The X-Files 11x09

The X-Files 11x09

Akte X hinterfragt in der (vielleicht) vorletzten Episode der Serie Lebensentscheidungen der handelnden Personen, bringt diese eng zusammen und in Position für das Finale und bietet abseits der Emotionen eine mehr als verstörende X-Akte auf der Suche nach ewiger Schönheit und Jugend.

David Duchovny, Jere Burns und Micaela Aguilera in „The X-Files“ (c) FOX
David Duchovny, Jere Burns und Micaela Aguilera in „The X-Files“ (c) FOX
© avid Duchovny, Jere Burns und Micaela Aguilera in „The X-Files“ (c) FOX

Nur noch eine Episode liegt vor uns. Kommende Woche läuft der vierte Teil von „My Struggle“, dem fortlaufenden Projekt von Serienschöpfer Chris Carter, das mit dem Beginn der zehnten Staffel seinen Anfang nahm und nun vermutlich kommende Woche zu einem Ende finden wird. Doch erst mal haben wir es mit einer Dreiviertelstunde zu tun, deren Titel nach Serienfinale klingt: Nothing Lasts Forever.

Hungry

Dr. Hannibal Lecter dürfte sich freuen: The X-Files lässt kurz vor dem Ende noch mal die Feinschmeckertruppe los. Direkt im Teaser sehen wir, wie ein Arzt einen noch lebendigen Menschen verbluten und sterben lässt, um dessen Organe zu stehlen. Dass er dabei sogar an einem leckt, gehört dann in die Kategorie „och nö...“ Obendrauf gibt es aber noch eine Kämpferin für die gute Sache, die an eine Marvel-Heldin erinnert, zitierfreudig die Party sprengt und mit Pflock und Hammer Kleinholz aus zwei der Beteiligten macht. Diese Juliet ist auf der Suche nach ihrer verlorenen Schwester Olivia und scheint sich dabei zum Racheengel aufzuschwingen. Wer also gedacht hatte, letzte Woche wäre schon düster gewesen (zum Beispiel der Autor dieser Rezensionen), dürfte hier nun eines Besseren belehrt werden...

Blood

Immerhin gelingt es Mulder (David Duchovny) und Scully (die direkt von einem Gottesdienst kommt), etwas Humor an den Ort des Gemetzels zu bringen. Spooky Mulder erklärt seinen und Scullys (Gillian Anderson) Job sehr passend damit, dass sie dafür sorgen, dass bestimmte Aspekte nicht unentdeckt bleiben und schockt die jungen Gesetzeshüter vor Ort mit seinen Theorien („You did that on purpose“, bemerkt seine Kollegin treffend). Scully nimmt ihn dann noch für seine neue Sehhilfe hoch („wait till you get gout“) und am Ende landet Mulder den finalen Treffer, als er (scheinbar) dank seiner Brille erst jetzt Scullys neue Frisur bemerkt (die sie in Wirklichkeit natürlich schon eine Weile mit sich herumträgt). Ihr bleibt da nur ein „Are you kiddin' me?“. Klasse! So lieben wir die beiden. Doch es geht hier leider nicht um Comedy, sondern um sehr unerfreuliche Dinge. In einem Apartment lernen wir einen Kult kennen, der seinen ganz eigenen Weg der Glückseligkeit gefunden hat. Blutshake am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen? Die Serie bewegt sich hier ein weiteres Mal tief hinein in eine verstörende Welt. Teil dieser Welt ist auch die bereits erwähnte Juliet.

