The Knick 1x07

Letzte Woche noch ließ ich mich dazu hinreißen, Start Calling Me Dad, die sechste Episode der ersten Staffel von The Knick als beste der bisher ausgestrahlten Episoden des Historiendramas zu bewerten. Und kaum verteilt man eine derartige Bestwertung, kommt mit Get the Rope eine Episode daher, die meiner Meinung nach das Ganze noch einmal toppen kann. Denn obwohl sich in „Get the Rope“ ein kleines Storyelement einschleicht, dass bei mir ein paar Zweifel hervorruft, muss ich Steven Soderbergh und seinem Team für diese Episode großen Respekt zollen.
Dabei fühlt sich „Get the Rope“ gänzlich anders an, als viele ihrer Vorgängerepisoden, was es vielleicht auch gerade so besonders und einzigartig macht. Soderbergh gibt sich hier nämlich komplett einem bis jetzt eher dosierten Schwung hin, wodurch sich das Momentum vieler Szenen in seiner Gänze entfalten kann und wir als Zuschauer tief in den Bann der Handlung gezogen werden. „Get the Rope“ mag die bisher geradlinigste Episode von „The Knick“ sein. Doch die Art und Weise, wie sie vorgetragen wird, die schockierenden Inhalte, die uns vor Anspannung fesseln oder auch die fantastische Inszenierung einzelner Momentaufnahmen, all das macht diese Folge zu einer wahrlich ausgezeichneten.
Comet in the sky
Vielleicht sollte ich nicht zu sehr ins Schwärmen kommen, doch „Get the Rope“ bietet so vieles an, dass mich als Zuschauer faszinieren, tief verstören oder schlichtweg mein Interesse an den Charakteren und der Zeitepoche wecken kann. Zu Beginn der Episode bekommen wir zum Beispiel einen interessanten Rückblick auf die Zusammenarbeit zwischen Thackery (Clive Owen) und seinem Mentor Christianson (Matt Frewer) zu sehen. Ersterer wirkt in diesen Szenen tatsächlich wie ein frischer Lehrling, der von seinem Lehrmeister vor einem alten Kollegen hoch in den Himmel gelobt wird.
Thackery wird auch prompt seiner medizinischen Begabung gerecht, als er erfolgreich eine Blinddarmoperation durchführt, was uns als weiterer revolutionärer Schritt in der modernen Medizin verkauft wird. Eine Stück weit amüsante Randnotiz, ist doch die Entfernung des Blinddarms heutzutage ein recht banaler Eingriff. Natürlich besteht auch heute noch gefährliches Restrisiko bei einem solchen Eingriff, vor mehr als 100 Jahren konnte eine tückische Infektion des Darmfortsatzes jedoch schnell tödlich enden.

The Thackery point
Doch das eigentlich Interessante an diesem Rückblick ereignet sich sogar noch vor der Operation: Hier wird nämlich deutlich, dass Thackery über Christenson zum Konsum von Kokain als Aufputschmittel gekommen ist. Das Wundermittelchen scheint im Kollegenkreis Christensons weit verbreitet und immer wieder zum Einsatz zu kommen. Durch die Einnahme von Kokain hat Thackery so manchen schwierigen Eingriff gemeistert, doch den Nebenwirkungen muss auch er Tribut zollen.
Erneut greifen die Serienmacher auf ihr altbewährtes Mittel der krassen Kontrastierung zurück. In einem Moment sehen wir Thackery wie er feierlich seine neuentwickelte Methode zur Blinddarmentfernung präsentiert, auf einen Schlag befinden wir uns dann abermals in der dämmerigen Opiumhöhle wieder, wo sich Thackery wie so oft vollkommen benebelt seinem Rausch hingibt. In diesem zwielichtigen Etablissement wird er dann trotz seines schwummerigen Deliriums sogleich gefordert, als eins der anderen Kinder mit seinem Leben ringt und beinahe erstickt, wäre da nicht Thackery, der mit glasigen Blick in allerletzter Sekunde einen Luftröhrenschnitt durchführen kann. Es ist ein bezeichnendes Bild des begnadeten Doktors, der sich innerhalb eines recht kurzen Zeitraums an zwei extrem verschiedenen Orten wiederfindet. Seine Reputation ist zwar immer noch sehr hoch, dass er sich jedoch je an einem derartigen Ort wie auf dem dreckigen Boden eines verrauchten Bordells befinden würde, hat er sich wahrscheinlich kaum denken können.
Mayhem
Dieser Blick zurück scheint fast ein wenig losgelöst von dem Großteil dieser Episode, wird jedoch im späteren Verlauf noch einmal referenziert, wodurch wiederum ein äußerst interessanter Bogen gespannt wird. So gibt Thackery seine letzte Reserve an Kokain her, um einem Schwerverletzten zu helfen. In gewisser Weise entsagt er so seiner Sucht und kehrt zurück zu seinen Anfängen, obwohl er am Ende von Get the Rope sofort wieder zur Droge greift. Doch bevor es dazu kommt, begeben wir uns als machtlose Beobachter auf einen rasanten Trip durch eine erbarmungslose Zeit und eine unaufgeklärte Gesellschaft, was uns sowie den handelnden Charakteren in The Knick mehr als nur einmal starke Nerven abverlangt.
