The X-Files 11x01

© ulder und Scully in âThe X-Filesâ (c) FOX
Wie bereits bei den beiden Mythologie-Episoden der zehnten Staffel, startet man auch bei der neuen Season von The X-Files mit einer Sequenz, die vergangene Ereignisse der Serie (und der Weltgeschichte) beleuchtet. Diesmal aus Sicht des Krebskandidaten (William B. Davis), der irgendwo zwischen Puppenspieler des Wahnsinns und Gott II seine Bestimmung gefunden zu haben scheint. Ansonsten wirft man die Handlung allerdings eine ganze Ecke zurĂŒck: Scully (Gillian Anderson) liegt im Krankenhaus und fantasiert von William, einer groĂen, neuen, mörderischen Verschwörung und Mulders Tod. Skinner (Mitch Pileggi) und ebenjener Mulder (David Duchovny) ermitteln derweil in unterschiedlichen Richtungen und irgendwo an einem geheimen Ort raucht unser alter Bekannter mit einer anderen alten Bekannten Zigarette um Zigarette und erklĂ€rt uns die Welt, in der wir leben...
Komm unter die Dusche, Dana!
Dieser schlĂŒpfrige Auftakt der Rezension - der, wie wir am Ende der Episode lernen, durchaus seine Berechtigung hat - spielt eigentlich auf einen gewissen Bobby Ewing an, dessen Alter Ego Patrick Duffy in den seligen 80er Jahren eigentlich eine groĂe Kinokarriere machen wollte und deswegen am Ende der achten Staffel von Dallas (2012) seine Figur dem Tod ĂŒberlieĂ. Doch es lief mit der Karriere dann doch nicht so gut und bei seiner Exserie bröckelten die Quoten. Was war da schon naheliegender, als 31 Episoden der neunten Staffel einfach in die Tonne zu treten und Bobby Ewing am Ende der Staffel wieder quicklebendig unter die Dusche zu stellen? Seine liebe Ehefrau hatte seinen Tod und alles danach somit schlicht getrĂ€umt. Bis heute ein Klassiker, wie man sein Publikum nicht auf den Arm nehmen sollte (die Formulierung âwie man seinem Publikum nicht mit Anlauf in den Arsch treten sollteâ wurde an dieser Stelle aus RĂŒcksicht auf eine gediegenere Sprache gestrichen).
Chris Carter war damals auf jeden Fall erst Mitte 30 und startete just seine eigene Karriere in Hollywood - wen wundert es also, dass er sich weitere dreiĂig Jahre spĂ€ter von eben genau dieser Duschszene inspirieren lieĂ, als es darum ging, seinen eigenen (wirren) Cliffhanger aus dem zehnten Jahr aufzulösen? Nun, ganz so schlimm wurde es hier allerdings nicht. Immerhin spulte man die Handlung der Serie nur bezĂŒglich der letzten Episode groĂrĂ€umig zurĂŒck. Dana Scully musste dafĂŒr auch nicht duschen, sie hatte schlicht Visionen, die vermutlich von ihrem Sohn William stammten. Eine Art Seelenlink ohne vorherige Katra-Ăbertragung, wenn mir dieser kurze Abstecher in eine andere Franchise gestattet sei. Und wer denkt, dass das alles bis hier schon kompliziert war, der wird sich noch wundern.