David Duchovny in „The X-Files“
David Duchovny in „The X-Files“ - © FOX

Ex-TV-Star Barbara Beaumont (die offenbar nicht altert und seit den 60er Jahren keine Erfolge mehr vorzuweisen hat) und Dr. Randolph Luvenis (der für über 80 Jahre ebenfalls mehr als wunderbar aussieht), haben eine nette, kleine, willige Gruppe um sich versammelt, die sich die ewige Jugend und Schönheit zum Ziel gemacht hat - und dabei buchstäblich über Blut, Gedärme und Leichen geht. Lustig: Man könnte meinen, dass die Serie sich hier bei American Horror Story bedient, was die gezeigten Absurditäten und die weltentrückte Darstellung dieser Gruppe Menschen angeht. Eigentlich ist es aber natürlich so, dass eine Serie wie die genannte Horror-Anthologie auf dem fußt, was „Akte X“ vor 25 Jahren etabliert hatte. Irgendwie schließt sich somit auch an dieser Front ein Kreis... Besonders hervorzuheben sei an dieser Stelle Barbaras absurde Live-Performance von „There's got to be a morning after“. Ein Motto, das auch uns X-Philes ab der kommenden Woche im Ohr klingen dürfte, sollten wir dann die wirklich allerletzte Episode der Serie gesehen haben.

Tempus Fugit

Das Finale lässt dann alle Dämme brechen. Normalerweise befindet sich bei den Ermittlungen hinter der richtigen Tür das falsche Apartment - nicht so jedoch hier. Barbara Beaumont erhält ihren letzten großen Auftritt und der unerwartete Übergriff ihres Kultes auf die beiden Agenten kommt unvermittelt und wirkt fast, als würde der Ort lebendig werden. Perfekt getaktet ist für die Gesundheit der Agenten das Auftauchen von Juliet, die den Racheengel bis zum Schluss durchzieht und Beaumont, den Doktor und einige aus dem Gefolge tötet. Ja, sie zahlt zurück. Ja, sie liefert. Da gibt es keine zwei Meinungen. Das tragische Ende der Familiengeschichte Bocanegra ist somit jedoch auch klar und scheint konsequent behandelt zu werden: Mama erhält zwar ihre Tochter Olivia zurück, verliert jedoch die andere Tochter Juliet an die Staatsgewalt.

Das alles ist, wie auch der direkte Vorgänger Familiar verdammt düster und furchteinflößend. Doch, wo zuletzt die überbordende Dramaturgie mit dem Drehbuchautor durchging und ein stimmigeres Gesamtbild verhinderte, herrscht hier Mut zur Entschleunigung, was der Episode sehr zugutekommt. Frei von Schwächen ist das Gesamtwerk dennoch nicht, da man letztlich zu viel Zeit mit der durchgeknallten Gang um Barbara Beaumont verbringt und zu wenig mit unseren beiden Helden und auch mit Juliet, deren Besessenheit bezüglich der Rettung ihrer Schwester keine große Unterfütterung erhält. Gleiches gilt natürlich auch für Olivia selbst, die kaum Anteil an der Handlung erhält. Dennoch überzeugt die Episode als atmosphärisch dicht geschriebenes Horrorabenteuer der Woche und emotionales Vehikel für die beiden einzigen Personen, deren Schicksal letztlich wirklich zählt.

Jere Burns und Micaela Aguilera in „The X-Files“
Jere Burns und Micaela Aguilera in „The X-Files“ - © FOX

Born Again

Die besten Szenen der Episode gehören dann natürlich auch wie so oft in dieser starken Staffel Mulder und Scully. Sie reflektieren ihr Leben, ihre Entscheidungen, ihren Glauben, ihre Hoffnungen und finden dadurch immer enger zusammen. David Duchovny hat in der letzten Szene in der Kirche seine stärksten Momente der bisherigen Staffel - und vielleicht sogar der gesamten Serie. Zum Beispiel mit seinem simplen „I will relight your candle“ über sein „I may not believe in God but I believe in you“ bis zu dem Moment, in dem Scully ihm seinen Plan ins Ohr flüstert und Mulder entgegnet: „I've always wondered how this was gonna end“ - wir auch! Die beiden scheinen sich in diesen letzten Sekunden auf einen elementaren und finalen Schritt einzuschwören - gemeinsam. Scully spricht in diesem Zusammenhang von ihrem persönlichen Glaubenssprung, der vermutlich die letzte Episode prägen wird.

