The Morning Show: Kritik zum Start der AppleTV+-Serie

© zenenfoto aus The Morning Show (c) Apple
The Morning Show ist zumindest auf dem Papier diejenige Serie von AppleTV+ mit den größten Namen. Jennifer Aniston (Friends), Reese Witherspoon (Big Little Lies) und Steve Carrell (The Office) haben zwar allesamt Erfahrungen im Serienbereich, gelten aber doch eher als Filmstars. Die neue Serie nimmt sich des Romans „Top of the Morning“ von Brian Stelter an und macht daraus unter der Regie von Mimi Leder (The Leftovers) und dem Showrunner Jay Carson (House of Cards) einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen des amerikanischen Frühstücksfernsehens, wobei der hier gezeigte Skandal an echte Fälle erinnert (Stichwort: Matt Laurer). Zwei Staffeln wurden vorab bestellt, für die Apple tief in die Tasche gegriffen hat: Insgesamt sollen diese 300 Millionen Dollar kosten, wofür allerdings schon eine große Summe für die Darstellergehälter draufgeht.
Los geht es mit der Episode In the Dark Night of the Soul it's Always 3:30 in the Morning, die uns in einer Stunde Laufzeit die Grundsituation erläutert.
Worum geht es in The Morning Show?
Im Zentrum stehen die Menschen, die Amerika beim Aufstehen helfen und sie mit Informationen und Unterhaltung ausstatten. Doch es ist kein normaler Tag für die Berufs-Frühaufsteher. Alex Levy (Jennifer Aniston) wacht normalerweise um 3.30 Uhr auf, doch diesmal ruft ihr Producer Chip Black (Mark Duplass) sie panisch an. Ihr Kollege Mitch Kessler (Steve Carell) hat sich diverse Affären geleistet, die nun dazu führen, dass er vom Network entlassen wird. Es stellt sich also die Frage, wie man diese Nachricht verpackt und wie es mit der Sendung, die von der Chemie ihrer beiden Moderatoren lebt, weitergehen soll.
Bald schon will Alex die Zuschauer über die Geschehnisse informieren - und das so offen wie im Fernsehen eben möglich. Im Inneren brodelt es bei Alex, denn sie hat ihr Leben und ihre Karriere auf der professionellen Partnerschaft mit Mitch aufgebaut und beide gelten als Mutti und Vati des Frühstücksfernsehens. Nebenbei wird auch schon länger an Alex' Stuhl gesägt, was sie aber nur ahnt, weil noch kein neues Vertragsangebot vorliegt. Doch der Skandal scheint sie zunächst zu retten... So muss sie genau taktieren, was sie unternehmen möchte.
Top of the Morning
Gleichzeitig lernen wir Bradley Jackson (Reese Witherspoon) kennen, die als lokale Reporterin in West Virginia eingesetzt wird und über einen Protest in einem Kohlewerk berichten soll. Dabei kommt es zu einem Vorfall, bei dem ihr Kameramann von einem Anwesenden umgeworfen wird, welcher dann dazu führt, dass sie eine sehr öffentliche und laute Diskussion mit der Person austrägt, die sie vorher als Mitglied der „Fake News“ betitelt hatte. Natürlich kann so ein öffentlicher Ausbruch nicht passieren, ohne dass Kameras diesen festhalten und Bradley wird zur viralen Sensation und zum baldigen Gast in der Morning Show. Bradley scheint eine sehr gut informierte und streitlustige Person zu sein, die aber im Privaten ihre Probleme hat, da ihre Mutter ihren Bruder, welcher an einer Abhängigkeit leidet, vorzeitig aus der Reha holt. Auch ihre Karriere als Lokalreporterin steht auf der Stelle. Da kommt die Chance für sie, im nationalen Fernsehen durchzustarten, denn der News-Chef Cory (Billy Crudup) will nach ihrem Auftritt mit ihr sprechen.
Mitch (Steve Carrell) ist derweil außer sich und meint, dass sein Leben ohne eine rechtliche Grundlage zerstört wurde. Er gibt zwar die Affären zu, meint aber, dass diese einvernehmlich waren. Das ändert jedoch nichts daran, dass auch seine Frau ihn verlässt und kaum jemand mehr etwas mit ihm zu tun haben will...
Naughty Apple
Die Berichte und Gerüchte, dass Apple nur Interesse an weichgespülten, jugendfreien Inhalten hat, erweisen sich nach der Ansicht dieser Serie als unwahr. Zumindest sprachlich feuern die Serienmacher frei aus allen Kanonen und lassen F- oder S-Wörter mit hoher Frequenz fallen. Auch die MeToo-Thematik ist eher etwas für erwachsene Zuschauer. The Morning Show wäre wahrscheinlich gerne so etwas wie das The West Wing, The Newsroom oder House of Cards von AppleTV+ und man findet auch durchaus interessante Ansätze und einen hervorragenden Cast vor. Aber fesselnd oder gar herausragend innovativ ist die Serie in ihrer ersten Folge nicht. Den sozialkritischen Blick hinter die Kulissen von Politik oder Medien hat Aaron Sorkin vor rund 20 Jahren bereits hinbekommen, wobei eine Aufarbeitung von MeToo-Skandalen in einer Serie bisher tatsächlich noch nicht gewagt wurde. The Morning Show ist dafür auch nicht ganz so idealistisch schwarz-weiß, wie es manche Sorkin Morallektionen sind.
They, too?
Die meisten Figuren sind moralisch eher grau oder machen zumindest auf mich diesen Eindruck, wobei man als amerikanischer Profijournalist in der Öffentlichkeit sicherlich auch gewisse egozentrische Wesenszüge mitbringen muss, weil eine Atmosphäre des Fressen-und-gefressen-Werdens existiert. Dennoch erschwert es das für mich auch, ihnen Sympathie entgegenzubringen. Alex kämpft um ihr professionelles Überleben und den Erhalt des Status Quos und, obwohl man da wohl Mitgefühl mit ihr haben soll, dass sie ein Leben des Verzichts gelebt hat und 15 Jahre lang in Isolation von ihren Liebsten gelebt hatte, wirkt das doch im Kern wie First-World-Problems, weil echte Probleme für den Großteil der Zuschauer ganz anders aussehen. Alex ist im Prinzip wohl noch die Figur, der man ehesten Erfolg wünscht. Denn sie kämpft sich durch die widrigen Umstände und versucht, das Beste aus einer verfahrenen Situation zu machen, in welche sie irgendwie hineinschlittert, weil ihr langjähriger Kollege sich seine Laster leistet. Gut gefällt mir, dass sie sich nicht alles gefallen lässt, sondern weiß, wie man das Spiel spielt. Dazu ist sie aber nun mal auch nicht die perfekte Person und, wie wir im Auftakt erfahren, hatte sie einst sogar selbst einmal etwas mit Mitch.

