The Outsider 1x01

© he Outsider (c) Netflix
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten sechs Episoden der ersten Staffel von The Outsider.
Die Bücher von Bestseller-Autor Stephen King dienen seit jeher als beliebte Vorlagen für Filme und Serien. Insbesondere in den letzten Jahren erfreuten sich die verschiedensten Werke des Schriftstellers abermals großer Beliebtheit, ob es nun zum Beispiel das Remake von „Es“, „The Dark Tower“, „Gerald's Game“, „Pet Sematary“ und „Doctor Sleep“ waren oder auch Serientitel wie Mr. Mercedes, Creepshow und das Anthologieformat Castle Rock. Ein Ende scheint übrigens nicht in Sicht, erwartet uns doch zeitnah eine neue Serienadaption von Kings postapokalyptischem Epos The Stand (zu dem es bereits in den 90er Jahren eine Miniserie auf ABC gab) sowie Filmumsetzungen von bekannten Titeln wie „Salem's Lot“ und „The Long Walk“. Kings einnehmender Schreibstil, die allgemeine Popularität seiner Geschichten und sein Hang zu schaurig-übernatürlichen Elementen, die unter die Haut gehen, bieten schlichtweg eine sehr gute Grundlage, um auch in Form von Filmen oder Serien an die fortwährende Erfolgsgeschichte des Autors anzuknüpfen.
Das wird sich wohl auch der Pay-TV-Sender HBO gedacht haben, auf dem seit Sonntag, den 12. Januar The Outsider zu sehen ist (in Deutschland übernimmt Sky parallel zum US-Start die wöchentliche Ausstrahlung der zehnteiligen ersten Staffel). HBO und Stephen King machen erstmals gemeinsame Sache und hauchen dem gleichnamigen Roman von 2018 mithilfe prominenter Unterstützung Leben ein: Hinter den Kulissen zeichnet der Filmemacher und Drehbuchautor Richard Price für das Format hauptverantwortlich, der bereits an HBO-Serien wie The Wire oder auch The Deuce mitarbeitete und uns 2016 gemeinsam mit Steven Zaillian die großartige, mehrfach mit dem Emmy-Award ausgezeichnete Miniserie The Night Of präsentierte. Und auch mit Blick auf die Besetzung von „The Outsider“ vor der Kamera wird man sofort hellhörig: In den Hauptrollen sind hier Ben Mendelsohn (in einer erfrischend gegensätzlichen Rolle, als man es von ihm gewohnt ist) und Shootingstar Cynthia Erivo zu sehen, flankiert wird das Duo von bekannten Namen wie Bill Camp, Jeremy Bobb, Julianne Nicholson, Mare Winningham, Yul Vazquez oder auch Jason Bateman, der übrigens auch als Regisseur und ausführender Produzent für die Serie tätig ist.
Die Geschichte von „The Outsider“ lockt indes mit einer atmosphärisch dichten Murder-Mystery, die sich in einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt irgendwo im beschaulichen Georgia entspinnt. Dort entdeckt die örtliche Polizei eines Nachts die übel zugerichtete Leiche eines kleinen Jungen aus einer intakten Nachbarschaft, die von diesem Vorfall schwer erschüttert wird. Schnell ist der Schuldige - der Sportlehrer und Baseballtrainer Terry Maitland (Bateman) - gefasst, die Beweislage gegen ihn ist erdrückend und eindeutig. Doch die emsigen Ermittler um den erfahrenen Det. Ralph Anderson (Mendelsohn) müssen schon bald feststellen, dass der vermeintliche Täter gar nicht in der Lage war, dieses grässliche Verbrechen zu verüben. So existieren nämlich auch ein ganze Menge Indizien, Beweise und sogar Augenzeugenberichte, dass Terry zum Zeitpunkt der Tat nicht einmal in der Stadt war. Die Polizei ist ratlos und engagiert die autistische Privatdetektivin Holly Gibney (Erivo), die sich der Sache annimmt und bald feststellt, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt und womöglich sogar düstere, übernatürliche Kräfte ihre mörderische Hände im Spiel haben...