„Get the Rope“ führt uns erneut eindringlich vor Augen, zu was für einer Zeit diese Serie spielt und was für gesellschaftliche Ansichten vorherrschen. Oft genug ist die Cinemax-Serie den Beweis angetreten, nicht nur ein ergiebiges Charakterdrama, sondern auch ein vielseitiges Zeit- und Gesellschaftsporträt zu sein, was hier so deutlich wie noch nie zuvor wird.
Auslöser der schrecklichen Ereignisse, die sich in „Get the Rope“ entspinnen, ist ein recht unbedeutender Vorfall, eine Art Missverständnis, dass eskaliert und weitreichende Konsequenzen nach sich zieht. Officer Phinny Sears (Collin Meath), der ein paar Episoden zuvor noch Gangster Collier (Danny Hoch) den Vorschlag machte, für diesen neue Prostituierte anzuwerben und infolgedessen einen Deal mit Collier und Barrow (Jeremy Bobb) einging, wird hier zum Stein des Anstoßes. Auf offener Straße hält er eine junge, afro-amerikanische Frau für eine freie Straßenhure und bietet ihr ein Engagement bei Collier an. Der Freund der jungen Dame findet diese unverschämte Verwechslung gar nicht komisch, und anstelle deeskalierend zu wirken, zückt der Polizist seinen Schlagstock, wahrscheinlich auch, weil er sich das freche Aufbegehren seines dunkelhäutigen Gegenübers nicht gefallen lässt. In einem kurzen Geraufe wird er dann jedoch niedergestochen und die Folgen könnten nicht verheerender sein.

Something for the pain
Der schwerverletzte Gesetzeshüter wird dann ins Knickerbocker Hospital eingeliefert, wo sich schon bald eine wütende Menschenmasse einfindet. Die Nachricht von einem blutigen Angriff durch einen dunkelhäutigen Bewohner New Yorks auf einen weißen Vertreter von Recht und Ordnung verbreitet sich in der Metropole wie ein Lauffeuer. Noch lebt der Polizist, der von Thackery und seinem Team (Edwards inbegriffen) medizinisch versorgt wird. Doch der Mob wird von Minute zu Minute aufgeregter, die Anspannung steigt, auch dank Cliff Martinez' erneut grandioser musikalischen Untermalung, die uns durch diese Folge treibt und noch viel prominenter als noch zuvor in den Vordergrund rückt.
Letztendlich können Thackery und seine Ärzte das Leben von Sears nicht retten, was den finalen Punkt des Stimmungsumschwungs markiert. Von der trauernden Mutter aufgewiegelt, die zuvor noch Edwards skeptisch beäugt hatte, reißt die unkontrollierbare Menschenmasse gemeinsam mit den Kollegen des verstorbenen Officers die Türen zum Krankenhaus ein, was in der Folge furchtbar zerstört wird und die finanziellen Sorgen Barrows in die Höhe schraubt. Zuvor stellte sich Thackery noch schützend über einen afro-amerikanischen Mann, der willkürlich auf der offenen Straße zusammengeschlagen wird. Entsetzt blickt der Chirurg die untätigen Polizisten an, die sich dem Mob einfach anschließen.
So kommt es zu einigen grässlichen Szenen, in denen der pure Menschenhass regiert und man tatenlos mit ansehen muss, wie die weiße Bevölkerung New Yorks zum blinden Vergeltungsschlag ausholt, weil sich angeblich der Mörder des „Gesetzeshüters“ im Knick befindet. Thackery hatte sich immer gegen die Behandlung von afro-amerikanischen Patienten gesträubt, weil er dadurch das Erreichen seiner eigenen Ziele nur erschwert hätte. Jetzt tritt er als Verfechter der Gerechtigkeit auf, was uns mal wieder eine seine besseren Seiten zeigt, doch nicht nur, fast alle Angestellten des Knickerbocker Hospitals stellen ihren Hippokratischer Eid über die Differenzierung von irgendeiner Hautfarbe.
Whose side are you on?
Im Verbund bringen die Ärzte und Schwestern des Knicks die verletzten Afro-Amerikaner in ein naheliegendes Krankenhaus, wo diese in Sicherheit behandelt werden können. Dafür lässt sich der sonst so grobe Cleary (Chris Sullivan) sogar vor die Ambulanzkutsche spannen und zeigt so, dass auch er diese scheußlichen Gewalttaten aufs Übelste verurteilt. Schwester Harriet (Cara Seymour) beruft sich gar auf den Zorn Gottes, der auf all die Sünder hinabfahren wird, für das, was sie der dunkelhäutigen Bevölkerung New Yorks antun und bringt unter göttlichem Schutz ein paar Betroffene in Sicherheit. Es sind kleine Momentaufnahmen wie diese, die viele Charaktere nicht nur sympathischer, sondern auch Hoffnung machen und uns mitfiebern lassen, dass diese Rettungsaktion Erfolg haben wird.
