The Walking Dead 5x05

Der englische Titel Self Help dieser Episode von The Walking Dead ist - wie das manchmal vorkommt - mehrdeutig und diesmal sogar eindeutig ironisch. Eugene (Josh McDermitt) schaut Rosita (Christian Serratos) und Abraham (Michael Cudlitz) ausgerechnet hinter dem Regal mit Selbsthilfe-Literatur versteckt beim Sex zu. „Self Help“ kann man hier also in gewisser Weise auch als Selbstbefriedigung auslegen, die jedoch nicht durch Handanlegen, sondern stummen Voyeurismus praktiziert wird. Sich selbst helfen - das kann Eugene hingegen nicht. Und darum greift er in dieser Episode auch zu drastischen Maßnahmen, die mehrfach nach hinten losgehen.
(Anzeige)Eine haarige Angelegenheit
Bei der Busfahrt sind die Haare von diversen Protagonisten Mittelpunkt des Gesprächs. Während Rosita ihrem Lover Abraham am liebsten die Mähne etwas stutzen würde, fragt auch Glenn (Steven Yeun) endlich offen heraus, warum Eugene die Vokuhila (im Englischen: "mullet") als Fristur seiner Wahl gewählt hat. Im Laufe der Episode wird mehrfach die Sagengestalt Samson, der seine Kraft aus seinen Haaren gezogen hat, ins Spiel gebracht. Doch Eugenes Erklärung scheint einfacher: Er mag die Frisur einfach und möchte niemanden etwas dran verändern lassen.
Bei Maggie (Lauren Cohan) kommen erste Zweifel und Schuldgefühle auf. Sie fragt sich, ob der Rest der Gruppe wohl bald zu ihnen aufschließen wird. Ihre Schwester Beth (Emily Kinney) wird von ihr weiterhin nicht mit Namen erwähnt oder ihr Verbleib überhaupt angesprochen, was schon etwas befremdlich wirkt. Dafür darf Eugene einiges Fachchinesisch vom Stapel lassen. Etwa zur Frage, was passiert, wenn er denn endlich nach Washington kommt. Bei Nachfragen sucht er Ausflüchte („Das ist Geheim“), die langsam mehr als verdächtig sind.
Bevor die Gruppe allzu weit kommt, erleidet der Bus einen auf den ersten Blick unerklärlichen Unfall, der sich ganz in der Nähe einer Gruppe von Walkern abspielt. Nachdem der Bus sich überschlagen und der Motor Feuer gefangen hat, gilt Abrahams erste Sorge Eugene. Dem geht es allerdings gut. Abraham, Rosita, Glenn und Maggie kümmern sich erst einmal um die Walker, während Tara (Alanna Masterson) und Eugene als letzte den Bus verlassen, und Eugene von der Situation eindeutig überfordert ist. Nur mit Mühe und Not kann er einen einzigen Untoten ausschalten, damit aber immerhin Tara retten. Nach erledigter Arbeit soll Eugene per Befehl von Abraham gecheckt werden. Der Erste-Hilfe-Kasten ist jedoch im Bus, der genau in diesem Moment lichterloh in Flammen aufgeht. Trotz dieses Unfalls gibt es für Abraham nur eine Richtung: nach Washington. Allerdings müssen sie dafür nun einen neuen fahrbaren Untersatz finden. Zunächst finden sie jedoch einen Buchladen, der noch immer recht gut in Schuss ist, richten ihn für ihre Bedürfnisse her und schlafen hier eine Nacht. Die beste Zeit also, um einige Dinge zu besprechen.
Wer braucht schon Bücher?
Zum zweiten Mal in kurzer Folge arbeiten die Macher von The Walking Dead einen Seitenhieb gegen Kunst und Bildung in die Serie ein. War es in der vorherigen Episode noch ein Gemälde, verbrennen die Figuren in dieser Episode Bücher, um sich ein Feuer zu machen, und nutzen die Fäden daraus, um die Wunde von Abraham zu nähen. Für mich persönlich ist die Bücherverbrennung ein recht provokantes Motiv. Nicht nur, weil man Bildung und Kunst quasi mit Füßen tritt, sondern wegen der historischen Komponente. Hätte ich ein Problem damit gehabt, wenn man Geschenkpapier oder Magazine verbrannt hätte? Wahrscheinlich nicht. Und in einer solchen Situation denken die Charaktere ohnehin nur an die eigene Lebenserhaltung. Aber ganz ohne nachzudenken, werden die Produzenten dieser Episode dieses Bild jedoch nicht bedient haben, zumal Literatur mehrfach eine Rolle spielt. Nicht nur in Form der Samson-Geschichte, sondern auch später, als Eugene H.G. Wells' „The Shape of Things to Come“ liest und dort einen großen Hinweis darauf gibt, was am Episodenende passiert.
