The X-Files 11x03

© illian Anderson, David Duchovny und Jared Ager-Foster in „The X-Files“ (c) FOX
Ein Junge fährt sich mit dem Auto fast zu Tode. Doch obwohl er unter Alkoholeinfluss stand und Drogen konsumiert, gehen Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) seiner Geschichte vom bösen Doppelgänger nach. Die Ermittlungen in einem Kaff fördern weitere sonderbare Gestalten zu Tage und führen die Agenten schließlich sogar selber ins Fadenkreuz unheilvoller Mächte...
Die Hand Die Verletzt
Ich muss es ehrlich zugeben: Ich wusste, dass Darin Morgan, der viele starke X-Episoden der Vergangenheit geschrieben hatte, in dieser Staffel erneut zum Team gehören würde. Nach den ersten fünfzehn Minuten von Plus One war ich rein vom Stil des Gezeigten sicher, in seiner Episode gelandet zu sein und bedauerte von Herzen, dass der Autor offenbar jegliches Gefühl für das Material verloren hatte. Nach fünf weiteren Minuten jedoch wurde ich langsam nervös und unsicher. War dieser starke Abfall in der Qualität denn wirklich möglich? Darin Morgan hatte mich schließlich noch nie enttäuscht! Neben „Übervince“ Vince Gilligan war er immer der Fixpunkt für Qualität und Highlights gewesen. Ich stoppte also die Episode, bemühte Wikipedia und las dort etwas, das mir die Mundwinkel gefrieren ließ. Nein, es handelte sich zum Glück nicht um eine Darin-Morgan-Episode. Chris Carter persönlich zeichnete für das Drehbuch verantwortlich und lieferte somit bereits zum zweiten Mal innerhalb der noch jungen Staffel einen triftigen Grund, warum er dem Autorenteam in Zukunft lieber fernbleiben sollte.
Nochmal Glück gehabt. Durchatmen, sortieren, kleinen Schnaps trinken und weitermachen.
Grotesque
Fangen wir also nochmal an: Chris Carter spielt hier eine Karte, die die Autoren immer wieder in der Serie The X-Files gespielt hatten. Rätselhafter Todesfall führt zu Ermittlungen in einem sonderbaren Kaff. In einer Nervenheilanstalt sind sogar die Pflegerinnen nicht von dieser Welt, die wahren Freaks lauern jedoch in Gestalt der kranken Judy und ihres Bruders, der im Gegensatz zu seiner Schwester aber in einem abgelegenen und heruntergekommenen Haus wohnt.
So weit so bekannt.
Doch leider könnte die Rezension und Aufarbeitung an dieser Stelle prinzipiell schon enden. Der Rest der Handlung ist wie Malen nach Zahlen. Nach dem ersten Unfall folgt bald der zweite (diesmal tödlich). Und ganz am Ende sind sogar Mulder und Scully in Gefahr. Zwischendurch darf Mulder natürlich brav an das Böse glauben, während Scully - fast schon müde und leidenschaftslos - immer wieder erklärt, dass es so etwas nicht gibt.

Und dennoch lässt die Episode diese Tür sperrangelweit auf. Das Geschwisterpaar hatte offenbar wirklich telepathisch kommuniziert (und Galgenraten gespielt) und damit oder dabei irgendwie die Doppelgänger-Halluzinationen ausgelöst und so die Opfer in den Tod getrieben. Doch warum? Am Ende findet Mulder zwei Zeichnungen mit Galgen und den Worten „Mom“ und „Dad“. Da wird die Musik sofort ominös und vielsagend - bleibt letztlich jedoch nichtssagend. Carter produziert gerne Schauwerte auf dünnem Eis, vermeintlich bedeutungsschwangere Andeutungen ohne Gehalt und schickt seine routinierten Ermittler auf Pfade, die ausgetretener nicht sein könnten. All das vereint er hier. Der Unterhaltungswert liegt somit irgendwo zwischen frustrierend und traurig.
Einzig kreativ wirkt dann noch der Titel und die damit verbundene Bedeutung innerhalb der Episode. Judy und ihr Bruder können nur gemeinsam ihre Taten vollbringen und haben beide einen jeweils bösen imaginären Zwilling. Vielleicht möchte Carter ja darauf hinaus, dass die bösen Zwillingen auch irgendwann die Eltern umgebracht haben. Nur warum würde er darauf hinauswollen? Was haben die Eltern sonst damit zu tun? Wie gesagt: Eine leere Hülle voll heißer Luft. Weiter im Text: Auch Mulder und Scully brauchen sich im Leben - können aber auch nicht miteinander; ganz wie die Geschwister.
Und sogar das Mantra „The Truth is out there“ erscheint im Vorspann doppelt - und mag nicht alleine bleiben.
Der Sinn? 1+1 macht 2, widdewiddewitt und 3 macht Neune? Sorry, ich steig aus. Vielleicht ist mir Chris Carter auch heute einfach zu hoch.

