The X-Files 11x05

The X-Files 11x05

Zwei Teenagermädchen treffen sich auf einem einsamen Schiffswrack und bringen sich fast gegenseitig um - was wie der Auftakt zu einer reinen Monster-der-Woche-Episode von Akte X wirkt, entwickelt sich zum besten Beitrag zur Serienmythologie seit langem.

Mulder und Scully in „The X-Files“ (c) FOX
Mulder und Scully in „The X-Files“ (c) FOX
© ulder und Scully in „The X-Files“ (c) FOX

James Wong überrascht in den ersten Minuten keinen versierten The X-Files-Fan: Das Setting, die beiden Mädchen, das Auftauchen eines offenbar eingebildeten Monsters und der gegenseitige Angriff stehen in bester Tradition verschiedener Episoden der Vergangenheit und lassen durch die tolle Atmosphäre auf dem heruntergekommenen Schiff - ähnlich der höchst spannenden Episode Dod Kalm viel vom geliebten Horror-Mystery-Feeling der Vergangenheit aufkommen. Dann jedoch wendet sich das Blatt und zu unser aller Überraschung scheint das Team um Chris Carter diesmal wirklich deutlich mehr mit der übergreifenden Handlung der Serie vorzuhaben, als nur die jeweils erste und letzte Episode der Staffel prominent damit zu bestücken...

Chimera

Der Schauplatz des Auftakts ist somit nicht mehr lange von tieferer Bedeutung, wenn er auch noch einige Male den schaurigen Hintergrund für stark geschriebene Dialoge bietet. Die beiden Mädchen haben überlebt, kennen sich jedoch gar nicht, hielten sich für Ghouli (ein Monster, das auf einer Internetseite zu sehen ist) und haben irritierenderweise den gleichen Freund. Dieser heißt Jackson van de Kemp und könnte der zur Adoption freigegebene Sohn von Mulder und Scully sein - zumindest befürchtet Scully das, da sie den Nachnamen der Adoptiveltern vor kurzem erfahren hatte.

Dass die beiden Agenten also mit durchaus gemischten Gefühlen zum Haus der Eltern des Jungen fahren, verwundert nicht. Dazu trägt auch ein Traum bei, den Scully in der Nacht zuvor hatte: Sie befand sich in einem fremden Haus und jagte eine dunkle Gestalt - am Ende sah sie eine Schneekugel, in der sich ein Schiff namens Chimera befand. Wie das Schiff, auf dem die beiden Mädchen den Ghouli gesehen hatten...

Alarmiert von drei Schüssen aus dem Inneren müssen die beiden jedoch kurze Zeit später etwas noch viel Schlimmeres erkennen: Die Eltern und Jackson sind tot. Offenbar hat der Junge erst seine Adoptiveltern und dann sich selbst erschossen. So zumindest die Theorie der örtlichen Gesetzeshüter.

Dass zusätzlich noch Agenten (DOD) in der Gegend herumlungern (und Mulder und Scully auch schon zum Haus verfolgt hatten) verstärkt wie gewohnt die Paranoia - schließlich wissen wir, dass William für durchaus viele Akteure hinter den Kulissen ein wertvoller Fang wäre.

Ghouli in „The X-Files“
Ghouli in „The X-Files“ - © FOX

William

Für Scully bricht durch den Tod des ihr so fremden Jungen eine Welt zusammen, was man an jeder Regung im Spiel von Gillian Anderson sehen und nachempfinden kann. Sekündlich geht es für sie emotional bergab, bis sie schließlich alleine in der Gerichtsmedizin eine Probe der Haare des Jungen nimmt, um Gewissheit zu haben. Und so sehr man als Zuschauer auch zweifelt und davon ausgeht, hier erneut einem red herring zu folgen, so sehr sollte einem das intensive Spiel von Anderson zu denken geben. Hier sehen wir eine Mutter, die weiß, dass sie vor ihrem toten Sohn sitzt.

