The X-Files 11x07

The X-Files 11x07

Da sind wir sprachlos: In einer mehr als ungewöhnlichen Episode mit wenigen Dialogen kommen Mulder und Scully sich und uns nĂ€her, als das lange der Fall war. Dass zudem die Rahmenstory schier mitreißt, ist ein weiterer Pluspunkt dieser neuen Akte-X-Episode.

David Duchovny und Gillian Anderson in „The X-Files“ (c) FOX
David Duchovny und Gillian Anderson in „The X-Files“ (c) FOX
© avid Duchovny und Gillian Anderson in „The X-Files“ (c) FOX

Musste man vor einigen Wochen angesichts der schwachen ersten Episode der elften Staffel Böses befĂŒrchten, hat sich die Serie seitdem mehr als gefangen und zuletzt eine tolle Abfolge von Abenteuern angeboten. Diesmal wird es nun vollkommen experimentell: Willkommen zu The X-Files goes Black Mirror. Das beginnt schon beim sonderbaren Episodentitel, der aus einer Zeichenfolge in Base64 besteht. Fragt man Wikipedia, erhĂ€lt man folgende Information: „Base64 ist ein Verfahren zur Kodierung von 8-Bit-BinĂ€rdaten in eine Zeichenfolge, die nur aus lesbaren, Codepage-unabhĂ€ngigen ASCII-Zeichen besteht.“ Nun gut. Übersetzt heißt der Titel dann „Followers“, ein Begriff aus dem Bereich Social Media, der allerdings durchaus auch Subtext bieten dĂŒrfte. Schauen wir doch mal, was uns inhaltlich dazu prĂ€sentiert wird.

The Beginning

Die Eröffnung der Episode kann man problemlos als brillant bezeichnen. Die wahre Geschichte des Chatbots „Tay“, der von Microsoft initiiert 2016 bei Twitter fĂŒr einige Kontroversen gesorgt hatte, hĂ€lt unserer Gesellschaft und der Art und Weise, wie wir besonders online miteinander umgehen, den Spiegel vor. Was lernt eine kĂŒnstliche Intelligenz, wenn sie das Verhalten von Menschen online beobachten, analysieren und davon lernen soll? Offenbar primĂ€r Hass, Ablehnung, Rassismus und eine negativ gefĂ€rbte, wenig soziale Ansprache an ihr GegenĂŒber.

Ghost in the Machine

Es ist Date Night bei Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson). Doch statt sich einen Abend in einem gemĂŒtlichen Restaurant zu gönnen, sitzen die beiden Turtelkollegen in einem voll automatisierten Sushi-Lokal. Hier bedienen, kochen und interagieren einzig Roboter.

Scullys Essen sieht wunderbar aus. Mulder erhĂ€lt jedoch einen schleimigen Fisch. Zum Beschweren kann er jedoch niemanden auftreiben. Beim Zahlen verweigerte er - verstĂ€ndlicherweise - die Option, Trinkgeld zu zahlen und erhĂ€lt als Dank seine Kreditkarte nicht zurĂŒck. Einen Schlag auf den Tresen spĂ€ter werden die TĂŒren geschlossen und das vollautomatisierte Lokal scheint ein Eigenleben zu entwickeln. Doch dies ist nur der Anfang eines dramatischen Tages.

Schon in den ersten zehn Minuten fĂ€llt auf: Außer der Fahrstuhlmusik des Restaurants herrscht Stille. Mulder und Scully interagieren durch Blicke und Gesten. Worte sind nicht nötig, um ihre Emotionen und Gedanken zu transportieren. FĂŒr Zuschauer, die zufĂ€llig einschalten, dĂŒrfte diese Abwandlung eines Stummfilms sicher verstörend sein, lĂ€sst man sich jedoch auf die Spielfreude der beiden Protagonisten ein, macht die PrĂ€sentation einfach Spaß.

WĂ€hrend Scully mit einem nervtötenden Automatiktaxi (ohne Fahrer) viel zu schnell gen Heimat gefahren wird, versucht Mulder per Navigation ebenfalls sein Zuhause zu erreichen. Doch die Technik fĂŒhrt ihn direkt zurĂŒck zum Sushi-Lokal. „You have arrived at your final destination.“ Eine Drohung? NatĂŒrlich wird er per App auch gerne daran erinnert, dass er immer noch die Chance hat, Trinkgeld zu geben.

