The X-Files 11x10

The X-Files 11x10

Mit einem Best of aller abgestandenen, ausgelutschten und überstrapazierten Elemente aus elf Jahren Akte X beendet Schöpfer Chris Carter die Staffel und vielleicht sogar die Serie. Das ist unkreativ, spannungsfrei, hemdsärmelig und zudem eine Riesenenttäuschung.

Gillian Anderson und David Duchovny in „Akte X“(c) FOX
Gillian Anderson und David Duchovny in „Akte X“(c) FOX
© illian Anderson und David Duchovny in „Akte X“(c) FOX

Das war sie nun also? Die letzte Episode der elften Staffel und zugleich das Serienfinale? Aktuell weiß man das noch nicht so genau. Angesichts der Einschaltquoten, der Absage von Gillian Anderson an eine Fortsetzung und das Ende der Episode an sich jedoch, sollte man fast hoffen, dass The X-Files nun endgültig beendet ist. Funktionieren würde notfalls aber natürlich auch eine Fortsetzung, was in gewisser Weise auch exakt das Problem ist.

The Beginning

Zugegeben: Nach den Einleitungen durch Mulder (David Duchovny), Scully und den Raucher (William B. Davis) in den ersten drei Teilen der „My Struggle“-Saga nun William (Miles Robbins) in den Fokus zu rücken, hat Sinn. Auch ist es nett, endlich etwas mehr über den jungen Mann und sein kompliziertes Leben zu erfahren. Leider handelt es sich dabei aber auch wieder um den allseits beliebten Gegenentwurf zu „Show, don't tell“. Carter frühstückt alles in dreieinhalb Minuten ab und meint, seine Pflicht somit getan zu haben. Weiter geht es dann direkt mit Skinner (Mitch Pileggi), Kersh (James Pickens, Jr.) und ihrem ewigen Streit. Mulder hat den Bogen (mal wieder) überspannt und das FBI lächerlich gemacht. Skinner wird vorgeworfen, die Kontrolle verloren zu haben und am Ende darf Kersh in bester Evil-Guy-Tradition mal wieder die X-Akten schließen und Mulder und Scully vor die Trümmer ihrer Karrieren stellen. Been there, done that to death. Erschreckend ist nebenbei auch, dass Carter seine beiden Helden in der Folgezeit nicht gemeinsam und Seite an Seite arbeiten lässt, sondern sie stattdessen auseinanderreißt. Mulder darf aber immerhin wieder schnell Auto fahren (und sein Fahrzeuggeschmack bleibt eine glatte Eins), viel und wild um sich schießen und eine coole Kapuzenjacke tragen.

Miles Robinson und David Duchovny in „Akte X“
Miles Robinson und David Duchovny in „Akte X“ - © FOX

Doch gibt es nicht noch andere bekannte Motive, die man aufwärmen könnte? Skinner zum Beispiel, der weiterhin die Marionette des Rauchers ist (und William finden soll) und nebenbei Mulder und Scully zu helfen versucht (was er nicht kann, wenn man ihm nicht vertraut). Gähn. Immerhin bietet man uns allerdings noch einen Zeitsprung um ganze 16 Stunden zurück, um zu erklären, wie alles derart eskalieren konnte. Clever? Nein. Eher auch ein alter Hut, der zudem keinerlei inhaltlichen Sinn ergibt. Dass Monica Reyes dann ebenfalls noch das gewohnte Doppelspiel spielt, ist eigentlich nur noch eine Fußnote wert. Szenen wie Mulders badass-Auftritt beim Gegenspieler des Rauchers, Williams große Splatter-Einlage im Motelzimmer oder die Verfolgungsjagd am Hafen sind kaum mehr als eye candy und Mittel zum Zweck - die Sendezeit muss schließlich spannend und möglichst schockierend gefüllt werden. Bang! Bang! Move, move! Go, go! Ein Spruch wie „I got some payback to pay back“ fällt da kaum mehr auf, wenn Duchovny das Ganze auch ziemlich schwer über die Lippen kommt.

Als Skinner und Scully dann später alleine im Auto sitzen und endlich Fakten auf den Tisch kommen könnten, blendet Carter die Szene übrigens humorlos aus. Wie hätte Dana wohl darauf reagiert, dass William nicht der Sohn von ihrem Fox ist? Oder weiß sie es vielleicht ohnehin? Ich hätte es gerne gewusst und gesehen! Die Szene, in der William in Mulder-Gestalt seiner Mutter sagt, dass er um ihre Liebe weiß, ist hingegen an sich gut gemeint, nur auch wieder unnötig verkopft. Auch ist der Doppelgänger-Hut natürlich unfassbar alt. Ein echter Moment zwischen Mutter und Sohn wäre so viel einfacher und effektiver gewesen.

William B. Davis und Annabeth Gish in „Akte X“
William B. Davis und Annabeth Gish in „Akte X“ - © FOX

The End

Am Ende ist dann alles, was Carter noch einfällt, eine verlassene Fabrikhalle, Treppe rauf, Treppe runter, „William! William!“ und der finale Showdown im Dunkeln. Dieser basiert erneut auf dem erwähnten bärtigen Doppelgänger-Hut, was man leider schon daran mehr merken kann, dass Mulder auf einmal über die Vaterschaft des Rauchers Bescheid weiß. So erschießt der große böse Mann der Serie also letztlich das Objekt seiner Begierde: William. Natürlich aber nur, um kurz darauf vom echten Mulder fast wie im Wahn entsorgt zu werden. Die Pistoleros und ihr großes Finale! Das war sie also, die große Vision von der Geschichte um den Raucher und seinen erstgeborenen Sohn, Fox Mulder. Nein, danke.

