The Knick 1x09

The Knick 1x09

Auch in The Golden Lotus der Serie The Knick dreht sich wieder viel um unsere Hauptfigur, jedoch bekommen die Nebenfiguren mehr Raum zur Entfaltung, was diese Episode im Zusammenspiel mit der fantastischen Musik sowie der starken Inszenierung unheimlich aufwertet und sehr sehenswert macht.

Ein gezeichneter Clive Owen in seiner Rolle des Dr. John Thackery in „The Golden Lotus“. / (c) Cinemax
Ein gezeichneter Clive Owen in seiner Rolle des Dr. John Thackery in „The Golden Lotus“. / (c) Cinemax

In der achten Episode von The Knick (Working Late A Lot) wurde deutlich, dass die Figur des Dr. John Thackery (Clive Owen) zum absoluten Fixpunkt avancierte und er im Wesentlichen die unbestrittene Hauptfigur des Historiendramas ist. Dessen Probleme werden in The Golden Lotus weiter vertieft, jedoch löst man sich auch von der alleinigen Blick auf Clive Owens Charakter, wodurch zahlreiche andere Figuren beziehungsweise Darsteller wieder beeindruckend auf sich aufmerksam machen können.

Letztendlich wird so abermals die hohe Komplexität an Konflikten und verschiedenen Beziehungen unter den Charakteren in „The Knick“ erkennbar. Auffällig ist dabei vor allem die technische Komponente dieser Episode, in der Steven Soderbergh und sein Komponist Cliff Martinez mal wieder aus dem Vollen schöpfen und uns so eine weitere audiovisuelle Glanzstunde präsentieren können. Zum Ende der ersten Staffel türmen sich nun einige sehr dramatische Handlungsstränge, die man gewohnt souverän sowie nuanciert weitererzählt, doch eine gewisse Anspannung und Erwartung dem Staffelfinale gegenüber wird eher subtil aufgebaut, als dass sie mit dem Holzhammer serviert werden, was exemplarisch für den Reiz des unaufgeregten Historiendramas steht.

Desperate needs

Wenn wir geglaubt haben, wir hätten Thackery in der letzten Episoden am Ende seiner Kräfte und vollkommen verzweifelt gesehen, werden wir nun in „The Golden Lotus“ in den ersten Minuten schon eines Besseren belehrt. Die Handelsschiffe aus Übersee finden aufgrund des Krieges zwischen den USA und der Philippinischen Republik nach wie vor nicht ihren Weg nach Amerika, also bleiben auch weiterhin die für Thackery überlebenswichtigen Kokainlieferung aus. Um nicht komplett auf dem Trockenen zu sitzen, steigt er aber bei Nacht in eine Apotheke ein, um dort einen Restbestand Kokain mitgehen zu lassen. Bevor er sich jedoch das flüssige Glück spritzen kann, wird er von zwei Gesetzeshütern gestellt und auf die Wache verfrachtet.

So weit ist es also gekommen, wird man sich als Zuschauer denken. Seht euch an, was aus dem begnadeten Dr. John Thackery geworden ist, der nichts weiter als ein verzweifelter Drogenjunkie zu sein scheint und dem nun aufgrund seines Einbruchs und versuchten Diebstahls eine saftige Gefängnisstrafe blüht - wäre da nicht Financier Robertson (Grainger Hines), der den Arzt mit Hilfe von ein paar Geldscheinen aus der Bredouille boxen kann. Der korrupte Oberwachmeister (Glenn Fleshler, einigen vielleicht aus Boardwalk Empire oder True Detective bekannt) sagt da nicht nein und setzt Thackery wieder auf freien Fuß, unter anderem zur großen Erleichterung Barrows (Jeremy Bobb), der Robertson zur Polizeiwache begleitet hat.