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Irresistible

Irgendwann kommen beide doch noch heil zu Hause an. Mulder versucht, seine Kreditkarte sperren zu lassen, Scully kĂ€mpft mit ihrem Smarthome. Die Alarmanlage nimmt den sicher korrekt eingegebenen Code nicht mehr. Der Fehlalarm wird direkt mit 250 Dollar berechnet. In beiden FĂ€llen spielt man damit sicher auch auf den Wahnsinn heutiger Callcenter an, bei denen man lange in der Leitung wartet, um mit einem Sprachsystem oder schlecht angelernten, billigen ArbeitskrĂ€ften sinnlose GesprĂ€che ohne Ergebnis zu fĂŒhren. Doch das Grauen geht weiter: Mulder wird von einer Drohne besucht (die sogar Zugang zu seinem Fernseher erlangt und ihm Bilder zeigt, wie er auf der Couch sitzt) und Scully erhĂ€lt just in dem Moment, in dem ihre Stylingcreme („Rock It Like a Redhead“) aufgebraucht ist, die Chance, Nachschub zu bestellen.

Mitte der Episode hĂ€tte man das Treiben gut als „Attack of the Terror Drones“ bezeichnen können. Mulder zerschlĂ€gt eine und erhĂ€lt direkt weiteren Besuch und Scully wird ihr neuer kleiner Haushaltsfreund (ein Saugroboter) direkt vor die HaustĂŒr geliefert. Sie hatte jedoch gar keinen bestellt. Das ist besser als jeder Horrorfilm!

Bevor dann alles endgĂŒltig den Bach runtergeht, wird Mulder von einer Horde Minidrohnen belagert und Scully wird ihren Saugroboter nicht los. Ehrensache, dass der Mietwagen auch noch bedrohlich in der Einfahrt parkt und das Smarthome nicht so will wie die Besitzerin.

Und ja - es geht richtig den Bach runter. Höhepunkt ist dabei sicher die „Fabrik des Grauens“ samt wild gewordenem 3D-Drucker. Völlig verrĂŒckt. Dabei wĂ€re alles so einfach gewesen. Mulder erhĂ€lt sein Smartphone zurĂŒck und somit noch eine letzte Chance, endlich Trinkgeld zu geben. Was sind schon zehn Prozent im Tausch gegen das Leben von ihm und seiner Dana?

Home

Das besondere Schmankerl kommt dann allerdings passfertig zum Schluss und schließt genau diesen Kreis ruhig und dennoch so vielsagend. Scully und Mulder sitzen erneut in einem Lokal, diesmal aber in einem traditionellen Diner. Diesmal haben wir es mit einem Ort voller Menschen und Leben zu tun. An der Wand hĂ€ngt ein Bild mit einer Barszene, die eine einzige menschliche Frau im Kreise von Robotern zeigt. Plakativ, aber hĂŒbsch. Doch das Setting fĂ€rbt natĂŒrlich direkt auf unsere Helden ab. So motiviert die freundliche Bedienung Mulder direkt zum Zahlen eines Trinkgelds - natĂŒrlich in bar.

Als beide dennoch erneut der Versuchung erliegen, sich mit ihren Smartphones zu befassen, ist es Scully, die die Notbremse zieht. Sie nimmt liebevoll Mulders Hand, die beiden schauen sich wortlos an, legen die GerĂ€te weg und realisieren, wie viel sie einander bedeuten und wie wichtig die körperliche und emotionale NĂ€he fĂŒr uns Menschen ist. Die letzten Sekunden sind dann wieder einvernehmliches Schweigen - jedoch unterlegt mit dem Hintergrundrauschen namens Gesellschaft. Ist es nicht schön, mittendrin zu sein?

Wir lernen: Sozialkontakte kann und darf man nicht durch den Einsatz von Technik vereinfachen oder gar ersetzen. „Akte X“ liefert hier eine wunderbare Aussage fĂŒr die Welt und gleichzeitig noch ĂŒber unsere geliebten Agenten und deren komplexe Beziehung.

FOX
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Underneath

Noch ein paar Beobachtungen zum Schluss:

Die Tagline der Episode lautet „VGhlIFRydXRoIGlzIE91dCBUaGVyZQ=“. Übersetzt heißt das selbstverstĂ€ndlich: „The Truth is out There“.

Der Name des Sushi-Restaurants lautet Forowa - was wie auch der Episodentitel aus dem Japanischen ĂŒbersetzt „Followers“ bedeutet. Somit geht es hier durchgehend um die, die uns folgen. Per Vernetzung in den sozialen Medien wie auch im persönlichen Kontakt im Leben. Mulder und Scully sind voneinander nicht mehr zu trennen und erkennen erneut den Wert dieser Verbindung.

Scully muss zum Ausschalten ihres Alarmsystems ein Passwort nennen. Es lautet Queequeg (wie der Name ihres ehemaligen Hundes).