Kurzes Fazit: Reyes stirbt (vielleicht!) durch die Hand Skinners. Skinner stirbt (vielleicht!) durch die Hand des Rauchers. William stirbt (vielleicht!) ebenfalls durch die Hand des Rauchers. Der Raucher stirbt (vielleicht!) durch die Hand Mulders. Drama, Baby! Wissen kann man es aber natürlich wie immer nicht. Immerhin: Die Welt ist wohl gerettet, die X-Akten geschlossen und die Karrieren von Mulder und Scully am Ende. Irgendwie kommt mir das alles sonderbar bekannt vor. Doch, Moment! Was ist denn nun mit Mulder und seinem Homie Scully? Erhalten die beiden Turteltäubchen mit dem komplizierten Beziehungsstatus wenigstens ein Happy End? Gibt es eine positive Note, auf der man die Serie ruhen lassen kann?

Gut ist, wie zerrissen Gillian Anderson, die in der Episode ansonsten sonderbar passiv wirkt, die letzten Sequenzen spielt. Sie kann Mulder die Wahrheit über die Vaterschaft Williams nicht sagen. Ein tragischer Moment, der mehr als überzeugen kann. Doch sie scheint außerdem ihren Frieden in der Causa William gemacht zu haben. Skinner sei Dank? Wir wissen es nicht! Und warum überhaupt? Dazu kommen wir jetzt. Carter vergeigt nämlich auch noch diesen letzten Moment der Episode. Scully sagt Mulder, dass sie schwanger ist. Wir sollen nun natürlich definitiv glauben, dass das Kind von Mulder ist. Doch was bedeutet das in der Welt des Chris Carter schon noch? Mulder wirkt zumindest ziemlich irritiert. „Von wem oder wodurch?“ wäre inzwischen einfach die naheliegendste Frage zu dieser Information gewesen. Was somit ein toller Shipper-Moment hätte sein können, wird durch die wiederholte Erwähnung der Tatsache, wie unmöglich das Ganze eigentlich ist, zu einem doppelt und dreifach losen Ende für alle Beteiligten. Die Serie hat mich das „Trust no one!“-Mantra so gut gelehrt, dass ich Carter an dieser Stelle einfach nicht mehr vertrauen kann und möchte!

Mitch Pileggi in „Akte X“
Mitch Pileggi in „Akte X“ - © FOX

Dieser Chris Carter gönnt uns und den Protagonisten offenbar nicht einmal das Gefühl, zumindest an der Schwelle zu etwas Neuem und Positivem zu stehen, auch wenn die finale Enthüllung dazu durchaus geeignet gewesen wäre. Der Macher möchte viel lieber genügend offene Handlungsstränge behalten, um damit im fünften, sechsten und drölften Teil von „My Struggle“ seine Weltuntergangs-Fake-News-We-Are-All-Going-to-Die-Everthing-Depends-on-It-Fantasien befriedigen zu können. Der Rest - inklusive seiner Hauptfiguren und der Zuschauer - ist ihm offenbar wirklich vollkommen egal. Oder, und an dieser Stelle möchte ich mich nicht festlegen, er kann es einfach nicht mehr besser. Beides ist möglich und beides wäre gleichermaßen traurig. Nebenbei frage ich mich übrigens auch noch nach der Aussage des ganzen Endes. William ist tot, aber traurig sein muss man nicht, weil schon der nächste Braten in der Röhre ist? Sorry, ich verstehe diesen Autoren nicht...

Underneath

Noch ein paar Beobachtungen zum Schluss:

Die Tagline der Episode lautet „Salvator Mundi“. Übersetzt heißt das „Erlöser der Welt“, was natürlich auf den Freitod von William anspielt.

Die Verbindung zu den beiden Mädels aus der Episode Ghouli kam überraschend und sorgte zumindest für einen kurzen und überzeugenden Moment.

William B. Davis, Barbara Hershey, Annabeth Gish, Joel McHale und James Pickens Jr. sind allesamt mit von der Partie, letztlich aber verschenkt in einer Episode, die sich in zu viel klein-klein verliert.

Dass man Ted O'Malley überhaupt erneut ins Spiel brachte, um seinen Handlungsstrang dann ins Leere laufen zu lassen, passt ins Bild. Auch hier setzte Carter offenbar auf eine Fortsetzung.

Barbara Hershey in „Akte X“
Barbara Hershey in „Akte X“ - © FOX

Fazit

Die Serie stirbt, wie sie oft gelebt hat, wenn Chris Carter persönlich Hand anlegte: Überambitioniert, doch ohne den Blick für das Wesentliche und als Sammelsurium aus straff inszenierter heißer Luft. So fährt das Finale fast schon kindisch naiv Serienklischees auf, nur um diese dann ungebremst gegen Wände zu lenken. Zudem vermeidet Carter mit Händen und Füßen ein angemessenes Ende für die geliebten Ermittler. Schaut man sich rückblickend an, wie stark die elfte Staffel in der Summe war und wie viele potentiell wunderbare Abschlussmomente sie geboten hatte, ist das umso bitterer.

Akte X“ war oft kreativ, spannend, witzig, mitreißend, originell, gewagt und voller Energie. Hier jedoch geht die Serie als steinalter Dinosaurier in die Knie und verpasst noch schwächebedingt die finale Verbeugung. Wenn man ehrlich ist, ist das nicht nur traurig, sondern tragisch.

Verfasser: Björn Sülter am Donnerstag, 22. März 2018

The X-Files 11x10 Trailer

Episode
Staffel 11, Episode 10
(The X-Files 11x10)
Deutscher Titel der Episode
Der Kampf - Teil 4
Titel der Episode im Original
My Struggle IV
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 21. März 2018 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 18. April 2018
Autor
Chris Carter
Regisseur
Chris Carter

Schauspieler in der Episode The X-Files 11x10

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