Auch wenn sie ihren Monolog mit eigenen Zweifeln einleitet, spricht jedes Wort, was danach folgt, eine andere, ganz klare Sprache. Dieser junge Mann ist William, der Sohn, den sie zur Adoption freigab, um ihn zu beschützen. Und Scully muss erkennen, dass es noch schlimmer ist, ihn auf diese Weise gehen zu lassen, als beim ersten - bewusst gewählten - Mal. Man kann die Leistung der Darstellerin hier gar nicht positiv genug erwähnen. Mit dem richtigen Material zeigt sie erneut, zu welch mitreißenden Gefühlsregungen sie fähig ist.

David Duchovny hingegen bleibt derweil extrem unterkühlt und spielt den Straight-Face-Man Mulder hier fast eine Spur zu straight. Etwas Empathie und das Durchscheinenlassen von eigenen Gefühlen in dieser komplexen und verwirrenden Situation hätte man ihm erlauben können. Wenn nicht vor Scully, vor wem dann?

Two Fathers, One Son

Nach einiger Ermittlungsarbeit (bei der Scully zum Beispiel herausfindet, dass die Therapeutin von Jackson die Visionen von Scully auch von Jackson/William kennt) und einer abschließenden Actionsequenz im Krankenhaus, bei der William die Begegnung mit seinen Eltern (oder seiner Mutter) bewusst vermeidet, bleibt den beiden nur noch der Rückweg - bis sie an eine Tankstelle kommen, vor deren Einfahrt ein Windrad steht - genau wie in der Schneekugel in Williams Zimmer...

Dort sieht Scully William noch einmal in der Gestalt des alten Mannes (und Autors des Buches in dessen Zimmer). Die Welt wird sich verändern, teilt er ihr noch mit und verschwindet in eine ungewisse Zukunft. Scully versteht dabei nicht, dass es sich bei seinem letzten Rat („If you don't stand for something, you'll fall for anything.“) um ein Malcolm-X-Zitat handelt. Jackson/William hatte ein Poster des Bürgerrechtlers an seiner Zimmerdecke hängen... Das Zitat an sich zeigt jedoch nur, wie wenig dieser Sohn seine leiblichen Eltern kennt - und kennen kann. Denn wenn jemand immer für etwas stand, dann doch diese zwei Agenten.

Wunderbar: Als Scully und Mulder dann durch die Aufnahmen der Überwachungskamera klarwird, dass Scully sich in Wirklichkeit mit William unterhalten hatte und ihr Sohn somit seinen Verfolgern für den Moment entkommen konnte, drückt Mulder Scully von hinten fest an sich. So muss das sein!

Am Ende wirken hier mehrere Kräfte parallel: Wie auch William selbst durchläuft diese Episode eine ständige Metamorphose zwischen Monster-der-Woche-Fall, Mythologie und der simplen, aber herzerwärmenden Geschichte zweier Eltern, die mit einer Schuld leben müssen und sich dabei einzig wünschen, dass es ihrem Kind gut gehen möge - egal, wo immer es auch sei. Was zählt, ist am Ende ohnehin nur, dass ihr Kind am Leben ist.

Mulder und Skinner in „The X-Files“
Mulder und Skinner in „The X-Files“ - © FOX

Underneath

Noch ein paar Beobachtungen zum Schluss:

Dass William parallel zwei Freundinnen hatte und beiden so leichtfertig und übel mitspielte, lässt ihn wie einen pubertierenden Deppen dastehen. Gut, der junge Mann ist erst 17 Jahre alt, wirklich passend wirkt dieser Aspekt in einem ansonsten sehr stimmigen Drehbuch jedoch nicht. Immerhin verabschiedet er sich noch mit Küsschen. Von beiden Damen. Irgendwie konsequent, oder? Als Vater einer Tochter, die bald selbst nach coolen Jungs Ausschau halten wird, finde ich Jungsspäße dieser Art vermutlich einfach nicht mehr so lustig wie früher...