Auch sonst werden im Buchladen einige Bedürfnisse befriedigt. Nachdem sich Abraham bei Glenn für seine Treue und seinen Rückhalt bedankt, meint der rothaarige Ex-Militär, dass es an der Zeit für ein wenig Sex ist, was Glenn nicht unbedingt wissen wollte, aber zumindest Eugenes inneren Voyeur befriedigt. Während Rosita und Abraham nur darüber lachen können, beim Geschlechtsverkehr beobachtet zu werden, erwischt Tara den Vokuhila-Träger auf frischer Tat, doch Reue oder Scham sieht hier anders aus. Sie bedankt sich bei Eugene für die Rettung. Und er nutzt diese Situation, um ihr zu sagen, dass er den den Motor des Busses, mit zerbrochenen Glas von Glühbirnen aus der Kirche sabotiert hat. Was Tara für sich behalten will, da sie glaubt, dass Eugene nur Versagensängste plagen, für den Fall, dass er nicht die Heilung der Menschheit bringen kann. Welchen Wert hätte er für die Gruppe dann noch? Würde sie ihn weiter mit durchschleifen? Tara jedenfalls spricht ihm Mut zu und meint, dass es genau das ist, was die Menschen in dieser Sitution machen würden. Witzig ist, dass sich Tara nach dem Gespräch selbst einen Blick auf das Liebesspiel nicht verkneifen kann.
Die Hinweise auf Eugenes zögern wurden immer mal wieder eingestreut. Schon bei einem seiner ersten Auftritte, als er das Fahrzeug mit einer Schusswaffe durchsiebt hatte, oder zuletzt in der Kirche, wo er sich zunächst weigerte, mit Abraham zu gehen. Den genauen Grund dafür erfahren wir ebenfalls in dieser Episode.
Spaß mit dem Feuerwehrauto
Da der Laden noch recht gut erhalten ist, diskutiert die Gruppe das weitere Vorgehen. Maggie glaubt, dass man durchaus noch eine Nacht hier verbringen könnte, wenn man sich auf Nahrungs- und Verpflegungssuche macht. Doch Rosita - wahrscheinlich Abrahams größte Unterstützerin - stärkt die Position ihres Liebhabers und glaubt, dass man das wie immer auch on the road machen könnte. Zufällig steht auch schon das nächste Fahrzeug bereit, nämlich ein altes Löschfahrzeug der Feuerwehr, das sich aber aufgrund von mit Leichenteilen verstopften Filtern zunächst nur wenige Meter bewegt und eine Kammer offenbart, in der einige Untote eingesperrt wurden. Die schiere Anzahl der Walker scheint auf den ersten Blick zu groß. Endlich darf sich Eugene einmal beweisen und schaltet die meisten davon mit dem Feuerwehrschlauch aus, sodass Abraham den verdreckten Filter reinigen und dann auch die Warnung, die auf dem verdreckten Boden stand, lesen kann.
Die kreative Beseitigung der Walker ist dann auch gleichzeitig das Highlight dieser etwas drögen Episode, die wie der Feuerwehrtruck nicht so recht in die Gänge kommen will. Der Hinweis zur Platzierung des Filters kam übrigens von Rosita, die damit auch einmal beweisen darf, dass sie etwas auf dem Kasten hat.
Die Walkerwanderung als Straßenhindernis
Auch mit gereinigtem Filter kommt man nur wenig voran, denn der Wagen kommt wieder zum Erliegen und ein widerlicher Gestank, den Glenn zuerst vernimmt, gibt der Gruppe einen Hinweis auf die nächste große Hürde: Eine gewaltige Walkeransammlung, die man nicht ohne Weiteres passieren kann. Das sehen auch alle Gruppenmitglieder, bis auf Abraham, der unbedingt durch die Mitte und den direktesten Weg gehen will, weil er bislang schon zu viele Umwege gemacht hat. Von Houston nach Georgia beispielsweise. Die Diskussion sorgt dafür, dass bei ihm eine Sicherung durchbrennt, er sich unter anderem mit Glenn anlegt, Rosita wegschubst und Eugene fortschaffen will. Bevor Abraham aber in den sicheren Tod fahren kann, lässt Eugene die Bombe platzen: Er ist gar kein Wissenschaftler und hat sich seine Mission nur ausgedacht. Für Abraham bricht eine Welt zusammen. Er schlägt mehrfach auf Eugene ein, der dadurch ausgeknockt wird und ungebremst mit dem Kopf auf den Asphalt aufschlägt. Spannend ist in dieser Situation Rositas Reaktion: Mit der Hand an der Waffe scheint sie bereit, diese zur Not gegen ihren Liebhaber einzusetzen.