Cpt. Robertson (Grainger Hines) und Barrow (Jeremy Bobb) holen Thackery aus dem Kittchen. © Cinemax
Cpt. Robertson (Grainger Hines) und Barrow (Jeremy Bobb) holen Thackery aus dem Kittchen. © Cinemax

Doch der Schaden, den sich Thackery selbst angetan hat, stellt sich schnell als irreparabel heraus, denn schon am nächsten Tag berichtet die Tageszeitung von dem Vorfall in der Apotheke, jedoch ohne einen Namen zu nennen. Den braucht es aber nicht, denn gerade die Belegschaft des Knick murmelt schon fleißig, dass es sich hier nun um Thackery handeln könnte. Insbesondere Edwards (André Holland) ist sich absolut sicher, passen doch Thackerys derzeitiges Auftreten und dessen Symptome wie die Faust aufs Auge hinsichtlich einer möglichen Drogensucht. Der loyale Bertie (Michael Angarano) versucht noch, seinen Chefarzt ein wenig in Schutz zu nehmen, doch gerade er sollte es doch ein wenig besser wissen, hat er Thackerys manischen Arbeitseifer doch bereits mit eigenen Augen gesehen.

An ocean of cocaine

Auch Elkins (Eve Hewson) stellt sich anfangs vor Thackery, schwenkt aber alsbald um, weiß sie doch, wie schlecht es ihrem Liebhaber wirklich geht. Letztendlich will sie ihm um jeden Preis helfen und wird dafür in „The Golden Lotus“ noch so einige Wege gehen, die man der jungen Krankenschwester anfangs überhaupt nicht zugetraut hätte. Thackerys äußerst bedrohliches Verhalten ihr gegenüber hat Elkins ein wenig die Augen geöffnet, wie sehr er doch ihre Hilfe benötigt.

Der Wutausbruch des Chirurgen ist dabei nicht nur eine weitere überzeugende Darstellung Owens, sondern vor allem auch hervorragend inszeniert. Thackery steht zu Beginn seines verbalen und fast körperlichen Angriffs auf Elkins deutlich im Dunkeln, sein Gesicht ist ein einziger Schatten, sinnbildlich für seine derzeitige Verfassung. Als in Elkins dann Unterstützung und Hilfe verspricht, wird Thackerys Konterfei von einer Lichtquelle erleuchtet und so könnte man fast meinen, dass es sich hier um den sichtbaren Hoffnungsschimmer handelt, der von Elkins ausgeht. Derartig exzellent beleuchtete und ambivalente Szenen lassen sich in „The Golden Lotus“ zuhauf finden und steigern ohne Frage das Sehvergnügen.

Alternatives

Zwischenzeitlich scheint sich Thackery jedoch ein wenig beruhigen zu können, bringt ihm Elkins doch ein paar Phiolen Kokain, die Barrow wiederum Gangster Collier (Danny Hoch) aus dem Kreuz leiern konnte. Dieses „Kokain“ stellt sich jedoch recht schnell als einfache Kochsalzlösung heraus, was Thackery trotz Elkins' entspannenden Gesängen fuchsteufelswild macht. Unverblümt wird uns hier gezeigt, wie krass doch Thackery auf das Rauschmittel fixiert ist und sich verhält, als gäbe es nichts anderes von größerer Bedeutung in dieser Welt.

Angesichts der Kochsalzlösung kann man jetzt spekulieren, ob Collier Barrow reingelegt hat oder ob Barrow selbst dafür verantwortlich ist. Kokain ist eine viel gefragte Droge zu dieser Zeit in New York, mit der man sich schnell etwas dazuverdienen könnte, wie der Polizist zu Beginn der Episode erklärt. Wenn das mal nicht perfekt in das Profil des dubiosen Barrow passt.

No choice

Weniger spekulativ gestaltet sich da schon Cornelias stiller Auftritt im Knickerbocker Hospital, bei dem der eine oder andere Zuschauer sicherlich schon erahnen kann, was hier auf uns zukommt. Wie sich recht schnell herausstellt, ist Cornelia nämlich schwanger von Edwards, was im ersten Moment ein wenig soap-artig anmutet, sich dann jedoch dank zweier fantastischer Darbietungen von Juliet Rylance und André Holland zu einem sehr emotionalen und bewegenden Handlungsstrang entwickelt. Edwards kann seine Freude über den möglichen Nachwuchs nicht verbergen, doch Cornelia ist unsicher und verängstigt, steht sie doch zum einen vor ihrer Vermählung, zum anderen würde ihre Familie die Beziehung mit Edwards sowie ein Kind der beiden nie akzeptieren.

