The X-Files 10x05

The X-Files 10x05

Mulder und Scully werden in der Akte X-Episode Babylon von zwei jüngeren Agents besucht, die ihnen nicht unähnlich sind. Dabei wird ein Fall von islamistischem Terror untersucht - ein Thema, mit dem sich Chris Charter komplett übernimmt.

Szene aus der Episode „Babylon“ / (c) FOX
Szene aus der Episode „Babylon“ / (c) FOX

Ein junger Mann betet Richtung Mekka und während ich selbst noch bete, dass Chris Carter diese Einstiegsszene und die einzigen muslimischen Charaktere, an die ich mich in The X-Files erinnern kann, nicht in die Richtung schickt, die man befürchten könnte, verwandelt sich das Intro tatsächlich in eine Szene, die aus 24 oder Homeland stammen könnte. Gemeinsam mit einem weiteren Mann sprengt sich der Betreffende in einer Kunstgalerie in die Luft. Eine falsche Fährte, die später zum wahren Monster führt und uns schließlich aufzeigt, dass wir automatisch und voreingenommen angenommen haben, die Muslime seien Terroristen gewesen? Nein, nur Chris Carter, der auf ungeschickte und unelegante Weise versucht, ein brisantes Thema anzupacken und dabei die vielleicht schlechteste The X-Files-Episode aller Zeiten vorlegt. Und das bei weitem nicht nur wegen der offensichtlich islamophoben Ansätze.

Beim FBI wird jedenfalls die von einem Engelstrompetenfall inspirierte theologische Diskussion von Scully und Mulder von zwei Gästen unterbrochen. Es handelt sich um die Wissenschaftlerin Agent Einstein und ihren paranormal interessierten Partner Agent Miller, den sie lediglich Miller nennt. Die zwei sind hinter einer Möglichkeit her, mit einem der Selbstmordattentäter zu kommunizieren, der überlebt hat, aber hirntot ist und womöglich Informationen über weitere Anschläge besitzt. Das von Lauren Ambrose und Robbie Amell gespielte Mulder-Scully-Spiegelbild erlaubt es, ähnlich wie in der Classicepisode Alone, einigen selbstreferenziellen Humor unterzubringen und ist nur eines von vielen, äußerst deplatzierten Comedy-Elementen in dieser Folge, die eigentlich überhaupt nicht dazu einlädt.

Was diese Folge dringend nötig hatte: Mulder (David Duchovny) mit einem lustigen Hut! © FOX
Was diese Folge dringend nötig hatte: Mulder (David Duchovny) mit einem lustigen Hut! © FOX

Ohne den jeweils anderen zu informieren, kontaktieren Mulder und Scully im Anschluss ihre jüngeren Gegenstücke. Allerdings nicht in der Konstellation, die harmonische Skeptikerinnen- und „Believer“-Teams formen würden. Scully möchte eine wissenschaftliche Methode mit Agent Miller in Angriff nehmen, während Mulder der verdutzten Agent Einstein einen weniger vernünftigen Vorschlag unterbreitet und den Verzehr von Magic Mushrooms vorschlägt, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Hier zeigt sich abermals, dass Mulder wieder vom charmanten Spooky Mulder zum wahrhaft Wahnsinnigen mit Alufolienhut wird, sobald Serienschöpfer Carter seinen Dialog fabriziert. Von der kecken Darstellung Duchovnys her scheint Mulder den Vorschlag nicht einmal ernst zu meinen, obwohl das Drehbuch darauf besteht, dass es doch so ist.

Agent Einstein lässt sich scheinbar doch zu dem Drogenexperiment überreden, nachdem sie feststellt, dass ihr Partner mit Scully gemeinsame Sache macht und bereits am Komapatienten arbeitet. Sie haben vor, seine Hirnströme zu messen, wenn sie ihm Fragen stellen, doch Agenten von der Homeland Security machen ihnen in der Frage um die Zuständigkeit das Leben schwer. Auch eine Krankenschwester mit fremdenfeindlicher Gesinnung und einem ganzen Haufen „They took our jobs!“-Dialogzeilen, die direkt vom Pegida-Plakat kommen könnte, kommt ihnen in die Quere und macht dem Verdächtigen beinahe heimlich den Garaus. Offenbar will man sich hier eindeutig gegen Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit positionieren, doch was die Folge letztlich als Ganzes aussagt, ist ein anderes Lied.

