The X-Files 10x06

Wie im ersten Teil der neuen Miniserie (My Struggle), bekommen wir in My Struggle II eine „Was bisher geschah“-Introsequenz. Diesmal allerdings von unser aller Lieblingswissenschaftlerin Dana Scully (Gillian Anderson) vorgetragen. Sie berichtet von ihrer Karriere beim FBI, von ihrer Entführung und anschließenden Krankheit in der Originalserie und von der jüngsten Entdeckung bezüglich ihrer Alien-DNS. Dies wird von einer unnötigen Szene begleitet, in welcher sie sich in ein Alien verwandelt. Vermutlich aus Angst, die Zuschauer würden ohne visuelle Untermalung nicht durchsteigen.
Super-AIDS!
Sechs Wochen ist es her, dass Ted O'Malley (Joel McHale) seine Verschwörungsshow aufgeben musste und Entführungsopfer Sveta (Annet Mahendru) vom Todesstrahl eines UFOs in die Luft gesprengt wurde. Nun ist der paranoide Moderator mit neuen (wo auch immer ergatterten) Informationen zurück, die Scully nicht besonders lange skeptisch stimmen: Viele US-Bürger sollen bereits über außerirdische Gene verfügen, während eine vermeintlich damit in Beziehung stehende Seuche, die das Immunsystem schwächt und sich „wie ein sich schnell ausbreitendes AIDS ohne HIV“ verhält, auf dem Vormarsch ist. Gemeinsam mit Agent Einstein (Lauren Ambrose), die sich nicht so rasch von der Verschwörungstheorie, die DNS der Menschen sei durch Zusätze in Pockenimpfungen beeinflusst worden, überzeugen lässt, beginnen die Ermittlungen.
Der einzelne Fall eines Mannes mit einer auffälligen Wunde am linken Arm, dem Scully zufällig im Krankenhaus über den Weg läuft, führt sie zu der Annahme, eine globale Impfungsverschwörung gehe vonstatten, die alsbald zu der von O'Malley postulierten, weltweiten Epidemie aller möglichen Krankheiten führen werde. Scully hat mittlerweile sämtlichen Zweifel über Bord geworfen und klingt selbst wie ein wildgewordener Internet-„Truther“. Sie will nicht einmal die Testergebnisse von Agent Einstein abwarten, ehe sie weitere Schritte einleitet.

Mulder ist derweil abermals verschwunden, was vielleicht erklärt, warum Scully erneut die Allesglauberrolle überlassen wird. Es wäre nicht das erste Mal. Was mit ihm vorgeht, können wir zunächst nur erahnen, wenn uns ein schlimm zugerichteter Mulder gezeigt wird, der Richtung Spartanburg in South Carolina unterwegs ist. Der Cigarette Smoking Man (William B. Davis) sitzt hier in seinem Hauptquartier des Bösen, aber fragt mich nicht, wo Mulder seine Adresse her hat. Agent Miller (Robbie Amell) spioniert seine Position verdächtigerweise über dessen Laptop aus, der mit Mulders Mobiltelefon verbunden ist. Haben wir es hier mit einem neuen Alex Krycek zu tun, oder ist er nur daran interessiert, den mit ihm geistig verwandten Agenten ausfindig zu machen?
Someone who was there for you
Vorhang auf für ein weiteres bekanntes Gesicht von damals, das nicht nur einen von Placebo-Magic-Mushrooms hervorgerufenen Cameo-Auftritt abbekommt wie die Lone Gunmen in der letzten Episode. Es handelt sich um Monica Reyes (Annabeth Gish), die in der neunten Staffel mit Agent Doggett (Robert Patrick) zusammen für die X-Akten ermittelte und Informationen für Scully haben will. Es stellt sich während des Gesprächs heraus, dass sie direkt im Anschluss an die Geschehnisse des letzten Staffelfinales die Seiten gewechselt hat und sich auf ein Angebot des damals schwer verbrannten Krebskandidaten eingelassen hatte, um ihre Haut in der anstehenden Alienapokalypse zu retten.
Die gute Nachricht: Auch Scully ist - eben durch die damals an ihr durchgeführten Experimente - auf der sicheren Seite und muss sich vor der Superseuche, welche den Großteil des Planeten dahinraffen wird, nicht fürchten. Sie gehört zu einer auserwählten Elite, zu der auch Mulder gehören kann, wenn er sich ebenfalls auf das Angebot des Rauchers einlässt. Der Raucher klingt während seiner Ansprachen nun noch mehr wie ein Cartoonbösewicht, als er es im damaligen Serienfinale (The Truth (2)) tat, in welchem er bereits jegliche subtile Bedrohlichkeit zugunsten von apokalyptischen Drohungen und das Zwirbeln eines imaginären Schurkenschnurrbarts über Bord geworfen hat.
Natürlich wäre Mulder nicht Mulder, wenn er sich auf einen Deal mit seinem ganz persönlichen Teufel, der vermutlich sogar sein biologischer Daddy ist, einlassen würde. Er sucht den CSM höchstpersönlich auf, um ihn zu konfrontieren und bekommt die wirre Erklärung für den Plan, der nichts mehr mit den Alien-Mensch-Hybriden zu tun hat, die einst vom Syndikat mit den Greys geplant wurden, um eine Sklavenrasse für die Invasoren zu schaffen: Global Warming und das Aussterben von Tierrassen bestätigten dem Zigarettenfan, dass die Menschheit der Welt nur schadet - etwas, das die Aliens längst vorausgesagt haben. Wie das Neustarten der Gesellschaft, das er vorschlägt, unter den noch immer kommenden Alieninvasoren funktionieren soll, ist nur eine von vielen Fragen, die dieser Plan zur Rettung des Planeten aufwirft.
Chemtrails
Der sogenannte Spartan Virus, der über Chemtrails in die Bevölkerung geraten ist und ein spezielles Gen entfernt, wodurch das Immunsystem zusammenbricht, kann nur mit der Alien-DNS bekämpft werden, was Scully in einem Versuch, zur Retterin und Mutter der gesamten Menschheit zu werden, in Angriff nimmt. Doch, als sie ihre Gene erneut sequenziert, muss sie feststellen, dass die außerirdische DNS verschwunden ist. Schlimmer noch: Die Ärzte in ihrem Krankenhaus beginnen, krank zu werden und die Zeit läuft davon. Die Lösung gestaltet sich schließlich erstaunlich langweilig.

