The X-Files 11x04

The X-Files 11x04

Wie wichtig ist Wahrheit? Was bedeuten Erinnerungen? In welcher Art Hier und Jetzt leben wir? Gibt es einen unsichtbaren Dirigenten, der unser Leben manipuliert? Was finden wir in anderen und was in uns selbst? Akte X liefert ein tiefsinniges und gleichzeitig verrücktes Stück Fernsehunterhaltung.

Gillian Anderson, David Duchovny und Brian Huskey in „The X-Files“ (c) FOX
Gillian Anderson, David Duchovny und Brian Huskey in „The X-Files“ (c) FOX
© illian Anderson, David Duchovny und Brian Huskey in „The X-Files“ (c) FOX

Während Mulder (David Duchovny) Bigfoot jagt, wird er von einem mysteriösen Fremden zu einem geheimen Treffen gerufen. Dieser ist entweder seinem Expartner Reggie (Brian Huskey) und Gründer der X-Akten sowie einer Verschwörung von gigantischem Ausmaß auf der Spur oder einfach nur ein bemitleidenswerter Irrer, der sich in eine Traumwelt verrannt hat...

Little Green Men

Es ist nie ein ganz schlechtes Zeichen, wenn man beim Schauen der ersten Minuten einer Episode vom Schmunzeln ins Lachen gerät. Der Teaser der neuen Darin-Morgan-Episode erreicht allerdings genau das. In altmodischem Schwarz und Weiß gehalten, zeigt er uns einen offenbar verwirrten Mann in einem Diner, der von bösen Marsianern spricht, die uns alles vergessen lassen. Wie sich diese im Ansatz schon schräge Sequenz dann bis zum Vorspann hochschaukelt, ist ein komödiantischer Genuss und lässt direkt an die Serie The Twilight Zone sowie die „X“-Episoden The Post-Modern Prometheus oder Jose Chung's From Outer Space und Clyde Bruckman's Final Repose denken.

Letztere beiden wurden übrigens ebenfalls von Darin Morgan geschrieben, erstere jedoch von Serien-Mastermind Chris Carter, der damit - nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal - ebenfalls bewies, zu welch hochklassiger Arbeit er als Autor fähig ist.

Hier geht es jedoch um die neue Episode von Darin Morgan - und offenbar hat er sich dafür eine ganze Menge vorgenommen. Das zeigt sich nicht nur in der an die echte „Twilight Zone“-Episode „Will the Real Martians Please Stand up?“ angelehnten Anfangssequenz, die Mulder als die Episode „Lost Martian“ kennt und als seinen ersten Kontakt mit der „Twilight Zone“ bezeichnet (die auch in der Serienwirklichkeit gar keine „Twilight Zone“-Episode ist). Es zeigt sich auch in der Themenvielfalt, die der Autor in seine an sich vollkommen absurde und äußerst redselige Geschichte einbringt.

This Is Not Happening

Es ist dabei gar nicht möglich, auf all das einzugehen, was offensichtlich und was im Subtext der Episode abläuft. Nehmen wir nur das altbekannte X an Mulders Fensterscheibe, den Auftritt von Bill Dow, der bereits in unzähligen „X“-Episoden mitgespielt hat, die Erwähnung von Rod Serling (der zum Beispiel die oben genannte Episode der „Twilight Zone“ geschrieben hatte) oder den Schlagabtausch mit den arroganten jungen Agenten - Darin Morgan hat hier ein weiteres Mal eine höchst experimentelle Arbeit abgeliefert, die derart viel Anreiz zu Gedanken und Diskussionen gibt, dass man sich nicht im Rahmen einer Rezension auf alle Pfade begeben kann.

Was wir allerdings glauben sollen, ist, dass Mulder und Scully (Gillian Anderson) ihren Expartner Reggie vergessen haben, weil ein gewisser Dr. They (der natürlich sinnbildlich für „die da oben“ steht, die uns manipulieren und die Mulder sein ganzes Leben sucht und jagt) Erinnerungen löscht. Die Idee dahinter ist klar: Massenmanipulation, Verbreitung von Fake News, Massenverdummung. Als Symbol ist hier der sogenannte Mandela-Effekt Pate, bei dem eine Gruppe von Menschen eine andere Erinnerung an Sachverhalte hat, als es eigentlich den Fakten entsprechen würde. In diesem Zusammenhang kommt man auch gerne auf die Theorie paralleler Universen, was im Scharmützel zwischen Reggie, Mulder und Scully zu einigen wunderbaren Momenten führt. Um seine Behauptungen zu beweisen, erbringt Reggie diverse sogenannte Beweise und erzählt sogar einige uns wohlbekannte X-Akten nach - mit ihm als drittem Agenten mittendrin. Für diese Sequenz bekommen wir sogar einen neuen Vorspann mitten in der Episode spendiert, der aus einer gesummten Titelmelodie besteht und Reggie als Teil des Teams zeigt. Gaga. Völlig gaga.