Durch erstaunlich lange Aufnahmen, die nur aus ganz wenigen Schnitten bestehen, entsteht in Get the Rope eine ganz eigenwillige Dynamik, die ein mitreißendes Tempo entwickelt. Angewidert von den Ereignissen in den Straßen New Yorks und ebenso angewidert von der Deutlichkeit, mit der Soderbergh die medizinischen Notfalleingriffe darstellt (Stichwort Knochensäge), entfaltet „Get the Rope“ seine ganze Wirkung auf uns als Zuschauer.
Am Ende des Tages, als sich der Aufruhr wieder etwas gelegt hat, ist der Zuschauer ähnlich mit seinen Kräften am Ende wie die Figuren, die sich nun zurück zum Knickerbocker Hospital begeben, wo der junge Bertie (Michael Angarano) im Alleingang den Laden schmeißen musste. Zwischen Thackery und Elkis (Eve Hewson) scheint es jedoch endgültig gefunkt zu haben, kommt es doch zum leicht erwarteten Liebesspiel zwischen den beiden, das in einer sehenswerten Montage fantastisch eingefangen wird. Für Thackery ist Elkis eine mögliche Bezugsperson, um sich den persönlichen Dämonen zu stellen. Elkis wiederum ist zum einen dem Reiz von Thackerys außergewöhnlichen Charakter erlegen, zum anderen nimmt sie eventuell auch die Herausforderung an, ihm mit seinen Lastern zu helfen.
The little boy I grew up with
Auch zwischen Cornelia (Juliet Rylance) und Edwards (André Holland) kommt es nach diesem nervenaufreibenden Tag zu innigen Intimitäten, wobei ich nicht ganz sicher bin, ob es diese Entwicklung gebraucht hätte. Zwischen den beiden herrschte immer eine Art geschwisterliche Beziehung vor. Nun kommt es zu einer amourösen Anspannung zwischen den beiden, die zum einen nachvollziehbar ist, zum anderen aber vielleicht noch gar nicht wirklich notwendig war. Jedoch mussten sich Edwards sowie Cornelia in den letzten Wochen mit zahlreichen Frustmomenten herumschlagen, von denen sie sich jetzt gemeinsam eventuell befreien können. Hier könnte man eine Parallele zu Thackery und Elkis ziehen, bei denen die furchtbaren Ereignisse des Tages ähnliche Wirkung hatten und die das Eintreffen des Unvermeidbaren nur beschleunigt haben.

Bei all diesen Vorkommnissen und dem folgenreichen Ende gehen in diesem Trubel beinahe weitere kleine Geschichten von Nebenfiguren ein wenig unter, wie zum Beispiel Barrows Sorgen um seine Prostituierte oder Gallingers (Eric Johnson) Rückkehr ins Krankenhaus nach dem Tod seiner Tochter. Insbesondere der Handlungsstrang vom letzteren könnte nun sehr spannend werden, gerät er doch im Zweikampf mit Edwards mehr und mehr ins Hintertreffen. Und auch wenn der Fokus in „Get the Rope“ mehr auf den schockierenden Folgen einer rassistisch motivierten Massenhysterie liegt, Soderbergh gelingt es meisterlich, seine Charaktere in diesen Rahmen mit einzubauen sowie die Balance zwischen übergreifenden und persönlichen Dramen zu halten.
Fazit
Man kann einfach nicht müde werden zu erwähnen, wie unglaublich gut Soderberghs Art des Filmens zum Stil von The Knick passt. Hier übertrifft sich der Regisseur, Kameramann und Editor in Personalunion mal wieder selbst, denn Get the Rope ist gespickt mit hervorragenden Kamerafahrten und ausgefallenen Aufnahmewinkeln, die begeistern können. Ob ausgiebige tracking shots oder zum Beispiel eine schnittfreie Aufnahme zu Beginn der Folge, in der die Kamera um die Ärzte am OP-Tisch kreist, im Zusammenspiel mit Cliff Martinez' speziellen Arrangements ist „The Knick“ Woche für Woche ein audiovisueller Genuss.
Auch inhaltlich packt einen die siebte Folge der ersten Staffel des Historiendramas, weil man nicht nur emotional betroffen ist, sondern sich gefühlt selbst auf den chaotischen Straßen New Yorks befindet und mit Abscheu die Geschehnisse verfolgt, ohne wirklich selbst eingreifen zu können. Dabei baut sich unterschwellig auch eine politische Relevanz auf, die man durchaus auf unsere heutige Gesellschaft anwenden kann. „Get the Rope“ stellt für mich eine komplette Episode dar, die packend sowie schockierend ist, die die Stärken von „The Knick“ in sich vereint und so meinen einzigen kleineren Kritikpunkt lockerleicht egalisieren kann.
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 27. September 2014The Knick 1x07 Trailer
(The Knick 1x07)
Schauspieler in der Episode The Knick 1x07
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