The Untruth is everywhere!
Wenn man es genau nimmt, versucht Chris Carter mit dem dritten Teil seiner vierteiligen âMy Struggleâ-Geschichte nĂ€mlich, die ganze Mythologie neu auszurichten. Mal wieder, mögen einige sagen. Ganz clever diesmal, möchte ich ergĂ€nzen. Mit groĂem Besteck wird uns gezeigt, was fĂŒr ein unfassbar gigantischer Player der Krebskandidat schon immer war: Kennedy-Mord, Mondlandung - ĂŒberall hatte der Gute seine nikotingelben Finger drin. Der CSM (fĂŒr Cigarette-Smoking-Man, wie ich ihn ab jetzt immer mal abkĂŒrzen werde) ist also eine Art Super-Conrad-Brean aus dem Film „Wag the Dog“. Dieser musste dort einen Krieg gegen Albanien inszenieren, damit der PrĂ€sident nicht ĂŒber einen Zwischenfall mit einer Pfadfinderin im Oval Office stolpert. Die FĂ€den des CSM sind aber natĂŒrlich globaler gespannt. Und wer sich trotz seines kurzen Auftauchens in der letzten Staffel noch gewundert hatte: Ja, er hat die Raketen auf seinen Unterschlupf in New Mexiko ohne weitere ErklĂ€rung ĂŒberlebt. Einfach so. Schwere Verbrennungen, Heilung, weiterrauchen. Nehmen wir es zur Kenntnis und haken es ab.
Die Kolonisierung der Erde durch die Aliens (die lange beherrschendes Element der Serie gewesen war) ist nun also offiziell abgesagt. Man habe seitens der Besucher von den Sternen schlicht kein Interesse mehr an einem Planeten, der unter schwindenden Ressourcen und globaler ErwĂ€rmung leidet. An dieser Stelle darf man gerne mal anerkennend nicken: Der Kniff ist witzig und clever. Und eigentlich könnte es doch nun alles gut werden, oder? Stattdessen gibt es aber natĂŒrlich lĂ€ngst andere groĂe PlĂ€ne: Das ehemalige Syndicate (dessen AnfĂŒhrer wie Klone des CSM und von Reyes wirken) möchte einen Teil der Menschheit ins All retten (klingt fast nach einem Bond-Film), der CSM selbst möchte stattdessen lieber mit einem Gift die Weltbevölkerung groĂflĂ€chig ausradieren und nur einige AuserwĂ€hlte fĂŒr einen Neustart behalten. Gotteskomplexe sind in The X-Files keine Seltenheit - hier werden sie jedoch fast zum Standardtool der MĂ€chtigen. Beide Seiten bekriegen sich nun - und Mulder, Scully, Skinner und letztlich auch William geraten zwischen die Fronten. Auf welcher Seite Reyes letztlich stehen wird, dĂŒrfte die weitere Entwicklung zeigen.
Ebenfalls nicht dumm ist dabei auch die Herleitung zu den PlĂ€nen des Rauchers: Die Menschheit leidet seiner EinschĂ€tzung nach unter einer Art Selbstzerstörungsimpuls. Sei es durch Raubbau an der Natur, Kriege oder modernen Medienwahnsinn - Carter dreht hier geschickt an den RĂ€dern seiner eigenen (teils ĂŒberholten) Geschichte und justiert diese neu. Neue Feinde und Ăngste fĂŒr eine neue Zeit. Dass dabei in den diversen Montagen auch Donald Trump und Kim Jong-un sowie das Unwort Fake-News nicht fehlen dĂŒrfen, gerĂ€t dann leider etwas albern und plump.
Doch ist Chris Carter eben niemand, der sich mit wenig zufriedengibt. Was uns direkt zu einigen Schwachpunkten bringt.

Und er fuhr wieder durch die StraĂen seiner Stadt...
Wenn ich an den Film „Sin City“ denke, entsinne ich mich endloser Szenen, in denen der Held wie auf Valium mit seinem Wagen durch die Gegend fĂ€hrt und schwafelt. Mulder oder Chris Carter scheinen - im Gegensatz zu diesem Rezensenten - definitiv Fans des Films zu sein. Dramaturgisch haben die Fahrten des Agenten mit dem coolen Mustang nĂ€mlich leider keinen Sinn. Mulder redet und redet - mit sich, ĂŒber sich, ĂŒber Scully. Exposition war nie so langweilig. Dass dazu noch parallel der CSM der lieben Monica Reyes die Handlung, seine PlĂ€ne und die Welt erklĂ€rt, macht die Sache nicht besser. WĂ€hrend Scully ohnmĂ€chtig dahinsiecht, weint, halluziniert oder leidet, erleben wir zwei MĂ€nner, die sich viel zu gerne reden hören. Der eine raucht, der andere fĂ€hrt lĂ€ssig Auto. Chris Carter ist eben auch keine 30 mehr. Und auch eine Verfolgungsjagd darf natĂŒrlich nicht fehlen - man muss ja immer mal wieder Blut durch die Adern der Zuschauer pumpen.
Ach und wo wir gerade bei Autos sind. Dass Scully sich selbst aus dem Krankenhaus entlĂ€sst, um dann an Mulders Schreibtisch zusammenzubrechen (keine Mythologie-Episode ohne âI want to believeâ-Plakat!), dann trotz ihres Zustands Auto fĂ€hrt, dabei ohnmĂ€chtig wird und per Unfall wieder im Krankenhaus landet, ist reine Zeit- und Actionschinderei. Die beiden uns bereits bekannten Agenten Einstein und Miller kommen dadurch aber wenigstens ebenfalls noch ins Spiel, dienen jedoch vermutlich nur dazu, sie uns ins GedĂ€chtnis zu rufen. Einen Zweck - auĂer Scully zu retten - erfĂŒllen sie nicht.

