The Knick 1x08

The Knick 1x08

In der The Knick-Episode Working Late A Lot wird der Fokus der Geschichte wieder mehr auf unsere vermeintliche Hauptfigur und ihre persönliche Dämonen gerichtet, wodurch zwar die Nebencharaktere ein wenig ins Hintertreffen geraten, sich jedoch auch eine äußerst interessante Einzelfolge entspinnt.

Eve Hewson und Clive Owen als Nurse Elkins und Dr. John Thackery in „Working Late A Lot“. / (c) Cinemax
Eve Hewson und Clive Owen als Nurse Elkins und Dr. John Thackery in „Working Late A Lot“. / (c) Cinemax

Mit der Episode Get the Rope aus der Vorwoche lieferte das Team hinter dem Cinemax-Historiendrama The Knick und um Steven Soderbergh das für mich bisher packendeste Kapitel der zehnteiligen ersten Staffel ab. Working Late A Lot hat es natürlich etwas schwer, daran anzuknüpfen, aber auch wenn sich hier und da ein paar kleinere Problemen einschleichen, kann auch diese Folge von The Knick überzeugen und uns vor allem eine starke Perspektive auf die Hauptfigur des Dr. John Thackery geben.

Dieser rückt nämlich hier immer wieder in den Mittelpunkt des Geschehens, ob nun rein visuell oder thematisch. Die restlichen Figuren dienen diese Woche mehr als Zusatz, was diesen nicht ganz gerecht wird, gleichzeitig aber auch für einen neuen Ansatz und ein wenig Abwechslung sorgt. Darüber hinaus bekommt Clive Owen die Chance, abermals seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, was ihm durchaus beeindruckend gelingt.

The devil lives in all of us

Working Late A Lot“ markiert als Episode den Punkt, an dem wir endlich einmal die wahren Nebenwirkungen von Thackerys Kokainsucht beobachten können und beinahe am eigenen Körper zu spüren bekommen, was vor allem an Owens starken Schauspiel liegt. Nachdem sich Thackery und Elkins (Eve Hewson) in der letzten Episode deutlich näher gekommen sind, frönen die beiden jetzt ein Liebesleben im Drogenrausch.

Thackery tritt hier wenig subtil als des Teufels Advokat in Erscheinung, der die junge Krankenschwester Elkins mehr und mehr zum Laster verführt, da es in seinen Augen eh keine höhere Macht gibt, die die beiden bestrafen könnte. Elkins kommt es einem strenggläubigen Haushalt und hat Zweifel an dem, was sie tut, doch Thackery beruhigt sie und klärt Elkins auf, dass er ebenfalls einen sehr religiösen Vater hat. Dieser ist aber auch ein Trunkenbold und hat in seiner Vergangenheit zahlreichen Ureinwohner Amerikas hingerichtet, nur um jetzt in den Augen Gottes Vergebung zu finden.

Dem rationalen Thackery erschließt sich dieses Konstrukt von Glaube und Religion nicht im Geringsten, was uns zum einen mehr Einblick in seinen Charakter gibt, zugleich aber auch sein oftmals emotionsbefreites Handeln und Verhalten erklärt. Wo ist Gott, wenn tagtäglich tausend Kinder sterben? Eine berechtigte Frage, die sich schon so mancher Zweifel gestellt hat.

Mehr denn je im Fokus: Dr. John Thackery (Clive Owen). © Cinemax
Mehr denn je im Fokus: Dr. John Thackery (Clive Owen). © Cinemax

What about the drugs?

So zieht er die unerfahrene Elkins immer mehr auf seine Seite, die ihm anfangs noch wie ein zahmes Tier aus der Hand frisst. Dabei erkennt sie erst im späteren Verlauf dieser Episode, wie egoistisch Thackery tatsächlich ist und dass er scheinbar nur wenig Interesse an Elkins' wahren Befinden hat. Im Gegenzug dazu präsentieren uns die Macher den charmanten Bertie (Michael Angarano), der der Krankenschwester nach wie vor Avancen macht, sich nach ihrem Wohlbefinden erkundet und im krassen Kontrast zu Thackery emotionslosen Gebaren steht. Wie einfach es Elkins doch mit Bertie haben könnte, doch es ist nach wie vor diese faszinierende Anziehungskraft, die von Thackery ausgeht, die sie in seinen Bann zieht.

