf. Diese großen, wie auch die kleinen Gesten, weiß Campion perfekt einzufangen: „Goodbye, my little girl.“
Sowieso hat sie ein fantastisches Gespür für menschliche Interaktionen und das Porträt kleiner Gesten. Nach einem gemeinsamen Essen mit Robin stibitzt sich Jude ein Stückchen Paprika von einem Teller, der gerade von Turangi abgeräumt wird. Die beiden tauschen einen liebevollen Blick aus, der mehr sagt als jedes Wort.
Die mysteriöse GJ (Holly Hunter) hingegen spricht gern, viel und in Rätseln. Vor allem aber lehrt sie ihren Schülerinnen, mit Demut hinzunehmen, was sie nicht ändern können. So macht sie auch der todkranken Jude den Abschied aus der Welt einfacher: „Are you dying? Nothing wrong with that. Very natural. Don't be frightened. In nature there is no death. Just a reshuffling of atoms.“
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 7. September 2013(Top of the Lake 1x04)
Schauspieler in der Episode Top of the Lake 1x04
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