Gleiches gilt fĂŒr die Szene, in der ein Player (des Syndicate?) gen Ende noch viel zu leicht in Scullys Zimmer eindringt und diese zu erwĂŒrgen versucht. NatĂŒrlich nur, damit Mulder den bösen Buben in bester Splatter-Manier von hinten durch den Hals erstechen kann.
Fassen wir also kurz zusammen: coole Autos, Verfolgungsjagd, mehrere Crashs, Splatter mit Blut und körperlichem Einsatz, TrĂ€nen, Visionen, LĂŒgen, Halbwahrheiten, alte Bekannte, ein pumpender Score. Von allem was dabei - oder eher zu viel?
Mind if I smoke?
Neben allen inhaltlichen Ăberlegungen ist der Star der Episode eindeutig William B. Davis in seiner Paraderolle als Raucher, Krebskandidat, CSM, Mulders Vater, Strippenzieher und neuerdings auch offiziell Vater von William. Bitte?
Ohne Frage: Mit dieser unerwarteten EnthĂŒllung dĂŒrfte Chris Carter fĂŒr einen echten „WtF“-Moment gesorgt haben, der fĂŒr Mulder noch zu einer schmerzlichen Sache werden dĂŒrfte. Und Carter geht an dieser Stelle mehr als geschickt vor: Er zeigt uns Sequenzen aus der Episode En Ami aus der siebten Staffel, in denen Scully mit dem CSM unterwegs war und ihm nach dem Aufwachen in einem Hotel erregt vorwarf, sie betĂ€ubt zu haben. Damals konnte man damit nichts anfangen. Nun wissen wir: Sie hatte Recht. Und geschwĂ€ngert hat er sie dabei auch noch. Wie er sagt, mithilfe auĂerirdischer Wissenschaft - und seinem genetischen Material. William ist also das Kind von Aliens, dem Krebskandidaten und von Scully - und somit der erste Supermensch der Welt. Ein Gamechanger, der durchaus nachhallen dĂŒrfte und der - wenn er wirklich von so langer Hand mit dieser kleinen Szene geplant war - zeigt, wozu Carter fĂ€hig ist.
Doch dreht sich natĂŒrlich nur fast alles um den wohl eindrucksvollsten Bösewicht der Serien- und TV-Geschichte neben Darth Vader (der mit ihm definitiv die âIch bin dein Vaterâ-Problematik teilt).
Neben dem CSM, Mulder, Scully, Skinner, Einstein und Miller dĂŒrfen auch noch Monica Reyes und sogar Jeffrey Spender mitmischen. Wo war eigentlich Krycek? FĂŒr den wĂ€re doch auch noch Platz gewesen. So schön so ein groĂes Familientreffen auch ist, Carter wandelt hier sehr stark auf Fanfiction-Pfaden. Gut, dass drei der nĂ€chsten vier Episoden von James Wong, Glen Morgan und Darin Morgan stammen. Chris Carter hat viele tolle Ideen - gar keine Frage. In Sachen Umsetzung werde ich jedoch kein Freund seiner Arbeit mehr.

Die Episode erhĂ€lt hier aufgrund der vielen handwerklichen MĂ€ngel ein relativ harsches Urteil. Gerade, wenn man bedenkt, dass es sich beim Schreibenden um einen groĂen Fan der Serie handelt. Dieses harte Urteil darf man jedoch auch gerne differenziert betrachten. Unterhaltsam und spannend ist das Gezeigte, im Kern geht es sogar als kreativ durch. Was die PrĂ€sentation angeht, war die Serie jedoch einst stilbildend, wahnsinnig clever und in Sachen Dialogen oft auf den Punkt. Sie war Vorreiter fĂŒr viele Formate, die ihr nacheiferten. Wenn man jedoch im Zusammenhang mit „Akte X“ die Worte âplumpâ und âalbernâ verwenden muss, wurde sich nicht ausreichend zur Decke gestreckt. Es gibt auch heute noch einen Markt fĂŒr und einen Bedarf an Geschichten rund um die X-Akten, es wĂ€re jedoch schön, wenn man diese dann auch in einer QualitĂ€t erzĂ€hlen wĂŒrde, zu der die Serie lange Jahre immer wieder in wunderbarer Weise fĂ€hig war.
Fazit
Somit ist es dann wie schon so oft bei den X-Akten: Chris Carter quetscht höchste Ambitionen in ein vor Informationen, Ideen, Gedanken und Kniffen berstendes Drehbuch, vergisst dabei aber vollkommen, eine stimmige Dramaturgie zu entwickeln und ergeht sich in UnglaubwĂŒrdigem und unnötigem Ballast. Die SchwĂ€chen verhindern somit zwar, dass âMy Struggle IIIâ als gute Episode durchgeht, die Handlung an sich dient jedoch in Sachen Mythologie immerhin als Neuausrichtung. WĂ€re Carter ein besserer Autor und Regisseur und wĂ€re keine komplette Kehrtwende zum Finale der letzten Staffel nötig gewesen: Man hĂ€tte das elfte Jahr hier mit einem Homerun starten können. HĂ€tte, hĂ€tte, Alien-DNA-Kette. Nachsitzen, Mr. Carter.
Verfasser: Björn SĂŒlter am Donnerstag, 4. Januar 2018The X-Files 11x01 Trailer
(The X-Files 11x01)
Schauspieler in der Episode The X-Files 11x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?