Dabei steht der geniale Chefchirurg vor einer äußerst schweren Prüfung, denn der Kolonialkrieg zwischen den USA und der freien Republik der Philippinen bringt die Kokainlieferungen nach Amerika ins Stocken. Thackerys Sorgen, der Krankenhausbetrieb könnte stark eingeschränkt werden, ist dabei nur ein Vorwand, denkt er doch offensichtlich nur an seine zu stillende Drogensucht, während ihm die ersten Schweißperlen über das immer weißer werdende Gesicht laufen.

Back to the well

Auch das Krankenhausgremium ist sich diesem Engpass an Arzneimitteln bewusst, zusätzlich steht dem Knickerbocker Hospital weiterer Ärger ins Haus, verweigert die Versicherung doch die Übernahme der Kosten für die Renovierung, die nach den Unruhen so bitter nötig sind. Während dieses Treffen zirkelt die Kamera um Thackery herum, was immer wiederkehrendes visuelles Mittel in Working Late A Lot ist. Hier dreht sich alles nur um Dr. John Thackery und seine Probleme, ob das Krankenhaus nun notgedrungen umziehen muss oder wie welche Kosten gedeckelt werden ist ihm egal, Hauptsache er bekommt sein Kokain.

Zumindest Barrow (Jeremy Bobb) scheint dessen Wünschen nachzukommen, begibt er sich doch zum Krankenhausfinancier Cpt. Robertson (Grainger Hines), der neben den neuen Unkosten im Hospital über sein Vermögen und Einfluss auch die Kokainlieferung wieder ankurbeln soll. Diesem wird Barrows ständiges Betteln um Almosen langsam aber zu bunt, und in einem Nebensatz erfahren wir, dass Robertson selbst Kolonialist mit Interesse am Krieg mit den Philippinen ist, was ein interessantes kleines Detail ist. Die gekapperten und versenkten Handelsschiffe aus der Region bereiten ihm durchaus Kopfzerbrechen, andere Interessengruppen gehen vor, und Barrow sollte doch in der Lage dazu sein, selbst ein paar Einsparungen machen zu können.

Das tut er dann auch, was in einer recht erbärmlichen Szene endet, in der der charakterschwache Barrow zwei von vier afro-amerikanischen Kohleschauflern ohne ersichtlichen Grund entlässt. Zuvor hatte er es gar beim katholischen Erzbischof probiert, der ihn jedoch eiskalt hat abblitzen lassen. Die recht amüsante kleine Szene mit dem wohlgenährten Geistlichen in seinem beschaulichen Arbeitszimmer ist gleichzeitig auch ein netter Querverweis der Macher auf Thackerys Tirade gegen die Kirche und religiöse Institutionen, die ihren gläubigen Anhängerschaft oftmals nur das Geld aus den Taschen ziehen.

Geschlagenes Trio: Speight (David Fierro); Cornelia (Juliet Rylance) und Bertie (Michael Angarano). © Cinemax
Geschlagenes Trio: Speight (David Fierro); Cornelia (Juliet Rylance) und Bertie (Michael Angarano). © Cinemax

Above and beyond expectation

Cornelia (Juliet Rylance) kämpft derweil ihre eigene Schlacht und findet sich gemeinsam mit Gesundheitsinspektor Speight (David Fierro) und Bertie im Gerichtssaal ein, wo über die Küchenhilfe geurteilt werden soll, die angeblich für die Typhusepidemie unter den Schönen und Reichen New Yorks verantwortlich ist. Die Anklage wird jedoch aufgrund der recht kurzsichtigen Logik des Richters abgeschmettert, was Cornelia und Co. bitter erzürnt. Sie und Speight haben jedoch ein formidables Duo gebildet, uns insbesondere letzterer kann mit seinen bissigen sowie schambefreiten Kommentaren für das eine oder andere kräftige Schmunzeln sorgen.