Bradley mag zwar eine fähige Außenreporterin sein, scheint aber in zwischenmenschlichen und privaten Belangen so ihre Probleme zu haben und ihr Hang zur Ehrlichkeit im Feld funktionieren auch nicht bei allen Adressaten. Cody scheint ihre Art zu interessieren, während Chip das zunächst eher irritierend findet. Ein kleines Problem hatte ich beim großen Witherspoon-Schauspielmoment im Auftakt, denn der emotionale Ausbruch und der Monolog haben mich besonders zum Ende hin nicht ganz überzeugt. Dabei meine ich gar nicht inhaltlich, das ist völlig okay, sondern vielmehr akustisch. Da bin ich mir fast sicher, dass es ein besseres Take gegeben hätte, wobei das vielleicht sogar ein Jammern auf hohem Niveau ist.

Mitch beharrt derweil darauf, dass er in seinem Verhalten keinen Fehler sieht, was schon in den ersten beiden Folgen etwas die Geduld des Zuschauers herausfordern kann. Allerdings finde ich den Ansatz, den mutmaßlichen Täter zu verfolgen, gar nicht so unspannend. Oft schien es in den bekannten Fällen dazu gekommen zu sein, dass sich diese aus der Öffentlichkeit zurückziehen mussten, wobei sich das Mitleid natürlich auch in Grenzen hielt, wenn es sich um gutbetuchte, durchaus mächtige Personen handelte, die teilweise mit ihren Taten wissentlich Leben zerstört oder zumindest auf den Kopf gestellt haben. Aber auch hier wird für mich - in den ersten beiden Folgen - nicht unbedingt klar, ob die Autoren überhaupt ein Interesse daran haben, Stellung zu beziehen oder nicht - oder gar versuchen, Sympathie zu wecken und solches Fehlverhalten gutzuheißen...
Besonders Nebenfiguren wie Cody oder Chip sind teilweise glitschig wie Aale, was ihr Verhalten oder ihre Standpunkte angeht und darüber hinaus darum bemüht, in der Öffentlichkeit gut wegzukommen, auch wenn sie hinter den Kulissen überaus egoistisch rüberkommen. Und natürlich gibt es hinter den Kulissen auch den einen oder anderen Doppelstandard, wie man zum Beispiel an Yanko (Nestor Carbonell) in der zweiten Folge sieht.
Die Schwächen liegen also am ehesten noch im Drehbuch, das nicht so richtig zu wissen scheint, was der Punkt oder auch die Perspektive der Serie sind. Außer womöglich: Das Mediengeschäft ist ein Haifischbecken und jeder ist sich selbst am nächsten. Und: Die alte Art und Weise, wie Nachrichten und Journalismus funktionieren, ist vom Aussterben bedroht in einer 24/7-Newswelt, die sich inzwischen jeder Zuschauer nach seinem Gutdünken zusammenstellen kann. Also müssen Kontroversen her und streitbare Figuren.
Fazit
Der erste Eindruck von The Morning Show ist eher ernüchternd und durchschnittlich. Hier wird der Blick hinter die Kulissen der Medien keineswegs neu erfunden, auch wenn das Thema der Serie durchaus seine aktuelle Brisanz und Relevanz hat. Bisweilen wirkt das Gezeigte vielleicht etwas zu insidermäßig, was sowohl für den Fernsehbetrieb als auch die MeToo-Thematik gilt. Die schauspielerischen Leistungen würde ich dabei nicht beanstanden, die sind durch die Bank weg gut. Das Drehbuch gewinnt in meinen Augen aber keine Originalitätswettbewerbe und macht es mir zumindest als Zuschauer schwer, den Charakteren überhaupt irgendwelche Sympathien entgegenzubringen - und ohne diesen Aspekt habe ich deswegen zunächst wenig Anreiz, weiterhin dranzubleiben. Das wäre bei einem etablierten Anbieter wahrscheinlich egal, aber da es sich hier um eine der prestigeträchtigen Startserien des neuen VoD-Dienstes AppleTV+ handelt, kann das natürlich fatal sein. Da reicht die Star-Power nicht unbedingt, um einen am Ball bleiben zu lassen...
Drei Folgen gibt es von The Morning Show zum Start und der Rest folgt im Wochentakt.
Hier der Trailer zu „The Morning Show“: