Top of the Lake 1x02

Auch die zweite Episode der Miniserie Top of the Lake von Jane Campion ist eine beinahe meditative Reflexion ĂŒber einen Ort, der eine mögliche Tragödie verarbeiten muss. An der Seite von Hauptdarstellerin Elisabeth Moss als fremde Ermittlerin Robin Griffin erkunden die Zuschauer das StĂ€dtchen Laketop und seine eigentĂŒmlichen Bewohner. Durch Robins Augen und mit ihren Ohren erfahren sie mehr ĂŒber die Legenden, die sich um den See ranken, die Verbindungen, die zwischen den Protagonisten existieren und den ungeschriebenen Gesetzen, denen es zu folgen gilt.
Eine Stadt und ihre eigentĂŒmlichen Bewohner
Gleich zu Beginn wird die Handlung dort fortgesetzt, wo sie am Ende der Pilotepisode aufgehört hatte. Robin und Johnno Mitcham (Thomas M. Wright) finden den von Matt Mitcham (Peter Mullan) ermordeten Bob Platt (Darren Gilshenan) im See. Seltsamerweise wird dieser ErzÀhlstrang dann aber in der restlichen Episode gar nicht mehr aufgenommen. WÀhrend die beiden auf die Polizei warten, findet Johnno Zeit, Robin die Legende von der Entstehung des Sees zu erzÀhlen.

Seit ewigen Zeiten erzĂ€hlen sich die Anlieger, dass am Grunde des Sees das Herz eines DĂ€monen schlage. Da die OberflĂ€che tatsĂ€chlich alle paar Minuten sinkt und wieder steigt, glauben die Bewohner fest daran. Demnach habe ein Krieger eine Dame aus den FĂ€ngen des riesigen DĂ€monen Tipua befreien wollen. Nachdem er ihn besiegt hatte, zĂŒndete er dessen Leichnam zur Sicherheit an. Aus seinem schmelzenden Körperfett sei das Seebecken entstanden, gefĂŒllt wurde es durch den schmelzenden Schnee von den Bergen. Das Feuer habe es jedoch nicht geschafft, das DĂ€monenherz zu verbrennen, welches daher bis heute am Boden des Sees schlage.
Wer zu diesem Zeitpunkt glaubt, dies sei die schrĂ€gste Geschichte, die ihm innerhalb der Episode unterkommen wird, tĂ€uscht sich schwer. Top of the Lake schlĂ€gt in seiner zweiten Episode noch viel stĂ€rker als im Piloten einen Pfad ein, den die Kultserie Twin Peaks von David Lynch so unnachahmlich ausgetreten hatte. Zu manch absurdem Charakter gesellen sich mehrere abstruse und beinahe unerklĂ€rliche Szenen. Ein Urteil darĂŒber, ob besagte Szenen nur Staffage sind oder ob sie die Geschichte tatsĂ€chlich voranbringen, lĂ€sst sich jedoch erst nach Sichtung der gesamten Miniserie definitiv fĂ€llen.
Zum jetzigen Zeitpunkt wirken diese Szenen leider etwas aufgesetzt und scheinen nur in die ErzĂ€hlung geschrieben worden zu sein, um einen oder mehrere - neudeutsch formuliert - „WTF-Momente“ zu kreieren. Zwar haben die involvierten Charaktere - Matt Mitcham, Wolfgang Zanic (Jacek Koman), Bunny (Genevieve Lemon) oder Putty (Edward Campbell) - alle ihre dramaturgische Funktion. Trotzdem sind ihre erratischen Aktionen nicht wirklich ersichtlich, was wiederum der Definition des Wortes „erratisch“ recht nahekommt.
Wo ist Tui Mitcham?
Im StĂ€dtchen herrscht jedenfalls Gewissheit, dass die kleine, schwangere Tui Mitcham (Jacqueline Joe) endgĂŒltig verschwunden ist, nachdem ihr Pferd, ihre Jacke und ihr kleiner Hund gefunden wurden. Vater Matt verweigert auch nach dieser Nachricht weiterhin jede Kooperation mit der Polizei. Ihn stört es auch nicht weiter, dass diverse Polizisten anwesend sind, als er in der lokalen Bar öffentlich Morddrohungen gegen den möglicherweise anwesenden EntfĂŒhrer ausspricht. Gemeinsam mit seinen Söhnen Mark (Jay Ryan), Luke (Kip Chapman) und dem entfremdeten Johnno zĂ€hlt er zu den HauptverdĂ€chtigen der „Operation Wildbird“.
Diese wird von Robin geleitet, die nach wie vor einen schweren Stand bei ihren vorwiegend mĂ€nnlichen Kollegen hat. Dennoch gelingt es ihr, Polizeichef Al Parker (David Wenham) davon zu ĂŒberzeugen, eine groĂ angelegte Suchaktion zu starten, inklusive HubschrauberflĂŒgen und Hundertschaften aus Polizei und Freiwilligen. Ins Visier gerĂ€t auch das mysteriöse Frauenlager „Paradise“, in dem Tui zum letzten Mal gesehen wurde. Die noch viel mysteriösere Leiterin des Lagers, GJ (Holly Hunter), muss sich derweil mit einem anderen Problem herumschlagen.