Ein wenig interessanter als diese Niederlage vor Gericht ist jedoch Cornelias Affäre mit Edwards (André Holland), mit dem sie sich nun regelmäßig zu später Stunde in dessen Apartment trifft. Hier greift Soderbergh auf einen schon fast gewohnt krassen Schnitt während des Liebesspiel von Thackery und Elkins auf Cornelia und Edwards zurück, wodurch man einfach nicht umherkommt, diese beiden Pärchen zu vergleichen. Elkins Beziehung zu Thackery ist vielmehr ein Geben als ein Nehmen, die Liebelei zwischen Cornelia und Edwards beruht da deutlich mehr auf Gegenseitigkeit und emotionaler Hingabe, was sicherlich auch auf deren beider gemeinsamer Vergangenheit zurückgeht.

Dennoch dient dieser starke Kontrast dazu, weiter am Podest der augenscheinlich beeindruckenden Persönlichkeit Thackerys zu sägen, der in „Working Late A Lot“ von Minute zu Minute schlimmer aussieht und Elkins erst einen Anflug von aufrichtiger Zuneigung entgegenbringt, als sie ihm ein paar Phiolen Kokain bringt.

Surgeons, not butchers

Diese hat er auch bitter nötig, muss er doch vor der Metropolitan Surgical Society die vom ihm und Edwards neu entwickelte Methode zur Behandlung einer akuten Hernie präsentieren. Nach der Einnahme der Droge ist er wie ausgewechselt und feuert in schnellen Redesalven einen für seine Kollegen sichtlich beeindruckenden Vortrag raus. Doch wie viel Thackery steckt wirklich in dieser Präsentation und seinen ganzen Entdeckungen? Wie viel Anteil hat das leistungssteigernde Rauschmittel tatsächlich?

Während Thackery dann einen Kollegen aus Chicago (Michael Nathanson) beobachtet, wie dieser tiefenentspannt eine neue Erfindung seinerseits vorstellt, verharrt die Kamera erneut auf dem kreidebleichen Gesicht des Doktors. Sein Unwohlsein und verstörendes Wackeln mit dem Kopf ist für jeden klar erkennbar, gleichzeitig erkennt man ihm aber auch an, dass er mit Neugier und einem Hauch von Missgunst den Ausführungen des jüdischen Arztes auf dem Podium folgt. Dieser will mit einer neuen Gerätschaft verfrühte medizinische Eingriffe obsolet machen und mit seinem Intrascope den Blick in den menschlichen Körper ermöglichen möchte, ohne diesen wie bisher einfach aufschneiden zu müssen.

Good is not enough

Der Arzt aus Chicago spornt Thackery sogleich an, diesen zu übertrumpfen, kann es doch einfach keinen besserer Doktor als den Chefchirurgen des Knickerbocker Hospital geben. Dabei lässt er sich auch zu ein paar unschönen anti-semitischen Äußerungen hinreißen, die zu dieser Zeit völlig normal gewesen sind, doch bei Thackery vielmehr auf dessen falschen Stolz und Unfähigkeit, Ruhm und Anerkennung zu teilen, beruhen als auf wirklichen Fremdenhass. Nun verdonnert er sogar den guten Bertie, die Studie zur Herniebehandlung zu überarbeiten, während Thackery selbst weiter versucht, irgendwie seinen kalten Entzug zu meistern.

Bertie wird unterdessen erneut von seinem Vater (Reg Rogers) dazu gedrängt, sich von Thackery loszusagen, doch wie auch bei Elkins kann ihn der Chefarzt mit seinen Fähigkeiten faszinieren. Warum sollte er die Möglichkeit, bei einem der anerkanntesten Ärzten New Yorks zu lernen, missen? Außerdem fühlt er sich sehr zu Elkins hingezogen, die er um keinen Preis verlassen möchte. Hier läuten jedoch beim Zuschauer die Alarmglocken, bahnt sich womöglich ein großes Drama an. Sollte Bertie erfahren, dass Elkins und Thackery eine Liebschaft miteinander haben, könnte es mit der Loyalität des jungen Arztes schnell zu Ende sein und ein Weggang vom Knick wäre höchstwahrscheinlich. Die Autoren bereiten hier bereits seit einigen Episoden geschickt einen folgenschweren Konflikt vor, dessen Auflösung ich mit Spannung erwarte.

