The Strain 1x02

Eigentlich soll bei Fernsehserien ja schon in der Pilotepisode die dramaturgische Ausgangskonstellation erörtert werden. The Strain lässt sich dafür jedoch viel mehr Zeit - am Ende der zweiten Episode, The Box, haben die Charaktere, die so offensichtlich ausgewählt wurden, um gemeinsam gegen die Verbreitung des Vampirvirus zu kämpfen, immer noch nicht zusammengefunden.
The sun has fallen
Die Episode erzählt die aus dem Piloten bekannten Geschichten weiterhin parallel zueinander und scheut davor zurück, sie ineinander übergehen zu lassen. Mit dem Kammerjäger Vasiliy Fet (Kevin Durand) stößt ein weiteres comichaft überzeichnetes Mitglied zum Ensemble, was aber nicht heißt, dass die Zuschauer in dieser Vampirserie nun endlich auch ein paar Vampire zu sehen bekommen.
Ganz am Ende gibt es einen Vampirangriff durch die kleine Emma (Isabelle Nelisse), deren Vater Gary (Steven McCarthy) sich keine Sekunde darüber wundert, dass seine für tot erklärte Tochter plötzlich wieder vor seiner Tür steht - im strömenden Regen, blass und mit blutunterlaufenen Augen. Er will sich bei Ephraim „Eph“ Goodweather (Corey Stoll) dafür bedanken, legt aber erbost auf, als Eph ihm nicht glauben möchte. Für all diese Blauäugigkeit muss er schließlich mit seinem Leben bezahlen. Die Autoren müssen sich indes faules Drehbuchschreiben ankreiden lassen - wir Zuschauer sollen wohl einfach so hinnehmen, dass Gary sämtliche Warnsignale geflissentlich ignoriert.
Solche kleinere Löcher in der Handlungslogik sind aber nicht das größte Ärgernis dieser beiden bisherigen Episoden. Viel schwerer wiegt, dass Showrunner und Autoren noch kein Gefühl dafür haben, was ihre Serie eigentlich sein soll - pulpige Vampirstory, bitteres Sozialdrama oder doch wissenschaftlich angehauchte Ausbruchsgeschichte? Von allen genannten sind derzeit Elemente vorhanden, werden von den Autoren aber in keinen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Der einzige Erzählbogen, der mich momentan wirklich interessiert, handelt von Vampiren und ihren Jägern - und nicht von Familiendramen.

Die filmische Umsetzung mag der Romanvorlage geschuldet sein. Doch bei der Adaption eines Buches ist es immer die schwierigste Aufgabe, Charaktere herauszufiltern, die für den Zuschauer interessant und sympathisch sein könnten - und diejenigen Figuren und Handlungsstränge auszuschließen, die in einer Fernsehserie nicht effektiv genug erzählt werden können. So verliert sich The Strain momentan in vielen kleinen Handlungsbögen, die für sich genommen nicht interessant sind, als Mischprodukt aber durchaus funktionieren könnten.
No one gives a shit about the truth
Hinzu kommt, dass jetzt schon abzusehen ist, wohin sich die Geschichte entwickeln wird. Der suspendierte Eph und seine Kollegin/Liebhaberin Nora Martinez (Mia Maestro) werden sich mit Vasiliy Fet, Gus (Miguel Gomez), Abraham Setrakian (David Bradley) und vielleicht Fitzwilliams (Roger R. Cross) zusammenschließen, um gemeinsam gegen Palmer (Jonathan Hyde), Eichhorst (Richard Sammel) und ihre Vampirbande zu kämpfen. Warum brauchen wir also all diese kleinen Nebenplots, die uns von dem abhalten, was wir eigentlich sehen wollen: Vampire!
The Box beschäftigt sich lange mit Kleinigkeiten, über die wir schon Bescheid wissen. Die überlebenden Flugzeuginsassen verwandeln sich in Vampire, Goodweather wird von dem Fall abgezogen, damit der amerikanische Exporthandel nicht in die Knie geht und die Aktienmärkte auf Talfahrt schickt und Palmer von der mysteriösen Stoneheart-Gruppe bekommt seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt und wird dem Master (Robert Maillet) vorgeführt.
Diese allzu offensichtlichen Entwicklungen werden in ihrer klischeebeladenen Überflüssigkeit aber von einem Handlungsbogen übertrumpft, den ich mir nur damit erklären kann, dass er aus dem Buch adaptiert wurde. Darin kämpft Eph dafür, das geteilte Sorgerecht für seinen Sohn Zach (Ben Hyland) zu bekommen. Leider handelt Eph nur immer wieder genau gegenteilig zu dem, was er in seinen pathosbeladenen Reden verspricht. Er gibt Zach das Versprechen, nach „diesem einen Fall“ für ihn da zu sein, will aber eigentlich lieber im Labor bleiben, um weiter die Würmchen zu untersuchen. In der Pilotepisode hat er noch davon gesprochen, keine Scheidung zu wollen, in dieser Episode lässt er die Affäre zu Nora wieder aufflammen - und das, nachdem sie ihn aufgefordert hat, Zeit mit seinem Sohn zu verbringen.