Man kann Abrahams Reaktion sicherlich nachvollziehen: Die letzten Monate seines Lebens hat er alles daran gesetzt, Eugene um jeden Preis zu retten, dabei einige Kameraden verloren und mit der Hoffnung gelebt, dass es Rettung geben kann. Der Ort für seinen lauten Ausbruch ist allerdings alles andere als optimal. Denn eigentlich könnte schon das Schreien gegebenenfalls die Aufmerksamkeit der Untoten anlocken. Doch auch so ist Abrahams Hoffnung gewichen. Das Auto springt nicht an, die Mission ist futsch und der Weg nach vorne scheint versperrt. Geht es nun also doch zurück? Oder fällt jemanden eine Alternative ein? Eugene glaubt, auch daran, dass in Washington eventuell Anworten zu finden sind - ob er nun Wissenschaftler ist oder nicht. Doch noch müssten mehrere Bundesstaaten durchkreuzt werden, ehe man dort ankommen würde.
Flashback: Abraham vor dem Treffen mit Eugene
In Flashbacks sehen wir Ausschnitte aus einem traumatischen Erlebnis für Abraham, dessen emotionale und körperliche Wunden (an seinen Händen) noch nicht geheilt sind. In einer Art Supermarkt schlägt er mit einer Konservendose und seinen blanken Fäusten auf Personen ein, die mutmaßlich seine Frau und Kinder bedroht (oder Schlimmeres) haben.
Die barbarische Rache hat die Familie mit eigenen Augen mit angesehen. Und obwohl Abraham mitteilt, dass das nur für ihren Schutz geschehen sei, verlässt ihn seine Frau gemeinsam mit den beiden Kindern bei der ersten Gelegenheit. Sie hinterlässt lediglich eine Botschaft („Versuche nicht uns zu finden“). Das soll sich noch rächen: Abraham findet die Überreste seiner Geliebten kurze Zeit später als Zombiefutter und steht kurz davor, sich mit der Pistole selbst zu richten, als ein hilferufender Eugene von drei Zombies verfolgt wird. Abraham kann sie ausschalten und will sich entfernen. Doch dann sagt Eugene den entscheidenen Satz zu seiner Mission - und Abraham hat wieder eine Aufgabe. Eugene gibt ihm also die Hilfe zur Selbsthilfe, womit der Bogen zum Titel wieder gespannt ist.
Der Einbau der Flashbacks ist inszenatorisch leider etwas tollpatschig. Die Abruptheit und die Plötzlichkeit dieser kurzen Sequenzen ist gefühlt nicht immer ganz rund eingebaut. Besonders der Übergang von atmosphärischem Score hinüber zur harten Gegenwartsrealität wirkt befremdlich. Man hätte beispielsweise überlegen können, ob man das Flashback in der Gänze zeigt oder zumindest einige Teile davon zusammenfast. So wirkt es so, als hätte man sich im Nachhinein umentschieden, als der Schnitt schon fertig war, und die Szenen einfach rangetackert.
Kurzer Comicexkurs
Ein paar kurze Worte zur Comicvorlage. Alle, die dazu nichts lesen wollen, können den folgenden Absatz überspringen. Sowohl Abrahams Vergangenheit als auch Eugenes Offenbarung kommen dort vor, wenn auch in anderer Form. Kirkman vermeidet dort nämlich bisher darstellende Rückblicke und lässt die Figuren stattdessen lieber erzählen. Nun bietet es sich für ein audiovisuelles Medium wie das Fernsehen an, eher etwas zu zeigen, als es zu erzählen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass in beiden Fällen die Comicversion effektiver und schockierender war, als die Serienversion. Besonders beim Fall Abraham werden die Hintergründe deutlicher gemacht. Bei Eugenes Begründung steckt im Comic auch eine bessere Begründung dahinter als hier. Allerdings kann es durchaus sein - und das ist nur zu hoffen -, dass die folgenden Episoden mehr zu den Beweggründen sagen.
Fazit

Die Episode Self Help hat einige Schwächen. Über weite Teile fühlt sich die Folge zäh und langatmig an. Der Versuch, die ernste Lage mit Humor aufzulockern, funktioniert mal mehr und mal weniger gut. Die Frisurenfrage ist durchaus amüsant, wird aber irgendwann überstrapaziert. Warum niemand Taras Idee befolgt, nach Fahrrädern zu suchen, erschließt sich mir ebenfalls nicht...
Dazu kommt, dass diese Episode sehr melodramatisch wirkt. Maggies Sorgen um den Rest der Gruppe, wo allerdings nie der Name Beth fällt, und Eugenes lebensmüde Sabotageversuche, die nur um ein Haar (no pun intended) nicht schief gegangen sind und seine allgemeine Merkwürdigkeit strapazieren sicherlich nicht nur meinen Geduldsfaden. Die bereits angesprochene Art und Weise, wie die Flashbacks präsentiert werden, berauben der Episode einen Moment, der durchaus effektiver hätte sein können, wenn man ihn etwa als Ausrufezeichen ganz ans Ende gesetzt hätte. Trotz dieser Schwächen würde ich sehr gerne wissen, wie es nun mit dieser Gruppe weitergeht.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 10. November 2014(The Walking Dead 5x05)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 5x05
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