Geschlagenes Trio: Speight (David Fierro); Cornelia (Juliet Rylance) und Bertie (Michael Angarano). © Cinemax
Geschlagenes Trio: Speight (David Fierro); Cornelia (Juliet Rylance) und Bertie (Michael Angarano). © Cinemax

Again and again and again

Schlussendlich kommt der stark gebeutelte Thackery nicht umher auf die Ersatzdroge Strychnin zurückzugreifen, die eine ähnlich aufputschende Wirkung wie Kokain haben kann und seine Sinne für eine unappetitlichen Eingriff am Kiefer eines Patienten schärfen soll. Diese Operation entpuppt sich jedoch als Reinfall und so müssen Edwards und Gallinger (Eric Johnson) übernehmen, während Thackery schweißgebadet und sichtlich unwohl den Weg in Richtung Opiumhöhle einschlägt.

In diesem wie immer perfekt beleuchteten Etablissement pfeift sich Thackery dann wortwörtlich eine Ladung des entspannenden Rauschmittels nach der anderen rein. Langsam gleitet er in eine Art Fiebertraum, in dem er die Perspektive seines Mentors Christiansen (Matt Frewer) einnimmt, der sich gerade erst selbst hingerichtet hat. Für mich persönlich stellt diese Sequenz den Höhepunkt der Episode dar, denn neben der tollen visuellen Umsetzung wird hier deutlich, dass man Thackery bewusst die Position seines Idols einnehmen und ihn so dessen trauriges Schicksal teilen lässt. Hier blickt er im wahrsten Sinne zu sich selbst auf, doch Thackery kam zu spät, um Christiansen zu helfen, so wie es jetzt zu spät sein könnte, sich selbst zu helfen. Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer besteht noch, richtet sich die Kamera doch erneut auf Elkins im Hintergrund. Auch diese Woche gelingt so ein vielsagendes Schlussbild, das nachhallt.

Fazit

Working Late A Lot ist womöglich eine der Charakter-zentrischsten Episoden von The Knick, in der man sich bewusst dafür entscheidet, das Profil der Hauptfigur zu erweitern und uns als Zuschauer noch tiefer in dessen Persönlichkeit eintauchen zu lassen. Dank eines stark aufspielenden Clive Owen gelingt dies auch, durch clevere visuelle Ansätze wird dieses sehr fokussierte Porträt dann passend abgerundet. Zwar wird die Geschichte nicht so subtil und nuanciert erzählt, wie in einigen Episoden zuvor, dennoch kann die Folge überzeugen.

Einzig die Nebenfiguren werden diese Woche etwas zu sehr im Hintergrund geparkt, auch wenn deren kleinere Handlungsstränge sicherlich ein paar sehenswerte Momente beinhalten. Dennoch, der Fokus ist hier klar verteilt, und so erscheint zum Beispiel Gallingers Geschichte um dessen schwer gezeichnete Frau und deren neue Adoptivtochter Grace wirklich nur wie eine Randnotiz. Doch die Serienmacher dürfen sich einen derartigen Aufbau einer Folge durchaus mal erlauben, insbesondere, wenn Clive Owen seinen Talenten gerecht wird und das Ergebnis trotz ein paar Kritikpunkten stimmig und hochinteressant ist.

Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 5. Oktober 2014

The Knick 1x08 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 8
(The Knick 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Entzugserscheinungen
Titel der Episode im Original
Working Late A Lot
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 3. Oktober 2014 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 13. Januar 2015
Autoren
Jack Amiel, Michael Begler
Regisseur
Steven Soderbergh

Schauspieler in der Episode The Knick 1x08

Darsteller
Rolle
Andre Holland
Jeremy Bobb
Juliet Rylance
Eve Hewson
Cara Seymour
Grainger Hines

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