Sie bekommt Besuch von einem offensichtlich sehr erfolgreichen GeschĂ€ftsmann, der mit seiner Tochter Melissa (Georgi Kay) auf der Suche nach seiner Exfrau Bunny ist. Nicht etwa, um sie zu sich zurĂŒckzuholen, sondern um seine Tochter bei ihr abzuladen. WĂ€hrend Bunny vordergrĂŒndig nichts dagegen hat, Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, liegt ihre Konzentration doch auf einer recht eigenwĂŒrdigen Therapie, die ihr von GJ aufgetragen wurde. In der Konfrontation mit dem Ehemann lĂ€sst GJ dann wiederum diesen und die Zuschauer nicht in ihre Karten blicken: „Nothing. We don't think. We don't do.“
Neben der Suchaktion kann sich Robin weiterhin dazu durchsetzen, breit angelegte DNA-Tests bei allen mĂ€nnlichen Stadtbewohnern durchfĂŒhren zu lassen. AuĂerdem scheut sie nicht die Konfrontation mit diversen Figuren der Halbwelt. Zu spĂ€ter Stunde hĂ€lt sie sich in der Bar auf, um den betrunkenen StammgĂ€sten eventuell irgendeinen nĂŒtzlichen Hinweis entlocken zu können. Schlussendlich bekommt sie ihn. Der Barkeeper ist der auf der VerdĂ€chtigenliste gefĂŒhrte Wolfgang Zanic.
In einer etwas unĂŒberlegten Aktion verfolgt sie ihn nach Dienstschluss zu seiner WaldhĂŒtte. Dort scheut sie nicht davor zurĂŒck, ihn unbewaffnet zu konfrontieren. Er lĂ€sst sie schlieĂlich in seine HĂŒtte, wo er ein etwas verqueres und leidenschaftliches PlĂ€doyer fĂŒr seine Vorliebe fĂŒr kleine Kinder hĂ€lt. Auf ihre Forderung, die HĂŒtte durchsuchen zu dĂŒrfen, reagiert er jedoch weitaus empfindlicher. Daraus entspinnt sich das spannende Finale der zweiten Episode, bis schlieĂlich Johnno ihr zu Hilfe eilt. Im Gegensatz zum Interesse des Zuschauers stagnieren also die Ermittlungen, als TĂ€ter kommt derzeit so wirklich in Frage: richtig, „no one“.
Fazit
Zu keinem Zeitpunkt glaubt man bei Top of the Lake, sich in einer TV-Produktion zu befinden. Sofort merkt man den Touch der oscarprĂ€mierten Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion. Weiterhin wurden offensichtlich keine Kosten gescheut, um die erstaunlichen Landschaftspanoramen inklusive KameraflĂŒgen mit mehreren Hubschraubern einzufangen.
Was bei solch arrivierten Dramaserien wie Justified oftmals bis zu den finalen Episoden einer Staffel aufgehoben wird, darf hier schon zu Beginn ausgekostet werden. In der Auftaktepisode wurde noch die Kritik geĂ€uĂert, die fantastischen Landschaftsaufnahmen wĂŒrden als alleinstehendes Stilmittel verwendet. In der zweiten Episode sind diese jedoch elegant in den Fortlauf der Handlung eingebettet.
Die Aufnahmen sind dieses Mal jedoch in ein dĂŒstereres Licht getaucht als in der Auftaktepisode. Auch die psychologische Verwicklung Robin Griffins in den Fall wird verstĂ€rkt. Sie hat nĂ€chtliche Visionen von der kleinen Tui, wie diese in den See steigt. In einer Parallelmontage wird sie dabei gezeigt, genau dasselbe zu tun. Hier kommt es zu einem der zuvor angesprochenen erratischen Momente, da Robin zuvor nicht einmal den Eindruck machte, besonders unĂŒberlegte Aktionen zu vollfĂŒhren.
Dennoch schaffen diese Szenen starke Momente der Reflexion und Kontemplation. Ein wenig Mystery hat noch keinem whodunit geschadet. Werden diese Elemente, Àhnlich wie bei Twin Peaks, noch seriöser in die Serienhandlung eingebaut, kann Top of the Lake durchaus als neuseelÀndische kleine Schwester der amerikanischen Kultserie beschrieben werden.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 17. April 2013(Top of the Lake 1x02)
Schauspieler in der Episode Top of the Lake 1x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?