Cornelia (Juliet Rylance) überbringt Dr. Edwards (André Holland) die Neuigkeiten. © Cinemax
Cornelia (Juliet Rylance) überbringt Dr. Edwards (André Holland) die Neuigkeiten. © Cinemax

Wieder einmal gelingt es den Autoren, das emotionale Befinden und die verschiedenen Standpunkte zweier Figuren glaubhaft und nachvollziehbar zu skizzieren, wodurch wir uns problemlos in beide Charaktere hineinversetzen können. Man fühlt sowohl mit Cornelia mit, die tieftraurig ist, jedoch rational handeln und eine Abtreibung durchführen lassen will, aber auch Edwards Position macht betroffen, sind es doch mal wieder die gesellschaftlichen Barrieren dieser Zeit, die ihm das Vaterglück verwehren. Es kommt gar noch weitaus schlimmer für ihn, soll er doch die Abtreibung vollführen, damit niemand anderes davon erfährt. Eine unmenschliche Aufgabe, die Edwards verständlicherweise nicht erfüllen kann. Die Szenen zwischen ihm und Cornelia haben unglaublich dramatisches Gewicht, sodass deren beider Dilemmata absolut greifbar sind und bewegen können.

The immortal soul

Dieser tief emotionale Teil von The Golden Lotus wird da nur noch von dem Handlungsstrang um Gallinger (Eric Johnson), seine Frau Eleanor (Maya Kazan) und deren Adoptivtochter übertroffen. Die Figur des Dr. Everett Gallinger musste im Laufe der ersten Staffel von The Knick so einiges verkraften: Er wurde als assistierender Chefchirurg übergangen, Erzfeind Edwards übernahm diesen Posten; er verlor seine leibliche Tochter und seine Frau ist seitdem kurz davor, die Schwelle zur Geisteskrankheit zu überschreiten. Dieser Punkt ist hier nun erreicht und sorgt für einen der bisher schauerlichsten, aber zeitgleich inszenatorisch faszinierendsten Gänsehautmomenten der Serie.

Schon Eleanors erster Auftritt schockiert zutiefst, hat sie doch Adoptivtochter Grace mit Eiswickeln ums Leben gebracht und diese seelenruhig im Kinderwagen in das Knick befördert. Gallinger erkennt nun endgültig, dass er seine Frau verloren hat. In einer großartigen Sequenz wird diese nun von ein paar Herren in weißen Mänteln in eine Zwangsjacke geschnürt und mit Chloroform ruhig gestellt, dass Gallinger selbst den Herren der psychiatrischen Anstalt reicht. Eine gespenstische Szene, hören wir doch nicht einen Ton, nur das melodische Summen einer bekannten Melodie (Hinweise dazu bitte in den Kommentarbereich, denn es mag bei mir einfach nicht der Groschen fallen, woher ich diese kenne), die sich über die Stille und verstörenden Bilder legt. Eine letzte Aufnahme zeigt Gallinger verzweifelt, das Bild wird immer unschärfer, bis der Szenenwechsel erfolgt - einfach atemberaubend grandios.

The ship has sailed

Diese beiden Nebengeschichte haben großen Anteil daran, dass The Golden Lotus womöglich eine der emotionalsten Episoden dieser ersten Staffel ist. Dabei machen sie aufgrund ihrer emotionalen Schwere schon beinahe den Handlungsstrang um Thackery und Elkins ein wenig vergessen, der uns jedoch immer wieder in kleinen Abschnitten ins Gedächtnis gerufen wird.

Thackerys Fall geht abseits von alledem ungebremst weiter. Erst probiert er, nun doch noch für den schmierigen Geschäftsmann Luff (Tom Papa) als Testemonial zu arbeiten, um so an sein wertvolles Kokain zu kommen. Luff weist ihn jedoch ab, man hat schon längst jemand anderes gefunden, außerdem scheint es bereits ein offenes Geheimnis zu sein, dass Thackery ein Drogenproblem hat und somit für Luffs Unternehmen nicht wirklich geeignet ist. Als nächstes versucht Thackery dann, aus Coca Cola-Resten den Kokainanteil herauszufiltern, was ihm jedoch auch nicht gelingt. Soderbergh zeigt uns ungeschönt die erbärmliche Seite seine Hauptfigur und wir schauen teils entsetzt, teils unüberrascht zu, wie sich deren Spirale weiter gen Abgrund dreht.