David Duchovny in „The X-Files“
David Duchovny in „The X-Files“ - © FOX

Im Kern geht es dabei aber natürlich um etwas anderes. In Zeiten des Internets und der amoklaufenden sozialen Netzwerke ist die Wahrheit kein relevantes Gut mehr. Die Menschen lesen und hören viel (zu viel) und glauben (viel) zu leicht. Auf diese Weise entsteht ein gefährliches Halbwissen, das in jedem weiteren Schritt nur weiter verwässert. Da die wenigsten überhaupt noch etwas hinterfragen, entwickelt sich die Wahrheit immer mehr zu einer schemenhaften Erinnerung.

Den aussagekräftigsten Moment erzielt die Episode im Treffen Mulders mit Dr. They (Stuart Margolin), als dieser Donald Trump zitiert: „Nobody knows for sure.“ Das ist an sich nur ein simpler Satz, doch er zeigt auch das Spiel der Manipulation doppelzüngig. Wenn niemand mehr weiß, was stimmt, kann auch niemand niemanden mehr der Lüge überführen. Die heutige Zeit definiert sich über Nebelkerzen. Wir werden für dumm verkauft, belogen und in Halbwahrheiten und Lügen verpackt - bis wir am Ende kein Licht mehr am Ende des Tunnels sehen, sondern vor Tunnelblick resignieren.

Nachdem die Lektion gelernt ist, wird Reggie jedoch erwartungsgemäß als Spinner enttarnt. Scully findet ein paar lose Fakten und auf einmal platzt die Seifenblase und die beiden Agenten lassen den armen Verrückten ohne Gegenwehr abtransportieren - in einem alten Krankenwagen, der (natürlich) an die Ghostbusters erinnert. Böse Geister, die ich rief...

Doch ist das denn nun die Wahrheit? Oder werden wir erneut manipuliert? Als Skinner aus einer Tür tritt und fragt, wohin man denn Reggie bringen würde, steht den Agenten die einzig relevante Frage ins Gesicht geschrieben: Wie jetzt?

Alex Diakun in „The X-Files“
Alex Diakun in „The X-Files“ - © FOX

The Truth

Doch bevor dieser Reggie in seiner Zwangsjacke einer ungewissen Zukunft entgegenging, hatte Mulder ihm noch eine letzte Geschichte zugestanden. Wie war das eigentlich damals mit unserem letzten gemeinsamen Fall (von dem Reggie vorher gesprochen hatte)? Und erneut packt Darin Morgan hier eine Hommage an die „Twilight Zone“ aus, genauer gesagt an die Episode „To Serve Man“. Ein Alien landet mit seinem Raumschiff, fährt per Scooter vor dem Agententrio vor und erklärt, dass man sich nach eingehenden Studien entschieden habe, auf Kontakt mit den Menschen zu verzichten.

Die Menschen verderben sonst nur den Rest des Universums mit ihren Lügen. In Trump-Manier würde man nun lieber eine unsichtbare Mauer bauen, damit die Menschen bloß in ihrem Sonnensystem blieben. Kurz gesagt: Hier wird auf radikale Weise von einem außerirdischen Abgesandten mit den Menschen Schluss gemacht. Ihr seid unwürdig, ich bin dann mal weg. Als kleine Entschädigung gibt es aber immerhin noch ein Buch - mit nicht weniger als allen Antworten darin.

Wie? Und das war es jetzt? Es gibt Leben im All, aber keiner von denen mag uns? Mulder scheint enttäuscht. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Antwort auf die Frage nie zu finden? Gleiches gilt auch in Bezug auf das Buch, welches man ohne Frage als eine Art Heiligen Gral des Fox Freakin' Mulder bezeichnen könnte.

Er hatte es laut Reggies Geschichte also bereits in seinen Händen und somit direkten Zugang zur gesamten Wahrheit. Doch hat es ihn glücklich gemacht? Nicht in Morgans Vorstellung, der weiß, dass für den Agenten immer der Weg das Ziel war. Mulder war nie mit nur einer Antwort zufrieden, die nächste Stufe wartete jedes Mal bereits hinter der nächsten Ecke. Sein Poster sagte schließlich auch immer „I want to believe“ und nicht „I want to know“. Und hier schließt sich auch der Kreis von Morgan zu Chris Carter, der immer genau wusste, wie und warum die Serie funktioniert. Weil man alles fragen sollte, aber nie alles erfahren muss. Dass besonders einige späte Episoden - auch der langen Laufzeit der Serie und der Erwartungshaltung geschuldet - dieser Erkenntnis entgegenliefen, darf man eher als Anomalie bezeichnen.