Das Ganze wirkt wie ein Aufbruch, eine Art Wiedergeburt. Scully ist für etwas bereit und hat Mulder an ihrer Seite - immer und bei allem. Beide wurden durch ihre Entscheidungen zusammen und an diesen Punkt gebracht. Nun ist es an ihnen, den letzten Schritt zu machen. Nur: Welchen? Ich muss zugeben: Ich bin mehr als gespannt. Die letzten vier Minuten der Episode sind elektrisierend, emotional mitreißend und wie auch das Ende der tollen Episode Rm9sbG93ZXJz mehr als versöhnlich für uns und die Figuren. Das ist die Atmosphäre, die wir kommende Episode brauchen. Ich wünsch den beiden Protagonisten und uns von Herzen einen guten Abschluss. Chris Carter, bitte regeln Sie das! Das Orchester ist gebucht, der Saal gemietet und unsere Gefühle bereit zum Eskalieren. Sie, Mr. Carter, hatten die Macht, ihre Kreation durch die Worte im Drehbuch und die Ausführung im Regiestuhl zu einem adäquaten Ende zu führen. Meinetwegen lassen Sie das Duo William retten und auf eine einsame Insel auswandern. Aber geben Sie den beiden und uns ein Ende! Träumen darf man, oder?

Underneath

Noch ein paar Beobachtungen zum Schluss:

Die Tagline der Episode lautet passenderweise „I Want to Be Beautiful“. Wollen wir das nicht alle? Doch Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters und hat ganz sicher nichts mit dem Alter zu tun. Mulder und Scully haben die Schönheit des Lebens offenbar in ihrem gemeinsamen Weg gefunden.

Regie führt James Wong, der das nicht ganz alltägliche Drehbuch kompetent eintütet und die Serie erneut beweisen lässt, was schon immer galt: Jede Episode ist ein kleiner Kinofilm. Das gilt heutzutage zwar für viele Formate, damals jedoch war es ein Alleinstellungsmerkmal, das die Serie mitgeprägt hatte.

Der Name des einen Agenten am Tatort ist interessant: Die Figur „Bill“ Bludworth kam in den „Final Destination“-Filmen vor und wurde dort von Tony Todd gespielt. James Wong spielte bei dieser Filmserie eine gewichtige Rolle.

Die Gastschauspieler sind Genrefans sicher aus anderen Formaten bekannt: Fiona Vroom spielt in den Serien Altered Carbon oder The Man in the High Castle, Jere Burns ist ein Veteran, man kennt ihn beispielsweise aus der Serie Justified.

Das Drehbuch stammt von Karen Nielsen, die das erste Mal eine Soloarbeit bei der Serie abliefert.

Gillian Anderson in „The X-Files“
Gillian Anderson in „The X-Files“ - © FOX

Erneut fällt der tolle, verspielte und abwechslungsreiche Score positiv auf. Eine sehr gute Arbeit, die sowohl das Grauen als auch die Verrücktheit des Beaumont-Apartments und die religiösen Anleihen einfängt. Auch das war immer eine Stärke der Serie.

Einer der besten one-liner der Staffel fällt Mulder zu: „My gut doesn't need glasses.

Fazit

Blutig, verstörend, krank und absurd eilt die Serie mit der vorletzten Episode auf ihr Finale zu und denkt dabei zuerst doch an das, was „Akte X“ immer so wunderbar gemacht hat: die beiden Hauptfiguren. Mit kleinen Gesten und Worten sowie einer meisterhaften Schlusssequenz gelingt ein mehr als treffendes Statement über das gemeinsame Leben der beiden Agenten und lässt die Tür für ein furioses Finale offen.

Verfasser: Björn Sülter am Donnerstag, 15. März 2018

The X-Files 11x09 Trailer

Episode
Staffel 11, Episode 9
(The X-Files 11x09)
Deutscher Titel der Episode
Nichts währt ewig
Titel der Episode im Original
Nothing Lasts Forever
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 14. März 2018 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 11. April 2018
Autor
Karen Nielsen
Regisseur
James Wong

Schauspieler in der Episode The X-Files 11x09

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