Top of the Lake 1x03

Die Mysterydramaserie Top of the Lake führt in ihrer dritten Episode exemplarisch vor, wie man auch ohne atemlose Action, vermeintlich intelligente Forensiktechnik und neunmalkluge Ermittler Spannung erzeugt. Durch bodenständiges filmisches Erzählen schaffen es Regisseurin Jane Campion und ihr Team, ein atmosphärisch einmalig dichtes Porträt einzelner Figuren zu schaffen. Dazu benötigen sie auch keine ausschweifenden Dialoge, Rückblenden oder sonstige Erzähltechniken. Sie schaffen es, indem sie der Kamera genug Zeit lassen, das Seelenleben der Protagonisten durch deren Gestik und Mimik zu ergründen. Das Arthouse-Kino lässt grüßen.
Wahre Filmkunst
Genau wie dort bevölkern auch bei Top of the Lake einige düstere Charaktere das kleine Bergstädtchen Laketop. In der neuen Episode jedenfalls kommen sich einige dieser Charaktere näher, teilweise in reichlich absonderlicher Art und Weise. So wird der vordergründige Erzählstrang um das Verschwinden von Tui Mitcham (Jacqueline Joe) hintangestellt, um der Entfaltung der Protagonisten größeren Raum zu geben. Der Zuschauer erfährt mehr über Haupt- und Nebencharaktere und die Verstrickungen zwischen den einzelnen Bewohnern von Laketop.
Zu Beginn wird bestätigt, was zuvor schon angedeutet wurde. Matt Mitcham (Peter Mullan) und Polizeichef Al Parker (David Wenham) sind alte Bekannte, was Mitcham durchaus zum Vorteil gereicht. Trotzdem kann Parker nicht verhindern, dass sich die resolute Sonderermittlerin Robin Griffin (Elisabeth Moss) einen Durchsuchungsbefehl für Mitchams Anwesen besorgt. Bei der Hausdurchsuchung übersieht sie jedoch ein wichtiges Detail.

Nachdem sie sich in Tuis Kinderzimmer umgesehen und dort nichts weiter Besorgniserregendes gefunden hat, widmet sie sich dem Badezimmer. Dort jedoch fängt Matt an, sie von ihrer Arbeit abzuhalten. Aus gutem Grund: Wie der Zuschauer zu einem späteren Zeitpunkt erfahren wird, befindet sich unter der Duschwanne der Zugang zu einem unterirdischen Drogenlabor. Nun endlich steht fest, was die Haupteinnahmequelle des Mitcham-Clans darstellt. Matt gelingt es schließlich, Robin aus dem Bad zu locken. Sie und Parker ziehen jedenfalls ohne konkrete neue Erkenntnisse davon, wobei davon ausgegangen werden muss, dass Parker seinen Teil der Grundstücksdurchsuchung nicht wirklich ambitioniert durchgeführt hat.
Im folgenden Verlauf der Episode zeigt Matt Mitcham jedoch eine ganz neue Facette seines Charakters. Erfolglos lädt er Bunny (Genevieve Lemon) aus dem Frauenlager „Paradise“ mit einem Strauß selbstgepflückter Blumen zu einem Date ein. Als Ersatz ist sogleich die lebensfreudige Anita (Robyn Malcolm) zur Stelle. Sie schlägt ihm vor, am täglichen Gesprächskreis mit GJ (Holly Hunter) teilzunehmen. Die präsentiert sich mal wieder in allerbester Verfassung, zumindest was das Anschnauzen von Menschen betrifft.
Zwischen den beiden Alphatieren kommt es zu einem kurzen philosophischen Austausch. Er will von ihr wissen, was den menschlichen Verstand konstituiere. Ihre kühle Antwort: „Plotting and scheming. Calculating. Constant thought.“ Dann spricht sie ihn sehr direkt auf das Verschwinden seiner Tochter an. Die erste Runde des Verbalduells geht also an sie.
Später treffen sich Matt und Anita für ihr Date, das laut seiner Aussage gar keines ist. Zuerst interessiert er sich auch nicht für sie, sondern eher für die Vorgeschichte des Frauenlagers. So erfährt er, dass GJ Bunny bei deren ersten Treffen so sehr beeindruckt hat, dass die beschloss, „Paradise“ zu finanzieren. Mitcham gibt sich mit diesen Ausführungen erst einmal zufrieden, versucht aber trotzdem, Anita Schauergeschichten über das „Paradise“-Grundstück unterzujubeln.
Kids, don't do mephedrone
Die zeigt sich wenig beeindruckt, denn sie hat ganz andere Pläne. Ohne Umschweife fragt sie Matt, ob die beiden eine gemeinsame Nacht verbringen wollten. Überraschenderweise stimmt der zu. Dort angekommen treffen sie auf Matts zugedröhnten Sohn Luke (Kip Chapman), der sich übermütig eine größere Dosis Mephedron gegönnt hat. Matt beachtet seinen exzentrischen Sohn gar nicht großartig, sondern führt Anita direkt in sein Schlafzimmer. Dort hat er ein Bekenntnis abzulegen, was diese jedoch nicht weiter stört. Auch den nächsten Tag verbringen sie gemeinsam, dieses Mal sind sie diejenigen, die sich dem Mephedron hingeben.