Paper Hearts
Nach dieser Episode ist mehr als klar, wie der aktuelle Beziehungsstatus von Mulder und Scully lautet: Es ist kompliziert. Das war es zwar ehrlicherweise schon immer, doch selten zuvor so undurchsichtig wie hier. Zusammen sind die beiden Kollegen definitiv nicht mehr. Auseinander jedoch auch nicht wirklich. Es reicht nicht dafür, im selben Bett zu schlafen, aber zum Kuscheln und Festhalten darf Mulder dann doch noch rüberkommen. Innig und doch entfernt, eins und doch entzweit. Was Carter hier genau zu schreiben versucht, ist unklar. Oder eben kompliziert, wenn man das Wort wieder aufnehmen möchte. Und obwohl dieses Unklare und Undefinierte auch leicht frustrierend sein könnte, nehmen uns Duchovny und Anderson tief mit hinein in die Szenen. Ihre Chemie stimmt einfach immer noch. Wenn Mulder Scully im Arm hält, Scully sich umdreht und ihren Fox anschaut - da möchte man doch glatt als männlicher Shipper rufen: Nun küss ihn endlich! Doch ist das „will-they-or-won't-they“-Getue eben schon immer Bestandteil der Serie gewesen. Ob sich das bis zum Ende der Staffel - und dem somit vermeintlichen Ende der Serie - noch ändern wird, bleibt im Dunkeln. Vermutlich hält Carter es eben doch einfach mit Herbert Grönemeyer: Bleibt alles anders.
Liebe ist eben kompliziert.
Eines ist jedoch glasklar: Ohne die privateren Szenen um Mulder und Scully, ihre Scharmützel, die Scherze, das Necken und den wirklich gelungenen Moment im Bett des Motelzimmers, hätte die Staffel mit dieser Episode einen noch schlimmeren Schiffbruch erlitten, als mit dem Auftakt My Struggle III. So retten einzig die Protagonisten und die in diesem Aspekt der Episode zugegeben gut geschriebenen Dialoge das Ganze irgendwie noch auf ein erträgliches Niveau. Wirklich verdient hat das Gesamtwerk die Wertung unter uns gesagt aber eigentlich nicht.
Zum Sterben bleibt das zu viel, zum Leben jedoch auch eindeutig zu wenig.

Ach ja: Nächste Woche ist dann wirklich Darin Morgen dran. Für die vierte Episode lieferte er gleich Drehbuch und Regie. Mit Recht dürft Ihr mich also nun als vorfreudig erregt bezeichnen. Ich würde was drauf wetten, dass uns The Lost Art of Forehead Sweat weniger Grund zum Kopfschütteln liefern wird. Darin to the rescue. Please.
Fazit
Mit „Plus One“ versucht Chris Carter, den wunderbar verschrobenen Episoden eines Darin Morgan oder Vince Gilligan nachzueifern. Das Ergebnis ist ein schaler Abklatsch, der sich nebenbei fast mehr nach der Serie Millenium anfühlt und weder den grotesken Humor, noch die düstere Stimmung seiner Vorbilder jemals erreicht oder auch nur im Detail einfangen kann. Die Figuren bleiben blass, der Humor oberflächlich. Auf der Habenseite verbucht Carter jedoch locker flockige Wortwechsel seiner Protagonisten und einen rührenden und intimen Moment, der das Herz der Episode bildet - jedoch leider im Kern gar nichts mit der Haupthandlung zu tun hat. Gut geht leider anders.
Verfasser: Björn Sülter am Donnerstag, 18. Januar 2018The X-Files 11x03 Trailer
(The X-Files 11x03)
Schauspieler in der Episode The X-Files 11x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?