Mit dieser Episode zeigt sich die Serie zudem so aktuell wie lange nicht mehr. Was wissen unsere diversen technischen GerĂ€te eigentlich ĂŒber uns? Was kommuniziert unser Smartphone an wen? Was treibt Alexa, wenn sie schweigt? Wie weit kann man Facebook und Co vertrauen? Und leuchtet die rote Lampe am Laptop wirklich immer, wenn die Webcam angeschaltet ist? Spooky! Die RealitĂ€t ist eben gruseliger als jedes Monster.

Die Umsetzung bezĂŒglich der wenigen Dialoge gelingt bis zum Ende der Episode durchweg wunderbar: Mulder und Scully sprechen diesmal ohnehin nur wenig, wenn, dann jedoch mit einer Maschine, mit sich selbst oder in irgendeiner Form voneinander getrennt (Glasscheibe). Hier offenbart sich die SterilitĂ€t der inzwischen so verbreiteten Onlinekommunikation als unzureichender Ersatz fĂŒr echte Sozialkontakte. Eine gelungene Metaebene und Metapher.

Der Song „Teach Your Children“ von Crosby, Stills, Nash & Young wird wiederholt verwendet und passt perfekt zur Episode. „We must be better teachers“ erkennt Mulder am Ende und schlĂ€gt somit den Bogen zurĂŒck zu „Tay“ und dem Beginn der Episode.

Das Drehbuch stammt von Shannon Hamblin & Kristen Cloke. Das Besondere daran ist, dass es sich bei Cloke um die Darstellerin aus der Serie „Space: Above and Beyond“ handelt. Und nicht nur das: Sie ist auch die Ehefrau von Regisseur Glen Morgan und war bereits einmal als Gastdarstellerin in der „Ake X“-Episode The Field Where I Died mit von der Partie und ist diesmal als Wendy zu sehen. Ihre Kollegin Hamblin war vorher die Assistentin von Glen Morgan. FĂŒr beide ist es das erste Drehbuch zur Serie. Ihnen gelingt dabei in jedem Fall ein wunderbar kreatives StĂŒck TV.

Regie fĂŒhrt Glen Morgan, der in dieser Staffel bereits sein eigenes Drehbuch This erfolgreich umsetzte. Ihm ist es zu verdanken, dass der mehr als komplizierte und abgehobene Stoff visuell und dramaturgisch kohĂ€rent bleibt. Es reizte ihn nach eigenem Bekunden, die Aussage einer Episode durch visuelle Kraft und mit nur wenig Dialog zu transportieren. Etwas Ähnliches hatte er ĂŒbrigens auch schon in der Exserie seiner Ehefrau gemacht, die er damals gemeinsam mit James Wong an den Start gebracht hatte.

Musings of a Not Smoking Man

Mal unabhĂ€ngig davon, ob Gillian Anderson bereit wĂ€re, fĂŒr eine weitere Staffel doch noch einmal zur Serie zurĂŒckzukehren, muss man leider festhalten, dass die Einschaltquoten in den USA nicht erfreulich sind. Die Serie hatte bereits sehr schwach begonnen und im Vergleich zur zehnten Staffel vor zwei Jahren massiv an Reichweite eingebĂŒĂŸt. Seitdem sanken die Werte trotz der deutlich steigenden QualitĂ€t weiter. Aktuell befindet man sich zum Beispiel unter dem Niveau der ersten Staffel von The Orville, die auch bei FOX lĂ€uft. Ob angesichts der Kosten ĂŒberhaupt eine WeiterfĂŒhrung infrage kommt, werden wir sicher bald von den Verantwortlichen beantwortet bekommen. Hoffen wir fĂŒr den Moment, dass der Cliffhanger am Ende der aktuellen Staffel nicht zu heikel wird - nur fĂŒr alle FĂ€lle.

Fazit

WĂŒrde man Mulder und Scully austauschen, hĂ€tte man hier eine der besten „Black Mirror“-Episoden ĂŒberhaupt. Doch wer wĂŒrde das wollen? Mit den beiden wird die Episode mit dem unaussprechlichen Namen nĂ€mlich mĂŒhelos zu einer der besten Episoden aus „Akte X“ und zu einem ganz feinen StĂŒck Fernsehunterhaltung. GefĂŒhlvoll, hintergrĂŒndig, clever, humorvoll: Wo gibt es so etwas sonst schon noch derart geballt?

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Verfasser: Björn SĂŒlter am Freitag, 2. MĂ€rz 2018

The X-Files 11x07 Trailer

Episode
Staffel 11, Episode 7
(The X-Files 11x07)
Titel der Episode im Original
Rm9sbG93ZXJz
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 28. Februar 2018 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 4. April 2018
Autoren
Kristen Cloke, Shannon Hamblin
Regisseur
Glen Morgan

Schauspieler in der Episode The X-Files 11x07

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?