Mulder lässt Jacksons DNA mit der von Scully vergleichen - ob er sie auch mit seiner eigenen überprüft hat, erwähnt er nicht. Ahnt er, dass etwas nicht stimmt? Oder ist er sich seiner Vaterschaft so sicher, dass er diese Chance ungenutzt lässt? Wir werden es vielleicht erfahren. Der Aussage des Rauchers aus My Struggle III, dass William eigentlich sein Sohn sei, ist sicher nicht vorbehaltlos zu trauen.

Skinner arbeitet offenbar immer noch mit dem Raucher, erhält aber auch endlich mal wieder einen positiven Moment, als er Mulder warnen will. Mulder erzählt ihm von William und Skinner wirkt aufrichtig bestürzt und geschockt. Er und Mulder waren sich lange nicht so nah wie hier - mehr davon! (Und nein, es geht hier nicht um romantische Gefühle.)

Mulder lässt sich im Coffee-Shop als Bob ansprechen - er hat einfach keine Lust, immer wieder seinen richtigen Namen zu diskutieren. Oder, wie Scully es so schön sagt: Das ist scheinbar eine alternative Realität, in der es in Coffee-Shops (den Namen) Fox einfach nicht gibt. Damit spielen die Autoren natürlich auch auf die Theorie an, dass sich die Serie aktuell in einer solchen alternativen Realität befinden könnte. Lost lässt grüßen? Und wenn wir gerade beim Thema sind: Den Schauspieler Francois Chau kennen viele sicherlich aus ebenjener Serie... Dort war er Pierre Chang (der jedoch immer andere Namen hatte) in den DHARMA-Videos. Das Spiel mit Nebelkerzen und falschen Namen zieht sich durch alle Bereiche der Episode - sogar durchs Casting.

Das Zitat „Not in Kansas Anymore“ (welches sich hier auf einer Schneekugel mit Windrädern in Williams Zimmer findet) steht für das Verlassen der Komfortzone, eines ruhigen, bekannten und friedlichen Orts und stammt aus „Der Zauberer von Oz“. William wird diesen Weg offenbar nun gehen und die Welt erkunden.

Scully in „The X-Files“
Scully in „The X-Files“ - © FOX

Im Vorspann steht diesmal: „You see what I want you to see“. Das könnte sowohl auf die von William geschickte Vision Bezug nehmen als auch auf das Spiel des Rauchers, der Mulder und Scully schon immer nur die Brocken hingeworfen hat, die er bereit war zu teilen - und die seiner Agenda in den Kram passten. Eventuell - so unkt unsere Lieblingsagentin - war ihre Weltuntergangsvision in My Struggle II gar kein Blick in die Zukunft, sondern nur das, was William sie sehen lassen wollte (siehe die Tagline der Episode).

Die Macher haben sich die Mühe gemacht, die Homepage aus der Episode, ghouli.net, wirklich online zu stellen. Sie ist durchaus einen Besuch wert.

Der Moment in Skinners Büro, als im Vordergrund der Raucher ins Bild kommt, birgt dermaßen gekonnt Retrofeeling und ist für Fans wohlig bekannt, dass ich fast zum Applaudieren aufgestanden wäre.

Fazit

Ein schauriger Fall der Woche, der sich zu einem relevanten und rührenden Beitrag zur Serienmythologie mausert, war zu diesem Zeitpunkt der Staffel nicht zu erwarten, macht aber gerade deswegen so viel Freude. Gillian Anderson spielt das starke Material mit großer Hingabe und zeichnet dabei das Porträt einer Mutter im Zwiespalt der Gefühle schmerzhaft greifbar nach. Somit schlägt die Serie diesmal zwei Fliegen mit einer Klappe und beweist nach letzter Woche erneut: Es geht noch - mit und ohne Mythologie.

Verfasser: Björn Sülter am Donnerstag, 1. Februar 2018

The X-Files 11x05 Trailer

Episode
Staffel 11, Episode 5
(The X-Files 11x05)
Titel der Episode im Original
Ghouli
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 31. Januar 2018 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 21. März 2018
Autor
James Wong
Regisseur
James Wong

Schauspieler in der Episode The X-Files 11x05

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?