Klingt bis hierhin recht vielversprechend, nicht wahr? Ohne die Buchvorlage zu kennen, konnte „The Outsider“ bei mir persönlich aufgrund der beteiligten Personen an diesem Projekt und der effektiven, wenngleich simplen Prämisse sogleich Reizpunkte setzen. Sechs Episoden später, die man der Presse im Vorfeld zur Vorschau bereitgestellt hatte, hat mein anfängliches Interesse jedoch Platz für Ernüchterung, etwas Frust und sogar ein Stück weit Enttäuschung gemacht. „The Outsider“ erfüllt alle Voraussetzungen, um sich als packende, wendungsreiche, David-Fincher-mäßige Krimierzählung zu qualifizieren, perfekt geerdet in glaubhaften, kraftvollen Darbietungen etlicher Spitzendarsteller, die auf extrem hohen Niveau agieren. Doch die Serie krankt an dem sich selbst auferlegten Credo, so finster - nicht nur thematisch, sondern auch optisch - sein zu müssen, wie es nur möglich ist, während die Handlung teils unglaublich schleppend, teils unnötig kompliziert vorangetrieben wird. Das zentrale Mysterium entpuppt sich so recht fix als schrecklich uninteressant, woran auch die wenigen clever gesetzten Schockmomente nicht viel ändern können.
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Who's afraid of the Boogeyman?
Dem Cast von The Outsider kann man dabei keinerlei Vorwürfe machen. Zwar gestalten sich die meisten Figuren durchaus stereotypisch, wenn nicht sogar klischeehaft, doch das unbestritten überdurchschnittliche Talent von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Ben Mendelsohn, Cynthia Erivo oder auch Julianne Nicholson (sehr gut als Glory Maitland, die am Boden zerstörte Ehefrau von Terry) hebt die verschiedenen Charaktere auf ein anderes Level, wodurch sich uns diese sehr nahbar, verletzlich und nachvollziehbar präsentieren. Die glaubhaften, mitunter sehr bewegenden Darbietungen werden dann jedoch leider von einem Plot torpediert, der in der ersten Staffelhälfte derartig genüsslich breitgetreten wird, dass das Ganze fast an einer Provokation grenzt. Die Ermittlungen von Det. Anderson und allen voran Holly Gibney werden uns so präsentiert, als müssten wir geradezu geschockt auf jede neue Erkenntnis reagieren. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die eigenwillige Erzählweise sorgt dafür, dass die Zuschauer den Figuren stets einen Schritt voraus sind und man sich innerhalb kürzester Zeit wie ein kleines Kind fühlt, das permanent hingehalten wird. Dabei weiß man doch schon längst viel mehr als die fiktionalen Avatare, die uns das Format als unsere im Dunkeln tappenden Stellvertreter anbietet.
Apropos im Dunkeln tappen: Die Verantwortlichen hinter „The Outsider“ haben Lichtquellen jeder Art anscheinend zu ihren Todfeinden erklärt. Die Serie gestaltet sich bisweilen so dunkel, dass man bestimmte Schlüsselmomente der Erzählung allein aufgrund des sehr ordentlichen Sounddesigns und der spannungsreichen Musikeinsätze registriert. Visuell tut man sich indes mehr als einmal schwer, dem Geschehen zu folgen. Erschwert wird dieser Umstand durch die oftmals anachronistische Abfolge der Handlung - ein Stilmittel, auf das Price und sein Team mehrfach zurückgreifen. Einerseits eine durchaus smarte Idee, passt diese Methodik doch gut zu den desorientierenden, verstörenden Umständen der Mordfälle, mit denen man sich hier beschäftigt. Der besondere Kniff geht ein paarmal auf und trägt zur atmosphärischen Dichte bei. Andererseits kann dieser filmische Ansatz phasenweise auch viel zu verkopft erscheinen. Es ist ja nicht so, dass einen Inhalte von „The Outsider“ vor eine mentale Herausforderung stellen. Es ist vielmehr die Präsentation der Geschichte, die immer wieder Rätsel aufwirft und bei der man sich eigenhändig das Leben schwerer macht, als es eigentlich sein müsste.