Während Agent Einstein und der Mulder zur Rettung eilende Agent Miller auch nicht mehr den fittesten Eindruck machen, versucht Scully mithilfe von Science-babble und einer größeren DNS-Probe das außerirdische Gen erneut zu isolieren und presto: Innerhalb kürzester Zeit steht ein Gegenmittel zur Verfügung, welches nur noch vervielfältigt werden muss. Man versucht dennoch, die Spannung aufrechtzuerhalten, denn Scully muss noch auf einer vollgestauten Brücke zu den Agents Mulder und Miller vordringen, um ihnen die Kur zu verabreichen. Mulders Zustand ist leider, wie sie feststellen muss, zu kritisch, um noch durch die Behandlung herumgerissen zu werden. Er benötigt nun Stammzellen von seinem Sohn William, womit wohl die Handlung der kommenden Staffel feststeht.
Wie sehr Chris Carter sich eine weitere Season wünscht, wird anhand des hanebüchenen Cliffhangers klar, währenddessen ein UFO (unter den Augen von Hunderten von Zeugen, wohlgemerkt) erscheint und Scully anstrahlt, ehe die Episode plötzlich per Vollbremsung zum Stehen kommt.
Fazit
Als Fan der alten Serie, der sogar noch die neunte Staffel zu großen Teilen verteidigt hat, tut es mir in der „X-Phile“-Seele weh, schreiben zu müssen, dass die neue Miniserie insgesamt nicht besonders gelungen ist. My Struggle II als Finale funktioniert noch weniger und ist schlechter strukturiert als der erste Teil, der wenigstens noch leicht zu erhaschende Nostalgiepunkte durch das Wiedersehen mit den Agenten einsacken konnte. Um noch einmal den „Star Wars“-Vergleich zu bemühen: Bis auf wenige Lichtblicke gibt die gesamte Miniserie in ihrem Bemühen, ein beliebtes Sci-Fi-Francise wiederzubeleben, ein unbeholfenes Episode-I-III-Feeling ab.
Sicher, die nötigen Schlagwörter und abzuarbeitenden Elemente sind untergekommen, aber sie bedeuteten eben nicht mehr das Gleiche wie damals. Abgesehen von den der Markenwiederekennung zu verdankenden, sicheren Einschaltquoten für FOX darf man sich fragen, ob die Exhumierung der „X-Files“ angesichts dieses müden Ergebnisses wirklich notwendig war.
„My Struggle II“ nimmt sich eine globale Bedrohung als Kern der Episode vor und wirkt dabei unheimlich klein. Im Grunde werden uns nur das sehr gedrungen wirkende Krankenhausset sowie das Anwesen des Cigarette Smoking Man als Locations präsentiert, was keinesfalls den Eindruck einer weltumspannenden Gefahr aufkommen lässt, egal wie sehr O'Malley aufgebracht in die Kamera schreit. Darüber hinaus gerät das zudem zweifelhaft inszenierte Finale (wie mies die Dialoge geschrieben sind, hört wohl jeder selbst) äußerst unspektakulär.
Die Lösung zur medizinischen Krise wird gefunden, indem die gleiche Prozedur einfach noch einmal durchgeführt wird. In welchem Universum geht das als gelungener Spannungsbogen durch? Und was war das bitteschön für ein Cliffhanger? Früher waren diese ein Markenzeichen der Mysteryserie und effektiv, weil wir uns fragten, wie es weitergehen würde. Dieser ist reines Sequel-bait und gibt bereits die Prämisse der nächsten Staffel preis, auf die wir uns wohl oder übel gefasst machen müssen.
Agent Reyes' heel turn überrascht keineswegs in Anbetracht dessen, wie flach die Charaktere mittlerweile ausfallen und selbst Duchovny und Anderson scheint aufzufallen, wie schlecht das Drehbuch ist. Beide wirken müde und lustlos und ein bisschen so, als hätten sie vergessen, wie man Mulder und Scully spielt. Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher, was ich mir im Vorfeld von dem Revival erwartet hatte und ob es wirklich notwendig war. Ich bin mir aber sicher, dass „Akte X“ etwas Besseres verdient hätte als das vorliegende Produkt, das bestenfalls wie mittelmäßige Fan-Fiction und schlimmstenfalls wie eine unfreiwillige Parodie auf sich selbst wirkt.
Verfasser: Mario Giglio am Dienstag, 23. Februar 2016The X-Files 10x06 Trailer
(The X-Files 10x06)
Schauspieler in der Episode The X-Files 10x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?