Obwohl Mulder, wie sich später herausstellt, nur ein Placebo erhalten hat, entrückt er anschließend in ganz andere Gefilde und erlebt einen ulkig inszenierten Drogentrip, für welchen sich die Episode kurzerhand in „The Big Lebowski“ verwandelt - mit weniger Bowling, aber mehr Line-Dancing und dem versprochenen Cameo-Auftritt der verstorbenen Lone Gunmen. Das gezwungen amüsante Treiben geht viel länger vor sich, als es auch nur ansatzweise witzig wäre und gipfelt nach einer weiteren Szene, in der Agent Einstein ihm als Domina erscheint (das musste anscheinend auch noch untergebracht werden) sowie in einer religiös anmutenden Traumsequenz mit dem Komapatienten, der eine Botschaft auf Arabisch für Mulder hat.

Der FBI-Vorgesetzte Skinner (Mitch Pileggi), den wir auch mal wieder zu Gesicht bekommen, ist jedenfalls auch nicht über das Vorgehen des Agenten amüsiert. Auch wenn Mulder natürlich wie immer Recht mit allem hatte und über die im Traum erhaltene Botschaft schließlich das Hotel ausfindig macht, in welchem die übrigen Terroristen den nächsten Anschlag planen.

Von nachdenklicher Popmusik untermalt gibt die skeptische Agent Einstein am Ende zu, etwas gelernt zu haben. Mulder und Scully philosophieren derweil in einem unsäglich miesen und nicht enden wollenden Abschlussdialog über Liebe, Hass und Glaube und dann... (setzt Euch besser hin)... ertönen Engelstrompeten vom Himmel.

Die unheiligen Fälle des FBI © FOX
Die unheiligen Fälle des FBI © FOX

Fazit

Es ist nicht so, als hätte man keine interessante The X-Files-Folge über islamistischen Terror machen können. Doch dafür hätte es ein mit bedacht geschriebenes Drehbuch gebraucht, das nicht dermaßen plump daherkommt und aus Versehen islamophober wirkt als so manche Folge von 24. Carter versucht, seine Charaktere, wenn mit einer offenkundig gegen Muslime wetternden Person konfrontiert, auf der weltoffenen, differenzierteren Seite der Debatte zu platzieren und merkt nicht, wie sehr die von ihm verfasste und inszenierte Episode voller wiedergekauter Vorurteile steckt. Mulder spricht im Kontext von Allah vom „wütenden Gott“, der, wie Scully anmerkt, „den Tod aller Ungläubigen befiehlt“. Einen Absatz später wird eine verwirrte Botschaft der Verständigung gesponnen und wir enden mit dem flachen Fazit, einander mehr zuhören zu müssen.

Agent Miller und Einstein hätten in jeder anderen Folge eine amüsante Komponente sein können, mit welcher den beiden Protagonisten auf witzige Weise, wie auch in Bad Blood oder Alone, der Spiegel vorgehalten wird. Dass die Gagdichte in einer schwermütigen Folge mit schwierigem Thema nicht durch neue comic relief-Charaktere angehoben werden sollte, müsste eigentlich auf der Hand liegen. Spätestens aber, wenn das Magic-Mushroom-Line-Dancing-Spaßfeuerwerk beginnt und die jüngere Scully im Domina-Outfit erscheint, wird klar, wie sehr hier vom Ton her ins Klo gegriffen wurde.

Verfasser: Mario Giglio am Dienstag, 16. Februar 2016

The X-Files 10x05 Trailer

Episode
Staffel 10, Episode 5
(The X-Files 10x05)
Titel der Episode im Original
Babylon
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 15. Februar 2016 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 7. März 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 3. März 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 2. März 2016
Autor
Chris Carter
Regisseur
Chris Carter

Schauspieler in der Episode The X-Files 10x05

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