Besonders nervig ist, dass sich in den ersten paar Episoden viele Teile der Handlung wiederholen und so der Eindruck entsteht, man würde auf der Stelle treten und keinen Meter vorankommen. Das ist ja tatsächlich auch der Fall für die Charaktere, von denen ein Großteil nur schwer akzeptieren kann, dass eventuell ein übernatürliches Wesen für all das Leid verantwortlich ist, welches den Opfern und ihren Angehörigen widerfahren ist. Doch die Inszenierung tut sich unheimlich schwer damit, inhaltlich identische Sachverhalte andersartig und frisch zu verpacken, wodurch ein gewisser Trott einkehrt, der toxisch für das Seherlebnis ist. Eine wöchentliche Ausstrahlung könnte somit Gift für das Format sein, das sich definitiv seine Zeit lässt, den Bogen dabei jedoch gerne überspannt. Es ist nichts verkehrt daran, seine Geschichte und das damit verbundene Mysterium langsam aufzubauen. „The Outsider“ geht an der Mysteryfront jedoch viel zu schnell die Luft aus. Was bleibt, sind tolle Schauspielleistungen und die schwerfällige Kinematografie, die einen dank ausgefallenen Einstellungen manchmal erfolgreich packen kann, viel zu oft aber einfach nur anödet und den müden Zuschauer gelangweilt zum Telefon greifen lässt.
Es ist ein Jammer, dass man letztlich zu wenig aus all dem Potential macht, das The Outsider zur Verfügung steht. Mit der sechsten (!) Episode kommt endlich etwas Bewegung in das Drama, das fünf Stunden zuvor (zu) viel Aufbauarbeit geleistet hat und offensichtlich darauf abzielt, in der zweiten Hälfte der ersten Staffel das Tempo anzuziehen und die Hauptfiguren mit dem eigentlichen Antagonisten der Serie zu konfrontieren. Doch ist man als Zuschauer bereit, diese Zeit zu investieren? Fans von Stephen King dürften sich in dieser gespenstischen Welt, in der das idyllische Leben einer Gemeinde in einem unbedeutenden Örtchen im amerikanischen Nirgendwo urplötzlich auf den Kopf gestellt wird, durchaus „wohlfühlen“. Leider hat die Serie aber auch nicht viel mehr als das über die schwerwiegenden Folgen einer schrecklichen Tragödie, die Herausforderungen von Trauerbewältigung und das rätselhafte Böse auf dieser Welt zu sagen. Im Vergleich dazu gelang es Showrunner Richard Price mit dem bereits erwähnten „The Night Of“, mehr in die Tiefe zu gehen und neben einer zutiefst menschlichen auch eine politische Ebene zu bespielen. „The Outsider“ ist da schon einfacher gestrickt, wobei ich der Serie ihre emotionalen Qualitäten keineswegs absprechen möchte. Diese fußen jedoch allen voran auf dem tollen Einsatz der Darstellerriege und weniger auf der Erzählung per se. Ebenjene weist schlussendlich wenig Licht und reichlich Schatten auf - und das in mehrfacher Hinsicht.
The Outsider ist seit gestern parallel zur US-Ausstrahlung immer wöchentlich in der Originalfassung auf Sky Ticket, Sky Go und über Sky Q auf Abruf verfügbar. Laut Sky wird es voraussichtlich im März wahlweise auch die synchronisierte Fassung der Serie auf Sky Atlantic HD zu sehen geben.
Hier der Trailer zu „The Outsider“:
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 13. Januar 2020The Outsider 1x01 Trailer
(The Outsider 1x01)
Schauspieler in der Episode The Outsider 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?