Nurse Thackery

Das personifizierte Licht am Ende des Tunnels Elkins gelingt es jedoch, für Abhilfe zu sorgen. So bringt sie Thackery etwas Opium, damit dieser seine Nerven damit beruhigen kann, nichtsahnend, wie weit Elkins dafür gegangen ist. Letztendlich hat sie sich gewissermaßen prostituiert und den Fetisch des Opiumhöhlenbetreibers Wu (Perry Yung) bedient, indem sie ihren zierlichen Fuß („der goldenen Lotus“) in dessen Mund schob - eine alte Sexualpraktik, die dem chinesischen Sittenroman Jin Ping Mei entnommen ist.

Elkins (Eve Hewson) auf der Suche nach Kokain. © Cinemax
Elkins (Eve Hewson) auf der Suche nach Kokain. © Cinemax

Einzig für Thackery hat sie dies über sich ergehen lassen, dessen Augen noch viel größer werden, als sie wenig später mit einer ganzen Schatulle voller Kokainfläschchen in seinem Haus steht. Diese ließ Elkins aus dem deutsche Krankenhaus in New York mitgehen, wo sie sich kurz als neue Krankenschwester ausgab, nur um für ihren Geliebten sein Rauschmittel zu stehlen. Anstatt ihm bei seinem Entzug zu helfen, fördert sie dessen Sucht nur noch weiter und fröhnt wenig später mit ihm gemeinsam dem Drogenrausch. Ein letztens Mal setzt der wummernde Soundtrack von Cliff Martinez ein, als die Droge durch Elkins' Körper schießt und sie sich erneut auf einen selbstzerstörerischen Kokaintrip mitsamt von Seiten Thackerys bedeutungslosen Sex begibt.

Fazit

Einige Zuschauer fragen sich mit Sicherheit, wie naiv Elkins doch sein kann, selbst nicht zu erkennen, dass ihr auf lange Sicht die Liaison mit Thackery nichts als Schmerzen und emotionale Leere geben wird. Und dennoch geht sie für ihn durchs Feuer, wobei man langsam auch den Eindruck bekommen könnte, dass es nicht nur mehr Thackerys Reiz, sondern auch die Anfänge einer möglichen Kokainsucht sind, die Elkins lenken. Neben ihr treten auch die zahlreichen anderen Frauenfiguren von The Knick in The Golden Lotus mit ihren Problemen immer wieder prominent in den Vordergrund. Selbst Sister Harriet (Cara Seymour) wiegt ihr Dasein als gläubige Nonne und Abtreibungsgehilfin vor den Augen Gottes ab, was uns einen kurzen, aber interessanten Einblick in den Charakter dieser Nebenfigur gibt.

The Golden Lotus bieten uns als Zuschauer einfach unglaublich viel an, was man bis ins kleinste Detail auseinandernehmen und analysieren könnte. Die Vielseitigkeit und der Umfang der Serie macht schlichtweg große Freude und fordert ein gesundes Maß an intelligenter Aufmerksamkeit, die man wiederum sehr gerne aufbringt. Die musikalische Untermalung und die visuelle Umsetzung gehören mit zu dem Besten, was dieses Jahr zu bieten hat, so weit möchte ich mich jetzt schon aus dem Fenster lehnen. Insbesondere bei dem Spiel mit Licht sucht Soderbergh seinesgleichen. So ist man weniger wehmütig, dass nächste Woche schon das Staffelfinale läuft, als dass man sich einfach auf eine weitere stimmige und facettenreiche Episode zum Abschluss der ersten Staffel von „The Knick“ freut.

Ein Hinweis in eigener Sache: Die Kritik zum Staffelfinale am Freitag, den 17.10.2014 wird aller Voraussicht nach erst am darauffolgenden Montag veröffentlicht. Grund dafür sind terminliche Verpflichtungen zum Wochenende.

Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 11. Oktober 2014
Episode
Staffel 1, Episode 9
(The Knick 1x09)
Deutscher Titel der Episode
Der goldene Lotus
Titel der Episode im Original
The Golden Lotus
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 10. Oktober 2014 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 20. Januar 2015
Autor
Steven Katz
Regisseur
Steven Soderbergh

Schauspieler in der Episode The Knick 1x09

Darsteller
Rolle
Andre Holland
Jeremy Bobb
Juliet Rylance
Eve Hewson
Cara Seymour
Grainger Hines

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