Eine vermeintliche Erklärung für solch irrationales Verhalten liefern die Autoren wenige Szenen später: Eph ist trockener Alkoholiker. Seine Rede bei den Anonymen Alkoholikern trägt aber nicht gerade dazu bei, ihn glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Darin spricht er einmal mehr davon, dass sein kleiner Sohn „alles“ ist, was ihm noch geblieben sei. Leider suggerieren fast alle seine bisherigen Handlungen das genaue Gegenteil. Aber auch dafür gibt es eine Erläuterung - Eph liebt einfach seinen Job. Höchste Zeit also, sich zu entscheiden.
I took your name and gave you that number
Ich hätte jedenfalls kein Problem damit, würde man sich der öden Familiengeschichte entledigen und fortan nur noch auf die Vampirjagd konzentrieren. Das würde die Motivationen der einzelnen Charaktere deutlich sichtbarer machen. Neben Ephs mühsamem Gewissenskonflikt wissen wir nach der zweiten Episode nämlich auch nicht mehr über Palmer, Eichhorst, deren Ziele oder deren Organisation Stoneheart. Wir bekommen lediglich etwas Hintergrundgeschichte zum Verhältnis zwischen Eichhorst und Setrakian.
Eichhorst war wohl derjenige, der Setrakian ins Konzentrationslager geschickt und ihm die Nummer verpasst hat. Er spricht ihn auch nur als „Jew“ („Jude“) oder mit seiner KZ-Nummer an. Er weiß über das Herz Bescheid, das Setrakian bei sich im Keller lagert. Offensichtlich gehört es zu einer geliebten Person, der Abraham nicht mehr zu Hilfe eilen konnte. Das Schwert, das Abraham mit sich herumträgt, gehört eigentlich dem Master und soll baldmöglichst wieder in dessen Besitz übergehen. Viel mehr erfahren wir jedoch nicht. Zu wem gehört das Herz? Warum hat Eichhorst seinen Widersacher nicht schon längst umgebracht, wenn er ihm ein solch großer Dorn im Auge ist?
Trotz offener Fragen gehört dieses gegenseitige Drohen zu den stärksten Abschnitten der Episode, weil sich die Autoren dabei eben trauen, mit beiden Füßen ins Pulp-Becken zu springen. The Strain ist kein hochtrabendes Drama, es ist pulpiges Fantasy-Fernsehen. Gebt uns mehr Vampire, mehr Blut, mehr abgefahrene Todesfälle, ein höheres Erzähltempo - und weniger offensichtliche Handlungsbögen und Familiendramen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 21. Juli 2014(The Strain 1x02)
Schauspieler in der Episode The Strain 1x02
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