Im Kern ging es immer nur um die Frage - und nie um eine objektive Antwort.

Doch Reggie hat noch eine andere Sichtweise zu bieten - auch wenn er dabei eher auf eine amouröse Beziehung mit Scully aus ist. Diese lautet: Vielleicht sollten wir nie die Wahrheit finden, sondern uns.

Am Ende seiner Geschichte fährt er davon - ins Spotnitz Sanatorium, was den ehemaligen Produzenten der Serie, Frank Spotnitz, sicher zum Schmunzeln bringen dürfte. Relevanter ist allerdings, was Reggie mit seiner letzten Bemerkung über Mulder und Scully sagen wollte: Vielleicht war der Konflikt zwischen dem Gläubigen und der Skeptikerin immer nur der Versuch der Annäherung - bis hin zu mehr?

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. So nannte ich es vergangene Woche. Hier sehen wir nun erneut die Freundschaft, die Nähe, doch auch die kleinen Spielchen, die alles zulassen, aber nichts konkretisieren. Mulder und Scully haben immer dann am besten funktioniert, wenn man sich alles vorstellen durfte, aber nichts zu deutlich serviert bekam, wenn unsere eigene alternative Wahrheit die maßgebliche war und nicht das, was man auf dem Bildschirm in Vollendung sehen konnte.

Jose Chung sagte uns einmal sinngemäß, dass es eine seltene und glückliche Fügung sei, wenn man Bedeutung in jemand anderem fände. In dieser Hinsicht waren Mulder und Scully immer die schönste ungeschriebene Liebesgeschichte Hollywoods - egal, wie nah oder fern sie sich und der Wahrheit waren.

Gillian Anderson und David Duchovny in „The X-Files“
Gillian Anderson und David Duchovny in „The X-Files“ - © FOX

Young At Heart

Und so schauen sie sich am Ende ganz tief in die Augen. Die letzte Aufnahme von Mulders „Lost Martian“ ist kaputtgegangen, während Scully sich eigenständig gegen das Stochern in wunderbaren Kindheitserinnerungen entschieden hat. Wir alle kennen das: das Eis von früher, die Lieblingsserie aus Kindertagen, wundervolle Filme oder Bücher - nichts im Heute bringt uns die Gefühle aus dem Damals zurück. So verdreht, verfälscht oder beschönigt unsere Erinnerungen auch sein mögen - sie bergen einen unendlichen Vorrat an Emotionen, die durch keine Handlung im Heute wirklich zu reproduzieren wäre. Hier liegt dann auch die Verbindung zu den Fake News und Fake Facts - das, was wir im Herzen tragen, ist zwar genauso wenig akkurat, wie die News und Infos in der Welt des Jahres 2018. Doch es sind immerhin unsere eigenen individuell verfälschten Erinnerungen, unsere eigenen Fake Facts. Und sie tun uns gut.

Das macht die Botschaft am Ende auch so simpel: Es gibt im Leben im Hier und Jetzt so viel zu sehen. Wer sich in der Vergangenheit verliert, verliert den Blick für das Wesentliche: das Leben. Und so endet eine weitere Episode der neuen Staffel mit einem rührenden Shipper-Moment, der eigentlich so schlicht und doch so emotional effektiv ist.

Fazit

Exzellent. In ihrer vierten Episode der elften Staffel sind die X-Akten zwar wieder vollkommen durchgedreht, albern und zum Schreien komisch, bieten aber dennoch eine Geschichte, die viel mehr zu bieten hat als bloße Comedy. Darin Morgan gelingt ein Drehbuch voller Tiefe und mit stimmiger Umsetzung und beweist, wie gut auch heute noch bekannte Muster funktionieren können, wenn man sie nur kreativ adaptiert. Am besten nämlich, wenn man eine Geschichte zu erzählen hat, die etwas über die Protagonisten, den Zuschauer und die ganze Welt auszusagen hat. Oft kommt so was zwar nicht vor, hier jedoch schon. Wunderbares The X-Files und wunderbare TV-Unterhaltung. Kudos!

Verfasser: Björn Sülter am Donnerstag, 25. Januar 2018

The X-Files 11x04 Trailer

Episode
Staffel 11, Episode 4
(The X-Files 11x04)
Deutscher Titel der Episode
Der Mandela-Effekt
Titel der Episode im Original
The Lost Art of Forehead Sweat
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 24. Januar 2018 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 14. März 2018
Autor
Darin Morgan
Regisseur
Darin Morgan

Schauspieler in der Episode The X-Files 11x04

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