Auch auf der anderen Seite des Gesetzes bahnen sich erste Liebschaften an. Im Zentrum steht dabei Robin Griffin. Sie erfährt zunächst von ihrer Mutter, dass diese den Kampf gegen den Krebs wohl verlieren wird. Ihren Kummer darüber versucht Robin dann in der Bar zu ertränken, wo sie auf der Toilette eine recht stürmische Begegnung mit ihrer Jugendliebe Johnno Mitcham (Thomas M. Wright) erlebt. Später sind die beiden dann zärtlicher zueinander. Robin entfernt sich immer weiter von ihrem Verlobten Steve, der weiterhin nur über das Telefon zugeschaltet ist.
Johnno ist jedoch nicht Robins einziger Verehrer. Auch Chefpolizist Parker scheint ein Auge auf sie geworfen zu haben. Als ihr eine nächtliche Erleuchtung kommt und sie glaubt, die Bedeutung der Worte „No One“ entziffert zu haben, interessiert ihn das nicht weiter. Zuvor haben die beiden noch im Fall des Selbstmords von Wolfgang Zanic (Jacek Koman) ermittelt. Dabei sind sie einer grausigen Entdeckung nur knapp entgangen - in einem kinderleichengroßen Grab wurde lediglich ein Hundekadaver gefunden.
Bei der Sichtung der Videoaufnahmen, die die Polizei bei Zanic gefunden hat, reagiert Robin dann äußerst emotional und entdeckt gleichzeitig einen Hinweis auf einen möglichen neuen Tatverdächtigen. Es bleibt spannend in Laketop. Und mysteriös. Und faszinierend.
Fazit
In der dritten Episode von Top of the Lake kommt es zum vorläufigen Höhepunkt der ersten Staffel. Dabei sticht nicht so sehr der Fortgang der Handlung heraus, sondern vielmehr die vertiefte Charakterzeichnung der Protagonisten. So erfahren die Zuschauer mehr über die zarten Seiten des vermeintlich knallharten Gangsterbosses Matt Mitcham, während die kryptische GJ weiterhin ihre stahlharte Fassade behält.
Vor allem die Drogentrips diverser Protagonisten sind dabei technisch hervorragend umgesetzt und werden somit zum kurzen audiovisuellen Erlebnis. Hätte man jemals die psychoaktive Droge Mephedron ausprobiert, man könnte sich wohl noch besser in das aufgewühlte Gefühlsleben von Matt, Anita und Luke einfühlen. So muss man den Bildern und Tönen glauben. Diese schaffen es jedoch, einen ganz und gar für sich einzunehmen. Ein Gefühl, das man so eher aus dem Kino kennt.
Mehrere Schauspieler liefern in dieser Episode fantastische Darbietungen ab. Elisabeth Moss darf sich weniger auf ihren neuseeländischen Akzent konzentrieren und besticht daher durch ihr formidables Minenspiel. Ihr Gefühlsausbruch bei der Sichtung des Videomaterials von Tui begeistert auf ganzer Linie. Auch Peter Mullan als Matt Mitcham spielt sich hier in den Vordergrund. Sein dauerndes Pendeln zwischen Bösartigkeit und Selbstzweifel wird sehenswert herausgearbeitet.
Selbst wenn der Handlungsfortgang nicht so stark vorangetrieben wird, ist die Episode spannend wie kaum zuvor. Die zusätzliche Charakterisierung, kombiniert mit der audiovisuellen Aufarbeitung sorgt für eine - für TV-Serien - außergewöhnlich hohe atmosphärische Dichte. Als Zuschauer lässt man sich dabei gerne in die kleine Welt von Laketop hineinziehen. Twin Peaks ist nicht mehr allzu weit entfernt.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 18. April 2013(Top of the Lake 1x03)
Schauspieler in der Episode Top of the Lake 1x03
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